Arminius - Varus > 4. Rezeption





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4. Rezeption


 
 
 
Die Rezeption der Varusschlacht hat bereits in römischer Zeit eine Ausschmückung durch die antiken Autoren erfahren. So konnte die Darstellung dem Leser etwa vor Augen führen, wie vermeintlich berechtigt seine Angst vor dem "furor teutonicus", einem Geschichtstrauma der Römer, war. Sie konnte aber auch als Rahmenhandlung die römischen Tugenden verdeutlichen oder als Bühne für den Abgleich zwischen der römischen und der germanischen Kultur und Mentalität dienen. Mit den überlieferten römischen Schriften fassen wir jedoch nur eine Seite der Berichterstattung. Eine objektive Bewertung ist damit für den modernen Betrachter nur schwer zu erlangen. Wie die Germanen dieses Ereignis betrachtet und bewertet haben, ist uns verschlossen, da von ihrer Seite keine schriftlichen Hinterlassenschaften auf uns gekommen sind. Somit steht es schon in einer bis in die Antike zurückreichenden Tradition, dass das Ereignis der "clades Variana" einer subjektiven Intention unterstellt wurde. Nach ihrer Wiederentdeckung im ausgehenden Mittelalter wurde aus der Varusschlacht im Laufe der Zeit ein Mythos, der bis in die Moderne für die unterschiedlichsten ideologischen Vorstellungen und Ziele dienstbar gemacht worden ist.
 
 
 
Die Wiederentdeckung der Schriften "Germania" um 1425 im Kloster Hersfeld und den "Annalen" des Tacitus, deren Abschrift knapp ein Jahrhundert später im Jahr 1508 im Kloster Corvey aufgefunden wurde, machten die Ereignisse um die Varusschlacht wieder bekannt. Nahezu 1500 Jahre lang waren der Sieg des Cheruskers Arminius über die Übermacht der römischen Besatzung in Vergessenheit geraten, nun wurden in kurzer Zeit eine Fülle von Schriftquellen zugänglich, die darüber zu berichten wussten. 1470 wurden die "Epitome" des Florus in Paris aufgelegt, 1515 folgte die Publikation der "Annalen". Im gleichen Jahr wurde im Kloster Murbach die "Historia Romana" des Velleius Paterculus aufgefunden und wenig später editiert. 1548 kam in Paris das Geschichtswerk des Cassius Dio heraus. Den deutschen Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts eröffnete sich damit wie nie zuvor eine Wissensquelle, aus der sich (vermeintlich) die Geschichte der nicht von der antiken römischen Kultur nachhaltig beeinflussten Germanen und ihren Auseinandersetzungen mit der Großmacht Rom rekonstruieren ließ. Die antiken Quellen wurden zum Beleg für die Tapferkeit und den Kampfeswille eines freiheitsliebenden und traditionsbewussten Volkes, in dem man die eigenen Ursprünge erkennen wollte. Die von Tacitus in den "Annalen" eingebrachte Einschätzung des Arminius als "Befreier Germaniens" sollte in der Folgezeit zu weitreichenden Interpretationen führen.

1529 erschien postum eine Schrift des Humanisten Ulrich von Hutten (1488-1523). Hierin rühmte er den Cherusker Arminius als "ersten Vaterlandsverteidiger". Diesem Gedanken lag bereits ein Nationalbewusstsein zugrunde, mit dem die deutschen Humanisten ihre Herkunft gegenüber der italienischen und später auch der französischen Kultur aufzuwerten versuchten. Hatte man das Kaisertum im Mittelalter zunächst als Fortsetzung der römischen Kaiserzeit verstanden, so brachte Burkhard Waldis (1490-1556) mit der Nürnberger Broschüre 1543 eine neue Genealogie zustande, in der Arminius in eine Ahnenreihe mit Karl dem Großen gestellt wurde. Das Deutsche Kaisertum bekam damit eine nationale Ahnengenealogie. Arminius stand dabei als gemeinschaftsstiftender Vorkämpfer am Anfang einer gesamtdeutschen Nation, die angesichts der politischen Realität der zahlreichen selbstständigen Herrschaftsgebiete, die das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bildeten, eher noch "Zukunftsmusik" war. Zur selben Zeit verschwand der romanisierte "Arminius" aus dem Bewusstsein der Humanisten und wurde durch den deutschen "Hermann" (dem "Mann des Heeres") ersetzt. Die Umbenennung geht vermutlich auf Martin Luther (1486-1546) selbst zurück, der nach eigenen Angaben ein Bewunderer des aufständischen Germanen war.
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Martin Luther, 1540
 
