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(85 KB)   Obelisk auf dem Friedhof der sowjetischen Kriegsgefangenen In Stukenbrock-Senne, Titel des Buches: "Protokoll Stukenbrock", hg. vom Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock, Porta Westfalica, 2. Auflage 1981   Obelisk auf dem Friedhof der sowjetischen Kriegsgefangenen In Stukenbrock-Senne, Titel des Buches: "Protokoll Stukenbrock", hg. vom Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock, Porta Westfalica, 2. Auflage 1981
TITELObelisk auf dem Friedhof der sowjetischen Kriegsgefangenen In Stukenbrock-Senne, Titel des Buches: "Protokoll Stukenbrock", hg. vom Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock, Porta Westfalica, 2. Auflage 1981
JAHR / DATUM1981   Suche


INFORMATIONGleich nach der Befreiung am 02.04.1945 machten sich die Überlebenden daran, einen ihrer verstorbenen Kameraden würdigen Friedhof zu gestalten. Als zentralen Gedenkpunkt errichteten sie einen etwa 8,50 m hohen dreieckigen Obelisken mit je einer Inschrifttafel auf russisch, englisch und deutsch, ursprünglich mit dem folgenden Text:
"Hier ruhen die in der faschistischen Gefangenschaft zu Tode gequälten russischen Soldaten. Ruhet in Frieden Kameraden! 1941-1945".

Über jeder Tafel war ein dreieckiger Sowjetstern angebracht, an der Spitze befand sich eine rote Fahne. Noch im Sommer 1945 wurde in die Inschrift die Zahl "65 000" eingefügt. Vielleicht um den widersprüchlichen, von 30.000 bis 100.000 Verstorbenen reichenden Meldungen ein Ende zu machen, schlug die US-Armee vor, den Mittelwert, eben 65.000, zu nehmen. Der weitere Umgang mit diesem Obelisken ist nicht nur symptomatisch für den Umgang mit der Geschichte des Stalag 326 (VI K), sondern mit der nationalsozialistischen Vergangenheit überhaupt, denn an vielen Orten wurden auf "Russenfriedhöfen" ähnliche Obelisken mit nahezu wortgleichen Inschriften errichtet, so in Sandbostel bei Bremervörde (vorher Stalag X B) oder in Zeithain bei Dresden (vorher Stalag 304), hier in der Nähe in Warburg (Westfalen) auf dem Gelände einer Zuckerfabrik.

Ende der 1940er Jahre ging der Antibolschewismus der Nationalsozialisten relativ nahtlos in den Antikommunismus des Kalten Krieges über, in dessen Gefolge die Friedhöfe der sowjetischen Kriegsgefangenen Bestandteil der politischen Auseinandersetzung wurden. Sich ihrer zu erinnern bedeutete Parteinahme für die Sowjetunion, deren Ziele Weltrevolution und Durchsetzung kommunistischer Ideale vor dem Hintergrund des Schicksals der deutschen Kriegsgefangenen sowie von Flucht und Vertreibung in der Bundesrepublik zu äußerstem Mißtrauen Anlaß gaben. Alles, was mit diesem Staat zu tun hatte, galt als Bedrohung der jungen, westlich orientierten Demokratie, eine Haltung, die von den Westalliierten massiv unterstützt wurde.

