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Ereignisse 1816 - 1913

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1816


1816

 

 Hungerperiode in Westfalen
Ausgelöst durch die schlimmste Missernte des 19. Jahrhunderts kommt es in Westfalen 1816 zu einer schwerwiegenden Hungersnot, die erst 1817 überwunden wird. Zu ihrer Behebung im Rheinland und in Westfalen gewährt Preußen zwei Millionen Taler für den Ankauf von Getreide. Grund für die hohe staatliche Unterstützung ist das Bestreben, die Integration der westlichen Provinzen zu fördern. Allerdings erreichen die Hilfslieferungen die Bedürftigen erst im Juli 1817. In der Zwischenzeit verschärft sich die Not der Bevölkerung so drastisch, dass selbst die elementarsten Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden können. Allein im Regierungsbezirk Münster sind zirka 47.000 Menschen von der Unterstützung freiwilliger Hilfsvereine abhängig, um nicht zu verhungern.
In darauf folgenden Krisen lehnt der preußische Staat eine Intervention aufgrund wirtschaftsliberaler Erwägungen ab. Zur Milderung der Not sind die Betroffenen vollkommen auf bürgerliche Wohlfahrtsorganisationen und die kommunale Armenfürsorge angewiesen.
 
 

 

 Konstituierung der "Musikalischen Gesellschaft" in Münster
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden im Zusammenhang mit der Auflösung kirchlicher und höfischer Chöre Laien-Musikvereine in den westfälischen Städten gegründet. Da nur unpolitische Vereine und Chorvereine erlaubt sind, bieten letztere die Möglichkeit eines vom Staat gestatteten geselligen Zusammenseins.
Angehörige aus Adels- und Offizierskreisen gründen 1816 bzw. 1817 die "Musikalische Gesellschaft" in Münster. Bei dem sich hieraus entwickelnden Musikverein handelt es sich um einen der ersten in Deutschland. Im gleichen Jahr wird ein Musikverein in Recklinghausen gegründet. Der erste Leiter der münsterischen Institution ist der Komponist Max von Droste-Hülshoff (1764-1840).
 
 

 

 Gründung eines Orchestervereins in Münster
Seit 1816 entsteht eine Vielzahl von Musikvereinen, die zur Darbietung ihrer Chorkonzerte Instrumentalisten benötigen. Aus den ersten Kapellen bilden sich durch die Zunahme an Berufsmusikern und die Führung durch private Orchesterleiter die späteren Städtischen Orchester heraus.
In Münster entsteht 1816 ein Orchesterverein, in dem neben Berufsmusikern auch Militär- und Laienmusiker mitwirken. Er besitzt in Simon Georg Schmidt den ersten besoldeten städtischen Musikdirektor. Ihm folgen u. a. der Beethovenbiograph Professor Anton Schindler aus Wien (1833-1835), Carl Arnold (1835-1846) und Karl Müller (1846-1860). Erst 1911 bildet sich das Städtische Orchester, das sich nun ausschließlich aus Berufsmusikern zusammensetzt.
 
 

August 1

 Einteilung der Provinz Westfalen in Kreise
Seit dem 01.08.1816 wird aufgrund der  "Verordnung wegen verbesserter Einrichtung der Provinzial-Behörden" vom 30.04.1815, die am 20.07.1815 verkündet wurde, die Einteilung der Regierungsbezirke in Kreise in die Wege geleitet. In den Bezirken Münster und Minden sind jeweils zwölf, in Arnsberg vierzehn geplant. Den Anfang mit der Untergliederung macht am 01.08.1816 der Regierungsbezirk Münster. Nach 1832 werden an den Kreisgrenzen nur noch wenige Veränderungen vorgenommen.
Die Leitung der Kreise übernehmen sogenannte  Landräte. In ihrem Aufgabenbereich liegen der reibungslose Ablauf der Verwaltung, die Ankurbelung der Wirtschaft und der Landeskultur. Seit der 1887 in Westfalen Geltung erlangenden Reformgesetzgebung von 1872 unterstehen die Landräte nicht mehr der Weisungsbefugnis der Regierungspräsidenten, sondern sind eigenständige Instanzen der allgemeinen Landesverwaltung. Die Landratsämter bilden sich zu einer unabhängigen Dienststelle auf der unteren Ebene der staatlichen Verwaltung heraus.
 
 

1817

 

 Errichtung einer höheren Töchterschule in Minden
Als Pendant zu den höheren Schulen für Jungen existieren für Mädchen die sogenannten höheren Töchterschulen. Entgegen dieser Bezeichnung sind sie nicht den für den männlichen Nachwuchs errichteten Ausbildungsstätten gleichgestellt und unterstehen nicht dem Provinzialschulkollegium. Sie haben eher den Status von Mittelschulen.
Eine der ältesten höheren Töchterschulen Westfalens wird 1817 auf privater Basis in Minden gegründet. Sie steht bereits seit 1826 unter städtischer Trägerschaft. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzt die Ausgestaltung des Mädchenschulwesens mit Gymnasialbildung ein.
 
 

September 16

 Tagung der Vereinigten Synode der Lutheraner und Reformierten der Grafschaft Mark
 Friedrich Wilhelm III. (reg. 1797-1840) strebt mit der preußischen Union von 1817 den kirchlichen Zusammenschluss von Reformierten und Lutheranern an. Bereits im Vorfeld der Ausstellung der Unionsurkunde findet vom 16.09.1817 bis 18.09.1817 die Tagung der Vereinigten Synode der Lutheraner und Reformierten der Grafschaft Mark in Hagen statt.
Am 18. September schließen sich die Abgeordneten der zwei Versammlungen zu einer märkischen Gesamtsynode zusammen. Die Delegierten befassen sich auch mit der Bildung einer in sich geschlossenen Liturgie und eines Katechismus sowie eines gemeinsamen Gesangbuches. Außerdem streben sie nach Erhalt der presbyterial-synodalen Selbstverwaltung. Die Vereinigte Synode bildet den Ausgangspunkt weiterreichender Zusammenschlüsse in Westfalen.
 
 

1818

 

 Neuordnung des preußischen Zoll- und Steuersystems
In der ersten Zeit nach der Gründung der Provinz Westfalen werden die Steuern nach dem unter französischer Herrschaft eingeführten oder anderen zur Zeit des Ancien Régime üblichen Verfahren eingezogen. Die Reorganisation des preußischen  Zoll- und Steuersystems 1818 und 1822 führt zu einer zunehmenden Angleichung.
Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen die Aufhebung der Landbinnenzölle, die Konstituierung einer einheitlichen Grenzzolllinie und die Einführung der Klassensteuer als Hauptsteuer. Seit 1823 werden die indirekten Steuern, nämlich die Grenzzölle, inländische Konsumptionssteuern, Schlacht- und Mahlsteuer und Stempelsteuer, auf der Provinzebene durch die Provinzialsteuerdirektion in Münster verwaltet. Die direkten Steuern, d.h. die Grund-, Klassen- und Gewerbesteuer, werden von den Bezirksregierungen eingezogen.
 
 

 

 Gründung einer "Mechanischen Werkstatt" durch Friedrich Harkort und Heinrich Kamp
In Deutschland setzt die Industrialisierung später als in England ein. Zu Beginn der ersten Gründerperiode vor 1850 richten Friedrich Harkort (1793-1880), einer der Pioniere der Ruhrindustrie, und Heinrich Kamp (1786-1853) aus Elberfeld auf der Burg Wetter an der Ruhr ihre "Mechanische Werkstatt" ein.
Es handelt sich um eine der ersten Fabriken dieser Art im sich herausbildenden Ruhrgebiet, die zwar über ein hohes technisches Know-how verfügt, sich aber auf die Dauer wirtschaftlich nicht rentiert. Sie dient der Herstellung von Maschinen und Dampfkesseln für den Bergbau und für Textilfabriken. Harkort errichtet hier außerdem eine Werkschule zur Ausbildung von Facharbeitern, die bisdahin aus England angeworben werden mussten. Die Maschinenfabrik ist später Teil der Deutschen Maschinenfabrik AG Duisburg (DEMAG).
 
 

1819

 

 Gründung eines "Rettungshauses" auf Gut Overdyck
Bereits im Jahre 1819 errichtet Graf Adalbert von der Recke-Volmerstein auf seinem Gut Overdyck bei Bochum eines der ersten deutschen "Rettungshäuser".
Diese Institutionen haben ihren Ursprung in den Erziehungsanstalten der Erweckungsbewegung, einer Strömung des Protestantismus im 19. Jahrhundert, die für die evangelischen Gebiete Westfalens von enormer Relevanz ist. Mit Hilfe einer an religiösen Normen ausgerichteten Sozialarbeit sollen Jugendliche in Notsituationen in diesen Fürsorgeeinrichtungen Unterstützung finden. 1822 wird die Gründung von der Recke-Volmersteins ins rheinische Düsselthal verlegt.
 
 

1821

 

 Konstituierung einer Agende für Lutheraner und Reformierte
Zur Förderung der Union von Lutheranern und Reformierten strebt  Friedrich Wilhelm III. (reg. 1797-1840) nach einheitlichen Formen des Gottesdienstes und einer gemeinsamen Gottesdienstordnung. Die 1821 fertiggestellte Agende wird den evangelischen Kirchengemeinden zur Annahme empfohlen. Die Mehrheit der westfälischen Pfarrer steht ihr jedoch ablehnend gegenüber.
Einen Grund für die missbilligende Haltung stellen die in der Ordnung vorgestellten Gottesdienstformen dar, die dem Selbstverständnis der Lutheraner und Reformierten widersprechen. Die westfälische Opposition richtet sich jedoch auch gegen die staatskirchliche Haltung des Königs. Seiner Weisung entsprechend soll das Provinzialkonsistorium über die Einführung der Agende entscheiden. Die Entscheidungsbefugnis dieser Behörde wird jedoch von den westfälischen Geistlichen in Frage gestellt. 1834 erteilt  Friedrich Wilhelm III. (reg. 1797-1840) einem Anhang zur Agende, der sogenannten "Rheinisch-Westfälischen Provinzialagende", seine Zustimmung. Darin zeigt sich der König hinsichtlich der Kritikpunkte kompromissbereit.
 
 

Januar

 Gründung der ersten schulischen Einrichtung für Behinderte
Die im Januar 1821 im ehemaligen Kloster Kentrop bei Hamm eröffnete und 1822 nach Münster verlegte staatliche Taubstummenschule ist die erste schulische Bildungsanstalt für Behinderte. Initiiert wird ihre Gründung von dem geistlichen Provinzialschulrat  Franz Arnold Melchers (1765-1851), dem späteren Weihbischof von Münster. Sie steht unter der Aufsicht des Konsistoriums in Münster. Es folgen Schulen für blinde Kinder. Die erste gründet  Pauline von Mallinckrodt (1817-1881) 1842 in Paderborn.
 
 

Juli 16

 Neuorganisation der katholischen Kirche Westfalens
Aufgrund von Verhandlungen Preußens mit dem Heiligen Stuhl regelt die päpstliche Bulle "De salute animarum" vom 16.07.1821 die Reorganisation der Diözesanstrukturen. Durch  Kabinettsordre vom 23.08.1821 erlangt sie die Bestätigung durch König Friedrich Wilhelm III (reg. 1797-1840). Nach der Auflösung des Bistums Corvey existieren in Westfalen die Bistümer Münster und Paderborn. Sie bilden mit den bischöflichen Bezirken von Trier und Köln die niederrheinische Kirchenprovinz Köln.
Die Diözese Münster stimmt innerhalb Westfalens mit dem Regierungsbezirk Münster überein, während das Bistum Paderborn sich mit den Regierungsbezirken Arnsberg und Minden deckt. Das Fürstentum Lippe zählte bereits vorher zu seinem Diözesangebiet. Beide Bistümer haben auch Anteil an außerhalb Westfalens liegenden Regionen.
 
 

1822

 

 Gründung des ersten Männergesangsvereins Westfalens in Münster
Im Jahre 1808 errichtet der Komponist Carl Friedrich Zelter (1758-1832) eine Liedertafel in Berlin. Sie dient als Form der Freizeitbeschäftigung auch der Stärkung nationaler Gefühle. Die erste westfälische Liedertafel wird 1822 in Münster von einem Offiziersquartett gegründet. Im Laufe der Zeit weitet sich der Kreis der Mitglieder aus.
Neben den verschiedene Gesellschaftsschichten umfassenden Vereinigungen bilden sich berufsmäßige, wie der erste "Märkische Lehrergesangsverein" bei Unna von 1832. Seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts schließen sich die Männerchöre in Verbänden zusammen und treffen sich auf Sängerfesten.
 
 

1824

Juli 19

 Gründung des "Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abteilung Paderborn"
Nach mehrjähriger Planung wird auf Initiative des Domherrn Ignatz Theodor Liborius Meyer (1773-1843) am 19.07.1824 der "Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens" in Paderborn konstituiert. Er zählt zu den ersten historischen Vereinen in Deutschland überhaupt. Knapp ein Jahr später wird neben der Abteilung in Paderborn eine zweite in Münster errichtet. Kurator des Vereins ist bis zu ihrer Auflösung der Oberpräsident der Provinz Westfalen. Heute nimmt der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe diese Aufgabe wahr.
Die Gründungsmitglieder - es handelt es sich um historisch versierte Männer aus dem Bürgertum und Adel - verfolgen das Ziel, die wissenschaftliche Erforschung der westfälischen Geschichte voranzutreiben. Der Verein beschäftigt sich zunächst schwerpunktmäßig mit der Herausgabe des "Westfälischen Urkundenbuchs". Daneben bemüht er sich um die Aufarbeitung der Archivbestände der in der Säkularisation aufgelösten kirchlichen Institutionen. Beide Abteilungen verfügen über bedeutende archäologische, historische, kunstgeschichtliche und numismatische Sammlungen. Regelmäßig erscheint als hauseigenes Publikationsorgan die "Westfälische Zeitschrift". Darüber hinaus beteiligt sich der Verein an der Veröffentlichung der Zeitschrift "Westfalen". Die heute etwa 2.500 Mitglieder zählende Institution organisiert jährlich den "Tag der westfälischen Geschichte" und bietet der historisch interessierten Öffentlichkeit mit wissenschaftlichen Vorträgen, Ausstellungen, Studien- und Museumsfahrten ein breites Spektrum an Veranstaltungen.
 
 

1825

 

 Errichtung privater Schulen und Vorschulen in Dortmund
Die Basis des westfälischen Schulwesens bildet wie im übrigen Deutschland die Elementar- oder Volksschule. Man differenziert zwischen Stadt- und Landschulen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts herrscht im Gegensatz zur fortschrittlichen preußischen Wirtschafts- und Gewerbepolitik eine veraltete Schulpolitik in Westfalen. Sie zeichnet sich vor allem durch eine mangelhafte Wissensvermittlung im Elementarschulbereich aus.
Wohlhabende Bürger richten wie in Dortmund 1825 auf Genehmigung der Regierung Privatschulen ein. 1852 und 1853 folgen private Vorschulen zur Vorbereitung auf die Elementarschule und das Gymnasium. Der Rest der Bevölkerung muss mit den einklassigen Volksschulen vorlieb nehmen. 1838 sind 221.598 Schüler auf 1.849 Elementarschulen verteilt und werden von 2.133 Lehrern unterrichtet. Auf einen Lehrer entfallen somit im Durchschnitt 105 Schüler.
 
 

April 21

 Aufhebung der Eigenbehörigkeit
Zwar werden bereits unter französischer Herrschaft tiefgreifende Veränderungen der Agrarverfassung in Gang gebracht, allerdings werden die geplanten Maßnahmen nicht in größerem Umfang durchgesetzt. Erst nach der Integration Westfalens in den preußischen Staat werden liberale Agrarreformen über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten realisiert. So wird am 21.04.1825 die so genannte Eigenbehörigkeit in der Provinz Westfalen aufgehoben.
Die Eigenbehörigen sind bis zu diesem Zeitpunkt persönlich unfrei und von einem Leibherrn abhängig. Neben den Diensten und Abgaben, die auch die leibfreien Bauern leisten müssen, sind sie ihrem Leibherrn beispielsweise auch zu Zahlungen beim Tod des Hofbesitzers verpflichtet und besitzen keine Möglichkeit, ohne Erlaubnis wegzuziehen oder zu heiraten. Verpflichtungen wie Grundzinsen, Hand- und Spanndienste behalten bis zum 13.07.1829 weiter Geltung.
 