 
Auch durch Schriften von Beatus Rhenanus (1485-1547) und Philipp Melanchthon (1497-1650) wurde der Freiheitskämpfer Hermann im Sinne eines David-Goliath-Konfliktes als Illustration der Auseinandersetzungen der Reformation mit der übermächtigen römisch-katholischen Kirche gesehen. In der Buchillustration wurde der wiederentdeckte Held in zeitgenössische Gestalt gebracht: Die Hans Brosamer (um 1480-1552) zugeschriebene Illustration des Arminius in der Nürnberger Broschüre zeigt den Germanen mit der Bewaffnung und der Panzerrüstung eines Kriegsknechts des 16. Jh. und in der Illustration zur Erstausgabe der "Historia Romana" des Velleius Paterculus wählte Ambrosius Holbein (1494-1519) die Darstellung des in Schoßrock und Barett gekleideten Arminius, der mit einem zeitgenössischen Heer aus Landsknechten dem ebenso zeitgenössisch gepanzerten Varus und seinem Heer entgegensteht. Eine weitere Folge der humanistischen Versuche einer Identitätsstiftung wirkt bis heute nach: Bereits im 16. Jh. startete die Suche nach dem Schlachtort, allerdings nicht aus wissenschaftlich-historischem Interesse, sondern um dem propagierten deutschen Nationalbewusstsein eine Richtung und einen topografisch greifbaren Mittelpunkt zu verschaffen. Diese Bestrebung führte zugleich zur heutigen Bezeichnung "Teutoburger Wald", als 1616 der Geograf Philipp Clüver (1580-1622) den Mittelgebirgszug Osning in Anlehnung des durch Tacitus beschriebenen Geländepunkt nahe des Schlachtareals umbenannte. Die Bezeichnung setzt sich endgültig durch, als Ferdinand von Fürstenberg (1626-1683), Fürstbischof von Paderborn und Münster, die Bezeichnung 1669 in seine "Monumenta Paderboniensa" aufnahm.

Im 17. Jh. entdeckte Georges de Scudéry (1601-1667) die Überlieferung als Bühnenstoff. In seine Tragikomödie "Arminius oder die feindlichen Brüder" wurde Arminius zum tugendhaften Edelmann, der in seiner tragischen Liebe zu Thusnelda zum Gegenspieler des Segestes und seines eigenen Bruders Flavus wird. Die Gegnerschaft zu den Römern trat in den Hintergrund, für Scudéry zählte die Rückbesinnung auf Adelstugenden wie etwa Mut, Entschlossenheit und Opferbereitschaft. 1642 wurde das Stück in Paris erstaufgeführt. Fernab vom Nationalbewusstsein der Deutschen fällt es in eine Zeit, in der der französische Adel der monarchischen Macht immer mehr unterfiel. Für die internationale Opernbühne zugeschnitten wurde das Liebesdrama um Arminius und Thusnelda in rascher Folge federführend für weitere Theateradaptionen.
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Philipp Melanchthon, 1540
 
 
Im 18. Jh. waren es u. a. die Arminius/Herrmann-Dramen von Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), Johann Elias Schlegel (1719-1749) und Justus Möser (1720-1794), die im Dienste kultureller und nationaler Selbstfindung die Ereignisse um die Varusschlacht zu einem Germanen-Mythos entwickelten. Trotz der Zugänglichkeit der als Nationalepen beabsichtigten Werke für ein breites Publikum, fanden sie nicht den erwarteten Anklang in der Bevölkerung, da ihnen die gleichzeitig einsetzende Begeisterung für die griechische Antike, hauptsächlich ausgelöst von Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), entgegen stand. Gleichzeitig beeinflussten sie aber das französische Freiheitsstreben im Vorfeld der Revolution. Schlegels "Herrmann" wurde um 1770 für die französische Bühne adaptiert und stellte die Freiheitsliebe der Germanen zur Schau, die ein absolutistisches System ablehnten. Neben der Literatur, Dichtung oder dem Theater wurde auch auf dem Feld der bildenden Kunst versucht, den literarischen Arminius und die Varusschlacht in dieser Zeit durch Illustrationen und Gemälde für ein breites Publikum wieder auferstehen zu lassen.

