PERSON

FAMILIELohmann
VORNAMEElse


GESCHLECHTweiblich
GEBURT DATUM1897-08-29   Suche
EHEPARTNER1922 Amsterdam: Cees van der Feer Ladér
TOD DATUM1984-06-25   Suche
TOD ORTBaarn (Niederlande)


VATERLohmann, Carl
MUTTERBensen


BIOGRAFIE

Melodie der Farben Das Leben der Malerin Else Lohmann

"Ich fange an zu malen, wenn ich ergriffen, fast in Trance bin; stets strebe ich in meiner Arbeit danach, die Harmonie und Freude darzustellen, die mich inspirierten - nicht die genaue Zeichnung und Farbe - in der Hoffnung, daß diese Kraft den Betrachter so fasziniert, daß er das nicht nachdrücklich Mitgeteilte entwickelt und somit selbst Schöpfer wird."[16]
Einsam und allein sitzt ein junges Mädchen im Garten der Bielefelder Cecilienschule und malt. Else Lohmann muß jedoch keine Strafe abbüßen, im Gegenteil: Sie genießt ein Privileg, das die Leitung der höheren Mädchenschule ihrer talentierten Schülerin einräumt, damit diese sich in ihrer Malerei vervollkommnen kann. Das ist übrigens die einzige Förderung ihrer Begabung, die Else Lohmann in ihrer Heimatstadt Bielefeld zu Lebzeiten erfährt. Das Beispiel ist geradezu symptomatisch für die Situation von Malerinnen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und die öffentliche Anerkennung, die ihnen zuteil wurde.
"Der Ruhm von Künstlern/innen manifestiert sich in der Präsenz, die ihr Werk in der Kuristliteratur, in Kunstausstellungen und im Kunsthandel einnimmt, und der Grad dieser öffentlichen Präsenz bestimmt das Maß ihres Ruhmes."[17]
Else Lohmanns malerisches Werk blieb lange Zeit vom offiziellen Kunstbetrieb ihrer Heimatstadt unbemerkt. Erst 1983 wurden Bilder der inzwischen hochbetagten Künstlerin von der Kunsthalle Bielefeld in der Ausstellung "Malerei und Graphik 1900-1933" gezeigt. Dabei war es letztendlich einer privaten Initiative zu verdanken, daß Else Lohmanns Bilder schließlich neben so berühmten westfälischen Künstlern wie beispielsweise Peter August Böckstiegel, Ludwig Godewols oder Hermann Stenner ausgestellt wurden: 1980 hatten ihre Bilder in der Bielefelder Galerie Jesse einen so überraschend großen Anklang gefunden, daß sich endlich auch die Kunsthalle für die aus Bielefeld stammende Künstlerin zu interessieren begann. Bisher hat diese städtische Einrichtung jedoch keines ihrer Werke für die eigene Sammlung gekauft, obwohl die Bilder aus dem Nachlaß der inzwischen verstorbenen Malerin im Kunsthandel angeboten werden.


