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Dortmund: Synagoge im jüdischen Gemeindezentrum, erbaut 1956 nach einem Entwurf von Helmut Goldschmidt: Blick auf die heilige Lade (Toraschrein) in der Apsis, die Bima (Tora-Lesepult) im Vordergrund und auf die Frauengalerie, 2000 / Foto: Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/Olaf Mahlstedt, 10_7852









Katinka Netzer

2. September 1956 -
Einweihung der Dortmunder Synagoge

Als zu Rosch Haschana 1956, dem jüdischen Neujahrfest, die neue Synagoge in Dortmund eröffnet wurde, war sie die erste nach dem Krieg erbaute Synagoge in Westfalen. Sie symbolisierte die erneute Etablierung jüdischen Lebens in der Bundesrepublik nach der Shoa.
Die Initiative zur Neugründung jüdischer Gemeinden in Westfalen begann unmittelbar nach der Befreiung durch die Alliierten. In dieser Phase wurde das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik gegenüber der jüdischen Bevölkerung erkennbar: Von den ca. 500.000 Jüdinnen und Juden, die vor 1933 Mitglieder in einer deutschen Kultusgemeinde waren, war es nur etwa 15.000 gelungen, außerhalb der Lager zu überleben. Sie waren durch die Ehe mit einem nichtjüdischen Partner geschützt, waren untergetaucht oder hatten im Versteck oder mit Hilfe gefälschter Papiere überlebt.

Für die wenigen jüdischen Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager stellten ihre Heimatstädte oftmals die erste Anlaufstelle dar; hier hofften sie wieder mit der Familie und mit Freunden zusammenzutreffen. Von den etwa 4.200 Jüdinnen und Juden, die 1933 in Dortmund gelebt hatten, waren im Juli 1945 vier zurückgekehrt. Siegfried Heimberg, der spätere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dortmund, bemühte sich direkt nach seiner Rückkehr um eine Organisation der Überlebenden. Die Militärverwaltung der Stadt sorgte für einen Omnibustransport nach Theresienstadt, um die wenigen Überlebenden - es waren 40 bis 50 Menschen - abzuholen. Der Großteil der westfälischen Jüdinnen und Juden war nach Riga verschleppt worden und dort im Ghetto oder nach Verlegungen in andere Lager getötet worden. Mindestens 2.200 Dortmunder Juden überlebten die Deportationen nicht.
 
 
 
 
 

Neugründung jüdischer Gemeinden in Westfalen

 
 
 
Die Überlebenden schlossen sich schon im Sommer 1945 zu Gemeinschaften zusammen, in Dortmund wurde die Jüdische Gemeinde im August 1945 wieder gegründet. Der erste Gottesdienst nach Kriegsende wurde zu Rosch Haschana im September 1945 gefeiert. Einen Betsaal gab es noch nicht, die Gemeinde kam in einer Privatwohnung zusammen. Im selben Jahr fanden auch in Gelsenkirchen, Herford, Herne und Warendorf die ersten Gottesdienste statt. Die Synagoge in Warendorf war nicht zerstört worden, hier traf sich die Jüdische Gemeinde Münster. Die Herforder Gemeinde versammelte sich in ihrem früheren Gemeinde- und Schulhaus, doch die überwiegende Mehrheit der ersten Gottesdienste fand in Privathäusern statt. Von den über zweihundert Synagogen, die bis 1938 in Westfalen und Lippe genutzt worden waren, waren 1945 noch etwa siebzig erhalten; der Großteil jedoch in Orten, in denen es keine jüdische Bevölkerung mehr gab. In der Regel wurden diese Synagogen einer neuen Bestimmung zugeführt, sie wurden von ihren neuen Besitzern beispielsweise als Wohnhaus, Werkstatt oder Ladenlokal genutzt. Lange Zeit gab es kein öffentliches Interesse an den ehemaligen Synagogen. In den Ortschaften in Westfalen, in denen es genügend jüdische Überlebende und Rückkehrer gab, um eine Gemeinde zu gründen, blieb es lange Zeit bei provisorischen Beträumen. Zum einen herrschte gerade in den Städten aufgrund der Bombenschäden großer Mangel an Wohnraum, zum anderen schien die Zukunft der meist recht kleinen Gemeinden so ungewiss, dass sich die Frage nach dem Neubau einer Synagoge erübrigte.

