Arminius - Varus > 6. Varusjahr 2009





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6. Das Varusjahr 2009


 
 
 
Um das Jahr 9 n. Chr. ereignete sich eine Schlacht zwischen einem durch List in einen Hinterhalt geratenen römischen Heer von beachtlicher Stärke unter der Führung des damaligen Statthalters Publius Quinctilius Varus und einer Armee aus verbündeten Kriegern germanischer Stämme. Sie wurden durch Arminius, einem halbromanisierten Einheimischen aus dem Stamm der Cherusker geführt. Diese Schlacht fand im rechtsrheinischen Gebiet, des von den Römern als "Germania Magna" bezeichneten Territoriums zwischen dem Rhein im Westen und der Elbe im Osten statt. Arminius konnte die Römer bezwingen. Kurzgefasst sind dies die Fakten zu der als "Varusschlacht", "Hermannsschlacht" oder auch "Schlacht im Teutoburger Wald" bekannten Auseinandersetzung. Es war bei weitem nicht die erste Schlacht der Römer gegen einen auswärtigen Gegner, noch sollte es die letzte sein, selbst in Germanien. In der Gesamtgeschichte des römischen Reiches fällt diese Schlacht, so tragisch sie für die Militärmacht Rom ausgefallen ist, nicht weiter ins Gewicht. Seitdem sind 2000 Jahre vergangen und aus dem Stammgebieten der aufständischen Germanen sind die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen geworden. Die einstige "Germania Magna" liegt unter dem modernen Staat Deutschland verborgen, dessen Ausdehnungen sich kaum noch an den Territorialgrenzen der damaligen Zeit orientiert. Viel Wasser ist den Rhein heruntergeflossen, seitdem die Römer diesen Fluss, der ihrem Machtbereich eigentlich eine Grenze setzte, überschritten haben und begannen sich rechts davon niederzulassen. Worin liegt folglich noch die Bedeutung dieses fernen Ereignisses für den modernen Menschen von heute?
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Hinweisschild auf das "Varusjahr 2009" an der Autobahn A2, Ostwestfalen


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Sonderbriefmarke der Deutschen Post AG zur Erinnerung an "2000 Jahre Varusschlacht", 55 Cent, 2009


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Zwermann, Werbefigur zur Varus-Ausstellung in Detmold
 
 
Seit der Entdeckung der antiken Überlieferungen dieser Schlacht, die nahezu 1500 Jahre lang weitestgehend vergessen war, durch die Humanisten im 15. und 16. Jh. gehört die Varusschlacht zum Allgemeinwissen über die europäische Geschichte, und das weit über die Grenzen Europas hinaus. Die Varusschlacht ist bis heute ein Ereignis von großem wissenschaftlichen Interesse und ein Gegenstand kulturgeschichtlicher Forschung und Interpretation. Sie hat Eingang in Schul- und Seminarräume, Bibliotheken, Theater, Kongresshallen, Museen und via Satellit auch in das bürgerliche Wohnzimmer gefunden. Dabei ist sie nicht bloß ein Teil der Geschichte Europas, sie machte auch Geschichte in Europa. In den Jahrhunderten nach der Wiederentdeckung und Publikation der Schriften der antiken Autoren Tacitus, Velleius Paterculus, Cassius Dio oder Florus, die von dem Sieg des Arminius über seinen Kontrahenten Varus erzählen, wurde das Ereignis zum Freiheitsmythos, zur Geburtsstunde einer Nation, zum Hintergrund epischer und tragischer Verse und Bühnenwerke oder einem Identifikations- und Ahnenkult unterworfen. Der siegreiche Cherusker Arminius wurde dabei vom heldenhaften Vorbild über einen Stammvater und Deutschländer zum monumentalen Nationalisten. Die Auslegung spiegelt dabei stets den geschichtlichen Hintergrund und die wechselnden Ideologien wider, die die Geschichte Europas geprägt haben. Doch auch ohne diese epochalen Zusätze ist die Varusschlacht für die europäische Geschichte von hohem Stellenwert. Mit seinem siegreichen Verschwörungsattentat legte Arminius den Grundstein für einen neuen Konflikt mit Rom, der letztendlich in die Aufgabe des Machtanspruchs des antiken Weltreiches auf das rechtsrheinische Gebiet mündete. Diese Kehrtwende entzog Germanien langfristig der urbanen, mittelmeerisch geprägten Kultur der Römer, setzte aber die umfangreichen und weitverzweigten Ereignisse in Gang, die das mittelalterliche und neuzeitliche Europa, das wir heute kennen, schufen. Oder mit den Worten des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalens, Jürgen Rüttgers, ausgedrückt:
"Aus militärhistorischer Sicht können wir kaum ein anderes Beispiel nennen, bei dem eine einzelne militärische Intervention - gleich welcher Art - eine derartige umwälzende Auswirkung für die weitere geschichtliche Entwicklung eines ganzen Kontinents besessen hat."

