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PERSON

FAMILIEPfalz, von der
VORNAMEElisabeth
BERUF / FUNKTIONFürstäbtissin von Herford


GESCHLECHTweiblich
GEBURT DATUM1618-12-26   Suche
GEBURT ORTHeidelberg
KONFESSIONcalv.
TOD DATUM1680-02-08/11   Suche
TOD ORTHerford
BEGRÄBNIS ORTHerford, Münsterkirche


VATERPfalz, Friedrich V. von der ("Winterkönig")
MUTTERElisabeth, Tochter des englischen Königs Jakob I.


BIOGRAFIEIm Jahre 1667 bestieg eine Frau den Thron der Fürstabtei Herford, deren Name mit der Geschichte Herfords untrennbar verbunden ist: Prinzessin Elisabeth von der Pfalz. Sie gehört neben der Königin Mathilde (gest. 968) und der Äbtissin Gertrud II. zur Lippe (reg. 1215-1234) zu den drei großen Frauengestalten, die in dem altehrwürdigen Reichsstift Herford gelebt und gewirkt haben. Sie, die wohl bedeutendste Tochter Friedrichs V. von der Pfalz, des "Winterkönigs", und seiner Gemahlin Elisabeth Stuart, ist durch ihre gelehrten Beziehungen zu den führenden Philosophen und Theologen ihrer Zeit in die europäische Geistesgeschichte des 17. Jahrhunderts eingegangen.

Am 2. Weihnachtstage des so schicksalsschweren Jahres 1618 erblickte sie zu Heidelberg das Licht der Welt. Ihr Vater, Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, wurde ein Jahr später von den Böhmen zum König gewählt und verlor am 8. November 1620 in der Schlacht am Weißen Berge bei Prag sein Königreich und sein angestammtes Kurfürstentum, die Pfalz. Als "Winterkönig", wie man ihn spöttisch nannte, ging er von Prag nach Holland in das Exil. Seine Gemahlin Elisabeth, Tochter des englischen Königs Jakob I. und Enkelin Maria Stuarts, begleitete ihn.

Und damit beginnt auch für die junge Elisabeth von der Pfalz eine Irrfahrt von Hof zu Hof, von Land zu Land, bis sie endlich im Jahre 1667 als Äbtissin der Fürstabtei Herford die ersehnte Ruhe fand. Doch verfolgen wir vorerst - wenigstens in großen Zügen - die mannigfaltigen Schicksale der Prinzessin bis zu diesem Zeitpunkt.

Nach der Schlacht am Weißen Berge kam Elisabeth unter die Obhut ihrer Großmutter, der Kurfürstin Luise Juliane von der Pfalz (Tochter Wilhelms von Oranien), die mit der jungen Prinzessin an den Hof ihres Schwiegersohnes, des Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg, floh. Acht Jahre verbrachte Elisabeth in Berlin und Krossen. Unter der Aufsicht ihrer geistvollen Großmutter und ihrer frommen Tante Katherina erhielt sie eine vorbildliche Erziehung. Die Grundlage ihrer stark calvinistisch geprägten Frömmigkeit wurde in diesen Berliner Jahren gelegt.

Als sie dann zu ihren Eltern nach Holland zurückkehren durfte, ließ man ihr zusammen mit ihren Geschwistern eine ausgezeichnete Erziehung im "Prinzenhof" zu Leiden angedeihen. Neben Gouvernanten und Erziehern sorgten auch Lehrkräfte der bekannten Universität für eine umfassende Bildung der pfälzischen Kinder.

Die strengen Vorschriften im Prinzenhof, denen sich die Geschwister unterwerfen mußten, dazu die räumliche Trennung von den Eltern, ließen jedoch manche Kritik unter ihnen aufkommen. Schon hier ist eine gewisse Entfremdung zwischen der Mutter und ihren Kindern feststellbar. Und so kann Sophie, die jüngste der Töchter, vom "Nursery Palace" in Leiden sprechen, "wo Ihre Majestät alle Kinder fern von sich erziehen ließ, denn der Anblick ihrer Affen und ihrer Hunde war ihr angenehmer als der unsrige". Ein hartes Urteil über die Mutter, die trotz aller Anteilnahme am Schicksal ihrer Kinder einer gewissen Mütterlichkeit entbehrte und einer frohbewegten Hofhaltung in Den Haag den Vorzug gab.

Unter den hochbegabten pfälzischen Geschwistern ragten schon früh der Erbprinz Friedrich Heinrich und die Prinzessin Elisabeth durch besondere Geistesgaben hervor. Ihr inniges Verhältnis wurde jedoch jäh durch den Tod des Erbprinzen zerrissen. Elisabeths Lieblingsbruder ertrank bei einem Schiffsunglück auf der Zuidersee.

Wenig später traf Elisabeth und die kurpfälzische Familie ein noch schwererer Verlust: der Tod des Vaters, des unglücklichen "Winterkönigs", im Jahre 1632. Das siegreiche Vordringen des Schwedenkönigs Gustav Adolf hatte die im Exil lebende kurpfälzische Familie wieder hoffen lassen, bald in die ihr angestammte Pfalz zurückkehren zu können. Doch mit dem Tode Gustav Adolfs schwand auch diese Hoffnung dahin. Friedrich V. überlebte die Enttäuschung nicht. Die warmherzige Art ihres königlichen Vaters hat Elisabeth nachhaltig beeinflußt. Nach seinem Tode kam sie an den Hof ihrer Mutter in Den Haag.