Die Friedhöfe verfielen, und die Denkmäler wurden bald so baufällig, daß man laut nicht nur über Ihre Beseitigung nachdachte, sondern an einigen Orten, so etwa in Sandbostel, diese Gedanken durch Sprengung sogar in die Tat umsetzte. Auch der Detmolder Regierungspräsident schlug 1955 den zuständigen britischen Behörden den sofortigen Abriß des Obelisken vor; er sei eine ständige Gefahr für Besucher, und später könne man ja ein neues Denkmal errichten. Seine Anregung fand allerdings bei den zuständigen britischen Dienststellen kein Gehör: das Denkmal wurde - nach dem Besuch einer sowjetischen Delegation - saniert. Die rote Fahne als Zeichen der Sowjetmacht an der Spitze war freilich nicht mehr vorhanden; stattdessen befand sich dort nun mit einem völlig anderen Symbolgehalt ein orthodoxes Kreuz, Dieses Kreuz wurde wenige Jahre später Gegenstand neuer Auseinandersetzungen. Mitte der 60er Jahre bildete sich im ostwestfälischen Raum ein aus Kirchenvertretern, Kommunisten und Sozialdemokraten bestehender "Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock", der es sich zum Ziel gesetzt hatte, das Andenken an die Verstorbenen und das Geschehene wachzuhalten. Alljährlich Anfang September fand - und findet - eine Demonstration am Friedhof statt, auf der prominente Redner auch zu aktuellen politischen Problemen Stellung nahmen. Wegen der Mitwirkung von Kommunisten galt jedoch der "Arbeitskreis" in den Augen der Bevölkerung der konservativ geprägten Region wie auch bei den Behörden als eine Art "fünfte Kolonne" Moskaus, so daß eine sachliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Ortes erst recht unmöglich wurde. Der Arbeitskreis gab ein "Protokoll Stukenbrock" heraus, in dem er erstmals Informationen zur Geschichte des Lagers und des Friedhofes veröffentlichte. Als Titelbild für die zweite Auflage (1981) wählte man ein Schwarz-Weiß-Foto des Obelisken, bei dem man geradezu demonstrativ das orthodoxe Kreuz wegretuschierte und durch eine grellrote Fahne ersetzte, eine politische Äußerung, die sämtliche Vorurteile über die politische Ausrichtung des Arbeitskreises zu bestätigen schien.

Im Zuge der Entspannung wurde die Forderung nach einer vorurteilsfreien Aufarbeitung des Geschehenen immer lauter, zumal Schülerarbeiten zeigten, daß doch weitaus mehr Material in den regionalen Archiven vorhanden war, als man bisher angenommen hatte. 1988 erteilte dann die Gemeinde Schloß Holte-Stukenbrock mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen den Auftrag für eine wissenschaftliche Dokumentation der Geschichte des Stalag 326 (VI K). Dem 1992 fertiggestellten Buch kommt in zweifache Hinsicht eine Bedeutung zu. Zum einen hat sich die Diskussion um Friedhof und Lager seither so versachlicht und entspannt, daß die Einrichtung einer Dokumentationsstätte auf dem Gelände der Polizeischule 1996 zwar noch auf organisatorische und finanzielle, kaum aber noch auf politische Vorbehalte stieß. Zum anderen kam ihr bundesweit eine Art Pilotfunktion zu, denn bis zu diesem Zeitpunkt lagen, abgesehen von einer anders gearteten Untersuchung zum Stalag X B Sandbostel, keinerlei Veröffentlichungen zu Kriegsgefangenenlagern vor, so daß sie nicht nur eine wesentliche Basis aller seither erschienenen Arbeiten zum Thema darstellt, sondern das Stalag 326 weit über die Region hinaus bekannt gemacht hat.

Auch das Verhältnis zum Arbeitskreis "Blumen für Stukenbrock" hat sich entkrampft. Er hat sich aus der historischen Arbeit zurückgezogen, diese der Dokumentationsstätte überlassen und widmet sich vor allem dem Kontakt zu ehemaligen Kriegsgefangenen. Und daß ohne sein Engagement und das einiger interessierter Bürger der Gemeinde Schloß Holte-Stukenbrock keinerlei Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stattgefunden hätte, wird inzwischen nur noch von wenigen bestritten.


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QUELLE    Otto, Reinhard | Das Stalag 326 (VI K) Senne | Dia 12, S. 44-46
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

SYSTEMATIK  
Typ35   Bildmaterial (Reproduktion, Foto)
Zeit3.9   1900-1949
3.9.50   Zweiter Weltkrieg <1939-1945>
Ort1.80   Russland / Sowjetunion <1922-1992> / Russische Föderation <1992 - >
2.2.9   Schloß Holte-Stukenbrock, Gemeinde
Sachgebiet5.7.4   Kriegsgefangenschaft
6.10.3   Tod, Witwenschaft, Witwerschaft
10.9   Arbeit, Beschäftigte
AUFNAHMEDATUM2004-02-03
AUFRUFE GESAMT898
AUFRUFE IM MONAT1