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(82 KB)   Der erste Karneval in Münster, 1949 / Münster, Stadtarchiv / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt   Der erste Karneval in Münster, 1949 / Münster, Stadtarchiv / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt
TITELDer erste Karneval in Münster, 1949
DATIERUNG1949
GEOPOSITIONGoogle Maps OSM | 51.745228273865200 (NS), 8.712327182292938 (EW) (exakt)


INFORMATIONIm Bild der frühen Nachkriegszeit würde ein wesentliches Element fehlen, wenn die kulturelle Szene und das Brauchtum einer Stadt darin nicht wenigstens in Umrissen auftauchten.

Unter den alten Traditionen in Münster nimmt der Karneval eine wichtige Funktion wahr. Unser Foto zeigt seine Tollität Max Reuter, den ersten Karnevalsprinzen nach dem Zweiten Weltkrieg, als Prinz Max II. bei der Übergabe der Stadtgewalt durch den Oberbürgermeister der Stadt Münster am 27.02.1949. Da das alte Stadtweinhaus noch in Trümmern lag, mußte man improvisieren und wählte zur Schlüsselübergabe das noch im Rohbau befindliche gegenüberliegende Haus Coppenrath, an das provisorisch als Balkon ein Holzgestell angehängt wurde. Nach zehn Jahren war es den Münsteranern 1949 das erste Mal wieder erlaubt, Karneval zu feiern. Der große Rosenmontagsumzug mußte allerdings in diesem Jahr noch ausfallen. Dafür gab es einen kleinen, farbenprächtigen Zug am Sonntag, der gegen 11.40 Uhr vom Hauptbahnhof startend, über Servatiiplatz und Salzstraße zum Prinzipalmarkt zog, wo unter großer Beteiligung von Karnevalsvereinen und Bevölkerung die Schlüsselübergabe stattfand. Musikalisch untermalt von zwei Musikkapellen, feierten die Einwohner der Stadt unter dem Motto. "Münster wier up'n End" auf den Straßen und in den Gaststätten, während der veranstalterische Höhepunkt mit dem Kongreßball im Kaiserhof stattfand. [1]

Wie sehr bei aller Ausgelassenheit im Karneval die Folgen des Krieges noch präsent waren, wurde in der Aegidiistraße offenbar. Dort stürzte bei böigem Wind am Karnevalssonntag der Giebel des zerstörten Hauses Pauß und Niesten ein, bei dem aber glücklicherweise niemand verletzt wurde. [2]

Früher als der Karneval kamen Kunst und Kultur in Münster wieder zur Geltung. Bereits vor dem Krieg galt die Provinzialhauptstadt mit ihrem hochentwickelten Theater und Orchester als anerkanntes Kulturzentrum Westfalens. 1945 standen die Kunst- und Theaterfreunde vor einem einzigen Trümmerhaufen. Lediglich das Foyer der ebenfalls zerbombten Stadthalle an der Neubrückenstraße bot sich als überaus provisorischer Notbehelf an. Da die Kommune außerstande war, sich finanziell und organisatorisch im Bereich der Kultur zu engagieren, kam es im September 1945 aufgrund privater Initiativen hin zur Gründung eines "Förderkreises des Musik- und Theaterlebens". [3]

Das städtische Orchester hatte bereits am 30.07.1945 seine Konzerttätigkeit wieder aufgenommen. Es spielte im Schloßgarten vor alliierten Truppeneinheiten. Im Foyer der Stadthalle fand das erste Konzert am 24.10.1945, die erste Theatervorstellung am 24.11.1945 statt. Aufgrund der räumlichen Enge im Foyer der Stadthalle, das nur 328 Besuchern Platz bot, entstand im Schloßgarten für die Sommersaison 1946 eine Freilichtbühne mit rund 1.000 Plätzen. Trotz des regen Zuschauerzuspruchs reichten die Auftritte des Theaters in Münster aufgrund der niedrigen Eintrittspreise nicht aus. Um seinen Etat einzuspielen, gastierte das städtische Theater daher auch in Nachbarstädten wie Rheine, Borghorst, Emsdetten, Lippstadt, Hamm, Beckum u.a., wo es stets vor ausverkauftem Haus spielte. [4]

Nach und nach wurde das Kulturangebot in Münster ausgeweitet. Im Januar 1946 nahm auch die niederdeutsche Bühne ihren Spielbetrieb wieder auf und an der Hammer Straße öffnete das Hotel Kronenburg. Hier wurde musikalische und Kleinkunstunterhaltung geboten mit einem Programm, das jeweils am 1. und 16. eines jeden Monats wechselte. [5] Zu dieser Zeit hatte noch kein Kino - die vier aus der Vorkriegszeit waren vollständig zerstört - wieder eröffnet. Das geschah, obwohl die Genehmigung, Filmtheater zu betreiben, bereits seit dem 29.07.1945 vorlag, erst im Mai 1946, nachdem der Neubau der Gertrudenhof-Lichtspiele abgeschlossen und feierlich eröffnet worden war. [6]

Der zügige Aufbau vieler Kultureinrichtungen in Münster trug dem großen Bedarf nach Abwechslung und Unterhaltung nach dem Zweiten Weltkrieg Rechnung. Kultur allgemein konnte mit ihrem Reich des Möglichen ein Stück weit verlorene politische Souveränität ersetzen und die stark beschädigte moralische Identität der Deutschen kompensieren. In der Kulturbegeisterung der Nachkriegsgeneration - insbesondere im Genuß von Musik und Theater - verbirgt sich daher auch ein Ansatz zur Flucht vor der Wirklichkeit und eine Abkehr vom tristen Alltag.


[1] Westfälische Nachrichten, vom 24.02.1949.
[2] Ebd., vom 01.03.1949.
[3] Neue Westfälische Zeitung, vom 28.09.1945.
[4] Ebd., vom 28.06.1946.
[5] Ebd., vom 18.01.1946.
[6] Ebd., vom 31.05.1946.


TECHNIKFoto
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OBJEKT-PROVENIENZMünster, Stadtarchiv
FOTO-PROVENIENZMünster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt


QUELLE    Santel, Josef | Nachkriegsjahre: Münster 1945-1949 | Dia 11, S. 32-34
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ35   Bildmaterial (Reproduktion, Foto)
Zeit3.9   1900-1949
Ort3.5   Münster, Stadt <Kreisfr. Stadt>
Sachgebiet15   Kunst und Kultur
DATUM AUFNAHME2004-02-08
DATUM ÄNDERUNG2025-03-07
AUFRUFE GESAMT801
AUFRUFE IM MONAT2