Ihre Brüder verließen nach und nach das Haus ihrer Mutter. Dafür schlossen sich jetzt die Prinzessinnen Elisabeth, Luise Hollandine und Sophie desto enger an die Königin von Böhmen an. Die Gelehrsamkeit und Schönheit der drei Schwestern waren weit bekannt. Sie beherrschten verschiedene Sprachen, wie Lateinisch, Italienisch, Spanisch, Holländisch, Englisch, Französisch und Deutsch. "Man hat", so schreibt ein Engländer, "von diesen drei erlauchten Schwestern, den Prinzessinnen Elisabeth, Luise und Sophie, gesagt, daß die erstere die Gelehrteste, die andere die größte Künstlerin und die dritte die vollendetste Lady in Europa wäre". Während sich Elisabeth jedoch mehr und mehr gelehrten Studien widmete, brachte es Luise Hollandine unter Anleitung ihres Lehrers, des bekannten Malers Gerhard van Honthorst, zu anerkannter Meisterschaft auf dem Gebiet der Malerei. Sophie dagegen erregte die Bewunderung der gesellschaftlichen Welt durch ihre geistvolle und aufgeschlossene Art.

Als Elisabeth kaum fünfzehn Jahre alt war, wurde die früh Gereifte vor eine harte Charakterprobe gestellt: König Ladislaus IV. von Polen bewarb sich um ihre Hand. Jahre zogen sich die Verhandlungen hin, begleitet von gewissen Erwartungen ihrer pfälzischen Verwandten, die sich eine Stärkung ihrer Position bei der Rückforderung der Pfalz erhofften. Trotz der leidenschaftlichen Anträge des Polenkönigs konnte sich Elisabeth nicht zu einem Jawort entschließen, denn die polnische Geistlichkeit und der Reichstag bestanden auf ihrem Übertritt zum katholischen Glauben. Dazu aber konnte sich die in ihrer Jugend schon so überzeugte Calvinistin nicht durchringen. Dem polnischen Gesandten gab sie zur Freude ihrer Mutter und ihres Bruders, des Erbprinzen Karl Ludwig, zur Antwort, in ihrem Glauben sei sie so fest, daß sie wohl für immer darin verharren werde.

Zu dieser Zeit weilte ihr Vetter, Kurprinz Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der spätere Kurfürst, in Den Haag. Er schien einer Vermählung mit Prinzessin Luise Hollandine oder auch Prinzessin Elisabeth nicht abgeneigt. Die beiderseitigen Mütter hätten die Verbindung jedenfalls gern gesehen, während sein Vater entschieden dagegen war und seinen Sohn nach Berlin zurückrief. Seit jener Zeit aber bewahrte Friedrich Wilhelm von Brandenburg seiner Base Elisabeth eine besonders treue Freundschaft.

Im Jahre 1638 ist dann noch einmal die Vermählung der Prinzessin Elisabeth mit dem berühmten Feldherrn Herzog Bernhard von Weimar kurz im Gespräch. Aber auch diese Pläne scheitern.

Auch weiterhin wurde die pfalzgräfliche Familie von Unglücksfällen verfolgt, unter denen Prinzessin Elisabeth sehr litt. Es sei nur an die vernichtende Niederlage ihrer beiden Brüder Karl Ludwig und Ruprecht in der Schlacht von Valdorf (zwischen Herford und Vlotho) erinnert, in der dem Heer der beiden Brüder am 17.10.1638 durch den kaiserlichen General Hatzfeld eine entscheidende Niederlage zugefügt wird. Prinz Karl Ludwig kann sich nur unter Lebensgefahr retten, während Prinz Ruprecht in Gefangenschaft gerät. Wohl kaum wird Prinzessin Elisabeth, als sie vom Unglück ihrer Brüder hörte, geahnt haben, wie bedeutungsvoll die Stadt Herford für sie selbst dermaleinst werden sollte.

Prinzessin Elisabeth widmete sich am Hofe ihrer Mutter in Den Haag mehr und mehr gelehrten Studien, besonders aber der Philosophie. Scherzend nannten ihre lebensfrohen Schwestern sie die "Griechin" und staunend sprachen ihre gebildeten Zeitgenossen von ihr als einem "Wunder des Nordens". 1639 knüpfte sie mit Anna Maria von Schurmann, dem "Stern von Utrecht", einer der gelehrtesten Frauen jener Zeit, einen Briefwechsel an. Später besuchte Elisabeth die Freundin häufig in Utrecht. Als die Prinzessin sich dann der cartesianischen Philosophie zuwandte, trennten sich ihre Wege für lange Zeit, da Anna Maria von Schurmann an der scholastischen Philosophie festhielt.

Mit dem Namen Descartes ist das Stichwort für die folgenden Ausführungen gegeben. Im Alter von neunzehn Jahren hatte Prinzessin Elisabeth die ersten Schriften des Descartes studiert. Descartes, lateinisch Cartesius, war ein französischer Edelmann, ein bahnbrechender Mathematiker und Philosoph, der durch den methodischen Zweifel die moderne Erkenntnistheorie begründete. Seine Philosophie, zusammengefaßt in der Formel: "cogito, ergo sum" (ich denke, folglich bin ich), wurde der große Wegbereiter der Aufklärung. 1640 wird Descartes am Hof der Königin von Böhmen in Den Haag eingeführt, dessen Mittelpunkt für ihn sogleich Prinzessin Elisabeth wird. Ja er verzog ihretwegen 1641 von Leiden nach Endegeest, einem nur eine halbe Meile von Elisabeths Wohnsitz entfernten Landschloß. Oft besuchten die pfälzischen Prinzessinnen den doppelt so alten Philosophen, der Elisabeth ein getreuer Lehrer und Freund bleiben sollte.

Wenige Jahre später (1644) widmete ihr Descartes sein Hauptwerk über die "Prinzipien der Philosophie". In seiner Zueignung spendet er seiner gelehrten Schülerin höchstes Lob. Als treffendste Charakteristik Prinzessin Elisabeths aus berufenem Munde mag sie hier auszugsweise wiedergegeben sein:

"Es ist der größte Vorzug", so schreibt Descartes, "den ich meinen Schriften verdanke, daß sie mir die Ehre verschafft haben, Ihre Hoheit kennenzulernen und mich bisweilen mit Ihnen unterreden zu dürfen. So ist mir das Glück zuteil geworden, ein Zeuge Ihrer hohen und seltenen Eigenschaften zu sein, und ich erweise der Nachwelt einen Dienst, wenn ich ihr dieses Vorbild zeige." Er wolle nicht schmeicheln, sondern das sagen, was er denke und erfahren habe.