 

Mai

 Errichtung des ersten staatlichen Lehrerseminars für katholische Volksschullehrer in Büren
Sowohl der soziale Status als auch das Ausbildungsniveau der Volksschullehrer liegen wesentlich unterhalb derjenigen der Gymnasiallehrer. Jene absolvieren kein fachwissenschaftliches Studium an einer Universität, sondern bereiten sich in den geistlichen Territorien Westfalens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in sogenannten Normalschulen auf ihre Lehrtätigkeit vor.
Nach mehrjähriger Planung wird im Mai 1825 das erste staatliche Lehrerseminar Westfalens für männliche katholische Volksschullehrer in Büren gegründet. Es befindet sich im Gebäude des ehemaligen Jesuitenkollegs. Leiter der Institution wird der Pfarrer von Alme, Heinrich Kloke (1782-1855). Das Seminar in Büren steht unter der Aufsicht des seit 1825 bestehenden Provinzialschulkollegiums in Münster. In der folgenden Zeit werden weitere dieser Ausbildungsstätten errichtet, was den schnell ansteigenden Bedarf an Lehrern anzeigt.
 
 

1826

Oktober 29

 Erste Sitzung des westfälischen Provinziallandtags in Münster
Entgegen königlicher Versprechen kommt es nicht zur Bildung einer gesamtstaatlichen Volksvertretung. Vielmehr werden 1823 in allen Provinzen Preußens Provinziallandtage gebildet. Die Befugnisse der Provinzialstände sind äußerst beschränkt.
Auf der Basis des  "Gesetzes wegen Anordnung der Provinzial-Stände für die Provinz Westfalen" vom 27.03.1824 findet in Münster vom 29.10.1826 bis zum 29.12.1826 der erste westfälische Provinziallandtag statt. Behandelte Themen sind z. B. die provinzialständische Verfassung, die Städteordnung, geplante Ordnungen für Kreise und Landgemeinden und die sogenannte Ablösungsordnung. Die Zusammenkunft erfolgt unter dem Vorsitz des  Freiherrn vom Stein (1757-1831) als Landtagsmarschall und unter der Aufsicht des königlichen Landtagskommissars  Ludwig Vincke (1774-1844). Zusammengesetzt ist der Landtag aus vier Ständen. Es handelt sich um die ehemaligen Landesherren der kleineren, aufgelösten Territorien (Standesherren), die Rittergutsbesitzer sowie die städtischen und ländlichen Grundbesitzer.
 
 

1827

 

 Gründung einer Israelitischen Schulanstalt in Münster
Ein preußisches Regulativ vom 29.08.1822 ermöglicht jüdischen Gemeinden die Einrichtung eigener Schulen. Die 1827 errichtete Israelitische Schulanstalt in Münster vereint eine Elementarschule für jüdische Kinder und eine Übungsschule für künftige Lehrer unter einem Dach. Getragen wird sie von der 1825 gegründeten "Marks-Haindorfschen Stiftung" des jüdischen Rentiers Elias Marks aus Hamm und seiner Erben. Als Leiter fungiert der jüdische Mediziner Alexander Haindorf, der erste ungetaufte Jude in Preußen, der den Titel eines Professors innehat.
Die ersten männlichen Absolventen der Lehrerbildungsstätte bestehen im Jahre 1830 die Prüfung am evangelischen Lehrerseminar in Soest. Da Haindorf ein Befürworter der Koedukation ist, wird die Schule auch von Mädchen besucht. Der interkonfessionelle Unterricht muss aufgrund der reaktionären Schulpolitik des preußischen Kultusministers Eichhorn in den vierziger Jahren eingestellt werden.
 
 

Juli 13

 Konstituierung der Kreisstände
Mit der Bildung von Kreisständen auf der Basis der  Kreisordnung vom 13.07.1827 wachsen die Kreise in der Provinz Westfalen aus ihrer Position des untersten Gliedes der staatlichen Verwaltung heraus und bilden nun gleichzeitig einen kommunalständischen Bezirk mit beschränkter Selbstverwaltung.
Wie der Provinziallandtag ist auch der Kreistag in vier Stände, nämlich die der Standesherren, Rittergutsbesitzer, Städte und Landgemeinden untergliedert. Die Funktionen dieses ständisch ausgerichteten Kreistages liegen in der Unterstützung des Landrats, der als staatlicher Beamter den Vorsitz hat, der Vertretung des Kreises in kommunalen Angelegenheiten und der Verteilung der Staatsabgaben. Wichtige Veränderungen treten 1887 mit der Auflösung der ständischen Gliederung ein. Der Kreistag ist nun eine Repräsentativversammlung der Gutsbesitzer, Bergwerksdirektoren und Gewerbetreibenden der obersten Gewerbesteuerklasse.
 
 

1829

 

 Das "Archäologisch-liturgische Lehrbuch des Gregorianischen Kirchengesangs"
1829 verfasst Franz Josef Antony (1790-1837) ein "Archäologisch-liturgisches Lehrbuch des Gregorianischen Kirchengesangs". Antony, der Gesanglehrer am Gymnasium Paulinum in Münster und ehemaliger Schüler des Komponisten Carl Friedrich Zelter (1758-1832) aus Berlin ist, beschäftigt sich hierin mit münsterischen, römischen und kölnischen Singweisen. Sein Werk ist von enormer Relevanz für die Choralpflege Westfalens. Es wird u. a. am Dom von Paderborn und Osnabrück zur Grundlage.
 
 

1830

Januar 25

 Hütten- und Hammerordnung für den Kreis Siegen
Das Siegerland gilt bis in die ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts als ein Zentrum der westfälischen Eisenerzeugung. Allerdings kann das Eisengewerbe der Konkurrenz auswärtiger Erzeugnisse nicht mehr standhalten. Dies hängt nicht zuletzt mit den veralteten Produktionsformen und dem Festhalten an zünftigen Gewerbestrukturen zusammen.
Erst mit der "Hütten- und Hammerordnung für den Kreis Siegen" vom 25.01.1830 sucht der eine liberale Gewerbepolitik treibende preußische Staat die gewerberechtliche Knebelung der Eisenindustrie zu lockern. Die neue Ordnung bringt jedoch keinen Aufschwung, da sämtliche gewerbebeschränkenden Regelungen bestehen bleiben. Die vierhundert Jahre bestehende Führungsposition der Siegerländer Eisenwirtschaft ist bereits vor der Aufhebung der Hütten- und Hammerordnung 1869 bzw. 1873 verloren. Das Hauptgewicht der Eisen- und Stahlindustrie verlagert sich nach und nach ins Ruhrgebiet.
 
 

1831

 

 Gründung des "Westfälischen Kunstvereins" in Münster
Die Einrichtung von Kunst- und Geschichtsvereinen verdankt sich vor allem dem nach den Befreiungskriegen einsetzenden Interesse an der "vaterländischen Geschichte". Im Mittelpunkt der Tätigkeit des 1831 zunächst als "Versammlung hiesiger Künstler und Kunstfreunde" gegründeten "Westfälischen Kunstvereins" steht der Aufbau einer Sammlung altwestfälischer Kunstwerke. Sie soll die Basis für ein westfälisches Museum bilden. Die zeitgenössische Kunst wird durch die Konstituierung einer Zeichenschule gefördert.
Träger des Westfälischen Kunstvereins sind zunächst ausschließlich bürgerliche Honoratioren aus Münster. Die Beschäftigung mit Bildung und Kultur stellt für das Bürgertum Anfang des 19. Jahrhunderts einen Ersatz für die fehlende politische Mitsprache dar. Mitglieder des westfälischen Adels treten nach der Übernahme der Schirmherrschaft durch den preußischen Kronprinzen 1833 dem Verein bei.
 
 

März 17

 Erlass der preußischen Revidierten Städteordnung
Die  Städteordnung des  Freiherrn vom Stein (1757-1831) und des Ministers Friedrich Leopold von Schroetter vom 19.11.1808, die als Grundlage für die kommunale Selbstverwaltung in moderner Form gilt, wird in Westfalen zunächst nicht in Kraft gesetzt. Erst die preußische  Revidierte Städteordnung vom 17.03.1831 findet in einigen Städten wie Herford, Minden, Bielefeld und Münster Anwendung.
Sie sieht ein Zweikammersystem mit einer Stadtverordnetenversammlung, die durch die Einwohner gewählt wird, und einem von den Stadtverordneten aus der Bürgerschaft gewählten Magistrat vor. Die kommunalrechtlichen Verfügungen der Vorgängerstaaten aus der französischen Zeit behalten ihre Gültigkeit. Am 31.10.1841 wird der Geltungsbereich der  Revidierten Städteordnung auf alle westfälischen Städte mit mehr als 2.500 Einwohnern ausgedehnt.
 
 

1832

Mai 1

 Errichtung des ersten katholischen Lehrerinnenseminars in Münster
Die Beschäftigung von Frauen als Lehrerinnen reicht bis an den Anfang des 17. Jahrhunderts zurück. Systematisch gefördert wird sie von dem Pädagogen Bernhard Overberg (1754-1826). Ihre staatliche Anerkennung und gesetzliche Verankerung als qualifizierter Frauenberuf findet die Tätigkeit als Volkschullehrerin in der 1834 in Preußen erlassenen Laufbahnregelung.
Am 01.05.1832 konstituiert der Overberg-Schüler Regierungsschulrat Krabbe (1794-1866) das erste katholische Lehrerinnenseminar für Preußen in Münster. Die evangelischen Volksschullehrerinnen erhalten 1844 ein erstes nicht-staatliches Ausbildungsinstitut in der Diakonissenanstalt in Kaiserwerth bei Düsseldorf.
 
 

1833

 

 Veröffentlichung der Schrift "Die Eisenbahn von Minden nach Cöln"
Seit 1825 beschäftigt sich der Unternehmer Friedrich Harkort (1793-1880) mit der Problematik der Eisenbahn und veröffentlicht als Erster einen Artikel zu diesem Thema in der deutschen Presse. Er ist von ihrer Relevanz als zukunftsweisendes Transportmittel überzeugt und betrachtet den Ausbau eines weit reichenden Streckennetzes als Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung Westdeutschlands. Aus diesem Grund ist er einer der herausragendsten Verfechter des Plans einer Rhein-Weser-Bahn, der seit 1830 intensiver verfolgt wird.
Die 1833 verfasste Schrift  "Die Eisenbahn von Minden nach Cöln" dient der Erläuterung eines von Harkort erstellten Streckenplans. Es handelt sich nicht um eine ausdifferenzierte Darstellung mit exakten technischen und wirtschaftlichen Angaben, sondern um eine Sammlung der von ihm zusammengetragenen Materialien. Ihre Bedeutung liegt in dem erstmaligen Versuch, die wirtschaftliche Relevanz des Eisenbahnbaus für Rheinland-Westfalen einer größeren Öffentlichkeit vor Augen zu führen. Da der Unternehmer keinen Rückhalt für seine progressive Idee findet, stellt er 1835 seinen Bemühungen ein. Die erste Eisenbahnlinie Westfalens wird erst 1847 als Teil der Köln-Mindener Eisenbahnstrecke eröffnet.
 
 

1836

 

 Vereinigung von lutherischen und reformierten Schulen in Dortmund
Das Elementarschulwesen ist konfessionell gespalten. Bereits vor der preußischen Union der Lutheraner und Reformierten von 1817, durch die die Abgrenzung zwischen Lehranstalten dieser Glaubensrichtungen im 19. Jahrhundert allmählich an Bedeutung verliert, kommt es in der Mark zu Zusammenlegungen.
Zur Realisierung der Fusion von vier Pfarrschulen zu einer evangelischen Gesamtschule in Dortmund ist der Landrat 1836 allerdings gezwungen, gegen den Widerstand des Vorstands der Mariengemeinde mit Polizeigewalt vorzugehen. Die Zusammenlegung wird von Bürgermeister Brügmann initiiert und von der Arnsberger Bezirksregierung unterstützt. Die Trennung zwischen katholischen und evangelischen Schulen besteht weiter fort und wird 1850 verfassungsmäßig verankert.
 
 

Januar 6

 Gründung der "Westfälischen Provinzial-Feuer-Sozietät"
Auf Betreiben des Oberpräsidenten Ludwig von Vincke werden 1836 die noch bestehenden acht westfälischen Feuersozietäten zur "Westfälischen Provinzial-Feuer-Sozietät" mit Sitz in Münster per  Gesetz zusammengefasst. Nachdem 1722 die erste Brandversicherung im preußischen Herzogtum Kleve und der Grafschaft Mark eröffnet worden war, wurden zahlreiche regionale bzw. lokale Versicherungsgesellschaften gegründet, die dem Schadensfallrisiko nicht immer gewachsen waren. Bedingt durch die Bauweise der Häuser, das Heimgewerbe und das offene Feuer war insbesondere in den Städten die Gefahr eines Flächenbrandes immer noch sehr hoch. Wohl infolge der verheerenden Stadtbrände von Berleburg (1825) und von Schwelm (1827) widmete sich Vincke in verschiedenen Denkschriften dem Thema einer einheitlichen Versicherung für die Provinz Westfalen. Diese nahm als "Westfälische Provinzial-Feuer-Sozietät" am 01.01.1837 ihren Dienst auf. Im Unterschied zu den früheren Einrichtungen war der Beitritt freiwillig, und eine Mobiliar-Versicherung kam erst 1863 hinzu.
 
 

Juli 13

 Gesetz über die bäuerliche Erbfolge in der Provinz Westfalen
Zwar werden bereits unter französischer Herrschaft tief greifende Veränderungen der Agrarverfassung in Gang gesetzt. Allerdings werden liberale Agrarreformen erst nach der Integration Westfalens in den preußischen Staat über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten realisiert.
Lange umstritten ist der Versuch, die unbegrenzte Teilbarkeit der Höfe nach 1815 auch in Westfalen durchzusetzen. Bereits in Ludwig Vinckes (1744-1844) Gutachten über "Die Zerstückelung der Bauernhöfe und die Zersplitterung der Grundstücke in der Provinz Westfalen" äußert er die Befürchtung, die Teilbarkeit der Höfe führe zur Entstehung einer unterbäuerlichen Schicht, die nicht in der Lage sei, ihre Existenz aus eigener Kraft zu bestreiten. Das durch Gesetz vom 13.07.1836 in abgewandelter Form wieder eingeführte Anerbenrecht, nach dem das Gesamterbe an einen Alleinerben fällt, wird von der bäuerlichen Bevölkerung abgelehnt, weil die Bestimmungen zum Schutz der Miterben als zu starker Eingriff in die individuelle Verfügungsgewalt betrachtet werden. Bereits 1848 wird es wieder aufgehoben.
 
 

1837

Dezember

 Ausschreitungen in Münster auf dem Höhepunkt des "Kölner Ereignisses"
Einen Hauptstreitpunkt zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat bildet die sogenannte Mischehenfrage. Kirchliche und staatliche Vorschriften stehen sich hinsichtlich der konfessionellen Erziehung von Kindern aus konfessionsverschiedenen Ehen konträr gegenüber. Der als "Kölner Ereignis" bekannt gewordene Konflikt gelangt mit der Amtsenthebung und Verhaftung des Kölner Erzbischofs und westfälischen Adligen Clemens August von Droste-Vischering (1773-1845) im Jahre 1837 auf seinen Höhepunkt.
Vor allem westfälische Adlige, Kaufleute und Beamte stellen sich auf die Seite der katholischen Kirche und protestieren gegen die Maßnahmen der Berliner Regierung. Im Dezember 1837 kommt es zu Übergriffen gegen das preußische Militär in Münster und 1838 zu antipreußischen Demonstrationen in Paderborn. In einem der katholischen Kirche entgegenkommenden Abkommen vom 24.09.1841 behält die Regierung die Handhabung der Mischehenfrage den Bischöfen vor.
 
