Vollansicht Auswahl

TEXT

VERFASSERHüser, Karl / Brebeck, Wulff E.
TITELWewelsburg 1933-1945
AUFLAGE4., überarb. Aufl.


ORTMünster
JAHR2002


ONLINE-TEXTÜberblick
SEITES. 5-13


TEXT

Überblick

Das Konzentrationslager in Wewelsburg wurde im Jahre 1939 gerichtet, um für das ideologisch wichtigste Bauprojekt der SS in einer Zeit sich abzeichnenden Arbeitskräftemangels Häftlingsarbeiter zur Verfügung zu haben. In Wewelsburg machte sich der Mangel an (unbezahlten) Bauhilfsarbeitern nach Auflösung des Lagers des Reichsarbeitsdienstes (RAD) 1938 bemerkbar. Seit 1934 hatten der SS immer rund 100 RAD-Männer zur Verfügung gestanden. Nun wurden sie im Zuge kriegsvorbereitender Maßnahmen in die Eifel zum Bau des "Westwalls" abkommandiert. Reichsweit war während desselben Jahres 1938, vor allem im Zuge der verstärkten Aufrüstung im Rahmen des "Vierjahresplans", die Arbeitslosigkeit abgebaut worden, so daß in einigen Wirtschaftszweigen - besonders im Bausektor - bereits ein erheblicher Arbeitskräftemangel herrschte.

Die SS nutzte diese Lage in doppelter Weise, um ihren Einfluß zu vergrößern. Einmal wirkte sie darauf hin, daß mehr Konzentrationslager denn je seit 1933 gegründet bzw. ausgebaut wurden, zum anderen verband sie diese Lager gezielt mit SS-Wirtschaftsbetrieben bzw. Arbeitsmöglichkeiten für die Häftlinge. Über die bisherige Hauptaufgabe der Bestrafung und Isolierung politischer Gegner hinaus erhielten die Konzentrationslager damit eine wirtschaftliche Funktion. Durch die Anlage neuer Lager in der Nähe von Steinbrüchen bzw. deren weitere Erschließung (z.B. Mauthausen, Flossenbürg, Buchenwald) oder die Gründung von KZ-Ziegelwerken (z.B. Buchwald, Sachsenhausen, Hamburg-Neuengamme) wollte die SS sich als Baustofflieferant großen Stils für Hitlers geplante Großbauten in verschiedenen deutschen Städten unentbehrlich machen. Die Arbeitskraft der Häftlinge wurde dabei von der ebenfalls 1938 gegründeten SS-Firma "Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH" ausgebeutet. lm Schatten dieser Baustoffproduktion bestanden bereits KZ-Werkstätten für Textilien u.a., die für den wachsenden SS-Bedarf produzierten und auf lange Sicht zu einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit der SS von der Privatwirtschaft führen sollten.

Die Ankunft eines 100 Mann starken Häftlingskommandos aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen im Mai 1939 in Wewelsburg fügt sich in das gezeichnete Gesamtbild ein. Auch hier ging es um Steinbruch- und Bauarbeiten, auch hier war eine SS-Gesellschaft, die "Gesellschaft zur Förderung und Pflege deutscher Kulturdenkmäler e.V.", Betreiberin des kleinen Lagers; allerdings diente das zunächst als Arbeitskommando, dann - seit dem 07.01.1941 - als Außenlager des KZ Sachsenhausen eingestufte Lager in Wewelsburg nicht gewinnbringenden, sondern ausschließlich ideologischen Zwecken: dem Ausbau der Burg zum Mittelpunkt des SS-Ordens. Gerade in diesem Zusammenhang zeigt sich wie sonst nirgends die Einheit von Kult und Terror der SS. Bereits 1938, als die "Denkmalsgesellschaft" den ersten großen Kredit bei der Dresdner Bank aufnahm, stand fest, daß die erforderlichen Mittel für das Wewelsburg-Projekt von den SS-eigenen Wirtschaftsbetrieben aufgebracht werden sollten. Die Konzentration aller in den Augen der SS positiven kulturellen Bemühungen - bis hin zur Schaffung eines pseudoreligiösen Ersatzkultes im Bereich der Wewelsburg - wurde von der SS-Spitze mit der Ausbeutung der Häftlinge und deren Vernichtung verbunden. Dies war nicht nur eine Konsequenz auf einer bloß organisatorischen Ebene, obwohl die SS sich stets - und nicht ohne Erfolg - bemühte, den offenkundigen Zusammenhang von KZ und Schloß zu verschleiern, dies war der Ausdruck des Kerns allen SS-Kults: die Feier der "Gemeinschaft von Übermenschen" beruhte auf der Ausgrenzung und Vernichtung aller Gegner und aller derjenigen, die der "rassischen Einheit" nicht teilhaftig werden konnten.