Nach Schilderung des Wertes des Menschen und des Unterschiedes von echten und unechten Tugenden hebt er die Tugenden Elisabeths hervor: "Die Zerstreuungen des Hofes und die gewöhnliche Art, wie Prinzessinnen erzogen werden, sind dem Studium der Wissenschaften feindlich. Daß Sie diese Hindernisse bewältigt und sich die besten Früchte der Wissenschaften angeeignet haben, beweist, mit welchem Ernst Sie an Ihrer Bildung gearbeitet, daß Sie dieses Ziel in so weniger Zeit erreicht haben, spricht für die Vorzüglichkeit Ihrer Talente. Und ich habe dafür noch eine andere Probe, die mich persönlich angeht: Ich habe niemand gefunden, der meine Schriften so umfassend und so gut verstanden; selbst unter den besten und gelehrtesten Köpfen gibt es viele, die sie sehr dunkel finden; ich habe fast durchgängig bemerken müssen, daß die einen die mathematischen Wahrheiten leicht fassen, aber den metaphysischen verschlossen sind, während es sich bei den anderen gerade umgekehrt verhält. Der einzige Geist, soweit meine Erfahrung reicht, dem beides gleich leicht wird, ist der Ihrige. Darum muß ich diesen Geist unvergleichlich hochschätzen."

Er bewundere, daß er diese Bildung nicht etwa bei einem bejahrten Gelehrten, sondern bei einer noch jugendlichen, anmutigen Fürstin finde. "Ich sehe in Ihnen alle Kräfte wirksam, die echte und vorzügliche Weisheit von seiten nicht bloß des Geistes, sondern auch des Willens und Charakters fordert: Großmut und Milde im Bunde mit einer Gesinnung, die ungerechtes Schicksal trotz fortdauernder und immer erneuter Verfolgungen nicht zu erbittern noch zu entmutigen vermocht hat. Diese hochgesinnte Weisheit ist es, die ich in Ihnen verehre: ihr widme ich nicht bloß dieses Werk, weil es von der Philosophie, dem Studium der Weisheit, handelt, sondern auch meine Person und deren Dienste."

Auf die Jahre regen persönlichen Verkehrs zwischen Descartes und der Prinzessin folgte, nachdem der Philosoph 1643 nach Egmond gezogen war, ein jahrelanger intensiver Briefwechsel über philosophische, geometrische und physikalische Fragen. Die Prinzessin verehrte Descartes jedoch nicht, wie so viele Cartesianer, in blinder Gläubigkeit, sondern übte durchaus auch Kritik an seinen Schriften. Oft hat Descartes ihre Korrekturen und Vorschläge als gute Verbesserungen seiner Arbeiten übernommen. Dieser starke Einfluß auf den Philosophen sichert der Prinzessin ihren Rang in der Geistesgeschichte des 17. Jh. Die Verbindung zwischen Elisabeth und Descartes dauerte bis zu dessen Tode im Jahre 1650 am Hofe der Königin Christine von Schweden in Stockholm.

Die sensible Prinzessin litt sehr unter den vielen Schicksalsschlägen, die ihr nicht erspart blieben. Ihr Bruder, Prinz Eduard von Pfalz, tritt 1645 zu ihrem großen Kummer zum Katholizismus über. Und nicht minder erschüttert sie ein Zerwürfnis mit ihrer Mutter, das sie veranlaßt, mit ihrer Schwester Henriette von 1646 bis 1647 und 1648 an den Hof ihres Vetters, des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, nach Berlin zu gehen. Damals schon mochte der Kurfürst, der unter fadenscheinigen Gründen 1647 die freie Reichsstadt Herford überfiel und sie nach jahrelangem Widerstand unter ihrem genialen Anführer Anton Fürstenau 1652 seiner Herrschaft einverleibte, in Erwägung gezogen haben, in dem uralten Reichsstift Herford eine der pfälzischen Prinzessinnen unterzubringen.

Besonders nahe ging Elisabeth der Tod ihres Onkels, des englischen Königs Karl I., der, nachdem Oliver Cromwell seine Truppen geschlagen hatte, 1649 in London hingerichtet wurde. Die Prinzessin verfiel, als sie die Nachricht erfuhr, in eine schwere Krankheit. Descartes schrieb tröstende Briefe. Und als auch er ein Jahr später seine Augen für immer schloß, trauerte seine gelehrte Schülerin aufrichtig um ihn. 1650 konnte Elisabeth in ihre jetzt endlich wieder in den Besitz ihres Hauses gelangte Heimat zurückkehren. Schon bald stand sie in lebhafter Verbindung mit den Lehrern der von ihrem Bruder, dem Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, neugegründeten Universität Heidelberg. Es wird berichtet, daß sie sogar Studenten um sich versammelte, um ihnen die Lehren des Descartes zu erläutern. Seine Schriften konnte sie mit Zitaten aus seinen Briefen an sie ergänzen.

In diesem Jahre 1650 ergab sich die erste engere Verbindung der pfalzgräflichen Familie aus dem Hause Simmern zur Fürstabtei Herford. Elisabeths Schwester, die Prinzessin Luise Hollandine, wurde als Kanonisse in das Stift Herford aufgenommen. Luise Hollandine hatte durch ihr Maltalent einen gewissen Ruf erlangt. Sicher wird Luise Hollandine durch die damalige Äbtissin des Reichsstiftes Herford, Elisabeth Luise von der Pfalz-Zweibrücken, ihrer Verwandten, die Möglichkeit zum Eintritt in das Stift erhalten haben. Aber ebenso sicher dürfte es sein, daß ihr Vetter, Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, den - wie bereits berichtet - die Mütter einst als Gatten der jungen Prinzessin ausersehen hatten, seinen ganzen Einfluß geltend machte, um der Pfälzerin in Herford ein Domizil zu verschaffen. Es darf sogar vermutet werden, daß er die freie Reichsstadt Herford auch deshalb unterwarf, um auf das in ihren Mauern liegende Reichsstift einen gewissen Druck ausüben zu können.