 

1838

 

 Gründung der "Gesellschaft der Hardenbergischen Kohlenbergwerke"
Da der Einsatz neuer Produktionsweisen und -mittel wie der Dampfmaschine im Bergbau kapitalintensiver ist, reichen herkömmliche Formen der Gewerkschaft älteren Rechts zur Finanzierung nicht mehr aus. Sie sind in Bergordnungen und dem preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794 festgeschrieben.
Seit den dreißiger Jahren gewinnt die Rechtsform der Aktiengesellschaft in Preußen an Bedeutung. 1838 wird die "Gesellschaft der Hardenbergischen Kohlenbergwerke" als erste Aktiengesellschaft des Ruhrgebiets gegründet und 1840 vom Staat konzessioniert. Jedoch erst infolge der Liberalisierung des Bergrechts in Form des  "Allgemeinen Berggesetzes für die Preußischen Staaten" vom 24.06.1865 gewinnen Aktiengesellschaften und Gewerkschaften neuen Rechts die Oberhand. Im Zuge der Entwicklung technischer Neuerungen und neuer Unternehmensformen sowie des Anstiegs der Nachfrage kommt es zum gewaltigen Aufschwung der Eisen- und Stahlerzeugung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
 
 

1839

 

 Erscheinen der ersten Folge des Werks "Das malerische und romantische Westphalen"
Die Idee zur Herausgabe einer Kulturgeschichte Westfalens stammt von dem Buchhändler Wilhelm Langewiesche aus Barmen. Während die erste Folge von insgesamt zehn Einzellieferungen auf den damals bekannten Dichter  Ferdinand Freiligrath (1810-1876) zurückgeht, wird der Rest der Serie bis 1841 von  Levin Schücking (1814-1883) erstellt.  Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) beteiligt sich mit anonymen Balladen und Prosatexten, die Illustrationen stammen von Carl Schlickum.
Das König  Friedrich Wilhelm IV. (reg. 1840-1861) gewidmete Werk, das die Darstellung des Charakters der Westfalen und ihrer Landschaft zum Thema hat, zeichnet sich durch eine liberal-nationale Tendenz aus. Es hat bedeutenden Einfluss auf das in der Öffentlichkeit vorherrschende Westfalen-Bild im 19. Jahrhundert.
 
 

1842

Mai 18

 Konferenz der "Einunddreißiger" in Altenhagen
Bereits um 1800 kommt es zu ersten Zusammenkünften und Vereinigungen von männlichen Lehrern. Sie dienen dem Informationsaustausch und der Hebung der schlechten sozialen Lage vor allem der Volksschullehrer. Im Mittelpunkt stehen Forderungen nach einer verbesserten Existenzsicherung, einer Beteiligung an der Schulaufsicht und einer verstärkten Unabhängigkeit von der Kirche.
Da mehrere Petitionen der Lehrerkonferenzen der Kreise Hamm, Soest und Beckum an die Bezirksregierungen in Arnsberg und Münster abgelehnt werden, kommen am 18.05.1842 31 westfälische Volksschullehrer zu einer Konferenz in Altenhagen zusammen. Die "Einunddreißiger" verfassen ein Gesuch mit ihren Beschwerden, deren Übermittlung an Kultusminister Eichhorn durch Friedrich Harkort (1793-1880) erfolgt. Eichhorn verbietet daraufhin alle Vereine, Versammlungen und Feste der Lehrer. Als Reaktion hierauf veröffentlicht Harkort die "Bemerkungen über die Preußische Volksschule und ihre Lehrer". Trotz des staatlichen Verbots fordert er in seiner in ganz Europa verbreiteten Schrift zur Gründung von Vereinen auf, um den Meinungsaustausch unter den Lehrern zu fördern.
 
 

1843

August

 Gründung eines interkonfessionellen Lehrervereins für den Regierungsbezirk Arnsberg
1842 senden 31 westfälische Volksschullehrer ("Einunddreißiger") ein Gesuch mit Beschwerden an den Kultusminister Eichhorn, woraufhin dieser sämtliche Vereine, Versammlungen und Feste von Lehrern verbietet. 66 männliche Lehrer aus den Kreisen Bochum, Dortmund, Hamm, Iserlohn und Hagen widersetzen sich dieser Anordnung und gründen im August 1843 einen interkonfessionellen Lehrerverein für den Regierungsbezirk Arnsberg in Dortmund.
Initiiert wird der Zusammenschluss von Friedrich Harkort (1793-1880), der bereits in einer 1842 veröffentlichten Schrift zur Errichtung von Vereinen aufruft. Ziel des Vereins ist die Förderung der pädagogischen Fortbildung mit Hilfe von Vorträgen, Lesezirkeln und der Errichtung von Bibliotheken. Die Leitung liegt in der Hand von Balster aus Lindenhorst und Heinrich Schmitz aus Dortmund. Beide gehörten der Konferenz der so genannten "Einunddreißiger" an.
 
 

1847

 

 Fertigstellung der Köln-Mindener Eisenbahn
Die 1847 fertig gestellte Köln-Mindener Eisenbahn ist die erste Eisenbahnlinie in Westfalen und gleichzeitig die erste Fernbahnlinie Preußens. Sie führt von Köln-Deutz nach Minden und bildet den Anfang einer Ost-West-Verbindung, die über Magdeburg und Berlin bis nach Königsberg und Breslau reicht.
Die Streckenführung lässt aus finanziellen Gründen den Norden des Ruhrgebiets unberücksichtigt. Sie hat die Entstehung neuer Industriestandorte zur Folge und begünstigt so die Ausbreitung des Bergbaus nach Norden und die Nordwanderung des Ruhrgebiets. Nach der Errichtung der Köln-Mindener Eisenbahnstrecke entsteht in Westfalen eine Vielzahl neuer Eisenbahnlinien.
 
 

1848

 

 Veröffentlichung der "Märzadresse der Grafschaft Mark"
Seit dem 06.03.1848 kommt es in Berlin zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen protestierenden Bürgern und Arbeitern auf der einen und dem Militär auf der anderen Seite, die am 18.03.1848 in blutigen Kämpfen enden. In vielen Landesteilen erhalten die Beteiligten der Aufstände Zuspruch.
In der Grafschaft Mark jedoch bildet sich unter dem liberalen Unternehmer Friedrich Harkort (1793-1880) ein Zentrum der antirevolutionären Bewegung. Eine Vielzahl von Adressen, u. a. die "Märzadresse der Grafschaft Mark", wird erlassen. Sie missbilligt die Straßenrevolution und fordert Schutz für den König. Sogar ein Ausschuss zur Unterstützung von Angehörigen der bei den Straßenkämpfen gefallenen und verwundeten Soldaten konstituiert sich.
 
 

März 9

 Patent des Fürsten Leopold zur Lippe
Anders als in der preußischen Provinz Westfalen kommt es im Fürstentum Lippe kaum zu sozial motivierten Unruhen. Die revolutionäre Bewegung wird von Bürgern und Beamten getragen, die politische und verfassungsrechtliche Ziele verfolgen. Am 08.03.1848 wird dem Fürsten Leopold zur Lippe (1796-1851) eine Bittschrift übergeben, woraufhin dieser die Einberufung des Landtags zusagt.
Nach Überreichung einer zweiten Petition am Abend des gleichen Tages verspricht Leopold in einem Patent vom 09.03.1848 u. a. die Öffentlichkeit der Ständeverhandlungen, die Trennung von Regierung und Kammer, das Budgetrecht der Landstände und die Zustimmungspflicht bei anderen Gesetzen sowie die Vereidigung des Militärs auf die Verfassung. Der Regierungspräsident Eschenburg wird zugunsten des Geheimen Regierungsrats Friedrich Leopold Petri entlassen.
 
 

März 25

 Revolten gegen Fabrikanten und adlige Gutsbesitzer
Das Anliegen der in die Revolutionsbewegung involvierten unteren Bevölkerungsschichten ist in erster Linie auf die Beseitigung von sozialen Missständen und die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage ausgerichtet. In vielen Industriestädten Westfalens wie Hagen und Altena richtet sich der Unmut der Arbeiter gegen Fabrikanten und Maschinen, die sie für ihre schlechten Lebensverhältnisse verantwortlich machen. Auch in ländlichen Regionen rebellieren Kleinbauern, Heuerlinge und Landarbeiter gegen Gutsherren und missliebige Beamte.
In der Nacht vom 24.03.1848 auf den 25.03.1848 wird das unbewohnte Schloss des Grafen von Westphalen in Fürstenberg bei Büren geplündert. Die Güter Suttrop, Schwarzenhagen im Kreis Lippstadt und Bruchhausen im Kreis Brilon werden gestürmt. Zum Schutz weiterer Güter im Vest Recklinghausen muss Militär aufgeboten werden. Im Münsterland wird u. a. das Schloss des Herzogs von Croy in Dülmen geplündert.
 
 

April 6

 Die Gründung der Westfälischen Zeitung in Paderborn
Am 06.04.1848 erschien in Paderborn die erste Ausgabe der Westfälischen Zeitung. Sie war unter der Federführung von Redakteur Franz Löher erarbeitet worden und wurde als Probenummer an interessierte Leser verteilt. Nach dem Beschluss des Deutschen Bundes vom 03.03.1848, der die Presse von der Zensur befreite, hob das  preußische Pressegesetz vom 17.03.1848 die Zensur in Preußen auf und löste damit eine Gründungswelle von politischen Zeitungen aus.
Das politische Programm der Westfälischen Zeitung, welches in der ersten Ausgabe verkündet wurde, versuchte auf dem Boden des linken Zentrums zwischen Konstitutionellen und Demokraten zu vermitteln, und war somit liberal-demokratisch geprägt. Der Verleger der Zeitung war Wilhelm Crüwell aus Paderborn. Franz Löher war im Jahr 1848 der verantwortliche Redakteur, der die politische Richtung der Zeitung prägte, denn er schrieb die meisten Leitartikel für die Westfälische Zeitung im Revolutionsjahr. Löher vertrat neben liberal-demokratischen Zielen die Ansichten der deutschen Nationalbewegung, die einen geeinten Nationalstaat forderte.
Die Westfälische Zeit wurde zu einer Provinzzeitung, die sich über die Orts- und Kreisebene erhob und für den Raum Westfalen - und darüber hinaus - Bedeutung und Wirkung erlangen konnte. Von den Anfängen als demokratisches Gesinnungsblatt hat sie sich zum politischen Handelsblatt mit liberaler Haltung entwickelt.
 
 

Mai 1

 Urwahlen für die Parlamente in Frankfurt und Berlin
Am 01.05.1848 finden in ganz Preußen und somit auch in der Provinz Westfalen indirekte Wahlen für die Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt und die Preußische Nationalversammlung in Berlin statt. Sie werden zwar in der Regel als die ersten allgemeinen und freien Wahlen in ganz Deutschland betrachtet, allerdings muss berücksichtigt werden, dass Frauen von der Abstimmung ausgeschlossen sind.
Für das Frankfurter Parlament sind 20, für das Preußische 38 Abgeordnete in Westfalen zu wählen. Bekannte Deputierte, die nach Frankfurt gehen, sind u. a. der liberale rheinische Bankier Gustav Mevissen, der gemäßigt-konservative preußische Generalmajor Joseph Maria von Radowitz und der Liberale Georg Freiherr Vincke oder der spätere Mainzer Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler. Unter den westfälischen Abgeordneten der preußischen Nationalversammlung sind u. a. Benedikt Waldeck, der Führer der Linken in Berlin, der Rechtsanwalt Dr. Johann Friedrich Joseph Sommer und der Liberal-Konsverative Friedrich Harkort aus Hagen.
 
 

November 18

 Beginn des "Kongresses für die Sache und Rechte der preußischen Nationalversammlung und des preußischen Volkes" in Münster
Die preußische Nationalversammlung wird am 09.11.1848 von Berlin in die Provinzstadt Brandenburg verlegt. Ihre Abgeordneten sprechen darauf hin der Regierung das Recht ab, über Staatsgelder zu verfügen und Steuern zu erheben. Während in Westfalen weite Teile der Bevölkerung zur Regierung in Berlin stehen, stellt sich das demokratische Lager auf die Seite der Parlamentslinken. Am 18.11.1848 und 19.11.1848 findet ein Kongress in Münster statt. Teilnehmer sind Vertreter von 68 demokratischen, konstitutionellen und anderen Vereinen, die aus verschiedenen westfälischen Städten und Gemeinden zusammenkommen, um die Nationalversammlung zu unterstützen.
Diese ist beschlussunfähig und wird von König  Friedrich Wilhelm IV. (reg. 1840-1861) am 05.12.1848 aufgelöst. Er oktroyiert eine konservativ ausgerichtete  Verfassung, wodurch sich die Lage in Westfalen beruhigt. Allerdings erregt die Verhaftung von führenden Personen des münsterschen Kongresses wie des Oberlandesgerichtsdirektors Jodocus Temme neues Aufsehen. Dies führt im Januar und Februar 1849 zu einem beachtlichen Erfolg der Demokraten bei den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus.
 
 

1849

Mai

 Aufstand meuternder Landwehrtruppen in Iserlohn
Im Verlauf der so genannten "Reichsverfassungskampagne" solidarisieren sich Landwehrmänner des Rheinlands und Westfalens mit den an der Mairevolution von 1849 Beteiligten und widersetzen sich dem Einberufungsbefehl, da sie fürchten, gegen diese in Baden eingesetzt zu werden.
Als es in vielen Industriestädten zu Gehorsamsverweigerungen kommt, lehnen sich auch in Hagen am 10.05.1849 1.500 Landwehrmänner auf, von denen sich 400 nach Iserlohn begeben. Hier stürmen Landwehrleute und Bürger das Zeughaus, berufen einen radikalen Sicherheitsausschuss ein und erklären die preußische Regierung für abgesetzt. Am 17.05.1849 nehmen preußische Linientruppen die Stadt ein. Über hundert Menschen werden getötet, die meisten davon Aufständische oder unbeteiligte Zivilisten. Der Ausnahmezustand wird über die Stadt und den Kreis Iserlohn verhängt. Von den 80 Angeklagten werden die meisten freigesprochen. Die Anführer, Butz, Dr. Grevel und Post, können in die Vereinigten Staaten von Amerika fliehen.
 