Die Häftlingszahlen stiegen in der ersten Phase des Konzentrationslagers (vom Mai 1939 bis zum 31.08.1941, mit einer Unterbrechung nach Kriegsbeginn bis zum 11.12.1939) auf bis zu 480 Menschen an. Die zwei ersten Standorte erwiesen sich wegen ihrer Nähe zur Burg zwar als günstig, waren für ein größeres Lager auf Dauer jedoch zu beengt.

Im Sommer 1940 begannen die Häftlinge ein neues Lager auf einem gerodeten Gelände am Rande des Gemeindewalles in der Gemarkung Niederhagen zu errichten. Obwohl die Wewelsburg auch weiterhin das Zentrum der Intentionen Himmlers und seines Chefarchitekten Bartels bildete, weiteten sich die Bauarbeiten, die schon vor 1939 weit in das Dorf übergegriffen hatten, durch neue Maßnahmen noch aus. Die Häftlinge arbeiteten an der Erweiterung des KZ um einen Wirtschaftshof, auf dem 1942 ein Krematorium errichtet wurde, und um einen Bauhof (1941-1942), an der Errichtung eines neuen Lagers für die SS-Wachmannschaften gegenüber dem Schutzhaftlager (1941-1942) und vor allem an der Ausgestaltung des Nordturms der Wewelsburg zum Zentrum der Repräsentationszentrale der SS-Gruppenführer (1939-1943), der Errichtung einer repräsentativen Villa für Hermann Bartels (1939-1942), an einem Bürokomplex für seine Bauleitung, die bis zu 50 Fachleute umfaßte, am SS-Stabsgebäude (1939-1941), an einer Siedlung für SS-Führer (1940-1942) und an anderen Projekten.

Anders als in manchen anderen Orten, in denen Konzentrationslager existierten und Häftlinge arbeiteten, waren diese Baustellen über das ganze Dorf verteilt und in den meisten Fällen von außen einsehbar. Am Anfang legte die SS auch wenig Wert auf eine Tarnung des Außenkommandos. Als Einrichtung eines "Sträflingslagers" wurde die Ankunft der Häftlinge in der lokalen Presse angekündigt. Die Wewelsburger Bevölkerung betrachtete in der Anfangsphase das Lager wohl wirklich überwiegend als Einrichtung, in der Strafgefangene durch Zwangsarbeit ihr Verbrechen sühnten. Begünstigt wurde diese Einstellung dadurch, daß 1939, durchaus wohlüberlegt, fast ausschließlich Häftlinge mit dem grünen Winkel der Befristeten Vorbeugungshäftlinge (im SS-Jargon Berufsverbrecher genannt, da es sich um Vorbestrafte handelte) nach Wewelsburg geschickt wurden. Insgesamt war das Verhältnis der Wewelsburger zu dem neuen, zunächst provisorischen Konzentrationslager in ihrer Gemeinde recht ambivalent, wie das Beispiel der Reaktionen auf den ersten Fluchtversuch von zwei Häftlingen im Mai 1939 zeigt.