1652 wird Prinzessin Luise Hollandine bereits das Amt einer Küsterin übertragen, doch vermochte die regierende Äbtissin ihre Wahl zur Koadjutorin zu verhindern. Ob Prinzessin Luise Hollandine über längere Zeit in Herford gelebt hat, ist nicht bekannt. 1658 floh sie überraschend vorn Hof ihrer Mutter in Den Haag nach Frankreich, trat zum Katholizismus über und wurde Äbtissin des Klosters Maubuisson.

Das wird Prinzessin Elisabeth von der Pfalz veranlaßt haben, nun selbst ihre Aufnahme in die Fürstabtei Herford zu betreiben. Schon seit Jahren stand sie mit ihrer Base, der Äbtissin Luise, im Briefwechsel, um ihrer Schwester die Nachfolge in der Äbtissinnenwürde zu sichern. Auch in Angelegenheiten des Stiftes pflegte sie ihren Rat zu erteilen. Als sie 1653 ihren Bruder, den Pfalzgrafen Karl Ludwig, zum Reichstag in Regensburg begleitete, erkundigte sie sich im Auftrag der Fürstäbtissin von Herford, auf welcher Bank die Abtei Herford ihren Sitz habe.

Häusliche Zwietracht, die unglückliche Ehe ihres Bruders Karl Ludwig mit der hessischen Prinzessin Charlotte und seine zweite Ehe mit dem Hoffräulein Luise von Degenfeld vertrieben Prinzessin Elisabeth vom Hofe in Heidelberg und zwangen sie, ihr unruhiges Wanderleben wiederaufzunehmen.

Bei einer Reise zu ihren brandenburgischen Verwandten nach Krossen a./0. lernte sie die Schriften des in Leiden lehrenden Theologen Johann Coccejus (Koch) kennen und knüpfte mit ihm einen Briefwechsel an. Coccejus führte die über das "Verhältnis der Freiheit zum göttlichen Willen" grübelnde Prinzessin wieder auf das Studium der Bibel, auf die Frömmigkeit und auf die praktische Seite des Christentums hin, ohne sie den Lehren und Anschauungen des Descartes ganz zu entfremden. Diesem frommen, tätigen Christentum sollte sich die durch Krankheiten und schwere Schicksalsschläge Geläuterte später als Äbtissin von Herford besonders verpflichtet fühlen.

Vom Hof des Brandenburgers aus betrieb Prinzessin Elisabeth jetzt energisch ihre Aufnahme in das Reichsstift Herford, tatkräftig unterstützt vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Scherzhaft schilderte sie der Herforder Äbtissin ihren Vetter: "Ich kenne unseren Fidewips auch wohl, daß er oft etwas im Zorn sagt, das er doch nicht begehret zu tun, und dünkt mir, man kann ihn mit guten Worten leicht zum Freund behalten." Fürstäbtissin Elisabeth Luise und die Stiftsdamen, die Konkurrenz Prinzessin Elisabeths fürchtend, versuchten ihre Wahl zu verhindern. Häßliche Briefe gingen hin und her, bis es schließlich dem Kurfürsten, der dem Stiftskapitel allerhand Vergünstigungen versprach, mit Hilfe seiner ravensbergischen Beamten gelang, die Wahl Elisabeths durchzusetzen.

Am 01.05.1661 wurde die Prinzessin Elisabeth von der Pfalz zur Koadjutorin der Fürstabtei Herford gewählt. Um die Einkaufssumme entrichten zu können, mußte sie einen Teil ihres Schmucks veräußern. Ihre königliche Mutter und ihr sparsamer Bruder Karl Ludwig atmeten auf, da sie nun endlich ihr so heißersehntes Refugium gefunden hatte. Die Zerwürfnisse mit ihrer Base, der regierenden Fürstäbtissin Elisabeth Luise von der Pfalz, sollten es ihr aber vorerst unmöglich machen, dauernden Wohnsitz in Herford zu nehmen. Immerhin sind Aufenthalte der Koadjutorin für die Jahre 1661, 1662, 1664, 1665 und 1666 in Herford nachweisbar.

In diesen unangenehmen Jahren des Wartens auf eine Aussöhnung oder auf den Tod der Fürstäbtissin weilte Elisabeth in Kassel am Hofe der Landgräfin Hedwig Sophie, bei ihren brandenburgischen Verwandten in Berlin oder in Iburg bei ihrer Schwester Sophie, die 1658 den Herzog Ernst August, späteren Bischof von Osnabrück und Kurfürsten von Hannover, geheiratet hatte. Erst nach sechsjähriger Wanderschaft öffnete sich für Prinzessin Elisabeth das Tor zur Fürstabtei Herford endgültig: Äbtissin Elisabeth Luise starb am 28.03.1667.

Einen Monat später, am 30.04. dieses Jahres, wurde Prinzessin Elisabeth von der Pfalz feierlich als neue Fürstäbtissin des Reichsstiftes Herford inthronisiert. Um standesgemäß in Herford einziehen zu können, hatte ihr Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg eine Karosse mit einem Sechsergespann geschenkt. Die jahrelange Irrfahrt der Prinzessin von Hof zu Hof war nun beendet. Jetzt hatte sie endlich ihr Refugium, das sie sich so sehnlichst gewünscht hatte. Und damit beginnt für Stift und Stadt Herford eines der interessantesten Kapitel ihrer so reichen Geschichte. Die Behauptung eines frühen Biographen des Descartes, Elisabeth habe aus der Fürstabtei Herford eine philosophische Akademie und eine der ersten cartesianischen Schulen gemacht, trifft allerdings nicht zu. Doch zeigt diese Vermutung nur zu deutlich, welchen Ruf das Reichsstift Herford durch seine gelehrte Äbtissin gewonnen hatte.