Die Erfahrung der französischen Besatzung politisierte den im 18. Jahrhundert eher kulturell verstandenen Nationalismus in Deutschland. Ernst Moritz Arndt (1769-1860) oder auch z. B. der besser als "Turnvater" bekannte Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) betonten den Vorbildcharakter der Germanen und priesen die Varusschlacht (erneut) als Gründungsakt der germanischen Nation. Der Mythos wurde nun bewusst für eine gegen Napoleon und Frankreich gerichtete Kriegspropaganda instrumentalisiert. Heinrich von Kleist (1777-1811) schrieb seine "Hermannsschlacht" im Trauma der Besetzung Berlins durch französische Truppen. Die Hauptakteure Hermann und der Fürst Marbod legen ihren Machtstreit bei, um die verhasste römische Besatzung mit allen Mitteln des offenen Krieges zu bekämpfen. Hermann weiß, dass er sich und die germanischen Fürstentümer nur mit Marbods Hilfe von Varus und die Römer befreien kann, die schon weite Teile Germaniens besetzt haben, und bittet um Allianz. Nach dem Sieg wird Hermann von Marbod zum König Germaniens ausgerufen. Kleists Stück richtete sich mit der Bitte um Hilfe an die Großmacht Österreich und sollte zu diesem Zweck auch in Wien aufgeführt werden. Allerdings kam es nicht dazu, als Österreich nach der Kriegserklärung an Frankreich 1809 bei der Schlacht bei Wagram eine entscheidende Niederlage erfuhr.
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Hermann entdeckt Siegmars Leiche, um 1770


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Ernst Moritz Arndt (1769-1860), 1850
 
 
Als Symbol für die Einheit der Deutschen wurden die Ereignisse um Arminius/Hermann besonders auch nach dem Scheitern der deutschen Einheit 1815 und die Verhältnisse im deutschen Bund bemüht. Die Sehnsucht nach einem freien, vereinten Deutschland, die nach den Befreiungskriegen gegen die französische Besatzung und dem Wiener Kongress zum Greifen nah gewesen und doch keine politische Realität geworden waren, fand erneut im Hermann-Mythos eine neue Basis als Symbol des Nationalismus. Da es aber immer noch angesichts der andauernden Suche nach dem Schlachtort kein sichtbares Zeichen für diese Bewegung gab, begann man mit der Planung aufwändiger Denkmäler. Eines davon ist die schon unter Ludwig I. von Bayern (1786-1868) geplante und durch den Architekten Leo von Klenze (1748-1864) im Jahr 1842 vollendete Ruhmeshalle "Walhalla" in Donaustauf bei Regensburg. Ganz im Gewand der klassizistischen Rezeption eines griechischen Tempelbaus beherbergt dieses Monument Büsten und Gedenktafeln für bedeutende Größen der Deutschen. Die Varusschlacht nimmt prominent das nördliche Giebelfeld ein und steht der Darstellung des Sieges über Napoleon bei der Völkerschlacht von Leipzig, im Volksmund der damaligen Zeit auch als neue Hermannschlacht bezeichnet, im Südgiebel gegenüber. Ebenfalls als monumentales Zeichen der Einheit der Deutschen und ihrer nationalen Verbundenheit wurde 1841 der Grundstein für das Hermannsdenkmal des Architekten und Bildhauers Ernst von Bandel bei Detmold gelegt. In der Umgebung vermuteten deutschnationale Kreise den Ort der für die Germanen (und damit für die propagierten Urahnen) siegreichen Schlacht gegen die Römer, die durch das Kunsttreben der Zeit in Szene gesetzt wurde. Zahlreich legen Historienbilder dieser Zeit ein großformatiges Zeugnis davon ab. Aber auch beispielsweise das 1835/1836 entstandene Drama "Hermannschlacht" von Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) zeigt auf dem Hintergrund der Sehnsucht nach einem freien, einheitlichen Deutschland die geschichtsverändernden Kräfte des Volkes. Der starke nationalistische Ton im Drama von Grabbe wurde später für die Propaganda der Nationalsozialisten eingesetzt, weshalb die Aufführung des Dramas in der Nachkriegszeit verpönt war.

