QUELLE

DATUM1914-08-03   Suche   Suche DWUD
AUSSTELLUNGSORTGütersloh
TITEL/REGESTBericht über die Mobilmachung im August 1914 im Gütersloher Tageblatt vom 03.08.1914
TEXTGütersloh, 3. Aug. ("Mobilmachung!") Seit 44 Jahren ist dies inhaltsschwere Wort nicht mehr durch Deutschlands Auen geflogen. Und doch ist es jedem Deutschen so vertraut. Wie oft hat der gediente Mann es in der Instruktionsstunde gehört, wie oft war in der Kontrollversammlung davon die Rede, wie deutlich steht es in seinen Paßvorschriften gedruckt, wie manchmal hat er in frohen Freundeskreisen darüber gescherzt und gelacht. Heute tritt es in seiner ganzen Größe und Wucht vor uns. Der Kaiser hat am Sonnabend die Mobilmachung des gesamten deutschen Heeres befohlen. An Millionen Männer geht dadurch der Befehl, sich einzustellen für die Verteidigung des Vaterlandes. Von diesem Augenblick an tritt eine gewaltige Veränderung ein. Alle sonst im Leben bestehenden Unterschiede fallen, ein und dasselbe sind wir alle: Verteidiger des Vaterlandes. Jedes Gefühl des Gegensatzes, das aus Geburtsland, Stand, Partei oder Bekenntnis sonst wohl erwächst, ist erstorben. Wir sind wieder ein "einzig Volk von Brüdern", das in seiner Gesamtheit und in jedem einzelnen Teil von einem furchtbaren Feind bedroht ist, das sich einmütig erhebt mit der Losung: Einer für alle, und alle für einen. - "Der König rief und alle, alle kamen." Wie oft hat dieses schlichte und doch so bedeutsame Wort in dem Jahre der Erinnerungsfeier an die Befreiungskriege uns gerührt. Der Kaiser hat wiederum gerufen und alle, alle kommen, jeder strebt nach dem Orte hin, der ihm als Sammelpunkt bezeichnet ist. Wohl ist der Abschied von Vater und Mutter, von Geschwistern und Kindern, von Frau und Braut, von Verwandten und Freunden schwer und erschütternd. Nicht Übermut und Rauflust beherrschen die Gefühle, sondern Liebe zum Vaterland, Aufopferung für die Allgemeinheit, ein Pflichtgefühl, das nicht fragt, ob Tod oder Verwundung, Gefangenschaft oder Untergang droht. Keiner von uns hat den Krieg gewollt. Ein jeder wollte als fleißiger Arbeiter in seiner Art sein Brot verdienen, seine Familie ernähren und am Fortschritt der Menschheit arbeiten. Aber auch wir langmütigen Deutschen kennen eine Grenze. Wenn man unser Vaterland bedroht, wenn wilde Kosaken unsere lachenden Fluren zertreten sollen, wenn blutgierige Neger herangeführt werden, um Haus und Hof uns zu zerstören, Frauen und Kinder zu mißhandeln und zu schänden, dann wallt dem Deutschen auch sein Blut, und nach alter Väter Art greift er zum Schwert und schützt mit starker Hand Haus und Herd, König und Vaterland. - "Wir alle wollen Hüter sein", das ist der vorherrschende Gedanke. Wie einst unsere Ahnen auszogen, um die Zwingherrschaft des Korsen zu brechen, wie unsere Väter die Herausforderung Napoleons III. annahmen, so nehmen wir den Handschuh auf, der uns zu gleicher Zeit von mehreren Seiten zugeworfen wird. Je mehr Feind, je mehr Ehr. Nach alter deutscher Germanenart schließen wir uns fest zusammen und rücken im Vertrauen auf Gott und unsere Sache dem Feinde entgegen. Das ganze Volk bittet Gott in dieser tiefernsten Stunde, dass er unseren Kaiser und seine ganze Familie in den Gefahren des Krieges beschirmen möge, dass er seine Hand halte über unser Vaterland, und seine Söhne in Kampf und Not nicht verlassen möge. Millionen Hände flehen heute zum Himmel um Schutz und Schirm, die Ausziehenden denken der Liebenden, die sie verlassen müssen, die Verlassenen senden ihre Wünsche und Gebete den Ausziehenden nach, möge der Krieg sie in russische Einöden und dunkle Wälder, aber durch Frankreichs lachende Fluren und glänzende Städte führen. Wo immer des Königs Befehl sie hinstellt, im Geiste sind die Lieben bei ihnen. Ein jeder auf dem Kriegsschauplatz und in der Heimat wird seine Pflicht tun und wir hoffen, dass der alte Gott auch diesmal uns nicht verlassen wird.