Gleich zu Beginn ihrer Regierungszeit wurde das Verhältnis zwischen der Fürstäbtissin und der Bürgerschaft der Stadt Herford auf eine harte Probe gestellt. Elisabeth besaß neben ihrer Fähigkeit, wissenschaftlich zu denken, einen ausgesprochenen Hang zum Mystischen, der sich im Alter zweifellos noch verstärkt hatte. Und das veranlaßte sie, durch die Vermittlung ihrer Jugendfreundin Anna Maria von Schurmann der überall verfolgten Sekte der Labadisten auf ihrer abteilichen Freiheit zu Herford Asyl anzubieten.

Jean de Labadie, Gründer der Sekte, wurde 1610 als Sohn eines französischen Edelmannes geboren. Nach dem Besuch des Jesuitenkollegiums in Bordeaux trat er 1650 zur reformierten Kirche über, war als Sittenreformator in Genf und Middelburg tätig, gründete eine asketische Sekte und wurde 1668 durch die reformierte Kirche seines Amtes als Prediger entsetzt. Anna Maria von Schurmann hatte sich dem Fanatiker angeschlossen und geriet völlig in seinen Bann. Sie war es, die Labadie und die Seinigen nach ihrer Ausweisung aus Amsterdam auf die Fürstäbtissin Elisabeth in Herford aufmerksam machte.

Der Bürgerschaft und Geistlichkeit der Stadt Herford, die streng lutherisch gesinnt waren und wegen religiöser Fragen mit der reformierten Äbtissin ohnehin in einem gewissen Spannungsverhältnis lebten, bemächtigte sich eine ungeheure Aufregung, als sie erfuhren, daß die Sekte der Labadisten auf dem Wege nach Herford sei. Es kann hier nicht der Ort sein, auf die seltsamen kirchlichen Gebräuche der Labadisten näher einzugehen. Zwei Punkte aber seien erwähnt, die die Öffentlichkeit nicht nur in Herford, sondern im ganzen Reiche in hohem Maße erregte. Da Männer und Frauen in einem Hause wohnten, ergab sich der Verdacht der Vielweiberei. Dazu kam, daß die Labadisten die Gütergemeinschaft eingeführt hatten. Es ist nur zu verständlich, daß die Bürgerschaft glaubte, die fanatischen Sektierer würden in Herford eine ähnliche Schreckensherrschaft errichten wie einstmals die Wiedertäufer in Münster.

Die Reise der Labadisten von Amsterdam nach Herford ist ausführlich von Anna Maria von Schurmann geschildert. Zu Schiff begaben sie sich nach Bremen, wo sie aber - das verschweigt die Berichterstatterin - schon nach zwei Tagen wiederum ausgewiesen wurden. Um so herzlicher war ihre Aufnahme bei der Fürstäbtissin Elisabeth in Herford, die der Gemeinde ein Haus auf ihrer abteilichen Freiheit zuwies.

Die Äbtissin hatte es nicht für nötig gehalten, den Rat und die Geistlichkeit der Stadt Herford von der Übersiedlung der Labadisten zu benachrichtigen, da sie sich als Souverän ihres kleinen Territoriums, das allerdings innerhalb der Ringmauern der Stadt lag, nicht dazu verpflichtet fühlte. So verwundert es nicht, daß bei dem schlechten Ruf, der den Labadisten vorauseilte, die Bürgerschaft deren sofortige Ausweisung verlangte. Noch immer wirkte der Schrecken vor der kommunistischen Lehre der Wiedertäufer von Münster in Westfalen nach. Und immer wieder verweist der Rat der Stadt Herford in seinen Anklageschriften und Beschwerden auf deren blutige Diktatur. Bis auf den Kurfürsten von Brandenburg, der die Äbtissin aber nur mit halbem Herzen unterstützte, machten sich die Verwandten Prinzessin Elisabeths über sie lustig, ergriffen sogar teils offen die Partei der Stadt Herford.

Labadie und seine Anhänger sahen nicht das Heil in einer strengen Bibelgläubigkeit, sondern weisen - wie alle mystischen Schulen - auf die innere Stimme, das Zeugnis Gottes. Sie und nicht die Bibel sei das eigentliche Prinzip des Glaubens und der göttlichen Erkenntnis. Prinzessin Elisabeth, von großer Innerlichkeit, glaubte zu diesem stark subjektivierten Glauben des Labadie eine Parallele mit dem Prinzip ziehen zu können, das Descartes an die Spitze der Philosophie stellte. Die äußeren Formen dieses labadistischen Christentums schienen ihr dagegen gleichgültig. Doch gerade sie waren es, die das Entsetzen der Geistlichkeit und der Herforder Bürgerschaft hervorriefen und Elisabeths erlauchte Verwandtschaft zu Spott und Mißfallen veranlaßten.

Besonders ihre Schwester Sophie und der Kurprinz Karl von der Pfalz konnten sich bei einem Besuch in Herford nicht genug über die Äbtissin verwundern. Der Hofmeister des Kurprinzen schilderte sehr ironisch seine Erlebnisse mit Labadie und der Fürstäbtissin, die kraft ihrer bischöflichen Gewalt diesen Gründer einer neuen Kirche schützte. Dem Fanatiker Labadie war es offensichtlich gelungen, einen schon weitgehenden Einfluß auf die Äbtissin auszuüben.

Inzwischen hatte die Stadt Herford ohne Wissen ihres vom Reiche noch nicht anerkannten Landesherrn, des Kurfürsten von Brandenburg, und der Fürstäbtissin von Herford die Angelegenheit vor das kaiserliche Reichskammergericht zu Speyer gebracht. In einer sonst nicht gekannten Eile erließ dieses am 31.10.1671 ein scharfes kaiserliches Mandat, in dem Äbtissin Elisabeth bei Androhung der Reichsacht und einer Strafe von 30 Mark Gold die sofortige Ausweisung Labadies und seiner Sekte anbefohlen wurde, da durch deren Aufenthalt im Reiche "große Weiterung, Aufruhr, Empörung und Blutvergießen" entstehen könne. Äbtissin Elisabeth war über den Erfolg der Stadt Herford empört und beklagte sich bitter beim Kurfürsten von Brandenburg über den Herforder Magistrat. Wenn sich auch der Kurfürst bemüßigt fühlte, die Stadt wegen ihrer Eigenmächtigkeit zurechtzuweisen, so konnte er sich schließlich der Klagen seiner Geistlichen und Beamten nicht verschließen und versuchte, Elisabeth zum Einlenken zu bewegen. Obwohl der Prozeß im ganzen Reiche Aufsehen erregt hatte, behielt sie die Labadisten dennoch unter ihrem Schutz, aber nicht, und das ist das Entscheidende, auf ihrer abteilichen Freiheit und damit innerhalb der Stadtmauern, sondern auf ihrem Landgut Sundern vor Herford. Damit hatte die Herforder Bürgerschaft großenteils das erreicht, was sie wollte.