In ihren gestreiften Anzügen sahen die Häftlinge auch aus wie Strafgefangene. Für Außenstehende waren die farbigen Winkel auf der linken Brustseite und die aufgenähte Nummer als spezifische äußere Kennzeichen von KZ-Häftlingen nicht zu deuten. Wenig bekannt war der rechtsstaatswidrige Charakter der "Schutzhaft", die aufgrund der  Verordnung des Reichspräsidenten vom 28.02.1933 "zum Schutze von Volk und Staat" von der Gestapo verhängt und in Konzentrationslagern vollzogen wurde . Durch die Verordnung waren wesentliche, verfassungsmäßig garantierte Grundrechte außer Kraft gesetzt worden. Die Haft konnte im Prinzip unbegrenzt dauern, die Unterstützung eines Rechtsbeistands war nicht möglich, eine richterliche Haftprüfung, ein gerichtliches Verfahren oder gar eine Verurteilung gab es in keinem Falle.

Nach einem neuerlichen vergeblichen Ausbruchsversuch zweier Häftlinge im Januar 1940, der wiederum erhebliche Unruhe in der Wewelsburger Bevölkerung auslöste, wurde das gesamte Kommando im Februar nach Sachsenhausen zurückverlegt und dort bei Arbeiten im Klinkerwerk eingesetzt, wo die Häftlinge meist nach kurzer Zeit umkamen. Siebzig Häftlinge mit dem violetten Winkel der Zeugen Jehovas, kurz Bibelforscher oder Bifo-Häftlinge genannt, ersetzten das alte Kommando. Diese lehnten Fluchtversuche aus religiösen Gründen ab und galten auch in den Augen der SS als arbeitsam und diszipliniert. Aus verschiedenen Konzentrationslagern trafen in den folgenden Wochen und Monaten weitere Bibelforscher in Wewelsburg ein. Mit rund 300 Häftlingen bildeten sie in den folgenden Jahren die eigentliche Kernmannschaft des Konzentrationslagers in Wewelsburg, das - nach dem bisherigen Forschungsstand - eine Gesamtzahl von mindestens 3.900 Häftlingen umfaßte.

Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich bereits ab, daß die Bauarbeiten weitergeführt werden würden, obwohl sie als Maßnahmen der "Gesellschaft" seit 1936 den Charakter eines "privaten" Bauvorhabens besaßen und damit unter die seit Kriegsbeginn geltende Sperre für zivile Bauten fielen. Ein Beispiel für die zynische Argumentationsweise der SS, wenn es sich um Häftlinge handelte, und für eine frühe Kooperation auch von regionalen Behörden mit der SS beim Häftlingseinsatz, stellt ein Schreiben des SS-Hauptamtes Verwaltung und Wirtschaft an das Arbeitsamt Paderborn vom 23.07.1940 dar, in dem die Freistellung von der Bausperre beantragt wird. Dort heißt es zur Begründung, "daß durch das Bauvorhaben Wewelsburg weder zusätzliche Rohstoffe noch Arbeitskräfte dem Baumarkt entzogen werden". "Arbeitskräfte werden dem Baumarkt kaum entzogen, da KZ-Häftlinge, die sonst keine Beschäftigung haben würden, eingesetzt sind". [1] Das Arbeitsamt genehmigte die Weiterführung der Bauvorhaben.