"Mobilmachung befohlen!" Es war am Sonnabend abend gegen 1/2 7 Uhr, als diese inhaltsschweren Worte mit dem gleichzeitigen Hinzufügen "Erster Mobiltag 3. August" von amtlicher Stelle bekannt gegeben und dann durch Extrablätter und Anschläge, wobei unsere Gymnasiasten wieder wie auch bei Zustellung von Gestellungsbefehlen eifrig in Aktion traten, verbreitet wurden. Vergeblich hatte alles schon auf Rußlands Antwort geharrt und nach diesem bedenklichen Schweigen war es klar: Der vorangegangenen Erklärung des Kriegsstandes wird nun die Mobilmachung folgen. Mit würdigem Ernst und lobenswerter Haltung nahm die Gütersloher Bürgerschaft die Botschaft von der Mobilmachung entgegen. Zwar gab es im selben Augenblick viel tränenfeuchte Augen, aber auch helle Begeisterung klang aus den Worten, die von den Lippen der jungen Vaterlandsverteidiger kamen und nicht gering war die Zahl derer, welche herbeieilten, um sich freiwillig zum ernsten Dienst für König und Vaterland, für Kaiser und Reich anzubieten. Durch die Straßen flutete wieder wie kurz zuvor eine große Menschenmenge, die auf die Mobilmachung sich beziehenden Bekanntmachungen und die Militärfahrpläne studierend, welche letztere mit kommender Macht in Kraft treten. Das Ziel aller war der Bahnhof, wo eifrig geschafft und auch noch emsig gearbeitet wird. Diese sonst so ruhig daliegende Verkehrsstelle war auch gestern förmlich umlagert, und wo nicht sonst in der Stadt gab es hier ein Verabschieden vom Freunde oder guten Bekannten. Unsere Jugend aber, sie wollte Soldaten sehen und ihnen zujubeln, und wo nur Reservisten oder eine Uniform im vorbeieilenden Eisenbahnzuge sichtbar wurden, da erscholl ein lautes Hurrah und man kann schon daraus ermessen, in welcher Art und Weise unser Bahnhof von nun ab gewissermaßen ein Sammelpunkt der Bürgerschaft werden wird. "Für König und Vaterland" tätig zu sein, haben auch unsere Frauen und Mädchen sich entschlossen und schon jetzt bieten sich erfreuliche Anzeichen dafür, dass nicht eine zurückstehen will im Liebesdienst, der, will's Gott, nicht allzu lange erwiesen zu werden braucht. - Für die zum Heer Einberufenen hatte das Presbyterium einen Sondergottesdienst mit Austeilung des heiligen Abendmahls für gestern früh 7 Uhr beschlossen. Es war eine feierlich ernste Stunde, in welcher Herr Pastor Meinshausen zu den im Gotteshause Versammelten sprach und den Einberufenen nahe legte, hinauszuziehen "Mit Gott" für König und Vaterland und im Gebet stets eingebend zu sein, dass Gott der Lenker der Schlachten ist. Mögen wir dies erfahren, möge Gott mit unserm Heer zu Lande und zu Wasser sein und möge er uns den Sieg bescheeren in einem Kampfe, zu dem unser Volk in so frecher Art herausgefordert ist, wie kaum je zuvor.


PROVENIENZ  Stadtarchiv Gütersloh
BESTANDGütersloher Tageblatt, 25. Jg., Nr. 179


SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ165   Presseveröffentlichung (Zeitungsartikel)
Zeit3.9.10   Erster Weltkrieg <1914-1918>
Ort2.2.2   Gütersloh, Stadt
Sachgebiet5.2   Militärorganisation, Wehrverfassung
5.7   Soldatinnen/Soldaten
5.7.1   Militärdienst, Militärausbildung
DATUM AUFNAHME2004-03-24
AUFRUFE GESAMT2936
AUFRUFE IM MONAT7