 

1850

August 17

 Gründung der Spinnerei "Vorwärts" in Bielefeld
Die Brüder Carl und Gustav Bozi errichten zwischen den Bielefelder Ortsteilen Gadderbaum und Brackwede und unmittelbar an der Köln-Mindener-Eisenbahn die Spinnerei "Vorwärts", der eine Pionierrolle bei der Mechanisierung der Leinenherstellung im Ravensberger Land zufällt. Bis 1858 erreicht die Spinnerei "Vorwärts" eine Kapazität von 8.000 Spindeln.
Das seit dem 16. Jahrhundert im Ravensberger Land betriebene Leinenhandwerk war nach 1830 in eine schwere Krise geraten, weil die handgesponnenen und -gewebten Garne und Stoffe gegenüber den maschinell und damit billiger hergestellten Produkten nicht mehr konkurrenzfähig sind. Der Standort Bielefeld bietet jedoch günstige Voraussetzungen für die Aufnahme einer industriellen Massenproduktion. Hier wird unter günstigen naturräumlichen Bedingungen Flachs angebaut. Mit den Handspinnern und -webern stehen zahlreiche billige Arbeitskräfte mit dem nötigen Verständnis für den Produktionsablauf zur Verfügung. Und dank der Köln-Mindener-Eisenbahn ist eine preisgünstige Versorgung mit der für den Betrieb der Dampfmaschinen benötigten Kohle und eine Verbindung zu den Absatzmärkten gesichert. Die Dampfmaschinen müssen anfänglich allerdings importiert werden. Da der preußische Staat die Mechanisierung der Herstellungsprozesse massiv unterstützt, erhalten unter anderem auch die Gebrüder Bozi staatliche Zuschüsse für den Erwerb dieser teuren Maschinen.
Die zunächst der industriellen Fertigung ablehnend gegenüberstehenden Leinenhändler werden schnell zu Vorreitern der Industrialisierung. 1854 gründen namhafte Bielefelder Leinenkaufleute die Ravensberger Spinnerei als Aktiengesellschaft. Als die Flachsgarnspinnerei 1856 ihren Betrieb aufnimmt, besitzt sie mit 20.000 Spindeln eine enorme Produktionskapazität. Zeitweise ist sie die größte Maschinenspinnerei auf dem europäischen Kontinent.
Zur Weiterverarbeitung der produzierten Garne zu Stoffen wird 1862 von Bielefelder Kaufleuten die erste "Mechanische Weberei" gegründet. Hervorragende Qualität und eine daraus resultierende große Nachfrage sorgen für rasche Erfolge, die sich an der Kapazität der Bielefelder Fabriken ablesen lassen: Im Jahr 1870 laufen etwa 11 Prozent aller Spindeln und Webstühle Deutschlands in Bielefeld. Auch in anderen Städten der Region wird das Garn direkt vor Ort verarbeitet. Die Arbeiterschaft dieser Fabriken rekrutiert sich zunächst aus den ehemaligen Handspinnerinnen und -webern der Umgebung, dann müssen zusätzlich Arbeiterinnen aus Regionen wie Schlesien und dem Ruhrgebiet angeworben werden.
Die von den Fabriken hergestellten Stoffe werden zunehmend auch in der Region verarbeitet. Der Import der Nähmaschine Ende der 1850er Jahre ist Voraussetzung für ein florierendes Heimgewerbe, in dem Frauen Weißwäsche herstellen. 1873 arbeiten allein in Bielefeld 3.000 Wäschenäherinnen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird die Handnäherei von der industriellen Fertigung von Haushalts- und Bettwäsche abgelöst. Vor allem in Bielefeld, Herford und Gütersloh entstehen Konfektionsfabriken, die unter anderem Hemden und Blusen, Tisch- und Bettwäsche herstellen, sowie Plüsch- und Seidenwebereien. Allein die Baumwollweberei ist in Gütersloh zeitweilig mit sechs Betrieben vertreten. Während so in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in vielen Teilen Ostwestfalens eine florierende Textilindustrie aufgebaut wird, kommt die Leinenherstellung im Fürstentum Lippe größtenteils zum Erliegen.
Zwischen 1960 und 1980 geht die Zahl der Textil- und Konfektionsunternehmen in Ostwestfalen wegen der billiger produzierenden asiatischen Konkurrenz stark zurück, aber auch heute kommt diesem Industriezweig noch immer Bedeutung zu.
 
 

1852

September 21

 6. Deutscher Katholikentag in Münster
Bis zum 23.09.1852 findet in Münster der 6. Deutsche Katholikentag (damals unter der Bezeichnung: Generalversammlung des Katholischen Vereins Deutschlands) statt. Unter anderem propagiert Adolph Kolping (wie bereits auf der Generalversammlung in Mainz 1851), Gesellenvereine einzurichten, die seiner Meinung nach zur Lösung der Sozialen Frage beitragen könnten. Kolpings Aufruf gibt den Anstoß für die ersten Gründungen von Katholischen Gesellenvereinen im Bistum Münster.
 
 

November 14

 Gründung des Katholischen Gesellenvereins Münster
Gründung des ersten Katholischen Gesellenvereins im Bistum Münster in der Stadt Münster als unmittelbare Folge von Adolph Kolpings Aufruf auf dem 6. Deutschen Katholikentag in Münster im September 1852.
 
 

1853

 

 Gründung der Wiesenbauschule in Siegen
In Siegen wird die Wiesenbauschule gegründet, nachdem eine 1843 gegründete Vorgängereinrichtung in den Revolutionsjahren 1848/49 wieder eingegangen war. Ziel der Schule ist es, die Meliorationstechniken, die bis dahin nur einigen Experten vorbehalten waren, einem größeren Kreis von Landwirten zugänglich zu machen. Für die Bergleute des Siegerlandes, die ihren Lebensunterhalt zu einem nicht unwesentlichen Teil durch Nebenerwerbslandwirtschaft bestreiten, ist es ein existentielles Problem, die Erträge von landwirtschaftlichen Nutzflächen durch geeignete Be- und Entwässerung zu optimieren.
Bis zur Jahrhundertwende wird die Schule überregional ausgerichtet und der Unterricht wesentlich erweitert. In der Weimarer Republik erlebt die Schule ihre Aufwertung zur staatlich anerkannten Kulturbauschule. Damit einher geht eine inhaltliche Verlagerung auf moderne Wasserwirtschaft und schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg die endgültige Umstrukturierung zur Ingenieurschule. Diese wird 1972 in die neue Fachhochschule Siegen-Gummersbach integriert und nur ein Jahr später zu einem Teil der neu gegründeten Gesamthochschule Siegen.
 
 

1854

 

 Gründung der Spinnerei und Garnschlichterei Mathieu van Delden in Gronau
Der niederländische Unternehmer Mathieu van Delden gründet 1854 in Gronau eine Spinnerei und Garnschlichterei und legt damit den Grundstein für eine gut einhundert Jahre florierende Textilindustrie in Gronau und Umgebung. Bereits im 18. Jahrhundert hatte ein bedeutendes Textilgewerbe existiert, das jedoch infolge der Erhöhung der Einfuhrzölle in die Niederlande auf bis zu 45 Prozent im Jahre 1823 zusammengebrochen war. Im Unterschied zu allen später errichteten Baumwollspinnereien entwickelt sich M. van Delden zu einem mehrstufigen Betrieb, in dem auch Stoffe gewoben und bedruckt werden. 1875 nimmt die Spinnerei Gerrit van Delden den Betrieb auf, die in den 1920er und 1930er Jahren zur größten Spinnerei des europäischen Kontinents aufsteigt. Bis zum Ersten Weltkrieg wird noch eine erhebliche Anzahl weiterer Spinnereien gegründet.
Mit dem wirtschaftlichen Wachstum geht ein starkes Bevölkerungswachstum einher: Im Amt Gronau steigt die Einwohnerzahl in nur zwanzig Jahren von 1885 bis 1905 um 120 Prozent. Dennoch ist der Arbeitskräftebedarf so groß, dass um 1900 täglich bis zu 3.700  niederländische Arbeitskräfte nach Gronau pendeln.
Mitte der 1950er Jahre gerät die Textilwirtschaft aufgrund einer veränderten Marktsituation in eine tiefe Krise. Durch Rationalisierungsmaßnahmen und Betriebsschließungen gehen von 1951 bis 1983 allein in der Gronauer Textilindustrie rund 7.000 Arbeitsplätze verloren. Mit dem Zusammenbruch des traditionsreichen van-Delden-Konzerns 1982 kommt die Textilindustrie im Raum Gronau fast vollständig zum Erliegen.
 
 

März 9

 Gleichstellung der katholischen Kirche im Fürstentum Lippe
Fürst Leopold III. stellt mit einem Edikt die katholische Kirche der evangelischen Landeskirche im Fürstentum Lippe gleich. Damit erhalten Katholiken wieder die Möglichkeit, eigene Kirchengemeinden zu gründen und Kirchen zu bauen.
 
 

März 15

 Gleichstellung der beiden evangelischen Teilkonfessionen im Fürstentum Lippe
Fürst Leopold III. stellt mit einem Edikt die evangelisch-lutherische Kirche mit der evangelisch-reformierten (kalvinistischen) Kirche im Fürstentum Lippe gleich.
 
 

August 12

 Verbot der Beschäftigung von Jugendlichen unter Tage
Die preußische Bergbehörde verbietet die Beschäftigung von Jugendlichen unter Tage bis zum vollendeten 16. Lebensjahr.
 
 

1856

Oktober 19

 Einweihung eines Turmes zur Erinnerung an den Reichsfreiherrn vom und zum Stein bei Vorhalle
Auf dem Kaisberg bei Hagen-Vorhalle wird ein Holzturm zur Erinnerung an Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein eingeweiht. Seine Errichtung geht auf eine Initiative des Industriellen Friedrich Harkort zurück, der die Sammlung von Spenden durch ein Westfälisches Komitee anregte. Als der Holzturm vermutlich 1863 einstürzt, wird mit dem Bau eines steinernen Turmes begonnen, der am 14.10.1869./17.10.1869 eingeweiht wird. Im Inneren befindet sich eine heute nicht mehr erhaltene Ruhmeshalle, in der neben einer Büste des Freiherrn vom Stein die Büsten des Pädagogen Adolf Diesterweg, des Bildungsreformers Ludwig Natorp und des Industriepioniers Friedrich Harkort aufgestellt waren sowie eine Gedenktafel für den Landrat Friedrich Gerstein angebracht war.
 
 

1857

August 3

 Einweihung des Vincke-Turms auf der Hohensyburg
Auf der Hohensyburg bei Dortmund wird der Vincke-Turm zur Erinnerung an den 1844 verstorbenen ersten westfälischen Oberpräsidenten  Ludwig Freiherr von Vincke (geb. 1774) eingeweiht, der bereits zu Lebzeiten als "Landesvater" mystifiziert worden war. Die Einweihungsfeierlichkeiten des 20 Meter hohen, achteckigen Aussichtsturms geraten zu einem patriotischen Bekenntnis für Preußen, obwohl keine Vertreter der Staatsbehörden oder gar des Königshauses teilnehmen. Vincke war durch seine Heirat mit Eleonore von Sieberg zum Busch zum Eigentümer der mittelalterlichen Burgruine Hohensyburg geworden, in dessen unmittelbarer Nähe der Turm errichtet wurde. Heutiger Eigentümer des Turmes ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe.
 
 

August 4

 Brandkatastrophe in Vreden
Eine verheerende Brandkatastrophe zerstört die Stadt Vreden zu rund 80 Prozent und wirft sie in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zurück. Hier wie auch anderswo trifft die Katastrophe die ärmeren Teile der Bevölkerung am schwersten, da ihnen die Mittel für den Wiederaufbau ihrer Häuser fehlen. In Vreden entschließen sich jene Einwohner, die ihre Häuser nicht wieder aufbauen können, zur Auswanderung.
 
 

August 31

 Brandkatastrophe in Olfen
Eine Brandkatastrophe zerstört in Olfen 142 Häuser, was rund 80 Prozent der Bebauung entspricht. Der Wiederaufbau wird als Chance begriffen, durch die Anlage befestigter Straßen, neuer Wirtschaftswege und Brücken eine stadtplanerische Neugestaltung vorzunehmen. Allerdings zieht sich die Wiederaufbauplanung lange hin, obwohl 1855 für ganz Preußen eine Verordnung erlassen worden war, welche die nach Stadtbränden und beim Wiederaufbau zu ergreifenden Maßnahmen und Verfahrensschritte regelt. Schließlich muss mit staatlichen Zwangsmaßnahmen der eigenmächtige Wiederaufbau einiger Häuser gestoppt werden, um die angelaufenen Neuparzellierungsarbeiten, die generell auf den Widerstand der Bürger stießen, nicht hinfällig werden zu lassen.
 
 

1858

Juni 30

 Rechtliche Gleichstellung der Juden im Fürstentum Lippe
Das "Gesetz, die Feststellung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Verhältnisse, der gottesdienstlichen Einrichtungen und des Schulwesens der Juden betreffend" wird im Fürstentum Lippe erlassen, wodurch das frühere Schutzverhältnis für die Juden aufgehoben und ihre rechtliche Gleichstellung festgeschrieben wird. Die Emanzipation der Juden in Lippe ist hiermit jedoch keineswegs erreicht, ihnen wird unter anderem das aktive und passive Wahlrecht versagt, sie dürfen keine Ämter bekleiden, die mit der Ausübung einer richterlichen, polizeilichen oder exekutiven Gewalt verbunden sind, und sie dürfen mit Ausnahme von Gewerbe- und Handelsschulen nur an jüdischen Lehranstalten unterrichten. Die vollständige Emanzipation der Juden in Lippe wird erst mit dem Beitritt des Fürstentums zum Norddeutschen Bund 1867 erreicht.
 
 

Dezember 17

 Gründung des "Vereins für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund"
Von einer 1857 hereinbrechenden schweren Wirtschaftskrise wird auch der sich in einem gewaltigen Aufschwung befindliche Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet tief getroffen. Unternehmen ohne solide finanzielle Basis oder Grubenbetriebe im Südteil des Kohlengebiets, die ohnehin mit Rentabilitätsschwierigkeiten zu kämpfen haben, gehen in Konkurs, tausende von Bergleuten verlieren zumindest vorübergehend ihre Arbeit.
Vor dem Hintergrund dieser Depression, die unter anderem einen rapiden Preisverfall des Kohlenpreises herbeiführt, gründen 89 Gewerkschaften und Bergbaugesellschaften, die etwa die Hälfte der Förderung und der Belegschaften auf sich vereinigen, den "Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund", kurz "Bergbauverein". Ziel des Vereins ist zunächst die Förderung bei der Erschließung neuer Absatzmärkte. In den folgenden Jahrzehnten entwickelt sich der Verein zur wirkungsvollsten Interessenvertretung der Bergwerksbesitzer.
 
 

1859

Januar 14

 Gründung des Diözesanverbandes Münster der Katholischen Gesellenvereine
Bischof Johann Georg Müller von Münster verfügt im "Kirchlichen Amtsblatt der Diözese Münster" die Gründung des Diözesanverbandes Münster der Katholischen Gesellenvereine. In ihm werden die bis dahin entstandenen neun Gesellenvereine zusammengefasst: Münster (gegründet 1852), Warendorf und Beckum (beide 1853 gegründet), Recklinghausen und Ruhrort (beide 1855 gegründet), ferner die niederrheinischen Vereine in Kempen, Dülken und Lobberich (alle 1856 gegründet) sowie der schon 1850 gegründete Verein in Hildesheim, der ebenfalls dem Diözesanverband Münster zugeteilt wird (bis 1872).
 
 

1861

 

 Fertigstellung von Siegstal- und Lennebachbahn
Die Siegtalbahn Köln-Siegen und die Lennebachbahn Hagen-Siegen werden fertig gestellt. Beide Bahnlinien sichern den Transport des qualitätvollen Siegerländer Eisenerzes ins Ruhrgebiet und an den Rhein.
 
 

1862

Juni 10

 Gründung des ersten Bauernvereins
Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst gründet in Wettringen den ersten Bauernverein, dem schnell weitere folgen. Die Bauernvereine wollen die Interessen des Bauernstandes schützen und fördern und treten vornehmlich für die Erhaltung des mittleren Bauernstandes ein, der neben einer hohen Schuldenlast durch eine zunehmende Zerstückelung der Höfe durch Erbteilung bedroht ist.
Der preußischen Regierung ist allerdings die unverkennbare Nähe der Bauernvereine zum politischen Katholizismus ein Dorn im Auge. Nach der Reichsgründung werden die Bauernvereine am 22.07.1871 durch einen Erlass des preußischen Innenministers zu politischen Zusammenschlüssen erklärt und unter Polizeiaufsicht gestellt. Ihnen wird die Verbindung untereinander sowie jede gemeinsame Tätigkeit verboten. Deshalb lösen sich die örtlichen Bauernvereine auf. An ihre Stelle tritt der Westfälische Bauernverein, der sich am 30.11.1871 ausdrücklich als politischer Verein unter Führung von Schorlemer-Alst konstituiert.
 
 

1863

 

 Gründung des Bielefelder Arbeiterbildungsvereins
Der Tischlermeister Oswald Stehr gründet den Bielefelder Arbeiterbildungsverein, der der liberalen Fortschrittspartei nahe steht. Ziel des Vereins ist es, Arbeiter durch Vermittlung von Elementar- und Berufskenntnissen fortzubilden und sie dadurch dem Bürgertum anzunähern. Die Propagierung des Genossenschaftsgedankens führt 1867 zur Einrichtung eines Konsumvereins.
 
