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(91 KB)   Oer, Theobald von (1807-1885): Der Kreis von Münster - Die Fürstin von Gallitzin im Kreis ihrer Freunde auf dem Landsitz in (Münster-)Angelmodde / Münster, Bistum, Sammlung des Bischöflichen Diözesanmuseums für christliche Kunst / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/S. Sagurna   Oer, Theobald von (1807-1885): Der Kreis von Münster - Die Fürstin von Gallitzin im Kreis ihrer Freunde auf dem Landsitz in (Münster-)Angelmodde / Münster, Bistum, Sammlung des Bischöflichen Diözesanmuseums für christliche Kunst / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/S. Sagurna
TITELDer Kreis von Münster - Die Fürstin von Gallitzin im Kreis ihrer Freunde auf dem Landsitz in (Münster-)Angelmodde
URHEBER OBJEKTOer, Theobald von (1807-1885)
DATIERUNG1863 / 1864


INFORMATIONDer aus Münster stammende Maler Theobald von Oer stellte das großflächige Ölgemälde, das den "Kreis von Münster" im Jahre 1800 auf dem Landsitz der Fürstin von Gallitzin in Angelmodde zeigt, 1863/1864 in Dresden, das bereits damals eine künstlerische "Hochburg" war, fertig. Familien der rheinischen und westfälischen Aristokratie unterstützten den verarmten, adeligen Künstler finanziell bei der Schaffung des Historienbildes. Anschließend wurde es dem Bischof von Münster geschenkt und sollte als eine Art "Auftragsarbeit" zur Unterstützung der katholischen Kirche aufrufen, deren gesellschaftspolitische Einflußnahme im preußischen Staat zunehmend geschwächt worden war. Das Bild ist historisierend, eine Zusammenkunft in dieser Form hat nicht stattgefunden, seine Intention ist daher idealisierend.

In den Mittelpunkt des Gemäldes wurde Fürstin Amalie von Gallitzin, die zentrale Integrationsfigur des Kreises, gerückt. lm August 1779 war sie mit ihren Kindern nach Münster gezogen. Als Hofdame der Prinzessin Ferdinand von Preußen hatte die Fürstin im Jahre 1768 in Bad Spa den russischen Fürsten Dimitrij Gallitzin kennengelernt, ihre Hochzeit fand im selben Jahr statt. Als Tochter eines preußischen Feldmarschalls am 28.08.1748 in Berlin geboren, sollte die von ihrer Mutter vorgesehene katholische Erziehung zunächst recht wirkungslos bleiben. Durch ihren Mann erfuhr die Fürstin später vielmehr den Einfluß der französischen Aufklärung. Fürst Gallitzin, selbst eine gelehrte Persönlichkeit, unterhielt lebhaften Kontakt zu Voltaire und den Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert und wohnte für mehrere Jahre in Paris. Seit 1775 lebte die Fürstin von ihrem Mann getrennt und war - angezogen von den Bildungsreformen Fürstenbergs - in die westfälische Metropole umgesiedelt, um ihren beiden Kindern dort eine christliche Erziehung zu ermöglichen. Mit dem ehemaligen münsterischen Staatsminister (1762-1780) und Generalvikar Franz von Fürstenberg (links von ihr abgebildet) verband sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1806 eine tiefe, geistige Freundschaft.

Auf dem Bild reicht Fürstin von Gallitzin dem Grafen Leopold zu Stolberg die Hand, der am 01.06.1800 zum katholischen Glauben konvertierte. Neben ihm ist seine zweite Gemahlin, Gräfin Sophie, zu sehen, die acht Jahre später mit der großzügigen Spende von 20.000 Reichstalern ihren Beitrag zur Errichtung des Ordens der Barmherzigen Schwestern leisten sollte. Rechts hinter der Fürstin steht der Schulreformer Bernhard Overberg, der 1789 in ihr Haus in der Grünen Gasse gezogen war und auch als Beichtvater der Fürstin fungierte. An Overbergs rechter Seite ist Clemens August von Droste-Vischering, der spätere Kölner Erzbischof, abgebildet, der die Begegnung der beiden prominenten Konvertierten aus seinem Freundeskreis ergriffen, mit der linken Hand auf dem Herz, verfolgt. Zwei Brüder von Clemens August waren dem Gallitzin-Kreis ebenfalls sehr verbunden; links von ihm steht Franz Otto, und Caspar Max unterhält sich - sitzend - mit Marianne Prinzessin Gallitzin, der gemeinsamen Tochter der Fürstin und des Fürsten Gallitzin. Von der rechten Bildseite aus beobachten die Gelehrten Kistemaker, Sprickmann und Katerkamp das Geschehen (von links nach rechts). Bei dem jungen Priester, der im Bildhintergrund zum Kruzifix betet, handelt es sich um den Prinzen Dimitrij Gallitzin, dem Bruder Mariannes, der nach seinem Vater benannt worden war. Bereits einige Jahre vorher war er nach Amerika ausgewandert, um dort missionarisch zu arbeiten. Dieser räumlichen Distanz wurde auf dem Gemälde, ebenso wie der ständigen geistigen Präsenz des Sohnes, stilisierend Ausdruck gegeben. Der vom linken Bildrand ankommenden Gruppe geht der Theologe Kellermann voran, mit ihm die beiden Söhne des Grafen Stolberg, für die er als Hauslehrer verantwortlich war. 46 Jahre später sollte Kellermann dem verstorbenen Caspar Max von Droste-Vischering auf dem münsterischen Bischofsstuhl folgen. Damit bekleidete erstmals ein Nichtadeliger dieses hohe kirchenpolitische Amt. Die geistige Elite Münsters ist auf diesem Gemälde versammelt. Darüber hinaus unterhielten die Fürstin Gallitzin und Fürstenberg regen Gedankenaustausch mit den protestantischen Philosophen Hemsterhuis und Hamann, letzterer wurde sogar nach seinem Tod 1788 im Garten der Fürstin an der Grünen Gasse begraben. Auch zum geistigen Zentrum Weimar bestand ständiger Kontakt. 1785 hatten die Fürstin, Fürstenberg, Hemsterhuis und Sprickmann dort Goethe und Herder besucht. Während seiner Rückreise vom Schlachtfeld Valmy verbrachte Goethe seinerseits im Dezember 1792 einen mehrtägigen Aufenthalt im Haus der Fürstin Gallitzin und zeigte sich besonders von der warmherzigen und empfindsamen Persönlichkeit seiner Gastgeberin beeindruckt. Der Einfluß des "Kreises von Münster" ging also weit über das Münsterland hinaus.