Das Jahr 2009 steht damit als Jubiläumsjahr zu diesem geschichtsträchtigen Ereignis ganz im Zeichen der Varusschlacht. Eine Fülle von Veranstaltungen wie Fachtagungen, Ausstellungen und kulturellen Events steht einem geschichtswissenschaftlich interessierten oder engagierten Publikum zur Auswahl, um sich über die Fragestellungen, Vorgehensweisen und Ergebnissen der kulturhistorischen Forschung zum Schlachtgeschehen und seinem historischen, ethnologischen, soziologischen und topografischen Hintergrund zu informieren. Die meisten Veranstaltungen finden an Schauplätzen in Nordrhein-Westfalen und den umliegenden Bundesländern statt. Dies erklärt sich aus der Tatsache, dass hier schon seit langem das Schlachtfeld vermutet und gesucht wird. Aber auch überregional lassen verschiedenste Beschäftigungen mit dem Thema erkennen, welche Bedeutung dem Ereignis "Varusschlacht" für den Gang der Geschichte in römischer und nachrömischer Zeit beigemessen wird. Im zunehmenden Maße beschäftigen sich auch die Tele- und Printmedien mit einer landesweiten Kampagne zum Thema mit dem Ziel, die Ereignisse im Gedenkjahr im gesellschaftlichen und politischen Bewusstsein zu verankern. So druckte DIE ZEIT am 30.10.2008 ein mehrere Seiten starkes Dossier unter dem Titel "Mythos einer Schlacht". Autor war Tillmann Bendikowski, der auch das Buch "Der Tag, an dem Deutschland entstand: Geschichte der Varusschlacht" vorlegte. Ebenso erschien am 17.04.2009 im FOCUS ein umfangreicher Artikel von Christian Pantle zur Varusschlacht. Auch Pantle hat 2009 in seinem Buch mit dem Titel "Die Varusschlacht" seine Arbeitsergebnisse vorgelegt. Spätestens seit Anfang 2009 ließ es sich keine Tageszeitung oder TV-Beilage nehmen, mit Bezug auf die großen Themenausstellungen in Haltern am See, Kalkriese und Detmold das Ereignis zu thematisieren. Im Rahmen der Sendereihe "Terra X" strahlte das ZDF im März den Zweiteiler "Kampf um Germanien" aus, der sich mit dem aktuellen Kenntnisstand zur Varusschlacht auseinandersetzte. In der Form des beliebten Infotainments wurde hier angestrebt, die historischen und archäologischen Inhalte für einen breiten Kreis geschichtsinteressierter Zuschauer aufzubereiten und in unterhaltsamer Form zu vermitteln. Im Buchverlag sind im Vorfeld des Varusjahres zahlreiche neue Publikationen oder Neuauflagen zu unterschiedlichen Schwerpunkten des Themas erschienen. Dem Leser bietet sich damit die Möglichkeit, je nach Vorbildung und Interessensrichtung aus einer Fülle von Broschüren, Magazinen, Sachbüchern und Romanen mit mehr oder weniger detailliert aufgearbeiteten Informationsgehalt auszuwählen.
 