 

 

 Gründung des "Vereins katholischer Edelleute Westfalens"
Der "Verein katholischer Edelleute Westfalens" wird als Standesorganisation des westfälischen Adels gegründet. Nach Vorüberlegungen seit 1857 war 1859 ein westfälischer Adelsverein mit dem beziehungsreichen Namen "Vehme" gegründet worden, der zum Vorläufer des Vereins wird. 1869 wird der Verein auf ganz Deutschland ausgeweitet.
 
 

Oktober 13

 Brandkatastrophe in Ahaus
Ein verheerender Stadtbrand vernichtet rund 90 Prozent der Bausubstanz von Ahaus. Beim Wiederaufbau wird im Zusammenhang mit der Neuparzellierung des alten Siedlungskerns die Erweiterung der Stadt durch beidseitige Bebauung entlang der zu Chausseen ausgebauten Ausfallstraßen in Angriff genommen. Im Gegensatz zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als mehrheitlich die ärmere Bevölkerung aus dem Stadtkern in Erweiterungsflächen gedrängt wurde, werden im 19. Jahrhundert die Flächen entlang der Chausseen zu bevorzugten Standorten des gehobenen Bürgertums.
 
 

1864

 

 Gründung der Baugewerkschule in Höxter
In Höxter wird auf Initiative des Lehrers und Architekten Karl Möllinger die private Baugewerkschule als erste ihrer Art in Preußen gegründet. Damit reagiert Möllinger auf den erhöhten Bedarf an bautechnischen Fachkräften. 1895 wird die Schule verstaatlich und führt den Namen "Königlich Preußische Baugewerkschule". In den 30er Jahren wird sie in "Höhere Technische Lehranstalt für Hoch- und Tiefbau" und nach dem Zweiten Weltkrieg in "Ingenieurschule für Bauwesen" umbenannt.
Nach Gründung der Gesamthochschule Paderborn im Jahre 1972 wird die Ingenieurschule als Abteilung in die Hochschule integriert. Im Zuge einer Neustrukturierung der Universität Paderborn scheidet sie jedoch Ende 2001 wieder aus und bildet jetzt einen Teil der Fachhochschule Lippe und Höxter.
 
 

Januar 12

 Erste so genannte "Soester Konferenz"
Auf Einladung von Wilderich Freiherr von Ketteler-Thüne und Kreisrichter Alfred Hüffer aus Paderborn treffen sich zwölf konservative Katholiken aus Westfalen im Gasthof Overweg in Soest, um auf der Grundlage der gemeinsamen religiösen Überzeugung aktuelle politische Fragen zu besprechen. Von den insgesamt neun so genannten "Soester Konferenzen", deren letzte am 22.05.1866 stattfindet, gehen entscheidende programmatische Impulse für die spätere Gründung des Zentrums aus. Am 28.10.1870 wird das  "Soester Programm", das Wahlprogramm der Zentrumspartei "Für Wahrheit, Recht und Freiheit!", publiziert.
 
 

Februar 1

 Deutsch-dänischer Krieg
Die verwickelte Frage der staatsrechtlichen Stellung der beiden mit dem Königreich Dänemark in Personalunion verbundenen Herzogtümer Schleswig und Holstein weitet sich durch das Aussterben des dänischen Königshauses im November 1863 zu einer akuten Krise aus.
Die Schleswig-Holsteinische Krise erfüllt die Bevölkerung Westfalens mit Sorge, obwohl es der geschickten Politik des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck gelungen war, Österreich als Verbündeten Preußens zu gewinnen. Die durch die Mobilisierung und den Kriegsausbruch am 01.02.1864 aufgebaute Spannung beginnt sich nach der Erstürmung der Düppeler Schanzen am 18.04.1864 und nach dem am 01.08.1864 in Wien geschlossenen Vorfrieden zu lösen. Die Vorbehalte gegenüber der Politik König Wilhelms I. und seines Ministerpräsidenten Bismarck bleiben jedoch. Vor allem die hohen Militärausgaben stoßen in der Bevölkerung auf Unwillen.
 
 

1865

Januar 22

 Gründung der ersten Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
In Iserlohn wird auf Initiative von Carl Wilhelm Tölcke, des zeitweiligen Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) Ferdinand Lassalles, die erste Ortsgruppe des ADAV in Westfalen gegründet. Eine Woche später, am 29.01.1865, folgt die Gründung einer weiteren Ortsgruppe in Hagen. Beide Gründungen markieren den Beginn der organisierten sozialistischen Arbeiterbewegung in Westfalen.
 
 

Juni 24

 Das "Allgemeine Berggesetz für die preußischen Staaten" wird erlassen
Durch das am 01.10.1868 in Kraft tretende  "Allgemeine Berggesetz für die preußischen Staaten" vom 24.06.1865 werden die bisher im Bereich des Ruhrreviers geltenden fünf verschiedenen Vorschriftenwerke abgeschafft und die Berggesetzgebung vereinheitlicht. Das Preußische Berggesetz bleibt bis zum Inkrafttreten des am 13.08.1980 verabschiedeten Bundesberggesetzes am 11.01.1982 gültig.
Das wesentlich von den Vorstellungen des Bergbauvereins beeinflusste Gesetz stellt den wichtigsten Schritt auf dem Weg zur privatwirtschaftlichen Weiterentwicklung des Ruhrgebiets dar, weil sich der Staat von dem bisherigen "Direktionsprinzip" zurückzieht und sich weitgehend auf eine bergpolizeiliche Aufsichtsfunktion beschränkt. Insbesondere die Arbeitsverhältnisse werden der freien Vereinbarung überlassen, so dass der traditionelle Schutz des bergmännischen Arbeitsplatzes fortan entfällt. Allein die Knappschaft als Pflichtversicherung für alle Bergleute bleibt erhalten.
 
 

1866

Juni 14

 Austritt Preußens aus dem Deutschen Bund
An der nicht abschließend geregelten schleswig-holsteinischen Frage entzündet sich vordergründig der militärische Konflikt zwischen Preußen und Österreich, den der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck zielbewusst herbeiführt und auf der internationalen Ebene diplomatisch absichert, um den Dualismus der beiden Großmächte in Deutschland zu beenden.
Im Juni 1866 übermittelt Bismarck den deutschen Regierungen Vorschläge zur Bildung eines neuen (klein-)deutschen Bundesstaates, in dem nördlich der Mainlinie Preußen, südlich der Mainlinie Bayern die Hegemonie erhalten soll. Daraufhin erwirkt Österreich den Beschluss der Mehrheit des Bundestages, die Bundestruppen gegen Preußen zu mobilisieren. Im Gegenzug tritt Preußen am 14.06.1866 aus dem Deutschen Bund von 1815 aus.
Anschließend fordert der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck in einer Note alle Kleinstaaten des (ehemaligen) Deutschen Bundes zu einer klaren Parteinahme zugunsten Preußens auf. In diesem Fall werde König Wilhelm I. die Unabhängigkeit und die territoriale Integrität dieser Staaten garantieren.
Fürst Leopold III. zur Lippe stellt daraufhin die lippischen Truppen Preußen zur Verfügung. Das Lippische Füsilier-Bataillon nimmt während des zwei Tage später beginnenden preußisch-österreichischen Krieges am Feldzug am Main teil, der bis Ende Juli dauert und ohne größere Schlacht verläuft.
 
 

Juni 16

 Preußisch-Österreichischer Krieg
Der von dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck zielbewusst herbeigeführte und auf der internationalen Ebene diplomatisch abgesicherte militärische Konflikt zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland wird in weiten Teilen Westfalens als ein unnatürlicher "Bruderkrieg" angesehen. Darüber hinaus existiert eine gefühlsmäßige Nähe zum katholischen Österreich. In den Territorien des ehemaligen Fürstbistums Münster ist man sich noch immer der Verbindung mit Österreich bewusst, denn der letzte Fürstbischof war der Sohn der Kaiserin Maria Theresia, Kurfürst Maximilian Franz, gewesen. Der "Westfälische Merkur" in Münster urteilt einen Monat vor dem sich abzeichnenden militärischen Konflikt am 17.05.1866: "Der Krieg ist im ganzen Münsterlande unpopulär bis zum Übermaß, der Widerwille ist in den Palästen wie in den Hütten, in den Salons wie auf der Bierbank derselbe". An dieser Haltung ändert sich nach Kriegsausbruch am 16.06.1866 nichts.
 
 

August 18

 Vertrag zur Errichtung eines Norddeutschen Bundes
Noch vor Unterzeichnung des endgültigen Friedensvertrages zwischen Preußen und Österreich in Prag am 23.08.1866 schließt Preußen am 18.08.1866 einen  Bündnisvertrag mit zahlreichen norddeutschen Kleinstaaten und Freien Städten, darunter dem Fürstentum Lippe, in denen sich die Partner verpflichten, an der Bildung eines Norddeutschen Bundes teilzunehmen und in ihren Territorien Wahlen zu einem Bundesparlament auf der Grundlage des Reichswahlgesetzes von 1849, also nach dem allgemeinen, gleichen und direkten Stimmrecht, durchzuführen.
 
 

August 23

 Frieden von Prag zwischen Preußen und Österreich
Im Friedensvertrag von Prag zwischen Preußen und Österreich werden unter anderem die Annexionen des Königreichs Hannover, des Kurfürstentums Hessen, des Herzogtums Nassau und der Freien Stadt Frankfurt am Main durch Preußen vereinbart. Hierdurch wird die Barriere zwischen den altpreußischen Gebieten im Osten und dem preußischem Besitz in Westdeutschland ("Rheinpreußen"), also auch zur Provinz Westfalen, beseitigt und ein zusammenhängendes Staatsgebiet geschaffen. Das Fürstentum Lippe ist nunmehr vollständig von preußischem Staatsgebiet umschlossen.
 
 

1867

April 16

 Verabschiedung der Verfassung des Norddeutschen Bundes
Der konstituierende Reichstag des Norddeutschen Bundes nimmt die  Verfassung des Norddeutschen Bundes an, die einen Tag später von den verbündeten Regierungen angenommen wird und am 01.07.1867 in Kraft tritt. Mit geringfügigen Modifikationen wird sie 1871 zur Verfassung des Deutschen Reiches. Damit ist die Gründung des Norddeutschen Bundes unter Führung Preußens rechtlich vollzogen. Dem Norddeutschen Bund gehören alle deutschen Staaten nördlich der Mainlinie an, so auch das Fürstentum Lippe.
 
 

Oktober 1

 Militärkonvention zwischen dem Fürstentum Lippe und dem Königreich Preußen tritt in Kraft
Die am 26.06.1867 geschlossene Militärkonvention zwischen dem Fürstentum Lippe und Preußen tritt am 01.10.1867 in Kraft. Lippe gibt die eigene Wehrhoheit auf; das Lippische Füsilier-Bataillon wird aufgelöst; 3 Offiziere und 254 Mann treten in das III. Bataillon des Preußischen Infanterie-Regiments (6. Westfälisches) Nr. 55 über, dessen Standort von Herford nach Detmold verlegt wird. Dieser Schritt ist eine Konsequenz aus der Gründung des Norddeutschen Bundes, dessen Militärwesen nach preußischem Muster vereinheitlicht wird. Die Einführung der preußischen Heeresorganisation ist verbunden mit längerer Dienstzeit für die Militärpflichtigen und einer erhöhten Steuerlast aufgrund der Truppenvermehrung.
 
 

Oktober 14

 Die ersten Patienten finden Aufnahme in den späteren von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel
Der Rheinisch-Westfälische Provinzialausschuss der Inneren Mission beschließt Ende 1865, in Bielefeld eine Heilanstalt für Epilepsiekranke ("Fallsüchtige") zu errichten. Zu diesem Zweck wird vor den Toren der Stadt ein Bauernhof erworben, wo nach Umbauarbeiten 24 Kranke Aufnahme finden. Dahinter steht das unter den damaligen Fachleuten äußerst umstrittene Konzept, eine Gruppe von Kranken in einer Kolonie zusammenzufassen, um ihnen ein christlich geprägtes Gemeinschaftsleben zu ermöglichen und ihre Erkrankung durch eine gesunde Lebensweise in einer gesunden Umwelt zu bessern. In Bethel herrscht eine ganzheitliche Betrachtungsweise vor, welche die Patienten als komplexe Persönlichkeiten mit gesunden und kranken Anteilen wahrnimmt, weshalb das Behandlungsziel in der Hebung der Persönlichkeit der Patienten besteht, wodurch diese ein gewisses Maß an Verantwortung und auch Schuldfähigkeit zurückerhalten sollten.
Schon nach einem Jahr ist die Aufnahmekapazität des Hauses erschöpft, so dass zu Beginn der 1870er Jahre der Bau eines deutlich größeren Pflegehauses dem Widerstand eines Teils der Bielefelder Bürger zum Trotz in Angriff genommen wird. Diese Kapazitätsausweitung sowie die Berufung des Dellwiger Pastors Friedrich von Bodelschwingh zum Anstaltsleiter im Jahre 1872 erweisen sich als entscheidende Weichenstellungen für die weitere Entwicklung Bethels zu einer der größten Einrichtungen ihrer Art.
Bodelschwingh öffnet die Anstalt für epilepsiekranke Mädchen und Frauen und erweitert auch allgemein den Kreis derjenigen, die in Bethel Aufnahme finden können, um Geistes- und Gemütskranke, Arbeits- und Obdachlose, Alkoholkranke und Schwererziehbare. Ferner veranlasst Bodelschwingh, dass auch das Pflegepersonal und die sonstigen Mitarbeiter überwiegend mit ihren Familien auf dem Anstaltsgelände leben. Bodelschwinghs Maßnahmen ziehen eine rege Bautätigkeit nach sich, so dass zum Zeitpunkt seines Todes 1910 die Anstalten Bethel zu einer Kleinstadt mit einer eigenen, voll ausgebildeten Infrastruktur herangewachsen ist.
Während der nationalsozialistischen Diktatur praktizieren Leitung und Ärzteschaft der Anstalten Bethel Teile der nationalsozialistischen "Erbgesundheitspolitik". Bereitwillig setzt die Ärzteschaft Bethels nicht nur die Maßnahmen des am 01.01.1934 in Kraft getretenen  "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in die Praxis um, eine Reihe von Ärzten nimmt darüber hinaus sogar überaus aktiv Einfluss auf die Ausweitung und Verschärfung des Sterilisierungsprogramms. In Bethel werden daher ab 1934 mehrere Tausend Menschen zwangssterilisiert.
An der so genannten "Euthanasie" scheiden sich freilich in Bethel die Geister. Anstaltsleiter Fritz von Bodelschwingh zieht eine klare ethische Grenze zwischen eugenischen Maßnahmen einerseits, die er als eine "humane" Alternative zur "Euthanasie" ansieht, und der Ermordung psychisch Kranker. Zwar können durch eine verdeckte Obstruktionspolitik fast alle Patienten der Bodelschwinghschen Anstalten vor der "Euthanasie" bewahrt werden (es werden "nur" 14 Menschen, darunter 7 jüdischen Glaubens, ermordet), grundsätzlich wird dem Staat jedoch nicht das Recht zur Tötung "lebensunwerten Lebens" abgesprochen. Proteste gegen den Massenmord an den Patienten staatlicher Heil- und Pflegeanstalten bleiben aus, vielmehr werden die vorgeschriebenen Vorbegutachtungen der Patienten und somit deren Kategorisierung nach ihrer sozialen Wertigkeit in Bethel übernommen, was einen fundamentalen Bruch mit der Tradition Bethels bedeutete.
Zum Gedenken an die Opfer der in Bethel zwangssterilisierten Menschen wird auf Initiative des Arbeitskreises "Trialog" am 18.06.2000 auf dem Gelände der Anstalten ein Mahnmal eingeweiht.
 