Die nun einsetzende Entwicklung des Konzentrationslagers in Wewelsburg erfolgte auf dem Hintergrund eines erneuten Wandels in Umfang und Struktur des Systems der deutschen Konzentrationslager seit Kriegsbeginn. Oswald Pohl, in einer Person Chef des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes der SS und Geschäftsführer der "Gesellschaft zur Förderung und Pflege deutscher Kulturdenkmäler e.V.", begründete ihn in einem Bericht an Himmler 1942 mit der "Mobilisierung aller Häftlingskräfte zunächst für Kriegsaufgaben (Rüstungssteigerung) und später für Friedensaufgaben". Ein entsprechender SS-Befehl an die Kommandanten schärfte ihnen ein, die Arbeitsorganisation so zu gestalten, daß eine unbegrenzte Ausnutzung der Arbeitskräfte der Häftlinge gewährleistet war. In Wewelsburg war das seit 1940 gängige Praxis. Durch die Eingliederung der zentralen Verwaltung der Konzentrationslager, der "Inspektion der KL", in das 1942 gegründete SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt, dem auch die SS-Wirtschaftsbetriebe als sog. "W-Ämter" unterstanden, war die organisatorische Voraussetzung für die wirtschaftliche Ausbeutung erheblich verbessert worden. Gleichzeitig wurden durch die Ausweitung der Kompetenzen Himmlers als Chef der deutschen Polizei, besonders im Aufgabengebiet der Geheimen Staatspolizei und des Sicherheitsdienstes, immer neue Kategorien von Menschen zur "Vernichtung durch Arbeit" in die Konzentrationslager eingeliefert.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 begann eine neue, die entscheidende Phase der NS-Vernichtungspolitik. Seit Ende September 1940 waren es vor allem die Häftlinge mit dem schwarzen Winkel, die sogenannten "Asozialen", die in Wewelsburg in großer Zahl starben. Denselben schwarzen Winkel trugen anfangs auch die Sinti und die Roma, die aufgrund ihrer angestammten Lebensweise als "asozial" und "arbeitsscheu" galten, bis sich der Reichsführer SS entschloß, diese Menschen mit einer eigenen Häftlingskategorie zu versehen, als "rassisch minderwertig" wie die Juden einzustufen (1940) und später mit Gas zu ermorden. Nicht gewohnt, solidarisch zu handeln, und von den Mithäftlingen z.T. abgelehnt, konnten die Häftlinge mit dem schwarzen Winkel dem täglichen Lagerterror nur in Ausnahmefällen wirkungsvolle Überlebensstrategien entgegensetzen, so daß die meisten von ihnen nach verhältnismäßig kurzer Zeit starben. Ein erster Anstieg der Todesrate in Wewelsburg setzte ein. Am 10.06.1942 traf der erste Transport von sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern ein. Sie befanden sich aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen, die auf den Transporten und in den für Russen eingerichteten Lagern herrschten, bereits in sehr schlechter körperlicher Verfassung, als sie in Wewelsburg ankamen. Seither stieg die Todesrate des Lagers drastisch. [2]

Die Errichtung und Unterhaltung des KZ erfolgte auf Kosten der "Gesellschaft zur Förderung und Pflege deutscher Kulturdenkmäler e.V." - Terror als Bestandteil der Kulturpflege im Gewand eines eingetragenen Vereins! Um sie von dieser finanziellen Last zu befreien, wandelten Himmler und sein Finanzverwalter Pohl das Außenlager Wewelsburg des KZ Sachsenhausen im Sommer 1941 kurzerhand in ein selbständiges "Konzentrationslager Niederhagen" um. Die selbständigen KZ wurden nämlich seit 1935 als sog. "staatliche Konzentrationslager" aus dem Reichsetat finanziert, während die "Gesellschaft" von 1939-1941, wie jedes andere Unternehmen, das während des Krieges KZ-Häftlinge beschäftigte, auch für deren Unterbringung finanziell verantwortlich war. Die Kostenerstattung insgesamt betrug immerhin 500.000 Reichsmark. Nach Zeugenaussagen hat Himmler selbst die alte Flurbezeichnung Niederhagen als Namen für das Lager ausgewählt, um möglichst keine Gedankenverbindung zwischen der Wewelsburg und der Welt der Konzentrationslager aufkommen zu lassen. Die Tarnung ist ihm so gut gelungen, daß bis heute das KZ Niederhagen in den meisten Übersichtskarten über die Standorte der Konzentrationslager nicht richtig lokalisiert oder gar nicht aufgeführt wird. Niederhagen war das kleinste staatliche Konzentrationslager, bis es 1943 wegen der kriegsbedingten Einstellung der Bauarbeiten aufgelöst wurde.