Anfänglich hatte man sich zu einem literarisch-philosophischen Zirkel zusammengefunden, der - dem Geiste der Aufklärung entsprechend - ein pädagogisches Umdenken im Sinne des humanistischen Bildungsprinzips propagierte. Der einflußreiche Minister Franz von Fürstenberg (1729-1810) konnte diese fortschrittlichen Ideen politisch erfolgreich umsetzen (1773 Gründung der Universität, 1775 Errichtung des "Komödienhauses" in der sog. "Alten Fleischscharne" am Roggenmarkt, 1776 Medizinalverordnung, bis 1788 Schulreform). Ein Hauptanliegen des Gallitzin-Kreises stellte die karitative Beschäftigung mit den gesellschaftlich Schwachen dar. Die katholische Kirche sollte - alleinverantwortlich - für die Schaffung von sozialen Einrichtungen wie die Armen- und Krankenfürsorge aufkommen. Dieser Lösungsweg, der dem Staat seine soziale Verantwortung abnahm, kam sowohl den französischen als auch den preußischen Machthabern zunächst sehr gelegen. Mit der Industrialisierung sollte die "soziale Frage" dann zu einem grundlegenden Streitpunkt zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat werden, der während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu heftigen Auseinandersetzungen führte. In der späteren Phase, die äußerlich von Konversionen zum Katholizismus geprägt war, wandelte sich der "Kreis von Münster" hin zu einer tiefen, religiösen Innerlichkeit, die bezeichnend wurde für die deutsche Frühromantik. Die Verbreitung des katholischen Glaubens und Weltbildes wurde zu einer missionarischen Aufgabe, die asketische Lebensform zu einer vorbildlichen erklärt und der kulturelle Fortschritt nunmehr abgelehnt. Graf Stolberg verfaßte das 15-bändige Werk "Geschichte der Religion Jesu Christi", das nicht mehr dem humanistischen, sondern dem religiösen Bildungsprinzip entsprach. Nicht nur die romantische Rückbesinnung auf die idealisierten Werte des Mittelalters, die auch der "Kreis von Münster" fortan propagierte, löste diese rückwärts gerichtete Lebensanschauung aus. Auch die Befürchtung, daß der katholischen Kirche durch die weltlichen Machthaber jeglicher Einfluß auf das öffentliche Leben genommen werden könnte (Laizismus), verursachte diese Art der Flucht in die Religiosität mit. Eine Vielzahl von reaktionären Schriften versuchte über lange Zeit hinweg, den Herrschaftsanspruch der katholischen Kirche (Klerikalismus) zu stärken. Demgegenüber standen einige Kritiker, Befürworter eines modernen Staates, die weiterhin die Ideen der Aufklärung verbreiteten. Sie bezeichneten den "Kreis von Münster" nun spöttisch als "familia sacra". "Galliziniaden und travestirte Overbergs, und verwandelte Stollbergs mönchisiren schon wieder durchs Münsterische Wochenblatt immer mehr in die späteren Klassen hinab." [1] Aber auch nachdem der "Kreis von Münster" nicht mehr bestand, blieb sein weitreichender geistiger Einfluß erhalten und seine antipreußische Einstellung fand beim westfälischen Adel großen Zuspruch. Als der Kölner Erzbischof, der Münsteraner Clemens August von Droste-Vischering 1837 von der preußischen Regierung verhaftet wurde, eskalierten diese Gegensätze in dem Kölner Kirchenstreit um die Mischehen.


[1] Gruber, Johann Gottfried, "Etwas über Franz von Sonnenbergs Leben und Charakter", N. Soc. Buch- und Kunsthandlung, Halle 1807, S. 90f.


MATERIALÖl/Leinwand
FORMATjpg
MASZE126,0 x 171,0 cm


OBJEKT-PROVENIENZMünster, Bistum, Sammlung des Bischöflichen Diözesanmuseums für christliche Kunst
FOTO-PROVENIENZMünster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/S. Sagurna


QUELLE    Elsermann, Silke | Münster in napoleonischer Zeit | Dia 04, S. 21f.
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ35   Bildmaterial (Reproduktion, Foto)
Zeit3.7   1800-1849
Ort3.5   Münster, Stadt <Kreisfr. Stadt>
DATUM AUFNAHME2004-02-23
AUFRUFE GESAMT6374
AUFRUFE IM MONAT82