Quelleneditionen > Erster Weltkrieg


Schulwandbild Speise- und Giftpilze Anfang 20. Jh. (Tafel 1) / Bestand des Saarländischen Schulmuseums, Inventarnummer: 2008SSM48.1







Anette Liermann / Eva Osterholt

Schulwesen


Die in den Quellen thematisierte und vom Oberpräsidenten der Provinz Westfalen 1917 angeordnete Verordnung, Pilzsammelaktionen zu organisieren, muss im Zusammenhang mit der dramatischen Versorgungslage der Bevölkerung während der letzten Kriegsjahre des Ersten Weltkrieges gesehen werden. Die Blockade der Alliierten und eine schlechte Kartoffelernte im Jahr 1916 hatten zu einer besonderen Verschärfung des Versorgungsnotstandes geführt.

Die sechs edierten Quellen aus dem Jahr 1917 sind Teil der Akte "Verwendung schulpflichtiger Kinder zu Feld und anderen landwirtschaftlichen Arbeiten"[1] und sollen einen Einblick in das umfangreiche Schriftmaterial zur untersuchten Pilzsammelaktion geben. Auswahlkriterien der sechs Dokumente waren erstens, eine der relevantesten angeordneten Maßnahmen zu dokumentieren, nämlich die Ausbildung der Lehrer im Rahmen geführter Pilzexkursionen. Dies sollte zweitens durch das Heranziehen sowohl offizieller Dokumente der Behörden als auch persönlicher Schreiben teilnehmender Lehrer, also aus zwei unterschiedlichen Perspektiven, geschehen.

Die Pilzsammelaktion in Westfalen 1917 dokumentiert beispielhaft staatliche Maßnahmen im Deutschen Reich, mit denen die Schulen - Lehrer und Schüler - aktiv in die Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln einbezogen wurden. Die systematische Heranführung dieses Kreises an die Nutzung bis dahin nicht genügend erschlossener oder unbeachteter natürlicher Ressourcen in den heimatlichen Wäldern war schon am 16.09.1915 Gegenstand eines Erlasses der Preußischen Unterrichtsverwaltung.[2] Zu diesen Naturerzeugnissen gehörten zum Beispiel Bucheckern, Wildgemüse, Beeren und Pilze. Um eine maximale Nutzung der essbaren Pilze zu erreichen und andererseits Vergiftungen zu verhindern, war die Schulung der Lehrer von besonderer Bedeutung, weswegen umfangreiche Maßnahmen ergriffen wurden.

Am 15.06.1917 gründete man in Münster eine "Pilzprüfungsstelle" unter der Leitung des Botanikers Dr. Alfred Heilbronn (Universität Münster), hier war der Ausgangspunkt professioneller Schulungen. Im Bericht der Pilzprüfungsstelle von 1917[3], in dem die Ergebnisse der Pilzsammlung ausgewertet wurden, sind die Schulungsmaßnahmen quellenmäßig fassbar: Spezielle theoretische Vorträge in mehreren Städten gingen den Lehrer-Exkursionen voraus, neue Schaubilder für den Unterricht entstanden. Dazu kamen Fortbildungskurse, Vorträge, Pilzlehrgänge, eine Ausstellung und eine regelmäßige Pilzsprechstunde. Angebote, die Lehrern, Studierenden, aber auch interessierten Bürgern offen standen. Das nachhaltige Ziel der Maßnahmen war die Popularisierung des Pilzsammelns in der Bevölkerung, um neue Wege in der Bewältigung der dramatischen Versorgungslage aufzuzeigen.

Die Ergebnisse der Pilzsammelaktion von 1917 kann man aufgrund des vorliegenden Berichtes der Pilzprüfungsstelle wie folgt zusammenfassen: Grundlage waren 400 Berichte von teilnehmenden Lehrern, wobei alle quantitativen Angaben Schätzungen sind. Der Pilzverzehr stieg im Jahr 1917 um das drei- bis vierfache, dennoch waren die Vorbehalte in ländlichen Gebieten groß, im Industriegebiet dagegen bestand eine bessere Akzeptanz von Pilzen als Nahrungsmittel. Es wurden schätzungsweise 1.204.000 Pfund gesammelt, doch bei größerer Aufklärung könnte man die Sammelmengen um das Acht- bis Zehnfache steigern. Die Lehrer und Schüler griffen trotz Schulung meist zu den bekannten Arten. Verwertet wurden die Pilze in der Regel frisch, Methoden zur Haltbarmachung waren noch nicht ausreichend verbreitet, als Viehfutter wurden sie gar nicht akzeptiert. Der Handel mit den gesammelten Pilzen war teilweise sehr erfolgreich und könnte eine Erwerbsperspektive für die wirtschaftlich schwächere Bevölkerungsschicht sein. Logistische Probleme bestanden bei der Verteilung von Pilzen in Gebieten mit geringem Vorkommen. Vergiftungen wurden nicht bekannt und die Kommunen beteiligten sich mit eigenen Aktivitäten an der Aufklärung der Bevölkerung bezüglich der Pilze als Nahrungsressource.








Der Erste Weltkrieg in Westfalen - Ausgewählte Archivquellen



 
Quellen
 
 
Anmerkungen
[1] LAV NRW Abteilung Westfalen, Regierung Arnsberg, Nr. 33151.
[2] Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen. Erlasse für den "Kampf an der Heimatfront", in: Kronenberg, Martin: Die Bedeutung der Schule für die "Heimatfront" im Ersten Weltkrieg. Sammlungen, Hilfsdienste, Feiern und Nagelungen im Deutschen Reich. Diss. Göttingen 2010, Anhang, S. 5.
[3] Es handelt sich um ein undatiertes, maschinengeschriebenes siebenseitiges Dokument in LAV NRW Abteilung Westfalen, Regierung Arnsberg, Nr. 33151.
 
 
Literatur
  • Kronenberg, Martin: Die Bedeutung der Schule für die "Heimatfront" im Ersten Weltkrieg. Sammlungen, Hilfsdienste, Feiern und Nagelungen im Deutschen Reich. Diss. Göttingen 2010.
  • Roerkohl, Anne: "Viel Suppe gabs und wenig Brot". Die Erschließung neuer Nahrungsquellen während der Hungersnot im Ersten Weltkrieg in Westfalen, in: Rheinisch-Westfälische Zeitschrift für Volkskunde, Bd. 36 (1991), S. 69-90.
  • Dies.: Hungerblockade und Heimatfront. Die kommunale Lebensmittelversorgung in Westfalen während des Ersten Weltkriegs, Stuttgart 1991.
  • Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht (Hrsg.): Schule und Krieg. Sonderausstellung im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht Berlin. Ausführliche Beschreibung mit 49 Abbildungen auf Tafeln und im Text, Berlin 1915.
 
 


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