Nach der Revolution 1848, in der die deutsche Nationalbewegung gescheitert war, ruhten bezeichnender Weise auch die Bauarbeiten am Hermannsdenkmal. Erst 1875 wurde das Denkmal fertiggestellt und von Wilhelm I. (1797-1888) am 16.08.1875 eingeweiht. Die Reichseinigung von 1870/1871 hatte die Intention des Bauwerks jedoch verändert. Es betonte nun eine kriegerische Traditionslinie, welche die Varusschlacht, die Befreiungskriege und den deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 in eine historische Kontinuität setzten und den Patriotismus der Deutschen stärken sollte. Der Held und "Befreier" Arminius/Hermann selbst geriet dabei jedoch zugunsten einer "Rückbesinnung" auf die kampfeswilligen Germanen zunehmend in den Hintergrund, schließlich konnten die Deutschen mit dem neuen Kaiser eine aktuelle Führungsfigur aufweisen.
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Donaustauf: Innenraum der Walhalla, 1830-1842 nach den Plänen von Leo von Klenze erbaut


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Ernst von Bandel mit einem Modell des Hermannsdenkmals


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König Wilhelm I. in Ernst von Bandels Werkstatt in Hannover im Juni 1869 bei der Besichtigung des Kopfs der Arminiusstatue vom Hermannsdenkmal


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"Reliquien des Herrn von Bandel", Schaukasten mit Werkzeug von Ernst von Bandel (1800-1876)


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Die Einweihungsfeier für das Hermannsdenkmal am 16.08.1875
 
 
Der Arminius/Hermann-Kult hallte im Deutschen Reich als wirkkräftige Grundlage für nationale Bestrebungen nach. Auf der Basis der germanischen Frühgeschichtsforschung bemühten sich Historiker verstärkt darum, eine Kulturhöhe der Germanen gegenüber den antiken Mittelmeerkulturen nachzuweisen. In ebendiesem geistigen Klima kam auch der Komponist Richard Wagner (1813-1883) zu Ruhm, dessen musikalische Werke auch für eine nachhaltige Popularisierung der Germanen sorgten. Weiter postulierten diverse völkische Schriftsteller, wie z. B. Ludwig Wilser (1850-1923), die Germanen als Stamm des nordischen Volkes der Arier. Es erstaunt somit wenig, dass gerade dieses Umfeld die Rassentheorien von Joseph Arthur Comte de Gobineau (1816-1882) oder Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) begünstigten, die in ihren Hauptwerken (1853/1859 bzw. 1899) in den Ariern die edelste der menschlichen Rassen sahen, die ihrerseits am reinsten in den freiheitsliebenden Germanen verkörpert wäre.

Im Vorfeld des Ersten Weltkrieges erlebte der Patriotismus und damit die Begeisterung für die freiheitsliebenden, kampfbereiten Germanen als Urvolk der Deutschen zu Beginn des 20. Jhs. eine neue Blüte. Geeint unter dem Kaisertum forderte man die umliegenden Großmächte zum Schlagabtausch heraus. Die Demütigung der Niederlage, die nach 1918 um sich griff, und der Untergang des deutschnationalen Kaiserreichs sorgte wieder für eine stärkere Rückbesinnung auf den Mythos der Hermannschlacht. Die "Dolchstoßlegende" und die Auswirkungen der Wirtschaftskrise trugen nicht unerheblich dazu bei, die Gestalt des Arminius/Hermann zum Träger einer Hoffnung zu stilisieren, die zukünftige Größe und der Wiederauferstehung der deutschen Nation erwarten ließ. Der Wunsch nach einem über andere Völker erhobenen Nationalbewusstsein ließ auch die Rassenideologie in der Zeit der Weimarer Republik wiederaufleben. Diese Identitätssuche begünstigte auch die Verbreitung eines weiteren Nationalepos, dem Nibelungenlied. Insgesamt verschmolz dabei das Bild des ermordeten Siegfrieds mit dem des ebenfalls von seinen Verwandten ermordeten Arminius. Diese Koppelung Siegfried-Arminius reicherte die Mythen gegenseitig an.
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Der siegreich vordringende Hermann