 
 
Bedingt durch das rege Interesse der Öffentlichkeit am Thema "Varusschlacht", lässt sich im Jahr 2009 auch eine Zunahme der Forschungsaktivität auf dem wissenschaftlichen Sektor feststellen. In jüngerer und jüngster Zeit waren die Schlacht und ihr historisches, archäologisches und ethnologisches Umfeld Gegenstand einiger Fachkongresse, auf denen neue Ansätze der Forschung vorgetragen wurden. Vom 02.09. bis 05.09.1996 wurde von der Universität Osnabrück ein international hochkarätig besetzter Kongress mit internationalen Wissenschaftlern durchgeführt. In sechs Sektionen referierten 32 Fachforscher unter dem Titel "Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese", zum Vergleich des Fundplatzes Kalkriese mit anderen Schlachtorten, zur augusteischen Okkupation des rechtsrheinischen Gebietes und den Militärlagern an Hoch- und Niederrhein sowie zum Siedlungswesen und der Stammeskultur der Germanen. Im zeitlich unmittelbaren Vorlauf zum Varusjahr 2009 wurde am 28.04. und 29.04.2008 im LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster ein wissenschaftliches Kolloquium unter dem Titel "Imperium - Varus und seine Zeit" abgehalten. Hier befassten sich renommierte Fachwissenschaftler aus verschiedenen Bereichen der Altertumswissenschaften aus dem In- und Ausland mit den Lebensstationen des römischen Statthalters und Feldherrn Publius Quinctilius Varus in seinem historischen und kulturellen Zeitkontext. Als besonderes Forschungsergebnis konnte durch die Neulesung einer Ritzinschrift auf einer Gepäckmarke die Erkenntnis gewonnen werden, dass Varus bereits vor seiner Statthalterschaft von 7-9 n. Chr. als Legionskommandeur Erfahrungen in Germanien gesammelt hatte. Veranstaltet wurde die Tagung vom LWL-Römermuseum in Haltern am See in Kooperation mit dem Seminar für Alte Geschichte und dem Institut für Klassische Archäologie und Frühchristliche Archäologie/Archäologisches Museum der Universität Münster. Die Ergebnisse der Tagungsbeiträge werden zur Publikation in einem Sonderband der "Veröffentlichungen der Altertumskommission für Westfalen" vorbereitet, der Ende 2009 erscheinen wird.
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Pressekonferenz zum 2009 beginnenden Ausstellungsprojekt "2000 Jahre Varusschlacht": LWL-Direktor Wolfgang Schäfer (2. von links) mit Vertretern der Kooperationseinrichtungen - Joachim Bünemann, Verbandsvorsteher des Landesverbandes Lippe, Landrat Manfred Hugo (Landkreis Osnabrück), Landrat Friedel Heuwinkel (Kreis Lippe) und Joseph Rottmann, Geschäftsführer des Museumsparks Kalkriese, 2006
 