Malweiber

"Sehen Sie, Fräulein, es gibt zwei Arten von Malerinnen: die einen möchten heiraten und die anderen haben auch kein Talent."[18]
Bildende Künstlerinnen mußten noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ständig gegen das Vorurteil ankämpfen, daß sie Dilettantinnen waren. Diese - häufig sogar berechtigte Abwertung ihrer künstlerischen Leistungen verdankten die Frauen zuallererst ihren schlechten Ausbildungsbedingungen: Wie eingangs dargestellt wurde, zielte die ästhetische Erziehung für Mädchen nicht auf eine berufsqualifizierende Ausbildung, sondern war Teil der "Mußekultur", die sich auf den häuslich-familiären Bereich beschränkte.
"Viele Damen wollen so für sich und ihre Familien etwas malen lernen. Dann zeichnen sie etwas, fangen dann etwas zu malen (an), Aquarell und Öl vielleicht, können dann vielleicht ganz nette Landschaften malen und so für den Haushalt genug. Das kann man in zwei Jahren erreichen. Sie können dann aber nichts ordentlich."[19]
Bis zum Revolutionsjahr 1918 war Frauen der Zugang zu den Kunstakademien (bis auf wenige Ausnahmen) ebenso verwehrt wie das Aktstudium zusammen mit männlichen Kollegen. Während Männer eine öffentlich anerkannte akademische Ausbildung absolvieren konnten, waren Frauen auf Privatschulen verwiesen, die noch dazu häufig einen zweifelhaften Ruf hatten. Ihre Ausbildung war also weder professionell noch institutionalisiert. So verwundert es nicht, daß die meisten bildenden Künstlerinnen tatsächlich mehr oder weniger Dilettantinnen blieben, was ihnen die verächtliche Bezeichnung 'Malweiber' eintrug. Aber selbst wenn es einer Frau gelungen war, eine qualifizierte künstlerische Ausbildung zu absolvieren, wurde ihr der Erfolg verwehrt und das Streben nach öffentlicher Anerkennung als Mangel an Bescheidenheit ausgelegt. Wenn eine Künstlerin hauptberuflich arbeitete, dann verstieß sie vollends gegen ihre "natürliche" Bestimmung:
"Emanzipationsversuche der Frau als Künstlerin wurden entschieden bekämpft und als krankhafte Deformation der Weiblichkeit angeprangert. Man forderte, 'daß auch die Künstlerin vor allem Weib sein und bleiben muß', da sie sich sonst 'gegen die Natur und somit gegen die Schöpfungsordnung' versündige. Als unabsehbare Folge der weiblichen künstlerischen Tätigkeit fürchtete man krankhafte 'Unweiblichkeit öder Überweiblichkeit, die nur durch eine Rückbesinnung auf die eigentliche 'natürliche Funktion' als Gattin und Mutter beseitigt werden könne."[20]

Else Lohmann: Wunsch und Wille

So war der Stand der Dinge, als die hochbegabte Else Lohmann am 29.08.1897 als viertes von fünf Kindern einer großbürgerlichen und alteingesessenen Familie in Bielefeld auf die Welt kam. Die Eltern waren aufgeschlossen und weltoffen. Der Vater Carl Lohmann hatte längere Zeit mit seiner Familie in London gelebt, wo er ein Im- und Exportgeschäft besaß, bevor er in Bielefeld die Lohmann Werke AG gründete. Die Mutter, eine geborene Bensen, stammte aus einer Arztfamilie in Bückeburg. Es wurde gern und viel musiziert im Hause Lohmann, und Else lernte sehr gut Geige spielen. Besonders gern aber malte und zeichnete sie. Welch einen Spaß hatten sie und ihr älterer Bruder Adolf, wenn Else zu den Geschichten, die die beiden sich ausdachten, lustige Zeichnungen anfertigte. Den ernsthaften Wunsch, Malerin zu werden, entdeckte Else Lohmann jedoch erst als junges Mädchen in Dresden. Sie besuchte dort ein Töchterpensionat, wohin sie die Eltern 1914, nach Beendigung ihrer Ausbildung an der Bielefelder Cecilienschule, geschickt hatten.

Dresden war damals eine lebendige Kunststadt. Es gab die Akademie, an der der bekannte Bielefelder Maler Peter August Böckstiegel seit 1913 arbeitete, und die ihr eng verbundene Gemäldegalerie. In den Staatlichen Kunstsammlungen lernte Else Lohmann Werke der alten Meister Raffael, Tizian und Rembrandt kennen. Drei bedeutende Galerien und der Sächsische Kunstverein öffneten sich mehr und mehr der modernen Kunst und stellten sowohl Bilder von van Gogh, Gauguin und Munch aus als auch Werke von avantgardistischen Malern, die sich 1905 in der Dresdner Künstlergemeinschaft "Die Brücke" zusammengeschlossen hatten. Außerdem gab es die Musikhochschule in Dresden und daher auch ein hochkarätiges musikalisches Angebot. In dieser kunstgeschwängerten Atmosphäre erhält Else ihre ersten richtigen Malstunden. Begeistert berichtet sie nach Hause: "Wir haben hier jede Minute, fast jede Sekunde ausgefüllt. Keinen freien Augenblick, höchstens einige kurze Minuten vor und nach dem Essen! Aber das gefällt mir!"[21]