Anfang 1672 reiste Fürstäbtissin Elisabeth nach Berlin, um sich beim Kurfürsten für die Labadisten einzusetzen. Während ihrer Abwesenheit faßten Labadie und seine Anhänger jedoch überraschend den Entschluß, aus diesem "undankbaren Lande" abzureisen. Am 23.06.1672 zog die Gemeinde endlich von Herford nach dem damals dänischen Altona. Nur wenige ihrer Anhänger blieben zurück. Und damit endet eine turbulente Epoche der Herforder Stadtgeschichte. Elisabeth von der Pfalz und die Stadt Herford versöhnten sich aber schon im folgenden Jahr und lebten dann in Frieden und Eintracht. Die Äbtissin setzte sich in den Kriegsjahren 1673 und 1679 sogar tatkräftig für die Stadt Herford ein, um sie vor den feindlichen Kriegsvölkern zu schützen.

In dieser Zeit fand eine andere Religionsgemeinschaft, von England kommend, in Europa Aufmerksamkeit und Verbreitung. Das waren die Quäker unter ihren Lehrern George Fox, William Penn und Robert Barcley, die die christliche Lehre nach ihren Vorstellungen auszubreiten versuchten. Fast überall wurden sie verfolgt und unterdrückt. Ähnlich wie die Labadisten glaubten die Quäker, daß Gott sich nicht nur durch die Bibel mitteilt, sondern zu jedem spricht, der ihn nur hören will. Nach Barclay hatten die Quäker keine neue Lehre, sie wollten aber das alte Evangelium neu beleben. Alle Kirchen fühlten sich durch das Gedankengut und den Verkündermut der Quäker bedroht. Verfolgungen großen Stils blieben nicht aus. Nach William Penns Schätzungen wurden fünftausend seiner Glaubensbrüder verurteilt und in die Gefängnisse geworfen.

Die tolerante Haltung der Fürstäbtissin von Herford war den Quäkern, die sich vergeblich bei den Labadisten um eine Vereinigung bemühten, nicht verborgen geblieben. Und so beschlossen sie, mit der Äbtissin Elisabeth in Verbindung zu treten. Ihre Bemühungen verliefen nicht fruchtlos. Zwischen den führenden Köpfen der Quäker und Elisabeth von der Pfalz entspann sich ein reger Briefwechsel, dem bald Besuche in Herford folgen sollten.

Als erste Gruppe erschien in der Fürstabtei Herford Isabella Fella, die Schwiegertochter von George Fox, Elisabeth Hendricks, Isabel Yeoman, Gertrude Dericks und die Gattin von Keith. 1676 folgte der Quäker-Apologet Robert Barclay, ein entfernter englischer Verwandter Prinzessin Elisabeths. Ein Jahr später erschien in Begleitung von Barclay sogar William Penn, der Kämpfer für menschliche und religiöse Freiheit und Gründer des nordamerikanischen Quäkerstaates Pennsylvanien.

In seinem Tagebuch schildert Penn ausführlich den dreitägigen Besuch in Herford, der bei gemeinsamen Gottesdiensten und frommen Gesprächen außerordentlich herzlich verlief. Voller innerer Bewegung nahm die Äbtissin von ihren Gästen Abschied.

Nach Beendigung seiner Deutschland- und Hollandreise kehrte Penn noch einmal nach Herford zurück. Wieder wurde er mit großer Freundlichkeit empfangen, hielt er seine religiösen Versammlungen und diskutierte er mit den Gläubigen. Die Prinzessin äußerte bei dieser Gelegenheit, es sei sehr schwer, die Grundsätze zu befolgen, von denen man überzeugt sei, deshalb fürchte sie, die Kraft ihres Geistes sei nicht stark genug. Und nach einer der Aussprachen William Penns rief sie erschüttert aus: "Ich muß mit der Welt brechen! O, der Hindernisse und Bestrickungen dieser eitlen Welt! Sie hemmen alles Gute!"

Gerührt nahm Elisabeth von diesem edlen Menschen Abschied. Sie wußte, daß sie sich niemals wiedersehen würden. Penn reiste über Holland nach England zurück. Sein Briefwechsel und seine Freundschaft mit der Äbtissin Elisabeth dauerten bis zu ihrem Tode an. In seinem Buche "Ohne Kreuz keine Krone", das er 1668 als Gefangener im Tower zu London geschrieben hatte, widmete er dem Andenken der Fürstäbtissin von Herford 1682, noch kurz vor seiner Abreise nach Nordamerika, dessen Gesicht er entscheidend mitprägen sollte, ein Zusatzkapitel.