 
Neben den bereits abgehaltenen Kongressen, deren Ergebnisse in speziellen Sonderbänden zugänglich sind, fanden auch im Varusjahr 2009 Fachtagungen statt. Eine großangelegte wissenschaftliche Fachtagung war der Kongress "Fines imperii - imperium sine fine", der vom 14.09. bis zum 18.09.2009 in Osnabrück angesetzt war. Die Universität und die Stadt Osnabrück veranstalteten in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen einen internationalen Kongress zu Fragen römischer Grenz- und Okkupationspolitik im Zeitraum von Caesar bis Domitian. Die inhaltliche und zeitliche Begrenzung des Themas war hier deutlich weiter gesteckt als bei der Tagung in Münster. Ziel ist es, die gesamte Germanienpolitik Roms zu untersuchen, um damit Rückschlüsse auf einzelne Zeitabschnitte ziehen zu können. Dabei sollten auch neue Forschungsergebnisse zum Fundplatz Kalkriese und seiner Bewertung als möglicher Ort der Varusschlacht Berücksichtigung finden. Schließlich sei auch noch eine wissenschaftliche Fachtagung genannt, deren Durchführung räumlich in Bezug zu einem mutmaßlichen Ort der Schlacht angesetzt wurde. Die Jahrestagung 2009 des Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumsforschung e.V. als einer von drei entsprechenden Fachverbänden in Deutschland fand in der Zeit vom 31.08. bis 04.09.2009 in Detmold statt. Im Schatten des Hermann-Denkmals sollte dabei der Focus auf die Germanen ausgerichtet werden.

Da die Inhalte und Themen wissenschaftlicher Kongresse zumeist recht speziellen Fragestellungen unterworfen und auf ein vorinformiertes Fachpublikum zugeschnitten sind, wurden auch öffentliche Vorträge oder Vortragsreihen angeboten, um die wissenschaftlichen Ergebnisse einem breiteren Zuhörerkreis präsentieren zu können.

Zwischen Oktober 2008 und Juni 2009 befasste sich in Osnabrück, veranstaltet von der Universität in Zusammenarbeit mit Stadt und Volkshochschule, eine öffentliche Vortragsreihe für Geschichtsinteressierte mit verschiedenen Themen zu Römern und Germanen in Nordwestdeutschland in augusteischer Zeit. Ziel der Vortragsreihe war es, ein lebendiges Bild der Verhältnisse im Nordwesten des heutigen Deutschlands zu vermitteln und die vielschichtigen Strukturen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Aber auch über den westfälischen Raum hinaus wurden Vorträge zur Thematik angeboten, wie etwa eine mehrteilige Vortragsreihe, die ab April 2009 an der freien Universität Berlin abgehalten wurde. Auch im Rahmen der großen Themenausstellungen zur Varusschlacht wurden immer wieder öffentliche Vorträge oder Vortragsreihen zu bestimmten Schwerpunkten angeboten. Zudem boten auch Universitäten im Zuge des Jubiläumsjahres häufiger öffentliche Vorträge an.
 
 
 
Im Kern der kulturellen Aktivitäten des Jahres 2009 stand zweifellos das dreigeteilte Ausstellungsprojekt "Imperium - Konflikt - Mythos. 2000 Jahre Varusschlacht", für das sich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe und die "Varusschlacht im Osnabrücker Land gGmbH - Museum und Park Kalkriese" als Träger der beteiligten Museen zusammengefunden haben. An drei Original-Schauplätzen, die mit den Ereignissen rund um die Varusschlacht und ihrer Rezeptionsgeschichte zusammenhängen, wurden vom 16. Mai bis zum 25. Oktober 2009 durch hochkarätige Ausstellungen unterschiedliche Themenschwerpunkte dem Besucher sprichwörtlich vor Augen geführt. Die überregionale und kulturhistorische Bedeutung dieser Ausstellungskooperation lässt sich nicht zuletzt an den Persönlichkeiten ablesen, die die Schirmherrschaften dafür übernommen haben: Dies waren die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, der Präsident des Europäischen Parlamentes, Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering, sowie die Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, Jürgen Rüttgers und Christian Wulff.
Logo der Ausstellung
Ausstellungslogo "Imperium, Konflikt, Mythos"
 