Ein Jahr später kehrt Else Lohmann nach Bielefeld zurück und besucht dort die Kunstgewerbeschule am Sparrenberg. Obwohl so anerkannte Lehrkräfte wie Ludwig Godewols und Gertrud Kleinhempel sie unterrichten, leidet Else Lohmann unter dem sehr verschulten Unterricht. Sie sehnt sich nach Dresden zurück. Aber sie muß sich ein ganzes, langes Jahr gedulden, bevor ihr die Eltern diesen Wunsch erfüllen.

1916 ist es dann endlich soweit: Else Lohmann kehrt nach Dresden zurück. Da Frauen noch immer nicht zum Studium der Kunst an den Akademien zugelassen sind, setzt sie ihre Ausbildung in der privaten Malschule von Johann Walter-Kurau fort. Der baltische Maler aus Riga hat an der Petersburger Akademie sein Studium mit Auszeichnung bestanden und lebt und arbeitet seit 1906 in Dresden. Als Walter-Kurau kurze Zeit darauf seine Malschule nach Berlin verlegt, folgt ihm Else Lohmann, trotz der kriegsbedingten Wirren, wenig später dorthin nach. Ihr Lehrer, den Else Lohmann sehr verehrt, prägt ihre Entwicklung ausgesprochen stark. Die nun folgende Zeit wird zur schöpferischsten Schaffensperiode ihres Lebens: Es entstehen ausdrucksstarke, kubistisch beeinflußte Kohlezeichnungen, intensive expressionistische Porträts, Akte und Landschaften von hoher Qualität.[22]
"Ihre in den Jahren 1917-1921 entstandenen Bilder brauchen den Vergleich mit denen ihrer expressionistischen Zeitgenossen nicht zu scheuen, brauchen vielmehr gerade diesen Vergleich. Der Landschaft kommt innerhalb ihres OEuvre eine besondere Bedeutung zu. Es ist jedoch nicht die Stadtlandschaft, sondern die freie Natur, der ihr Augenmerk gilt. Bäume werden zu flächigen Massen zusammengefaßt oder gliedern den Raum als zerrissene, fleckenhafte Schrunden. Der Farbauftrag ist kompakt und vollzieht sich - bei aller Dynamik - in ruhigen Bewegungen. (...)"[23]
Obwohl Else Lohmanns Bilder in der ersten Zeit deutlich von Walter-Kuraus Technik beeinflußt sind, entwickelt die Künstlerin nach und nach eine sehr klare eigene Handschrift, die an bekannte zeitgenössische Künstlerinnen erinnert: Paula Modersohn-Becker, Wassily Kandinsky, Robert Delaunay.
"Und dennoch kann man durchaus von einem eigenständigen Stil Else Lohmanns sprechen: die suggestive Kraft der Bildmittel, das harmonische Zusammenspiel von Farbe und Form, die "Melodie der Farbe", die ihr ganzes Tun und Denken beeinflußte, die Impulsivität, mit der sie das Gesehene unter Verzicht des Schrillen, Provokanten auf die Leinwand bannte (wobei sie bewußt das kleine Format wählte), machen das Betrachten ihrer Bilder zu einem sinnlichen und ansprechenden Erlebnis."[24]

Zäsur

1921 reist Else Lohmann mit ihrer Mutter nach Italien und lernt dort den holländischen Kunstsammler Cees van der Feer Lader kennen. Bereits ein Jahr später, 1922, heiraten die beiden in Amsterdam. Else Lohmann investiert nach der Hochzeit nicht nur ihr gesamtes Erbe in die Geschäfte ihres Mannes, sondern widmet seiner Arbeit auch den größten Teil ihrer Zeit und Energie. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder (1923, 1926) findet sie dann noch weniger Gelegenheit zum Malen.