 

1868

Juli

 Gründung erster Ortsgruppen des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Minden-Ravensberg
Im Zuge einer Werbekampagne wird in Bielefeld die erste Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) Ferdinand Lassalles in Minden-Ravensberg gegründet, der im September 1868 eine weitere Gründung in Minden folgt.
Beide Ortsgruppen erhalten hauptsächlich Zulauf aus Kreisen der ländlich geprägten Damastweber. Die Frontstellung des ADAV zum Bürgertum und seine anfängliche Bereitschaft, mit dem Staat ein Bündnis einzugehen, entsprach den politischen Interessen der überwiegend königstreu eingestellten ländlichen Unterschichten.
 
 

1869

August

 Gründung der ersten Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Westfalen
52 Zigarrenarbeiter gründen in Bielefeld die erste Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in Westfalen. In den Folgejahren gelingt es, weitere kleine Gruppen in Rheda, Vlotho, Brackwede, Soest und Witten zu gründen.
 
 

1870

Juni 14

 "Münsterisches Programm" der späteren Zentrumspartei
Im Vorfeld der Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus entwirft der Abgeordnete Hermann von Mallinckrodt aus Paderborn unter maßgeblicher Beteiligung des Publizisten und geistlichen Präses Franz Hülskamp aus Münster das so genannte  "Münsterische Programm", "das erste ursprüngliche Programm, aus welchem die Zentrumspartei erwachsen ist" (Karl Bachem). Es enthält neben kirchenpolitischen Forderungen bedeutende Stellungnahmen etwa zu den politischen und sozialen Folgen des Militarismus und zur Lösung der Sozialen Frage. Insgesamt liefert es wesentliche Grundlagen für das am 28.10.1870 beschlossene "Soester Programm".
 
 

Juli 15

 Deutsch-Französischer Krieg
Im Gegensatz zur Stimmung während des deutsch-österreichischen Krieges von 1866 wird die Kriegserklärung Frankreichs an Preußen mit Begeisterung aufgenommen. Vor allem die Nachricht vom erfolgreichen Ausgang der Schlacht von Sedan (01.09.1870/02.09.1870), die mit der Gefangennahme Kaiser Napoléons III. endet, ruft in Westfalen Begeisterungsstürme hervor, die nicht einmal von der für den Kriegsverlauf wichtigeren Kapitulation von Metz, wo drei Marschälle, über 6.000 Offiziere und rund 173.000 Soldaten gefangen genommen werden, übertroffen wird.
Die weiteren deutschen militärischen Erfolge werden dagegen eher gleichgültig hingenommen. Vielmehr macht sich in der Bevölkerung mehr und mehr die Sehnsucht nach Frieden breit, wie die spontanen Feierlichkeiten nach der Kapitulation von Paris (29.01.1871) und nach dem Friedensschluss (2.03.1871) offenbaren. Auch die allerorten erfolgende Pflanzung von "Friedenseichen" zeugt vom Wunsch nach dauerhaftem Frieden.
 
 

September 20

 Annexion des Kirchenstaates durch Italien
Die Besetzung des Kirchenstaates durch italienische Truppen im Gefolge des deutschen Sieges über Frankreich wird von dem katholischen Teil der Bevölkerung Westfalens mit Bestürzung aufgenommen. Unter anderem werden etwa 80.000 Unterschriften unter eine Adresse an den preußischen König Wilhelm I. gesammelt, in der um eine Intervention zugunsten von Papst Pius IX. gebeten wird.
 
 

Oktober 28

 "Soester Programm" der späteren Zentrumspartei
Eine Versammlung von etwa 70 Vertrauensmännern aus ganz Westfalen beschließt in Soest das so genannte  "Soester Programm" als Plattform für die anstehenden Wahlen zum Preußischen Abgeordnetenhaus. Das von dem Münsteraner Publizisten und geistlichen Präses Franz Hülskamp verfasste "Soester Programm" übernimmt die zentralen Forderungen des  "Münsterischen Programms" vom 14.06.1870.
Unter anderem wird mit Blick auf die Sozialpolitik gefordert: "Freiheit für alle den gesetzlichen Boden nicht verlassenden Bemühungen zur Lösung der sozialen Aufgaben. Gesetzliche Beseitigung solcher Übelstände, welche den Arbeiter mit moralischen oder körperlichem Ruin bedrohen."
Die über 50 gewählten Abgeordneten im Preußischen Abgeordnetenhaus gründen am 13.12.1870 die Fraktion "Zentrum (Verfassungspartei)" und machen das "Soester Programm" zur Grundlage ihrer Politik. Das "Soester Programm" bildet fortan die Leitlinie für die Politik des Zentrums im Kaiserreich.
 
 

1871

 

 August Rohlings "Der Talmudjude" wird in Münster veröffentlicht
August Rohling, Professor für Exegese an der Katholisch-theologischen Akademie Münster, veröffentlicht im Münsteraner Adolph Russell-Verlag sein Buch "Der Talmudjude. Zur Beherzigung für Juden und Christen aller Stände dargestellt". Darin sucht Rohling seine Auffassung vom Talmud als einem "Schand- und Sudelbuch" durch eine ausführliche pseudowissenschaftliche Untersuchung zu belegen. Die Kombination aus scheinbar gediegener fachwissenschaftlicher Darstellung und einfacher, jedermann verständlicher Sprache lässt das Buch zu einer der bekanntesten und wirkungsvollsten antisemitischen Hetzschriften des deutschen Sprachraums werden, die auch im 20. Jahrhundert immer neue Auflagen erlebt. Der Münsteraner Stadtarchivar Adolf Hechelmann vermerkt bereits Anfang August 1871 in der von ihm geführten Stadtchronik: "Das Buch des christlichen Autors fand selbst bei der Landbevölkerung eine immer steigende Verbreitung, aber zu gefürchteten Reibungen trieb man die Judenabneigungen nicht". Trotz aller Kritik wird Rohlings Buch von der katholischen Kirche Westfalens sehr wohlwollend aufgenommen: Allein von der sechsten Auflage (1877) soll der Bonifatius-Verein 38.000 Exemplare kostenlos in Westfalen verteilt haben.
 
 

Januar 18

 Gründung des Deutschen Kaiserreichs
Die Gründung des Deutschen Reiches und die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles wird in Westfalen meist vorbehaltlos akzeptiert, da nach dem Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund 1866 die favorisierte großdeutsche Lösung hinfällig geworden war. Allerdings bleibt es zumindest in der Provinzialhauptstadt Münster erstaunlich ruhig. Adolf Hechelmann verzeichnet in seiner Stadtchronik, dass auf die Nachricht von der Reichsgründung "kein äußerer Jubel, kein Freudenschießen, keine Flaggen als höchstens von 10-12 Häusern in ganz Münster und seiner nächsten Umgebung" folgt.
 
 

Juli 2

 Gründung des "Historischen Vereins für Dortmund und die Grafschaft Mark"
Auf Initiative des Ersten Bürgermeisters von Dortmund, Dr. Hermann Becker, der einen Tag zuvor in sein Amt eingeführt worden war, wird der "Historische Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark" gegründet. Der linksliberal eingestellte Becker wird Vorsitzender des Vereins. Die Vereinsgründung ist Ausdruck der Welle nationaler Begeisterung und geschichtlichen Interesses nach der Reichsgründung von 1871. Becker verfolgt mit der Vereinsgründung aber auch eigennützige Ziele, da er die Gesellschaft zur Gewinnung von politischen Anhängern im Bürgertum nutzen will.
 
 

November 30

 Gründung des Westfälischen Bauernvereins
In Münster findet die Gründungsversammlung des  Westfälischen Bauernvereins statt. Die neue Zentralorganisation der Landwirte für ganz Westfalen tritt an die Stelle der auf politischen Druck aufgelösten örtlichen Bauernvereine. Von den fast 2.000 anwesenden Landwirten aus Westfalen treten etwa 800 sofort dem neuen Verein bei. Durch Akklamation wird  Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst (1825-1895) zum Vorsitzenden gewählt. Der Verein nimmt seinen Sitz in der Provinzialhauptstadt Münster, wo auch alle bedeutenden Versammlungen stattfinden.
 
 

1872

 

 Gründung des ersten protestantischen Lehrerinnenseminars Westfalens
Im ehemaligen Prämonstratenser-Stift Keppel bei Hilchenbach wird das erste protestantische Lehrerinnenseminar Westfalens gegründet. Hierdurch wird das Ausbildungsangebot der ein Jahr zuvor eingerichteten "Keppelschen Schul- und Erziehungsanstalt" für Mädchen mit angeschlossenem Internat erweitert. Die unter der Schirmherrschaft der preußischen Königin Elisabeth stehende Einrichtung ist zunächst in erster Linie zur Versorgung der verwaisten Töchter des verdienten Offiziersadels gedacht.
Ein zweites protestantisches Seminar in Westfalen wird erst 1900 in Burgsteinfurt gegründet. Von katholischer Seite waren entsprechende Lehrerinnenseminare schon 1832 in Münster und in Paderborn eingerichtet worden. Im Zuge der Umgestaltung der Lehrerinnenausbildung wird 1923 das Seminar im Stift Keppel aufgelöst.
 
 

Januar 28

 Konstituierung des Westfälischen Provinzialvereins für Wissenschaft und Kunst
Die von dem westfälischen Oberpräsidenten  Friedrich von Kühlwetter (1809-1882) betriebene Gründung eines Provinzialvereins für Wissenschaft und Kunst war zunächst auf große Schwierigkeiten gestoßen und hatte für heftige Diskussionen gesorgt. Kostspielige Vorhaben wie der geplante Bau eines zentralen Provinzial-Museums und der kaum verhohlene Alleinzuständigkeitsanspruch des Vereins sorgten für erhebliche Widerstände in der Provinz. Erst nachdem ungefähr 2.000 Personen aus Münster und Westfalen ihren Beitritt erklärt hatten, kann am 28.01.1872 in Münster zur Vereinsgründung geschritten werden.
Tatsächlich muss die Gründung in einem Zusammenhang mit Versuchen des preußischen Staates gesehen werden, der nach der Reichsgründung einsetzenden Zersplitterung des wissenschaftlichen Vereinswesen und der hiermit verbundenen Aktivitäten (Errichtung von lokalen Museen und Sammlungen, Forschungsvorhaben) entgegenzuwirken. Die Einrichtung zahlreicher Sektionen (1874: Mathematisch-Physikalisch-Chemische Sektion; 1878: Zoologische Sektion) des Westfälischen Provinzialvereins kann jedoch das Entstehen zahlreicher weiterer lokaler Vereine nicht aufhalten.
 
 

Juni 15

 Erster überlokaler Streik im Ruhrbergbau
Auf der Zeche "Holland" in Gelsenkirchen / Wattenscheid bricht ein Bergarbeiterstreik aus, der sich auf Oberhausen und Mülheim ausdehnt und dem sich rund 20.000 Bergleute auf 40 Zechen anschließen. Im wesentlichen geht es den Bergleuten um Lohnerhöhungen, um bessere Arbeitsbedingungen und um die Einführung der Acht-Stunden-Schicht. Der Streik ist aber unorganisiert und erfasst nicht flächendeckend sämtliche Steinkohlengruben. Daher bricht dieser erste überlokale Streik im Ruhrbergbau am 28.07.1872 ohne Erfolg zusammen.
 
 

1873

 

 Aufhebung der Festung Minden
Die Festung Minden, welche Jahrhunderte lang das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt prägte, wird aufgehoben.
 
 

April 22

 Enniger "Ritualmord"
In der Gemeinde Enniger wird die 32-jährige ledige Kötterstochter Elisabeth Schütte ermordet und später ein jüdischer Bürger, Herz Spiegel, der Tat beschuldigt. Die Bevölkerung konstruiert daraus einen so genannten "Ritualmord". Selbst als der zuständige Staatsanwalt keine Anklage erhebt, hören die Attacken gegen die jüdischen Einwohner nicht auf. Boykott, Schmierereien an den Häusern, ein Angriff auf die Synagoge und der ständige Psychoterror zwingen die jüdische Bevölkerung zur Abwanderung. Die Familie des Beschuldigten zieht 1892 als letzte von Enniger fort.
 
 

Mai 9

 Der "Gründerkrach" an der Wiener Börse löst die "Große Depression" aus, die auch den Ruhrbergbau in eine tiefe Krise stürzt
Die nach der Gründung des Deutschen Reiches einsetzende, ins Fieberhafte übersteigerte wirtschaftliche Hochkonjunktur endet schlagartig mit dem "großen Krach" an der Wiener Börse, als die spekulativ überhöhten Kurse in sich zusammenstürzen. Verstärkt durch eine Bankenkrise in New York ergreift die Krise ab August 1873 Berlin, wo mehrere Banken zusammenbrechen. Die Wirtschaftskrise führt in den folgenden Jahren zum Zusammenbruch zahlreicher weiterer Banken, Eisenbahn- und Industrieunternehmen. Die so genannte "Große Depression" hält, von leichten zwischenzeitlichen Erholungen abgesehen, bis etwa 1896 an.
Ab Ende 1873 gerät auch der Steinkohlenbergbau als einer der wichtigsten Motoren des wirtschaftlichen Wachstums in den Strudel der Wirtschaftskrise. Der stark rückläufige Absatz bewirkt einen Preisverfall für Kohle um rund 50 Prozent; die Einnahmeausfälle sollen wiederum durch eine Steigerung der Förderung kompensiert werden. Wie schon in der Wirtschaftskrise ab 1857 überleben nur diejenigen Betriebe mit der größten Kapitaldecke. Die Folge sind erheblich Konzentrationsbestrebungen, die zum Entstehen großer Bergwerksgesellschaften wie der Gelsenkirchener Bergwerks AG, der Harpener Bergbau AG und der Bergwergsgesellschaft Hibernia AG führen.
Die Bergarbeiter sind von Arbeitslosigkeit und drastischen Lohneinbußen betroffen. Da die Löhne häufig nicht mehr das Existenzminimum decken, drängen Frauen und Kinder in die Betriebe, um das Familieneinkommen aufzubessern. Vornehmlich an den Lesebändern bei der Trennung der Kohle vom mitgeförderten Gestein arbeiten sie in Schichten von 10 bis 12 Stunden für etwa die Hälfte eines Arbeiterlohnes.
 
 

1874

August 4

 Verhaftung Bischof Konrad Martins von Paderborn
Konrad Martin, Bischof von Paderborn, wird in Gegenwart des Domkapitels und einer großen Volksmenge verhaftet und zunächst in Paderborn, dann in Wesel inhaftiert. Der staatliche Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten erklärt ihn am 05.01.1875 für abgesetzt und überträgt die Vermögensverwaltung der Diözese einem staatlichen Kommissar. Aus dem ihm zugewiesenen Aufenthaltsort Wesel entflieht Martin am 03.08.1875 in die Niederlande, die ihn auf Drängen Preußens am 16.03.1876 ausweisen. Martin geht ins Exil nach Belgien, wo er am 16.07.1879 stirbt. In der Paderborner Bevölkerung wird daraufhin als "Bekennerbischof" verehrt. Seine sterblichen Überreste werden von Pauline von Mallinkrodt heimlich nach Paderborn zurückgebracht, wo sie im Dom feierlich beigesetzt werden.
 
 

1875

 

 Gründung des "Vereins für Orts- und Heimatkunde im Süderlande" in Altena
Als einer der ersten Geschichtsvereine Westfalens wird der "Verein für Orts- und Heimatkunde im Süderlande" in Altena gegründet. Die Vereinsgründung steht im Zusammenhang mit der Welle nationaler Begeisterung und geschichtlichen Interesses nach der Reichsgründung von 1871. Der Verein ruft eine Museumssammlung, eine landeskundliche Bibliothek und das Burgarchiv Altena (heute Kreisarchiv und Landeskundliche Bibliothek des Märkischen Kreises) ins Leben. 1879 gelingt es, das "Museum für Heimatkunde in Altena an der Lenne" zu eröffnen, in dem die Vor- und Frühgeschichte, aber auch volkskundliche Besonderheiten und die industriegeschichtliche Entwicklung der Region dokumentiert werden.
 
 

 

 Eröffnung der Bahnlinien Münster - Gronau und Dortmund - Gronau
Die Bahnlinien Münster - Gronau und Dortmund - Gronau, die in das niederländische Enschede weiterführen, wurden auf Betreiben der Gronauer Textilindustrie gebaut, für deren Konkurrenzfähigkeit der Anschluss an das europäische Eisenbahnnetz notwendig ist.
 