 
Im westfälischen Haltern am See befindet sich das archäologisch wohl am besten untersuchte Römerlager aus augusteischer Zeit. Das sogenannte Hauptlager wurde gegen 7 v. Chr. in der Zeit der Feldzüge des Tiberius errichtet. Durch ein epigrafisches Fundzeugnis, einem Bleibarren mit der Besitzkennzeichnung der 19. Legion, konnte nachgewiesen werden, dass im Hauptlager in Haltern zumindest Teile der Armee stationiert waren, die mit Varus in den Untergang zogen. Da in und um das Hauptlager zur Zeit der Varusschlacht bereits Strukturen erkennbar sind, die über den Nutzen als Militärstützpunkt hinausreichen, geht die Forschung davon aus, dass ohne die desaströsen Auswirkungen der Varusschlacht hier vermutlich ein Verwaltungszentrum für die rechtsrheinische Gebiet eingerichtet worden wäre. Die Ausstellung "Imperium" in der Seestadthalle in Haltern am See erläuterte die Geschichte des römischen Weltimperiums von den Anfängen bis zum Aufstieg des Octavius Augustus. Schwerpunkte bildeten dabei die Reichsverwaltung und die augusteische Germanienpolitik. Dreh- und Angelpunkt war die Person des Varus und seine Laufbahn bis zum Vorabend der Katastrophe. Im LWL-Römermuseum in Haltern am See wurde ein weiterer Schwerpunkt, das Lagerleben und die Versorgung der römischen Truppen in Germanien behandelt.
Auf dem Gelände des früheren Militärlagers befindet sich heute das
LWL-Römermuseum Haltern


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Imperium-Ausstellung in Haltern: Unter dem Sternenhimmel vom 9. Januar im Jahre 9 v. Chr. erstrahlt Roms prachtvolle Bausweise in altem Glanz
 
 
Die zweite Sonderausstellung mit dem Oberthema "Konflikt" fand in Museum und Park Kalkriese bei Bramsche im Landkreis Osnabrück statt. Die dortigen archäologischen Untersuchungen legen seit 1989 sukzessive Funde und Befunde eines Schlachtfeldes aus dem frühen 1. Jh. n. Chr. frei, das im Moment als der wahrscheinlichste Anwärter für den Ort der Varusschlacht gesehen werden kann. Im Mittelpunkt standen in Kalkriese Ursache, Funktion und Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen germanischer Stämme untereinander und mit den Römern von der Zeit nach der Varusschlacht bis zum Ende des Weströmischen Reiches. Die Varusschlacht wurde in der eigens für das Varusjahr 2009 überarbeiteten und neu gestalteten Dauerausstellung thematisiert.

Schließlich war das Lippische Landesmuseum Detmold prädestiniert für die dritte Sonderausstellung im Bunde, die sich mit dem "Mythos" der Varusschlacht beschäftigte. Nicht nur das unweit platzierte monumentale Hermannsdenkmal, sondern auch die von vielen Forschern und Hobby-Archäologen unternommene Suche nach dem Schlachtareal in der Umgebung des Teutoburger Waldes sind für das gewählte Thema ausschlaggebend gewesen. Präsentiert wurde hier die wechselvolle Rezeptionsgeschichte der Varusschlacht und deren Folgen von der römischen Geschichtsschreibung bis zur modernen Forschung. Besonders hervorzuheben war ein vielfältiges, ganzjähriges Kulturprogramm rund um die Ausstellung, zu dem auch internationale Künstler anreisten.
 
 
 
Angeregt durch das Ausstellungsprojekt in Haltern am See, Kalkriese und Detmold erfolgte auch der originalgetreue Nachbau eines römischen Patroullienschiffs mittels Erkenntnissen, die in den letzten Jahren durch römische Wrackfunde von der Wissenschaft gewonnen wurden. Unter dem Namen "Victoria" wurde das Schiff im Mai 2008 in Hamburg vom Stapel gelassen und anschließend für Testfahrten der Forschung zur Verfügung gestellt wurde. Die "Victoria" hat seitdem wertvolle Informationen für den römischen Schiffsbau und zu den Möglichkeiten des Einsatzes von Flussschiffen auf den Wasserwegen der ehemaligen "Germania Magna" geliefert. Im Jahr 2009 trat der fast vier Tonnen schwere, 16 Meter lange und drei Meter breite Nachbau eine Reise zu verschiedenen archäologischen Fundplätzen und Städten an den wichtigen Flussrouten der Römer an. Dem Geschichtsinteressierten bot sich so die Chance, den Nachbau genauer unter die Lupe nehmen zu können und sogar auf seiner Fahrt über Weser, Ems, Lippe, Rhein und Donau ein Stück mitzurudern.
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Römerschiff "Victoria" vor dem Reichstag auf der Spree in Berlin, April 2009
 