Die Eheschließung erweist sich somit für die künstlerische Entwicklung von Else Lohmann als Zäsur und bereitet ihrem künstlerischen Reifungsprozeß ein abruptes Ende. Die Bilder, die nach ihrer Heirat entstehen, unterscheiden sich nicht nur durch eine andere Signatur von ihren frühen Berliner Werken:
"Die Künstlerin Else Lohmann war eine andere geworden, eine andere Künstlerin. Zwar sind ihre Handschrift und die typische Farbgebung auf ihren Gemälden nach 1922 noch zu erkennen, doch fehlt ihnen, was die in Berlin entstandenen Werke auszeichnet: eine spezifische Kraft, die Kühnheit der Form und die Freiheit der Farbe, eben das, was Else Lohmann zu einer bedeutenden Malerin macht."[25]
In späteren Jahren malt Else Lohmann zwar wieder regelmäßig und beteiligt sich auch an zahlreichen Ausstellungen, vorwiegend in den Niederlanden. An ihre frühere Reife der Berliner Zeit kann sie jedoch nicht mehr anknüpfen. So verwundert es nicht, daß selbst ihre kunstverständige Nichte, Liselotte Heise aus Bielefeld, die ihre Lieblingstante regelmäßig an ihrem holländischen Wohnort Baarn besucht, Else Lohmanns frühes Talent mehr durch einen Zufall entdeckt: Zum 80. Geburtstag der Künstlerin hat der Baarner Malkreis am 27.08.1977 eine Ausstellung organisiert, wo Else Lohmanns Berliner Werke aus den zwanziger Jahren zum ersten Mal gezeigt werden. Liselotte Heise ist begeistert und setzt sich seitdem unermüdlich dafür ein, daß Else Lohmanns Werke in Bielefeld zu sehen sind.

Else Lohmann stirbt am 25.06.1984 in Baarn, Holland. Ihren bisher größten Erfolg in ihrer Geburtsstadt erlebt die Künstlerin daher nicht mehr: Im Mai 1986 wird eine retrospektiv angelegte Ausstellung im Bielefelder Museum Waldhof gezeigt, die damals zugleich Else Lohmanns größte Einzelausstellung in Deutschland war.


Künstlerin und Ehefrau - unvereinbare Berufe?

Die Sängerin Sophie Crüwell und die Malerin Else Lohmann haben als Frauen bürgerlicher Herkunft im 19. bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine ungewöhnliche Laufbahn eingeschlagen. So mußten beide - obwohl außerordentlich talentiert - viel Mut und Durchsetzungskraft beweisen, um eine professionelle Ausbildung als Künstlerin zu erlangen. Ihr Weg mag ihnen erleichtert worden sein, weil sie aus begüterten, einflußreichen Elternhäusern stammten, die sie unterstützten: Beide Familien finanzierten ihren Töchtern in der Fremde nicht nur die bestmögliche Ausbildung, die Frauen zugänglich war, sondern sie konnten ihnen auch wichtige Kontakte vermitteln und weitgehende familiäre Unterstützung sichern.

So ist von Sophie Crüwell bekannt, daß sie, solange sie unverheiratet war, offizielle Empfänge gemeinsam mit ihrer Mutter oder einem anderen Familienmitglied besuchte: "Ihr Bruder August (...) erzählte oft, welch schnurrige Hoftoilette er hatte (Dreispitz und Degen), um sie zu begleiten, wenn sie bei Hof (Frkr./Engl.) eingeladen war."[26]

Auch Else Lohmann genoß den Schutz ihrer Familie: Als sie in Dresden ihre Ausbildung im Atelier von Walter-Rurau begann, wußten ihre Eltern sie wohlbehütet bei einer Tante aufgehoben. Diese war es vermutlich auch, die den Kontakt zu dem bekannten Maler hergestellt hatte, da er in ihrem Haus regelmäßig verkehrte und gut bekannt war.