Eine Folge der Statusänderung des KZ war seine Einbeziehung in die Exekutionspraxis der Gestapo. Auf dem Wege der "Polizeijustiz" wurden in Wewelsburg 56 Menschen ermordet. Eine zweite Folge stellte die Tatsache dar, daß Niederhagen, wie aus einem Schreiben des Inspekteurs der Konzentrationslager vom 10.12.1941 hervorgeht, zusammen mit den Lagern Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald, Mauthausen, Auschwitz, Flossenbürg, Groß-Rosen und Neuengamme für die "Aktion 14 f 13" vorgesehen wurde. Diese Kürzel verwendete der "Inspekteur der KL" für die Durchführung der sogenannten "Euthanasie" in den Konzentrationslagern. Seit April 1941 selektierte eine Ärztekommission psychisch, geistig oder körperlich schwerkranke oder geschwächte Häftlinge aus, um sie in Kliniken überführen und dort durch Giftgas ermorden zu lassen. Der dem Schreiben vom 10.12. an die KZ-Kommandanten beigefügte "Musterbogen" mit den Merkmalen, nach denen selektiert werden sollte, bezieht sich auf einen Häftling aus Wewelsburg. Der frühere SS-Lagerarzt erinnert sich an den Besuch eines Arztes aus der Kommission im Lager Niederhagen Anfang 1942. Wieviele Häftlinge aus Wewelsburg im Zuge dieser Aktion getötet wurden, läßt sich allerdings nicht mehr feststellen.

Das KZ-Personal bestand aus den Mitgliedern der Lagerverwaltung (dem sog. Kommandanturstab) und den Wachmannschaften. Sie alle waren seit 1941 Angehörige der Waffen-SS. Die Wachtruppe galt als dem Lager zugeteilt und unterstand dem jeweiligen "Führer vom Dienst". Die Verwaltung war in fünf Abteilungen gegliedert. An ihrer Spitze stand der Kommandant des KZ. Bei den Mitgliedern des Lagerpersonals handelte es sich wie bei allen SS-Leuten - von den letzten Kriegsjahren abgesehen - um Freiwillige. In den Reihen der "Totenkopfverbände" fanden sich besonders viele Männer, die im bürgerlichen Leben gescheitert waren. Dies ist jedoch auf dem Hintergrund der krisenhaften Entwicklung der Weimarer Zeit eine weit verbreitete Erscheinung gewesen. Auch wenn viele der älteren KZ-Bewacher ihre prägenden politischen Erfahrungen als Söldner in den Freikorps und in der Zeit der "Fememorde" gemacht hatten, waren es doch überwiegend keine persönlichen Merkmale oder Eigenschaften, die zu einer KZ-Karriere prädestinierten. Entscheidend war vielmehr die Ausbildung, die das KZ-Personal in einem der großen Konzentrationslager, z.B. in Dachau oder Sachsenhausen, erhielt. Der Kern dieser Ausbildung bestand vor allem in der Entwicklung bzw. Verstärkung der spezifischen SS-Mentalität, die in der grenzenlosen Verachtung aller "Minderwertigen" und der ebenso grenzenlosen Selbstüberschätzung der "Mitglieder des Ordens", in der Abhärtung gegen alle mitmenschlichen Gefühle und im absoluten Gehorsam gegenüber Vorgesetzten gipfelte. Charakteristisch ist in dieser Hinsicht der Lebenslauf des Wewelsburger Kommandanten Adolf Haas. Ein früherer Häftling in Wewelsburg, Otto Preuss, erinnert sich in einem Gespräch 1984: "Er (Haas) nannte sich einmal auf dem Appellplatz, seine Hände in die Seiten gestemmt - die sahen ja alle furchtbar aus, weil sie Uniform anhatten, die waren ja erst dann richtig da - 'Ich bin der Herrgott von Wewelsburg!... '". [3]