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Der zurückweichende Varus


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Kunden vor der "Darmstädter und Nationalbank" während der Bankenkrise im Juli 1931
 
 
In dieser Stimmung konnte sich der Nationalsozialismus als Erbe des nationalen Lagers etablieren. Nationale Mythen wurden aufgenommen und in eine Zielperspektive umgedeutet: Vom Ausgangspunkt der überlegenen arischen Germanen zum Endpunkt der deutschen Geschichte mit der Vorherrschaft des Dritten Reiches. Dabei wurde besonders auch die Vorgeschichtsforschung zur politischen Waffe und für entsprechende Intentionen missbraucht. Das Leben der Germanen in seinen vermeintlich heroischen Facetten sollte dabei zum Maßstab der kommenden Zeit werden. Der Kampf der Germanen gegen die Natur und gegen Rom wurde umgedeutet zum Kampf um Lebensraum und Lebensrecht, der den bevorstehenden Kampf des NS-Regimes gegen alle mutmaßlichen Feinde bereits geschichtlich rechtfertigen sollte. Nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten wurde der Mythos um Arminius/Hermann jedoch für diese Art der Geschichtsrezeption nicht mehr gebraucht. Die Nation der Deutschen hatte in Adolf Hitler wieder eine starke Führungspersönlichkeit gefunden.

Erst die Forschungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs machten es sich zum Ziel, die Fakten zum Leben der germanischen Volksstämme und ihrem Verhältnis zur römischen Weltmacht aus historischer und archäologischer Sicht zusammenzutragen und aus ihrer ideologischen Ummantelung aus Germanentum, Nationalismus und Rassenlehre zu befreien. Der Schritt vom politisch missbrauchbarem Mythos hin zu einer kritisch hinterfragbaren, objektiven Forschung konnte damit erfolgen. Das Hermannsdenkmal, weithin sichtbares Relikt des überzogenen Patriotismus seiner Zeit, ist heute zu einer beliebten Touristenattraktion geworden, ohne dass seine politische Aussage wiederbelebt worden ist.

Die Varusschlacht ist auch heute noch ein bedeutendes Geschichtsereignis, das nach wie vor die Menschen in seinen Bann zieht. Die Suche nach dem Ort des Geschehens ist nach wie vor in vollem Gange, auch wenn seit 1987 sich die Indizien für den Schlachtort im intensiv erforschten Kalkriese im Landkreis Osnabrück zu verdichten beginnen. Neben forschungswissenschaftlichem Interesse zur weiteren Klärung historischer Fragen spielen dabei oftmals auch andere Intentionen die ausschlaggebende Rolle, wie die Spannung der Schatzsuche oder nicht zuletzt auch Lokalpatriotismus. Sollte der Ort in naher Zukunft tatsächlich sicher identifiziert werden können, wird dies jedoch nicht mehr dem Nationalismus der Deutschen eine "Geburtsstätte" anzeigen, sondern der nationalen und internationalen Kulturwissenschaftsforschung eine Chance bieten, einen für das Werden des modernen Europas wichtiges Ereignis genauer fassen zu können.
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Postkarte mit der Darstellung des Hermannsdenkmals und des Hakenkreuzes: "Unser die Zukunft"


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Postkarte mit der Darstellung des Hermannsdenkmals und der Hakenkreuzfahne: "Wo einst der Führer der Germanen, Deutsches Land vom Feind befreit!" "Wehen Hitler´s Siegesfahnen, Machtvoll in die neue Zeit."


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Besucher auf dem Weg zum Hermannsdenkmal auf dem Berg Grotenburg, 1960
 



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