 
Obwohl die drei Themenausstellungen die mit Abstand größten Ausstellungsprojekte waren, die im Varusjahr 2009 besichtigt werden konnten, waren sie nicht die einzigen. Auch andere Standorte boten Sonderausstellungen zum Thema an. Eine kleinere, in der Zeit April/Mai 2009 zu sehende Ausstellung wurde vom Institut Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld aus eigenen Beständen aufgebaut: "2000 Jahr Varusschlacht - ein geschichtliches Großereignis und sein Bezug zu Ostwestfalen-Lippe" Neben der 1544 in Basel erschienene Ausgabe der Annalen des Tacitus standen das Hermannsdenkmal und sein Erbauer Ernst von Bandel im Zentrum. Daneben ist noch eine weitere Ausstellung zu nennen, die vom 24.04.2009 bis zum 30.08.2009 im Römermuseum des Landschaftsverbandes Rheinland in Xanten und anschließend im Rheinischen Landesmuseum in Bonn durchgeführt wurde: "Marcus Caelius - Tod in der Varusschlacht". In deren Mittelpunkt stand das einzige sichere archäologische Zeugnis eines in der Varusschlacht Gefallenen - der Grabstein des römischen Offiziers Marcus Caelius. Neben dieser Bedeutung für das Jahr 2009 ist der Caelius-Stein jedoch auch sonst von großer Wichtigkeit bei der Betrachtung römischer Hinterlassenschaften, da er zugleich auch eines der frühesten Werke römischer Bildhauerkunst nördlich der Alpen ist. Die Exponate der Ausstellung umfassten neben Werkstücken zur Lebenswelt des Caelius auch eine Reihe von selten ausgestellten Objekten zur Rezeption des Grabdenkmals seit dem 17. Jh.
 
 
 
Die an dieser Stelle aufgeführten Veranstaltungen rund um das Schlachtgedenkjahr bieten lediglich einen knappen Überblick auf die Möglichkeiten, die einem breiten Publikum zur Verfügung standen. Es zeigt sich, dass auch nach 2000 Jahren das Interesse an diesem geschichtsträchtigen Ereignis nach wie vor ungebrochen und aktuell ist. Dabei stehen die Ergebnisse objektiver wissenschaftlicher Arbeit rund um die Aspekte der Varusschlacht deutlich im Vordergrund. Die Schlacht "nahe dem Teutoburger Wald" ist heute keinem ideologisch verbrämten Nationalgefühl mehr oder einem emotional überfrachteten Helden- und Ahnenkult unterworfen. Dennoch ist sie immer noch ein Geschichtsmythos, der Forscher, Künstler und die geschichtsinteressierte Öffentlichkeit gleichermaßen in ihren Bann ziehen kann. Mit einem breiten Spektrum aus historischer Wissensvermittlung, Unterhaltung und Themenrezeption sollte das Varusjahr 2009 dazu beitragen, die Bedeutung der Schlacht in der Gesamtgeschichte Europas zu verstehen und sich mit ihren Umständen und bisweilen zweifelhaften Rezeptionen der jüngeren und jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen. Neben seinem historischen Lehrauftrag kann es ebenso dazu beitragen, die Aspekte der Völkerverständigung und des Krieges als Befriedungsmittel zu überdenken und zu bewerten.
 
 



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