Es möge gestattet sein, diese zeitgenössische Charakteristik auszugsweise wiederzugeben. Wie einstmals Descartes, so hatte sich Elisabeth von der Pfalz jetzt William Penn in ihren tiefsten Gedanken und Regungen erschlossen. Und wie der Wegbereiter der Aufklärung und große Philosoph der geistvollen, noch jugendlichen Prinzessin, so setzte jetzt der tief religiöse und fortschrittliche Staatengründer der durch Schicksalsschläge gereiften Fürstäbtissin von Herford ein unsterbliches Denkmal:
"Die verstorbene Prinzessin Elisabeth von der Pfalz verdient mit Recht ein Denkmal, da ihre Vorzüglichkeit ihrem Namen einen größeren Glanz verleiht als ihr Stand, der einer der höchsten im Deutschen Reiche war. Sie erwählte die Ehelosigkeit als den sorgenfreiesten Stand, der am besten geeignet ist für Studium und Meditation, wozu sie sich stets geneigt fühlte. Sie besaß ein kleines Gebiet, welches sie so gut regierte, daß sie sich dadurch geeignet zeigte, ein größeres zu regieren. Sie saß immer selbst zu Gericht und hörte und entschied persönlich die Anliegen, die vor sie kamen. Ihre Geduld, Gerechtigkeit und Güte waren bewundernswert. Und was besonders bemerkenswert, wiewohl ungewöhnlich war, ist, daß sie ihre Urteilssprechung durch die Religion milderte und so die betroffenen Parteien zur Unterwerfung und Zustimmung geneigt machte. Sie gebrauchte nicht so sehr die Strenge ihrer Macht als die Macht ihrer Überredungsgabe. Ihre Sanftmut und Demut schienen mir außerordentlich zu sein; sie zog niemals den Stand, sondern die Verdienste der Menschen, mit denen sie zu tun hatte, in Betracht. Wiewohl sie keine üppige Tafel in ihrem eigenen Haushalte führte, deckte sie doch die Tische der Armen in ihren einsamen Zellen, indem sie ihrem Bedürfnis und ihren eigenen Mitteln entsprechend, tugendhaften Pilgern das Brot brach. Sie selbst war enthaltsam und verzichtete in ihrer Erscheinung auf allen unnützen Schmuck; aber ich muß sagen, in ihrer Gesinnung war sie von vornehmer Art. Ihr Blick war auf ein besseres, dauerhafteres Erbe gerichtet, als es hienieden gefunden werden kann. Das veranlaßte sie oft, die Pracht der Höfe und die Gelehrsamkeit der Schulen, die zu beurteilen sie hervorragend befähigt war, gering zu achten ...".

Elisabeth von der Pfalz stand in ihren letzten Lebensjahren mit zwei der bedeutendsten Philosophen dieser Zeit in Verbindung. Mit dem Franzosen Malebranche und dem Deutschen Leibniz pflegte sie einen Briefwechsel. Philosophie und Theologie des Malebranche, der seine Lehre in dem Satz zusammenfaßte "Wir sehen alle Dinge in Gott", wiesen auf die Mystik, zu der sich Elisabeth hingezogen fühlte.

Sie war es, die Leibniz auf die "Christlichen Unterhaltungen" hinwies. Leibniz schrieb daraufhin an Malebranche, er habe sein Buch durch die Gunst der Prinzessin Elisabeth erhalten, einer Prinzessin, die ebenso berühmt sei durch ihre Wissenschaft wie durch ihre Geburt. Sie urteile sehr günstig darüber, wie ja in der Tat sehr viel Geistreiches und Gediegenes darin enthalten sei.

Das wissenschaftliche Interesse der Äbtissin war also auch in ihrem neuen Amte in Herford durchaus nicht erloschen. 1677 weilte bei der toleranten Fürstäbtissin als Gast der katholische Fürstbischof von Paderborn, Ferdinand von Fürstenberg. Aus seiner Feder stammen die "Monumenta Paderbornensia". In Begleitung des Bischofs befand sich der Wissenschaftler Nikolaus Schaten, der mit anderen Gelehrten der Gesellschaft Jesu die Annales Paderbornenses bearbeitete. Bereitwillig erhielten die Besucher für ihre gelehrten Forschungen Zutritt zum Stiftsarchiv. Nach Besichtigung des Reichsstiftes und des Stiftes auf dem Berge erhielt der Fürstbischof aus dem Münsterschatz zwei Armreliquien der Kaiserin Kunigunde und des Märtyrers Ambrosius als Abschiedsgeschenk.

Während der Regierungszeit der Äbtissin. Elisabeth wurde die Bibliothek der alten Abtei Herford um manche Kostbarkeit vermehrt. Die Beziehungen der gelehrten Prinzessin zu Wissenschaftlern und Theologen vieler Länder kamen ihr bei diesen Bestrebungen entgegen. Leider ist die bedeutende Bibliothek bei der Säkularisation der Fürstabtei Herford am Anfang des 19. Jahrhunderts völlig zugrunde gegangen.

Ende 1679 wurde Elisabeth von der Pfalz bettlägerig. Sie litt an Wassersucht und seit ihrer Jugend an Rheumatismus. Mit Milchkuren, die sie im Herbst durchführte, pflegte sie ihre Leiden zu bekämpfen. Ihr Bruder Ruprecht braute in seinem Laboratorium eigens eine Medizin für die Schwester, die er ihr von England aus zuschickte. Ihre Ärzte hielten jedoch nichts von den Tropfen und bezeichneten sie als Quacksalberei. Zu ihrer großen Freude erlebte sie auf ihrem Krankenlager die Aussöhnung mit ihrem Bruder Karl Ludwig, der in den letzten Jahren noch über ihre Frömmigkeit und ihre Beziehungen zu Labadie, zur Schurmann und zu Barclay gespöttelt hatte. Der Pfalzgraf schickte sogar seinen Leibarzt nach Herford. Aber auch er konnte nicht mehr helfen. Unter den bedeutenden Persönlichkeiten, die nach Herford eilten, um die große Äbtissin noch einmal zu sehen, befand sich auch der Philosoph Leibniz. Am 8. oder 11.02.1680 ereilte sie in der Abtei Herford der Tod.