Die gesamte Organisation des Lebens im Lager war auf Erniedrigung und Terrorisierung der Häftlinge abgestellt. Die SS ließ in ihrer Praxis keinen Zweifel daran aufkommen, daß ihr letztes Ziel die Vernichtung der "Untermenschen" war. Dies bedeutete bis zu zwölf Stunden täglich Schwerstarbeit unter teils lebensgefährlichen Bedingungen, dauernde Unterernährung, Hetze, häufige Quälereien durch einzelne SS-Leute, begleitet von mörderischen Alltäglichkeiten wie Hinrichtungen, Totschlagen, Ertränken und Leichengiftinjektionen. Der 1945 verfaßte Bericht des ehemaligen Häftlings Wettin Müller schildert in bewegenden Worten, was sich in dem für Unbefangene zunächst als zweckrationale Architektur mit Funktionsgebäuden wie "Kleiderkammer", "Häftlingsrevier", "Werkstätten" usw. erscheinenden Konzentrationslager täglich ereignete. Das Beispiel der Lagerstrafe des "Pfahlhängens", das der Kommandant beliebig für "Vergehen" von Häftlingen anordnen konnte, zeigt, wie auch eine nicht unmittelbar tödlich wirkende Mißhandlung der Häftlinge unter den Lagerumständen lebensgefährdende Folgen hatte.

Waren die Gefangenen auch fast gänzlich der Willkür der SS ausgeliefert, so gab es doch minimale Möglichkeiten, Verweigerung und sogar Widerstand zu leisten. Eine - allerdings wegen der darin eingeschlossenen Pflicht zur Mitwirkung an von der Lagerleitung gegen die Mitgefangenen verhängten Maßnahmen problematische - Chance bot die von der SS zur Spaltung der Häftlinge eingeführte sog. "Häftlingsselbstverwaltung". Nur in sehr seltenen Fällen gelangen unter besonderen Bedingungen selbständige Aktionen der KZ-Insassen. Ein Beispiel von Untergrundarbeit der Zeugen Jehovas aus Wewelsburg ist die illegale Vervielfältigung von religiösen Schriften. Der Ausnahmecharakter dieser Tätigkeit wird erst auf dem Hintergrund der Tatsache deutlich, daß das Konzentrationslager Niederhagen in der kurzen Zeit seines Bestehens bei einer durchschnittlichen Häftlingszahl von 500 Menschen zweieinhalbmal ausgestorben ist.

Der Umgang der SS mit den Toten war einerseits geprägt von derselben Menschenverachtung, die in der Behandlung der Häftlinge zu Lebzeiten zum Ausdruck kam, andererseits von der Notwendigkeit, in einer Rechtsordnung, in der Mord auch weiterhin unter Strafe stand, Wege der Täuschung der Öffentlichkeit zu finden und den Kreis der Informierten möglichst klein zu halten. So wurden in Fällen unverkennbaren Mordes die Todesursachen gefälscht, da das örtliche Standesamt für jeden Toten eine Sterbeurkunde ausstellen mußte. Wenn Indizien auf einen unnatürlichen Tod gedeutet hätten, wäre die Staatsanwaltschaft zu verständigen gewesen. Um dieses Verfahren im Sinne der SS zu vereinfachen, erging 1942 eine zentrale Anordnung, die die Errichtung lagereigener Standesämter vorschrieb. Wo gesetzliche Vorschriften folgenlos umgangen werden konnten, weil es sich letztlich um sittliche Gebote handelte, wie in der Frage der Bestattung der Toten, erlegte sich die SS keinen Zwang auf. Nachdem die bisher benutzten Friedhofskrematorien in Dortmund und Bielefeld-Brackwede der hohen Zahl der Toten aus Wewelsburg nicht mehr gewachsen waren und der SS die langen Leichentransporte über Land zu auffällig und zu teuer erschienen, wurde 1942 ein eigenes Krematorium im Lager errichtet. Einen Friedhof, wie er in den Akten formal ausgewiesen war, gab es jedoch nicht. Die Asche der Toten wurde - darauf deutet alles hin - verstreut bzw. als Düngemittel in der lagereigenen Gärtnerei verwandt. Den "Untermenschen" verweigerte die SS ein Grab und damit einen Ort individuellen Gedenkens durch die Angehörigen.