 

April 11

 Vereinigung der rheinisch-westfälischen Sozialisten
Am 50. Geburtstag Ferdinand Lassalles findet in Dortmund ein westdeutscher Arbeitertag statt, auf dem die Vereinigung der rheinisch-westfälischen Sozialisten (Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein und Sozialdemokratische Arbeiterpartei) noch vor dem Gothaer Einigungspartei (22.05.1875 bis 27.05.1875) vollzogen wird.
 
 

Mai 22

 Vereinigungsparteitag der Sozialisten in Gotha
Auf dem Parteitag in Gotha (22.05.1875 bis 27.05.1875) vereinigen sich nach mehrtägiger Debatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) und der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). In Gotha sind insgesamt 1.045 SDAP-Mitglieder und 760 ADAV-Mitglieder aus Westfalen vertreten, die aus Bielefeld, Hagen, Iserlohn, Dortmund und Minden stammten.
 
 

Juni 26

 Eröffnung des ersten "Westfälischen Zoologischen Gartens" in Münster
Der Professor für Naturkunde  Dr. Hermann Landois eröffnet in Münster den ersten "Westfälischen Zoologischen Garten", zu dessen Gründung er im Dezember 1873 aufgerufen hatte. Ursprüngliches Ziel des Zoogründers ist es, ausschließlich "die in Europa einheimischen Säugethiere möglichst vollzählig zu zeigen". Schon nach kurzer Zeit muss die Zielsetzung jedoch den Wünschen des Publikums angepasst werden: 1876 wird das erste Affenhaus errichtet, 1900 kommt der erste Elefant nach Münster.
Am Jahresende 1973 wird der Zoo an seinem alten Standort endgültig geschlossen. Seine Nachfolge tritt der Allwetterzoo an.
 
 

August 16

 Einweihung des Hermannsdenkmals in Hiddesen
In Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. wird das Hermannsdenkmal auf der Grotenburg in Detmold-Hiddesen eingeweiht. Nach der Grundsteinlegung und der Errichtung des Sockels im Jahre 1838 mussten die Bauarbeiten aus Geldmangel immer wieder für längere Zeit unterbrochen werden. Erst nach Gründung des Deutschen Reiches schreitet die Fertigstellung zügig voran.
Das Denkmal ist das Lebenswerk des Bildhauers und Architekten Ernst von Bandel, der nach der Befreiung Deutschlands von der napoleonischen Herrschaft ein Symbol nationaler Einheit und Freiheit von Unterdrückung schaffen wollte. Vordergründig erinnert das Hermannsdenkmal an die Varus-Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 n. Chr. Die nach Westen gerichtete Figur des Cheruskerfürsten Arminius mit gezücktem Schwert wird aber auch als Ausdruck deutscher Abwehrbereitschaft gegenüber dem "Erbfeind" Frankreich verstanden.
 
 

1877

September 12

 Einführung einer Landessynode im Fürstentum Lippe
Fürst Woldemar erlässt die "Verordnung, die Einführung einer Landessynode betreffend". Mit diesem Gremium erhält die evangelische Kirche im Fürstentum Lippe das Recht auf selbständige Ordnung und Verwaltung ihrer Angelegenheiten nach dem Vorschlag des Konsistoriums.
 
 

1879

Oktober 1

 Neue Gerichtsverfassung in der Provinz Westfalen und im Fürstentum Lippe
Die im Zuge der Reichsjustizreform von 1877 erlassene neue Gerichtsverfassung tritt in Kraft.
In der preußischen Provinz Westfalen werden die bisherigen Oberlandesgerichte Münster, Arnsberg und Detmold aufgehoben und ihre Aufgaben beim Oberlandesgericht in Hamm zentralisiert. Dem Oberlandesgericht sind neun Landgerichte untergeordnet. Die bisherigen Kreisgerichte werden in Amtsgerichte umgewandelt.
Im Fürstentum Lippe hat die Reform gravierendere Auswirkungen, da die Justiz von der Staats- und Gemeindeverwaltung getrennt wird. Die verschiedenen örtlichen und überörtlichen Gerichte mit unterschiedlichen Zuständigkeiten werden aufgelöst. An ihre Stelle tritt ein Landgericht in Detmold, das dem Oberlandesgericht Celle (in der preußischen Provinz Hannover) untersteht. Dem Landgericht sind Amtsgerichte nachgeordnet, welche die bis dahin von den Amtsverwaltungen wahrgenommenen Justizfunktionen übernehmen.
In Lippe wie in den anderen deutschen Bundesstaaten bleibt die Gerichtsherreneigenschaft der Landesherren unangetastet. Daher sind Begnadigungen in den Fällen, in denen die Todesstrafe verhängt wird, Sache des zuständigen Fürsten.
 
 

1882

 

 Abschluss der Verstaatlichung der Eisenbahngesellschaften in Rheinland und Westfalen
Aufgrund der besonderen militärischen Bedeutung der Eisenbahnen wird das ursprüngliche dualistische System privater und staatlicher Bahnlinien abgeschafft. Die Verstaatlichung der Eisenbahngesellschaften in Rheinland und Westfalen findet 1882 ihren Abschluss.
 
 

Juli

 Vereinigung der beiden evangelischen Teilkonfessionen im Fürstentum Lippe
Auf der zweiten ordentlichen Landessynode im Fürstentum Lippe werden die beiden evangelischen Teilkonfessionen in einer Landeskirche vereinigt.
 
 

1886

Oktober 1

 In Bielefeld wird das erste Telefonortsnetz Westfalens in Betrieb genommen
Nachdem am 12.01.1881 die erste Stadtfernsprecheinrichtung Deutschlands in Berlin versuchsweise ihren Betrieb aufgenommen hatte, wird fünfeinhalb Jahre später in Bielefeld die erste Stadtfernsprecheinrichtung Westfalens eröffnet. Sechs Wochen später, am 15.11.1886, wird die Fernsprechanlage des Ruhrgebiets mit Vermittlungsstellen in Essen, Bochum und Dortmund in Betrieb genommen. Es folgen die größeren Städte in Westfalen und Lippe: Minden am 01.07.1887, Münster am 20.12.1887, Herford am 01.07.1889, Paderborn am 20.12.1892, Bocholt, Detmold und Gütersloh im Jahre 1895.
Um 1900 besitzen alle größeren Orte ein eigenes Ortsfernsprechnetz; rund zehn Jahre später ist die Bildung von Anschlussbereichen weitgehend abgeschlossen.
 
 

1889

Mai 14

 Kaiser Wilhelm II. empfängt Deputation der streikenden Bergarbeiter des Ruhrgebiets
Kaiser Wilhelm II. gewährt überraschend und gegen den Rat von Reichskanzler Otto von Bismarck der Deputation der streikenden Bergarbeiter des Ruhrgebiets eine Audienz. Einen Tag später empfängt er eine Delegation der Grubenherren.
Aus einer anfangs spontan aufflackernden Streikbewegung entwickelt sich nach dem 01.05.1889 der erste Massenstreik der Bergarbeiter des Ruhrgebiets ohne Mitwirkung von Gewerkschaften. Die Bergleute fordern die Acht-Stunden-Schicht, 15 Prozent Lohnerhöhung, Beseitigung der Lohnabzugssysteme und Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Am 10.05.1889 befinden sich über 80.000 Kumpel im Ausstand, was knapp 80 Prozent aller auf Zechen beschäftigten Bergleute entspricht. Die Streikbewegung springt auch auf Schlesien, den Aachener Raum und Sachsen über. Gegen die Streikenden setzt die Regierung Militär ein. Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Streikenden gibt es Tote und Verletzte. Als der Streik sich nicht mit Gewalt unterdrücken lässt, empfängt der Kaiser auf dem Höhepunkt des Streiks drei Delegierte. Nach der Audienz bröckelt der Streik infolge Verhaftung der Streikleitungen und mangelnder Einmütigkeit immer mehr ab; einzelne Belegschaften streiken noch bis Anfang Juni weiter.
Materielle Verbesserungen bringt dieser Arbeitskampf den Bergleuten nicht, da entsprechende Zusagen nicht eingehalten werden. Der Streik trägt aber wesentlich dazu bei, dass das Sozialistengesetz aufgehoben und Reichskanzler von Bismarck gestürzt wird. Denn auch die bürgerliche Presse kritisiert heftig das brutale Eingreifen des Militärs gegen die Streikenden.
 
 

August 18

 Gründung des "Verbandes zur Wahrung und Förderung der bergmännischen Interessen im Rheinland und Westfalen"
Als Konsequenz aus dem ergebnislos verlaufenen Maistreik gründen insgesamt 200 Delegierte von 66 Zechen und 44 Knappenvereinen in Dortmund-Dorstfeld den "Verband zur Wahrung und Förderung der bergmännischen Interessen im Rheinland und Westfalen". Der Verband ist die erste eigenständige und unabhängige Interessenorganisation der Bergarbeiter. Nach Paragraph 1 des Statuts sind zwar "Religion und Politik in jeder Hinsicht total ausgeschlossen", doch in der Praxis kommt es schnell zu internen Auseinandersetzungen, worauf die christlich orientierte Minderheit den Verband verlässt.
Ein funktionsfähiger Vorstand kann aufgrund der zahlreichen Widerstände seitens der Unternehmer, des preußischen Staates und der katholischen Kirche allerdings erst am 20.10.1889 gebildet werden.
1890 ist der Verband mit 58.000 Mitgliedern bereits die größte Gewerkschaft, er verliert aber durch eine gezielte Verbotspolitik der Behörden und wegen der Verfolgung durch Unternehmer sowie aufgrund interner Probleme bald wieder zahlreiche Mitglieder.
Aus dem Verband entwickelt sich der Deutsche Bergarbeiterverband. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelt er sich zur "Industriegewerkschaft Bergbau und Energie" (IGBE).
 
 

1890

 

 Einstellung der Kohlenschifffahrt auf der Ruhr
Die Kohlenschifffahrt auf der Ruhr, die jahrzehntelang der Lebensnerv des Bergbaus gewesen war, wird auf der Ruhr oberhalb von Mülheim gänzlich eingestellt. Noch 1860 hatte die Schifffahrt auf der Ruhr mit 940.000 Tonnen (davon fast 870.000 Tonnen Kohle) ihre höchste Transportleistung erreicht. Außerdem war von 1856 bis 1863 eine durchgreifende Flussregulierung vorgenommen worden. Die Konkurrenz durch die leistungsfähigere und zudem weitgehend witterungsunabhängige Eisenbahn sowie die Nordwanderung des Bergbaus hatte die Ruhrschifffahrt jedoch unrentabel werden lassen. Ab 1898 hört schließlich jeglicher Lastschiffverkehr oberhalb von Mülheim auf.
 
 

1891

September 9

 "Spenger Schlacht"
In Spenge kommt es zwischen etwa 2.000 Bauern, die von dem konservativ-antisemitischen Pastor Karl Iskraut aufgehetzt werden, und etwa 500 Anhängern der SPD zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die so genannte "Spenger Schlacht" belastet das Verhältnis zwischen christlich-konservativer Landbevölkerung und Sozialdemokraten im Bielefelder Raum auf lange Zeit.
 
 

1894

Oktober 12

 Gründung des "Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter"
Für den Oberbergamtsbezirk Dortmund wird unter führender Beteiligung des Bergmanns August Brust der "Gewerkverein christlicher Bergarbeiter" geschaffen, dessen Zentralvorstand von den beiden christlichen Konfessionen paritätisch besetzt wird. Der Verein ist die erste christliche Gewerkschaft und besitzt für die meisten weiteren Gründungen christlicher Gewerkschaften Modellcharakter. Der Modellcharakter ergibt sich in erster Linie aus der in Paragraph 2 des Statuts festgelegten Zielsetzung: "Zweck des Gewerkvereins ist die Hebung der moralischen und sozialen Lage der Bergarbeiter auf christlicher und gesetzlicher Grundlage und Anbahnung und Erhaltung einer friedlichen Übereinkunft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern". Als hierfür geeignete Mittel werden Verhandlungen, Eingaben und Petitionen angesehen. Darüber hinaus bekennt sich gemäß Paragraph 8 durch "den Eintritt in den Gewerkverein jeder als Gegner der sozialdemokratischen Grundsätze und Bestrebungen".
 
 

1895

März 20

 Beginn des Lippischen Erbfolgestreits
Fürst Günther Friedrich Woldemar, Graf zur Lippe-Detmold, stirbt in Detmold ohne direkten männlichen Erben. Sein einziger Bruder Prinz Karl Alexander ist geisteskrank und daher regierungsunfähig. Die schon seit längerem diskutierte Frage, ob im Falle des Erlöschens der Hauptlinie die erbherrliche Linie Lippe-Biesterfeld oder die fürstliche Linie Schaumburg-Lippe als nächstberechtigt anzusehen sei, wird akut. Es entbrennt ein zehnjähriger Erbfolgestreit, in den Kaiser Wilhelm II. persönlich zugunsten seines Schwagers Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe eingreift und der in ganz Deutschland Aufmerksamkeit erregt. Er endet 1905 mit einer reichsgerichtlichen Entscheidung zugunsten der Linie Lippe-Biesterfeld.
 
 

Dezember 11

 Gründung des "Gewerkvereins der Ziegler in Lippe"
In Lage, dem Hauptort der lippischen Ziegelindustrie, wird der christliche "Gewerkverein der Ziegler in Lippe" gegründet, der dort auch seinen Sitz nimmt und eine Geschäftsstelle eröffnet. Nach dem Niedergang des häuslichen Leinengewerbes aufgrund der industriellen Weberei im benachbarten Ravensberger Land Mitte des 19. Jahrhunderts wenden sich viele Bauern und Handwerker, die dieses Gewerbe im Nebenerwerb betreiben, dem Zieglerwesen zu und ziehen als Wanderziegler in die Ziegeleien der aufstrebenden Industrieregionen Deutschlands, aber auch des Auslandes.
Die größtenteils vom Frühjahr bis Ende September als Wanderarbeiter tätigen lippischen Ziegler besitzen aufgrund ihrer spezifischen Arbeitsbedingungen kaum Kontakt zur Arbeiterbewegung und sind lange Zeit organisatorisch nur schwer erfassbar. Im Sommerhalbjahr unterliegen sie überlangen Arbeitszeiten von in der Regel 16 Stunden, im Winterhalbjahr bewirtschaften sie ihr eigenes oder ein Stück Pachtland oder sie halten sich als Handwerker (Weber, Schneider, Schlachter) über Wasser.
Die Bedeutung der lippischen Ziegler lässt sich daran ermessen, dass 1897 in den 12.500 gemeldeten Betrieben der Ziegelei-Berufsgenossenschaft in Deutschland etwa 277.000 Arbeiter tätig sind, darunter allein rund 13.000 lippische Ziegler und rund 900 lippische Meister. Noch um 1910 arbeiten rund 30 Prozent der lippischen Männer saisonal als Wanderziegler in der Fremde.
Obwohl die Bedeutung des Ziegler-Gewerbes im 20. Jahrhundert abnimmt, wird noch in den "Lippischen Punktationen" von Ende 1946 festgeschrieben, dass das Land Nordrhein-Westfalen dazu beitragen soll, die lippischen Wanderarbeiter sesshaft zu machen, da dies "eine unsoziale Erscheinung" sei (Punkt 15).
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe dokumentiert seit 1984 die Geschichte der vorindustriellen und industriellen Produktion von Ziegeln sowie das Leben der lippischen Ziegler und ihrer Familien im Westfälischen Industriemuseum Ziegelei Lage, deren Kern die 1909 gegründete und 1979 stillgelegte ehemalige Ziegelei Beermann bildet.
 