In ihrem Testament bestimmte sie den Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, ihren Vetter, zum Erben ihres Nachlasses. Vor dem hohen Altar der Münsterkirche zu Herford wollte sie zu nächtlicher Stunde und in aller Stille, ohne Gefolge, Grabgesang, Glockengeläut und Leichenpredigt begraben werden. Die Lage ihrer Gruft im Münster ist noch heute bekannt, die Grabplatte aber unansehnlich und abgetreten. An der Nordwand des Chores hält eine Tafel das Andenken der Fürstäbtissin Elisabeth von der Pfalz wach. Ihre lateinische Inschrift lautet in deutscher Übersetzung:

"Dem besten, höchsten Gott geweiht.
Hier liegt
die durchlauchtigste Fürstin und Stiftsoberin zu Herford Elisabeth,
von den pfälzischen Kurfürsten und Königen Großbritanniens entsprossen,
eine Jungfrau von durchaus königlichem Geist,
von unbesiegbarer Charakterstärke und Würde in jeder Schicksalslage,
von ausgezeichneter Klugheit und Geschicklichkeit in der Führung der Geschäfte,
weit über das Los ihres Geschlechtes und der damaligen Zeit berühmt,
die durch die Gunst der Könige und die Freundschaft der Fürsten,
durch die schriftlichen Denkmäler der Gelehrten,
durch die Zungen und den Beifall aller christlichen Völker,
aber vor allem durch eigene Tüchtigkeit die Unsterblichkeit ihres Namens erlangt hat.
Geboren im Jahre 1618 am 26. Tage des Dezembers.
Gestorben im Jahre 1680 am 8. Tage des Februars.
Sie hat gelebt 61 Jahre, 1 Monat und 16 Tage.
Sie hat regiert 12 Jahre, 10 Monate und 2 Tage."


Schrifttum

Baillet, La vie de Monsieur Descartes (Paris 1963).
William Penn, Journal of his Travels in Holland and Germany in 1677 (London 1835).
Gottschalk Eduard Guhrauer, Elisabeth, Pfalzgräfin bei Rhein, Äbtissin von Herford, in: Raumers Hist. Taschenbuch, (1850/51), 2 Abteilungen, S. 1-150 und S. 417-554.
Foucher de Careil, Descartes, la Princesse Palatine ou de l'influence du Cartésianisme sur les femmes au XVIIe siecle (Paris 1862).
Ludwig Hölscher, Die Labadisten in Herford, im: Gymnasialprogramm Herford (1864).
-,Elisabeth Pfalzgräfin bei Rhein, Äbtissin von Herford in: Allgemeine Deutsche Biographie VI (1877).
Foucher de Careil, Descartes, la Princesse Elisabeth et la reine Christine d'apres des lettres inédites (Paris 1879).
Max Heinze, Pfalzgräfin Elisabeth und Descartes, in: Hist. Taschenbuch,
6. Folge V, S. 273ff.
Charles Adam u. Paul Taunery, Oeuvres de Descartes (Paris 1897).
J. Wille, Pfalzgräfin Elisabeth, Äbtissin von Herford, in: Neue Heidelberger Jahrbücher XI (1902).
Victor de Swarte, Descartes, Directeur Spirituel, Correspondance avec la Princesse Palatine et la Reine Christine de Suède (Paris 1904).
Karl Hauck, Die Briefe der Kinder des Winterkönigs, in: Neue Heidelberger Jahrbücher XV (1908).
Elizabeth Godfrey, The Sisters of Prince Rupert, Elizabeth Princess Palatine and Abess of Herford (London 1909).
Kuno Fischer, Descartes' Leben, Werke und Lehre (1912).
Anna Wendland, Elisabeth, Pfalzgräfin bei Rhein, Äbtissin von Herford, in: Zeitschrift des Hist. Vereins für Niedersachsen 83 (1918).
Otto Wöhrmann, Elisabeth von der Pfalz, Fürstäbtissin zu Herford 1667 bis 1680 (1921).
Christabel Cadbury (übersetzt von Otto Wöhrmann), Robert Barclay, der Schriftsteller der Quäker und Freund der Äbtissin Elisabeth v. d. Pfalz (1922).
Wilhelm Hubben, Die Quäker in der deutschen Vergangenheit (1929).
A. Schmidt, Pfalzgräfin Elisabeth, Äbtissin des Stiftes Herford, in: Minden-Ravensberg. Ein Heimatbuch (1929).
Heinrich Otto, Pfalzgräfin Elisabeth, Fürstäbtissin von Herford, (1940). Emilia Fogelklon, William Penn. Ein Buch von Staat und Gewissen (1948).
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Wolfgang Röd, Descartes. Die innere Genesis des cartesianischen Systems (1964).
Mathilde Knoop, Kurfürstin Sophie von Hannover (1964).
Rainer Pape, Elisabeth von der Pfalz, Fürstäbtissin von Herford (1618 bis 1680), Ausstellungskatalog des Städtischen Museums Herford (1967).
-, Elisabeth von der Pfalz - die Fürstäbtissin von Herford, in: Westfalenspiegel 16. Jg., Nr. 12 (1967), S. 1-4.
Alfred Cohausz, Fürstäbtissin und Fürstbischof, in: Herforder Jahrbuch IX (1968), S. 43-46.
Rainer Pape, Anton Fürstenau. Ein Kaufmann und Diplomat der Reichsstadt Herford im 17. Jahrhundert, in: Herforder Jahrbuch XII-XIV (1971/73), S. 60-155.
-, Anton Fürstenaus Kampf um die Reichsfreiheit der Stadt Herford (1647-1653), in: Stadt und Land in der Geschichte des Ostseeraumes (1973), S. 104-118.

Rainer Pape

QUELLE  Pape, Rainer | Elisabeth von der Pfalz (1618-1680) |
PROJEKT  Westfälische Lebensbilder
AUFNAHMEDATUM2004-03-30


QUELLE    Pape, Rainer | Elisabeth von der Pfalz (1618-1680) |

SYSTEMATIK  
Ort2.3.3   Herford, Stadt
2.14   Herford, Reichsabtei < - 1810>
Sachgebiet3.7.2   Landesherren/-frauen, Präsidenten, Regierungschefs
16.3   Evangelische Kirche
16.6.3   Geistliche, Rabbiner, Ordensleute
AUFNAHMEDATUM2004-02-05
AUFRUFE GESAMT10673
AUFRUFE IM MONAT78