Als Einheiten der US-Armee am 02.04.1945 das "Restkommando" in Wewelsburg befreiten, führten Häftlinge sie auf die Spur des 1943 aufgelösten KZ Niederhagen mit seinen weit über tausend Toten. Da sich Gräber von Häftlingen nicht fanden, zwang man die Einwohner von neun bis siebzig Jahren zur Teilnahme an einem "Sühnebegräbnis" für Tote, die man im nahen Wald verscharrt gefunden hatte. Ihre Identität ist mit Ausnahme eines Polen bis heute unbekannt. Man kann jedoch davon ausgehen, daß alle 15 Personen von Gestapo- bzw. SS-Angehörigen in den letzten Kriegsmonaten umgebracht wurden. Ehemalige Mitglieder des NSDAP aus dem Dorf mußten sie exhumieren und auf den Dorffriedhof überführen. Der von der Besatzungsmacht eingesetzte Bürgermeister legte ein kollektives Schuldbekenntnis ab. Der katholische Gemeindepfarrer Tusch, der auf dem Friedhof zu predigen hatte, verweigerte sich jedem politischen Ansinnen und predigte über den "Segen der Liebe und den Fluch des Hasses". Die Dorföffentlichkeit dankt ihm das bis heute. In dieser Artikulation eines neugewonnenen Selbstbewußtseins der Gemeinde, das sich primär gegen die ausgeübte Gewalt "der Sieger" richtete, damit jedoch zugleich auch das berechtigte Anliegen der Besatzungsmacht öffentlich diskreditierte, wonach sich die Wewelsburger mit den Morden der SS innerhalb ihrer Gemeinde auseinandersetzen sollten, liegt der früheste Ansatz zur bewußten Leugnung einer Teilhabe der Dorfbevölkerung an der Gesamtverantwortung für das Vergangene. Ein Gedenkstein erinnerte an die Toten, bis er nach ihrer Umbettung auf den sowjetischen Friedhof in Stukenbrock bzw. den "Ausländerfriedhof" in Paderborn-Schloß Neuhaus 1961 entfernt wurde.

Die weitere Geschichte des ehemaligen Lagergeländes und die damit verbundenen juristischen Auseinandersetzungen dokumentieren den Prozeß der Normalisierung, in dessen Verlauf "Bewältigung durch Arbeit", Verdrängen und Vergessen schließlich fast alle Relikte des NS-Terrors und damit die Ansätze zur Mahnung und Gedenken beseitigten, in anschaulicher Weise. Immer wieder gab es Zeichen der Erinnerung. Sie waren aber nicht von Wewelsburgern errichtet worden. Ein großes Holzkreuz vor dem früheren KZ-Torgebäude, das von ehemaligen Häftlingen erbaut worden war, brach zusammen. Eine 1965 noch mit öffentlicher Unterstützung des Kreises Büren angebrachte Mahntafel im Innenhof der Wewelsburg wurde 1973 entfernt, ohne daß irgendjemand protestierte. Etwa gleichzeitig verschwanden die 1949 als private Stiftung entstandenen Gemälde des Künstlers Josef Glahe aus der früheren SS-"Gruft" im Nordturm, die Szenen der Verfolgung und des Leides im Konzentrationslager darstellten. Der Raum verlor damit seinen Charakter als Mahnstätte. Vorschläge, in diesem Fall auch von Wewelsburgern, im Heimatmuseum der Wewelsburg eine Dokumentation einzubringen, wurden regelmäßig überhört.