 

1896

Oktober 18

 Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals an der Porta Westfalica
Auf dem Wittekindsberg an der Porta Westfalica wird zur Erinnerung an den im März 1888 verstorbenen ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. das Kaiser-Wilhelm-Denkmal eingeweiht. An den Feierlichkeiten nehmen neben Kaiser Wilhelm II. und anderen Honoratioren etwa 20.000 Menschen teil. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica ist das zentrale Nationaldenkmal für die gesamte Provinz Westfalen, das an die Reichsgründung von 1871 erinnern soll. Allein der Provinziallandtag beteiligt sich mit 500.000 Goldmark an den Baukosten. Als Standort für ein solches Denkmal für Westfalen hatten elf Kommunen miteinander konkurriert, von denen sich Minden (Porta Westfalica) bei der Abstimmung im Provinziallandtag am 15.03.1889 knapp gegen den Standort Hohensyburg durchsetzen konnte. Auf der Hohensyburg wurde 1902 ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal für Südwestfalen und die ehemalige Grafschaft Mark errichtet.
 
 

1899

 

 Beginn der organisierten christlichen Gewerkschaftsbewegung im Münsterland
Gegen Jahresende wird in Bocholt von dem späteren Ersten Vorsitzenden des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften und Zentrumsabgeordneten im Reichstag (1907-1919) Mathias Schiffer eine Ortsgruppe des christlichen Textilarbeiterverbandes ins Leben gerufen. Diese Gründung markiert den Beginn der organisierten christlichen Gewerkschaftsbewegung im Münsterland. Sie nimmt ab der Jahrhundertwende vor allem in Münster, aber auch in kleineren Städten und den so genannten Industriedörfern des Münsterlandes einen rasanten Aufstieg.
 
 

Juni 23

 "Herner Krawalle"
69 jugendliche Schlepper, Bremser und Pferdejungen treten auf der Herner Zeche "Von der Heydt" in den Ausstand. Sie protestieren gegen die Erhöhung ihrer Knappschaftsbeiträge. Der Streik breitet sich auf die anderen Zechen in Herne aus. Das Militär braucht über eine Woche, um die Unruhen der überwiegend polnischen Arbeiter zu beenden. Bei den so genannten "Herner Krawallen" sterben zwei Menschen, zwölf werden verletzt, 190 entlassen.
 
 

August 11

 Eröffnung des Dortmund-Ems-Kanals
Nach siebenjähriger Bauzeit wird der 269 km lange Dortmund-Ems-Kanal durch Kaiser Wilhelm II. eröffnet. Er bildet das erste Teilstück eines Netzes künstlicher Wasserstraßen in Norddeutschland, dessen Bau die von dem Industriepionier Friedrich Harkort initiierte "Mittellandkanal-Bewegung" seit 1865 gefordert hatte. Schon 1856 hatte sich der "Canal-Verein behufs Anlage eines Canals zwischen Rhein und Elbe bzw. Jahde" gebildet, aber nach langen Verhandlungen kann erst 1892 mit dem Bau begonnen werden.
Der Kanal kann jedoch nicht im vorhergesehenen Maße mit der Eisenbahn beim Transport von Kohle konkurrieren. Stattdessen wird er zu einem der wichtigsten Transportwege für schwedisches Eisenerz, das über Emden nach Deutschland eingeführt und unter anderem in Dortmund verhüttet wird. Der Dortmund-Ems-Kanal verbesserte die Konkurrenzfähigkeit des östlichen Ruhrgebiets gegenüber dem verkehrstechnisch günstiger gelegenen Duisburg.
 
 


1900


1902

Juni 30

 Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf der Hohensyburg
Auf der Hohensyburg wird ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal zu Ehren des ersten Kaisers des Deutschen Reiches eingeweiht. In Vertretung von Kaiser Wilhelm II. nimmt Kronprinz Wilhelm an den Feierlichkeiten teil. Als Standort für das zentrale Denkmal der Provinz Westfalen war Hohensyburg 1889 dem Mitbewerber  Porta Westfalica unterlegen. Daraufhin war für die Hohensyburg ein zweites Denkmal für den Raum Südwestfalen und die vormalige Grafschaft Mark geplant worden. Tiefere Absicht des vor allem von Industriellen geförderten Vorhabens war es, die patriotischen Empfindungen in der Arbeiterschaft des östlichen Ruhrgebiets zu stärken.
Von Januar 1935 bis Januar 1936 erfolgt eine Umgestaltung des Komplexes im Stil nationalsozialistischer Architekturvorstellungen, die das Denkmal heute prägen.
 

Juli 1

 Erhebung der Akademie zu Münster in den Rang einer Universität
Nachdem das Preußische Abgeordnetenhaus am 11.03.1902 die Erweiterung der Theologischen und Philosophischen Akademie zu Münster um eine rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät beschlossen hatte, bestimmt der preußische König Wilhelm II. mit einer Kabinettsordre die Erhebung der bisherigen Akademie in den Rang einer Universität. Es ist dies die erste Universitätsneugründung in Deutschland seit 1826 (München). Die Erhebung wird unter anderem dadurch möglich, dass sich die Universität auf das Prinzip der Überkonfessionalität verständigt.
Aus Anlass des Besuches von Kaiser Wilhelm II. in Münster im Jahre 1907 wird der Universität durch Kabinettordre vom 22.08.1907 der Name "Westfälische Wilhelms-Universität" verliehen.
Der Ausbau der bisherigen Akademie zu einer Universität findet aber erst mit der Einrichtung einer Evangelisch-Theologischen (1914) und einer Medizinischen Fakultät (1925) ihren Abschluss.
 
 

1903

Juli 12

 Eröffnung des Museums Folkwang in Hagen
In Hagen wird das Museum Folkwang als weltweit erstes Museum für zeitgenössische Kunst eröffnet. Den Grundstock bilden die umfangreichen Sammlungen des Hagener Mäzens Karl Ernst Osthues. Nach dessen Tod im Jahr 1921 verkaufen seine Erben die Sammlung an den neu gegründeten Folkwang Museumsverein und die Stadt Essen. 1922 wird die Sammlung mit dem Städtischen Kunstmuseum zum neuen Museum Folkwang in Essen vereinigt.
 
 

1904

Mai 4

 Gründung des Fußballvereins FC Schalke 04
Eine Gruppe halbwüchsiger Jungen gründet den Fußballverein "Westfalia Schalke", der erst am 05.01.1924 in "Fußballclub Schalke 04" umbenannt wird. Er ist einer von vielen "wilden Vereinen", die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert überall gegründet werden. Der Aufstieg des Vereins beginnt in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.
In den 1930er und frühen 1940er Jahren dominiert der FC Schalke 04 das Fußballgeschehen in Deutschland und wird zum Mythos. Zwischen 1933 und 1942 steht die Mannschaft in 14 von 18 Endspielen um die Deutsche Meisterschaft (9 von 10) oder den Deutschen Pokal (5 von 8). In dieser Zeit wird Schalke 04 sechsmal Deutscher Meister (1934, 1935, 1937, 1939, 1940, 1942) und einmal Pokalsieger (1937).
Nach dem Zweiten Weltkrieg kann der Verein trotz einiger weiterer Erfolge (Deutscher Meister 1958, Deutscher Pokalsieger 1972, 2001, 2002) nicht mehr an seine große Zeit anknüpfen. Immerhin gelingt mit dem Gewinn des UEFA-Pokals 1997 gegen Inter Mailand der bislang größte internationale Erfolg der Vereinsgeschichte.
 
 

1905

Januar 17

 Massenstreik im Ruhrbergbau
Im Ruhrgebiet beginnt ein großer Streik der Bergarbeiter, nachdem alle Versuche der Bergarbeiterverbände, durch Verhandlungen einen Arbeitskampf zu vermeiden, gescheitert waren. Zum ersten Mal wird ein Streik von allen Bergarbeiterverbänden gemeinsam geführt. Er wendet sich gegen Versuche der Zechengesellschaften und des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats, die Arbeitszeit wieder zu verlängern, und gegen die verhasste Praxis des Wagennullens. Am 19.01.1905 beteiligen sich über 200.000 Bergleute (rund 80 Prozent) am Streik. Am 09.02.1905 muss der Streik trotz zahlreicher Unterstützungen aus dem In- und Ausland jedoch aus finanziellen Gründen abgebrochen werden.
Die preußische Regierung setzt eine Untersuchungskommission ein, um gemeinsam mit den Gewerkschaftsvertretern die Beschwerden der Bergleute zu prüfen, und legt bald nach Streikende eine Novelle zum preußischen Berggesetz vor.
 
 

Mai 3

 Gründung des Fußballclubs "Arminia" in Bielefeld
Der als 1. Bielefelder Fußballclub "Arminia" gegründete Verein wird am 30.01.1926 in DSC (Deutscher Sport-Club) Arminia Bielefeld umbenannt.
 
 

Oktober 25

 Ende des lippischen Erbfolgestreits
Das als Schiedsgericht im lippischen Erbfolgestreit angerufene Reichsgericht in Leipzig anerkennt den Grafregenten Leopold und sämtliche Agnaten (Blutsverwandten der männlichen Linie) aus der Linie Lippe-Biesterfeld als Thronfolge berechtigt. Damit findet der zehnjährige erbitterte lippische Erbfolgestreit ein Ende. Das Verhältnis zwischen dem nunmehrigen Fürsten Leopold IV. und Kaiser Wilhelm II. bleibt jedoch bis zum Ende des Kaiserreichs unterkühlt.
Die lippische Bevölkerung nimmt die Nachricht mit ungeheuren Freudenkundgebungen auf. Unter anderem ziehen rund 2000 Personen mit einem Fackelzug von Detmold zum 9 Kilometer entfernten Jagdschloss Lopshorn.
 
 

1906

März 7

 Gründung der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen
Vor 100 Jahren, am 07.03.1906, wurde in Witten an der Ruhr unter der Leitung des damaligen Generalsuperintendenten Wilhelm Zöllner der westfälische Provinzialverband der 1899 auf Initiative von Kaiserin Auguste Victoria entstandenen 'Evangelischen Frauenhülfe' gegründet. Entstanden ist die ‚Evangelische Frauenhülfe in Westfalen' aus 75 von 91 schon bestehenden evangelischen Frauenvereinen, die sich bereits im 19. Jahrhundert in vielen Kirchengemeinden Deutschlands im "Evangelisch-kirchlichen Hülfsverein" zusammen geschlossen hatten. Ursprünglich als ein reiner Kirchenbauverein gegründet, bestand der Zweck dieses Vereins vor allem darin, die Folgeerscheinungen der gesellschaftlichen Modernisierung, wie Industrialisierung und politische Emanzipation zu bekämpfen, um der schleichenden Säkularisierung in den Gemeinden Einhalt zu gebieten.
Entsprechend lag das Zentrum der Wirksamkeit der Frauenhilfs-Vereine in den Kirchengemeinden, die unter der Leitung der jeweiligen Ortspfarrer neben der Linderung sozialer Notzustände die religiöse Erbauung ihrer weiblichen verheirateten Mitglieder zu fördern erhofften. Dass dieses Angebot von den evangelischen Frauen angenommen wurde, beweist nicht zuletzt das rasche Wachstum der Frauenhilfen in Westfalen: 1909 gehörten dem westfälischen Provinzialverband der Frauenhilfe 252 Vereine an, die zwanzig Jahre später bereits über 155.000 Mitglieder zählten. Die Angebote des Verbandes kamen offenbar einem wachsenden Interesse von Frauen entgegen, da besonders in ländlichen Gegenden die Frauenhilfe meist das einzige dörfliche Vereinsangebot für Frauen darstellte.
Neben der Vereinstätigkeit vor Ort richtete die westfälische ‚Evangelische Frauenhülfe' bereits ein Jahr nach ihrer Gründung zehnwöchige Kurse zur Ausbildung freiwilliger Helferinnen in der Krankenpflege auf dem Lande sowie einen "Diakonissen-Hülfsvereins für Privatpflege" in Münster ein, aus dem später die Schwesternschaft der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen hervorging. Diese ehrenamtlichen Helferinnen sollten vor allem in ländlichen Gebieten die Arbeit der hauptberuflich als Gemeindeschwestern tätigen Diakonissen unterstützen und in Nachbarschaftshilfe familienpflegerische Aufgaben übernehmen. ... weiter...
 
 

1909

Dezember 19

 Gründung des BVB Borussia Dortmund
Im Dortmunder Nordosten wird von 18 ehemaligen Mitgliedern der Jugendgruppe der katholischen Dreifaltigkeitsgemeinde der "Ballspiel-Verein Borussia 1909" (BVB) gegründet. Dem von ihnen schon längere Zeit betriebenen Fußballspiel steht die Kirche aufgrund moralischer Vorbehalte ablehnend gegenüber; der für die Jugendarbeit in der Gemeinde zuständige Kaplan versucht denn auch persönlich, die Vereinsgründung zu verhindern.
Die Namensgebung des neuen Vereins stellt im Übrigen kein Bekenntnis zum Preußentum dar, sondern leitet sich von der im Dortmunder Nordosten beheimateten Borussia-Brauerei her.
 
 

1912

 

 Eröffnung der Jugendherberge auf Burg Altena
Die erste ständige Jugendherberge der Welt wird auf Burg Altena eröffnet. Sie besteht aus zwei Schlafsälen mit massiven, dreistöckigen Betten, einem Tagesraum, einer Küche sowie Wasch- und Duschräumen. Erster Herbergsvater ist der Lehrer Richard Schirrmann aus Altena, dem während einer Wanderfahrt nach Aachen am 26.08.1909 die Idee zu "Volksschülerherbergen" im Abstand von Tagesmärschen gekommen war. Nachdem Schirrmann seine Gedanken 1910 in der "Kölnischen Zeitung" veröffentlicht hatte, findet er breite Unterstützung für sein Vorhaben.
Am 25.05.1935 wird Burg Altena von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess als "Weltjugendherberge" eingeweiht. Sie ist bis 1958 in Betrieb und wird noch bis 1965 als Notunterkunft genutzt.
 
 

März 12

 Massenstreik im Ruhrbergbau
Bergarbeiter des Ruhrgebiets beginnen einen Streik für die Acht-Stunden-Schicht, die Beseitigung der Unternehmerarbeitsnachweise, die Einschränkung der Geldstrafen und für Lohnaufbesserungen wegen der stark gestiegenen Lebenshaltungskosten. Die Zahl der Streikenden erreicht etwa 250.000 Kumpel. Als Militär in das Streikgebiet verlegt wird, kommt es zu Zusammenstößen mit den Streikenden, bei denen vier Arbeiter getötet und zahlreiche verletzt werden. Am 19.03.1912 wird der Streik, hauptsächlich wegen des Vorgehens von Militär und Polizei, erfolglos abgebrochen. Nach Streikende wird in mehr als 2.000 Fällen Anklage vor allem wegen Beleidigung und Drohung erhoben.
 
 

Juli 12

 Einweihung der Möhne-Talsperre
Einweihung der Möhne-Talsperre am Nordrand des Sauerlandes zwischen Haarstrang und Arnsberger Wald. Sperrmauer und Staubecken waren bereits am 31.12.1912 dem Betrieb übergeben worden. Mit einem Fassungsvermögen von mehr als 130 Millionen cbm Wasser ist sie die seinerzeit größte Stauanlage Europas. Obwohl zwischen 1901 und 1904 mit dem Bau von sieben zusätzlichen Talsperren zur Versorgung des Ruhrgebiets begonnen worden war, konnten diese kleineren Talsperren den Wasser- und Energiebedarf der schnell wachsenden Bevölkerung und der sich rasant entwickelnden Industrie nicht gewährleisten. Die Möhne-Talsperre entwickelt sich zu einem wichtigen Naherholungsgebiet für das Ruhrgebiet.
 
 

Dezember 1

 In Eickel öffnet das erste kommunale Kino Deutschlands
Am Eickeler Markt in Eickel eröffnet das erste kommunale Kino im Deutschen Reich mit dem Film "Mütter, verzaget nicht", der 1911 von der "Hauptstelle für Mütter- und Säuglingsfürsorge in Groß-Berlin" produziert worden war. Das Gemeindelichtspielhaus steht im Dienst der Volkserziehung gegen den vermeintlichen Verfall der Moral.
 
 


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