In Berlin, wohin Walter-Rurau seine Malschule verlegte, besaß die Familie Lohmann keine Verwandten. Deshalb erlaubten die Eltern ihrer Tochter zunächst nicht, ihrem verehrten Lehrer aus Dresden dorthin zu folgen. Erst als der Vater Ende 1916 plötzlich verstarb gelang es Else Lohmann, ihrer Mutter diese Erlaubnis doch noch abzuringen, so daß sie ihre Ausbildung im Januar 1917 in Berlin bei Walter-Rurau schließlich fortsetzen konnte. Dennoch endete die familiäre Fürsorge mit diesem Umzug nicht: So begleitete die Mutter ihre Tochter zunächst nach Berlin und lud sie später auch zu der Bildungsreise nach Italien ein, auf der Else Lohmann 1921 ihren späteren Mann kennenlernen sollte.

Sowohl Sophie Crüwell als auch Else Lohmann haben es somit zu einem großen Teil ihren Familien zu verdanken, daß sie überhaupt eine künstlerische Ausbildung erhielten, die es ihnen ermöglichte, über das Stadium einer Dilettantin hinauszuwachsen und als professionelle Künstlerinnen erfolgreich zu arbeiten. Die weitreichende Obhut ihrer Herkunftsfamilien war es jedoch auch, die den beiden Künstlerinnen, die als Frauen in der damaligen Gesellschaft wenig anerkannte Berufe ausübten, die Möglichkeit eröffnete, trotzdem eine standesgemäße Ehe einzugehen: Trotz ihrer Erfolge konnten beide Frauen nach wie vor als behütete Töchter gelten.

Für Sophie Crüwell und Else Lohmann erwies sich die Ehe-schließung als schwerwiegender Einschnitt in ihrer künstlerischen Laufbahn. Beide gaben die Kunst als eigenständigen Beruf auf und ordneten sich den ehelichen Aufgaben und Pflichten unter. Damit haben sie allerdings weniger eine individuelle Entscheidung getroffen. Dieser Entschluß entsprach vielmehr den damals gültigen Vorstellungen, wonach eine Frau ihrer wahren Bestimmung nur auf eine einzige Art gerecht werden konnte, und die bestand in der völligen Unterordnung unter den Mann. Dabei war es selbstverständlich, daß auch eine erfolgreiche Künstlerin auf ihr eigenes kreatives Schaffen verzichtete und statt dessen dem Gatten freudig ihr gesamtes Leben widmete:
"Beglückt, im Schatten des Größeren sich mit der zweiten Rolle zu bescheiden, versteht sie es, seinem Gestaltungsdrange herbeizuschaffen, was er ersehnt, zahllose Hemmnisse wegzuräumen. Sie lernt mit seinen Augen sehen, weckt in sich Vorstellungen seiner Einbildungskraft."[27]
Dieser Konflikt, zwischen Beruf und Ehe wählen zu müssen, war im 19. Jahrhundert also kein Einzelschicksal. So wurde Käthe Kollwitz kurz vor ihrer Eheschließung von ihrem Vater ermahnt, daß sie nun, da sie ihre Wahl zwischen Kunst und Ehe getroffen habe, ganz Ehefrau sein müsse, da beides nicht zu vereinen sei. Auch Paula Modersohn-Becker erhielt vor ihrer Hochzeit von ihrem Vater einen ganz ähnlich lautenden Rat. Falls eine Künstlerin trotz allem insgeheim hoffte, in ihrer Ehe dennoch genügend Freiraum für ihre kreative Arbeit zu finden, so erwies sich das für viele von ihnen als Illusion:
"Für sie (die Künstlerin, A.B.) bedeutete die Ehe eine zusätzliche, ihre Kräfte völüg beanspruchende Belastung, denn sie mußte ihre Begabung den privaten, einseitig fixierten Ansprüchen als Ehefrau und Mutter opfern und durfte ihre künstlerische Tätigkeit bestenfalls als Nebenbeschäftigung oder als Anregung für das künstlerische Schaffen des Mannes betrachten."[28]
Insofern haben Sophie Crüwell und Else Lohmann eine geradezu beachtliche Leistung vollbracht, indem sie - zwar in eingeschränkter Form - auch nach ihrer Eheschließung noch öffentlich als Künstlerinnen in Erscheinung traten und bis ins hohe Alter entsprechende Anerkennung erhielten.