Aus sich heraus hat das Dorf als ganzes zu keiner bewußten Haltung gegenüber seiner Vergangenheit 1933-1945 und ihren Opfern gefunden. Geschwiegen wurde über das eigene, individuell erlittene Leid (Schutzhaft, Kriegserinnerungen, Fluchterlebnisse u.a.) und über das wahrgenommene Leid anderer (KZ-Häftlinge). Dieses "herrschende Schweigen" entspricht alter Tradition auf dem Lande. Über Leid sprach man nicht, weil es nach den überlieferten Vorstellungen als Eingeständnis einer Niederlage oder einer Schuld gewertet worden wäre. Eingeschlossen in diese Überlieferung war wahrscheinlich auch ein Schweigen aus Betroffenheit. Man war betroffen in dem Gefühl der Ohnmacht angesichts eines durchaus wahrgenommenen, nicht gleichgültig übersehenen Leidens von Menschen, das man aber auch durch vereinzelte Hilfeleistungen nicht zu ändern vermochte.

Heute ist es Wewelsburgern möglich, über die Wahrnehmung der Häftlinge zu sprechen. Eine Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus im Ort findet statt. Die Anstöße hierzu kamen von außen. Was zwei Prozesse vor Paderborner Gerichten gegen ehemalige SS-Leute und Häftlingsvorarbeiter des Konzentrationslagers nicht bewirkt hatten, löste ein Antrag auf Wiederanbringung einer Mahntafel im Kreistag des Kreises Paderborn aus, dem die Wewelsburg seit 1975 gehört. In zahlreichen Leserbriefen gaben Menschen aus der ganzen Region ihrer Betroffenheit darüber Ausdruck, daß der Mord an 1.285 Menschen "vor der eigenen Haustür" so vollständig verdrängt werden konnte, daß kein sichtbares Zeichen an sie erinnerte.

Aus dieser öffentlichen Debatte um den Wert der Erinnerung erwuchs schließlich der Auftrag zu einem Forschungsvorhaben. Gegen zunächst erhebliche Bedenken, das Dorf könne durch die Ergebnisse diskreditiert werden, entschlossen sich im Laufe der Arbeiten auch viele Wewelsburger, durch Bereitstellung von Dokumenten und Auskünften an dem Vorhaben mitzuwirken. Seit 1982 gibt es als Abteilung des Kreismuseums Wewelsburg eine Dauerausstellung "Wewelsburg 1933-1945. Kult- und Terrorstätte der SS". Sie ist heute Gedenkstätte für die Opfer des Konzentrationslagers. Das Museum betrachtet seine Aufgabe darin, in einem Prozeß des Dialogs mit den Besuchern über das Geschehen in Wewelsburg zu informieren, der Toten zu gedenken und daran mitzuwirken, daß Erinnerung dazu verhilft, Intoleranz, Rassismus und Völkermord in Gegenwart und Zukunft zu verhindern. Auch wenn diese Anliegen überwiegend akzeptiert werden, fällt es vielen Menschen noch schwer, ein Zeichen der Erinnerung in der unmittelbaren Nachbarschaft nicht als Anklage aufzufassen, wie ein Streit mit einer Gruppe von Wewelsburgern um die Herrichtung des 1988 unter Denkmalschutz gestellten ehemaligen Appellplatzes des KZ in jüngerer Zeit zeigte: eine Hinweis- oder Mahntafel war nicht durchzusetzen. Allein die ehemalige Lagerstraße wurde durch Randsteine deutlich gemacht und verweist noch auf die KZ-Vergangenheit.


[1] Zit. nach: K. Hüser: Wewelsburg 1933 bis 1945. Kult- und Terrorstätte der SS. Eine Dokumentation, 2. Aufl., Paderborn 1987, S. 242.
[2] K. Hüser: a.a.O., S. 96.
[3] Zit. nach: A. Ruppert / W. E. Brebeck: Wewelsburg, in: J. Meynert / A. Klönne, (Hrsg.): Verdrängte Geschichte - Verfolgung und Vernichtung in Ostwestfalen 1933 - 1945 / Bielefeld 1986, S. 323-372, hier: S. 326.






QUELLE    Hüser, Karl / Brebeck, Wulff E. | Wewelsburg 1933-1945 | S. 5-13
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

AUFNAHMEDATUM2004-02-25
AUFRUFE GESAMT10199
AUFRUFE IM MONAT61