Anmerkungen

[16] Lohmann 1957. Zit. n. einem Manuskript von Michael Stoll, o. J., in: Seidensticker-Delius 1991, S. 26-27.
[17] Nobs-Greter 1987, S. 10.
[18] Paul, Bruno: Karikatur "Malweiber" mit Text in: Simplicissimus 6/1901. Zit. n. Sauer 1987, S. 22.
[19] Rilke-Westhoff am 20. 3. 1896 in einem Brief an die Eltern. Zit, n. Sauer 1987, S. 27.
[20] Sauer 1987, S. 24.
[21] Lohmann am 11. 11. 1914 in einem Brief an die Eltern, in: Seidensticker-Delius 1991, S. 75.
[22] Vgl. Seidensticker-Delius 1991, S. 13.
[23] Breitling 1991, S. 76/77.
[24] Seidensticker-Delius 1991, S. 67.
[25] Breitling 1991, S. 76.
[26] Brieffragment o. D., Familienbesitz.
[27] Hildebrandt 1928, S. 35. Zit. n. Sauer 1987, S. 23.
[28] Sauer 1987, S. 24.


Literatur

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BREITLING, GISELA
Glut und Kühle der Landschaft. Die expressionistische Malerin Else Lohmann, in: MuseumsJournal Nr. IV, 5. Jg., Oktober 1991, S. 76-77.

ENGEL, HANS
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"...geistig in Fesseln?" Zur normativen Plazierung der Frau als "Kulturträgerin" in der bürgerlichen Gesellschaft während der Frühzeit der deutschen Frauenbewegung, in: Koselleck, R. und Lepsius, M. R. (Hrsg.): Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert, Teil III, Stuttgart 1992, S. 113-175.

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HOPFNER, JOHANNA
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RIEGER, EVA
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SAUER, MARINA
Dilettantinnen und Malweiber. Künstlerinnen im 19. und 20. Jahrhundert, in: Das Verborgenen Museum I, Berlin 1987.

SAX-DEMUTH, WALTRAUD
Eine "Afrikanerin" aus Bielefeld, in: Westfalen-Blatt Nr. 202, 31. 8./ 1.9. 1991.

SCHEFFLER, KARL
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SEIDENSTICKER-DELIUS, NICOLE
Ehe Lohmann - Farbbekenntnisse. Das malerische Werk der Bielefelder Künstlerin, Bielefeld 1991.

SONNTAG, K. G.
Sittliche Ansichten der Welt und des Lebens für das weibliche Geschlecht, in: Vorlesungen, 2 Bde., Riga 1818-1820.

WEBER, ROSEMARIE
Sophie Crüvelli, Königin der Pariser Oper, in: Unser Bocholt, Zeitschrift für Kultur- und Heimatpflege, 1. Vierteljahr 1960, S. 23-26.

Ann Brünink

QUELLE   | "Was für eine Frau!" | S. 96-104
PROJEKT  Portraits von Frauen aus Ostwestfalen-Lippe
AUFNAHMEDATUM2007-06-20


PERSON IM INTERNETBiografien, Literatur und weitere Ressourcen zur Person mit der GND: 11906586X
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QUELLE     | "Was für eine Frau!" | S. 83-104

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Zeit3.7   1800-1849
3.8   1850-1899
3.9   1900-1949
Ort2.1   Bielefeld, Stadt <Kreisfr. Stadt>
Sachgebiet6.8.8   Frauen
15.4.1   Malerei, Maler/Malerin
DATUM AUFNAHME2003-10-28
DATUM ÄNDERUNG2010-09-20
AUFRUFE GESAMT2732
AUFRUFE IM MONAT52