Die jüdischen Gemeinden waren in dieser Frühphase für die Mitglieder religiöse Institution und soziale Hilfsorganisation zugleich. Sie halfen insbesondere bei der Suche nach Vermissten. Die Gemeinden und andere jüdische Organisationen legten Suchkarteien an und sammelten Informationen. Anlaufstelle für die Suchenden waren auch die Lager für die ‚Displaced Persons’ (DP). Diese Lager waren von den Alliierten für Flüchtlinge angelegt worden, die nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren konnten oder wollten. In ihnen befanden sich zehntausende osteuropäische Jüdinnen und Juden, die zum Teil in Deutschland befreit worden und dort geblieben waren. Auch polnische Juden kamen häufig nach Deutschland, da sie in Polen erneut Antisemitismus und Pogromen ausgesetzt waren. Vor allem in Bayern richtete die amerikanische Armee große Lager für jüdische Flüchtlinge ein, die über eine eigene Infrastruktur verfügten: Es gab Synagogen, Schulen und jiddischsprachige Zeitungen. Das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen wurde zum Zentrum der Zionisten, die die Auswanderung nach Israel organisierten. Hier war auch das jüdische Zentralkomitee ansässig, ebenso internationale jüdische Hilfsorganisationen wie American Joint und Jewish Relief Unit. Die DP-Lager stellten bis 1950 die Zentren jüdischen Lebens in Deutschland dar.

Das letzte DP-Lager wurde Ende 1957 aufgelöst. Bis dahin hatten etwa 200.000 jüdische Flüchtlinge dort gelebt, von denen die Mehrheit nach der Gründung des Staates Israel 1948 dorthin auswanderte. Ein kleiner Teil der Displaced Persons, etwa 12.000, entschloss sich, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. Gemeinsam mit den zurückgekehrten deutschen Juden bildeten sie Kern des neuen jüdischen Gemeindelebens.
Materialien zur Geschichte der Juden in Westfalen im Internet-Portal "Westfälische Geschichte"

Westfalen im Bild: Diethard Aschoff über  Juden in Westfalen

Westfalen im Bild: Thomas Ridder über  Synagogen in Westfalen
 
 
 
 
 

Landesweite Vernetzung der Gemeindearbeit

 
 
 
Eine der ersten Aufgaben der neu gegründeten westfälischen Kultusgemeinden bestand darin, Kontakt zu den jüdischen Personen in der Provinz Westfalen aufzunehmen und überregionale Verbindungen zu knüpfen. Die jüdische Gemeinde in Dortmund konnte durch Vermittlung der Militärverwaltung ein Büro in der zu 95 % zerstörten Innenstadt beziehen und von dort aus die Arbeit aufnehmen. Der Vorstand und die Mitarbeiter der Gemeinde, die alle ehrenamtlich tätig waren, standen in Kontakt mit Komitees, die sich in einigen Städten wie Gelsenkirchen und Münster gegründet hatten. Die Komitees kümmerten sich um die Belange der jüdischen Bevölkerung, vornehmlich um die Beschaffung von Wohnraum; aus ihnen gingen die Kultusgemeinden hervor. Schon früh entstand der Wunsch nach einer Vernetzung und stärkeren Koordinierung der Arbeit. Die Gemeinden schlossen sich zu einer Dachorganisation zusammen, im Januar 1946 wurde der Landesverband der Jüdischen Kultusgemeinden in Westfalen mit Sitz in Dortmund gegründet. Die Verbindung zwischen dem Landesverband und der Dortmunder Gemeinde war eng, bedingt sowohl durch die räumliche Nähe als auch die personelle Verknüpfung: Dem dreiköpfigen Vorstand des Landesverbands gehörten zwei Vorstandsmitglieder der Dortmunder Gemeinde an. Der Landesverband reagierte unmittelbar auf die Erfordernisse der Trümmerjahre und organisierte, in Zusammenarbeit mit dem jüdischen Zentralkomitee in Bergen-Belsen, die Verteilung von Lebensmitteln und Bekleidung unter der jüdischen Bevölkerung.

Auch im Rheinland bildete sich ein Landesverband, Sitz war hier Düsseldorf. Im April 1946 wurde erstmals das Jüdische Gemeindeblatt für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen herausgegeben. Initiator war der in Düsseldorf ansässige Kaufmann und Unternehmer Philipp Auerbach, der im Herbst 1946 das Amt eines Staatskommissars für die Betreuung der Opfer des Faschismus in München antrat. Aus dem von ihm herausgegebenen Gemeindeblatt wurde wenig später das Gemeindeblatt für die britische Zone, das der Vorläufer der 'Allgemeinen Wochenzeitung für die Juden in Deutschland' war. Die Institutionalisierung jüdischen Lebens beschränkte sich nicht auf die Landesebene. In Stuttgart wurde eine Interessenvertretung jüdischer Landesverbände gegründet, dem insbesondere Abordnungen aus der amerikanischen Zone angehörten. Die Vertreter der einzelnen Landesverbände entschlossen sich, ein Wiedergutmachungsgesetz zunächst für die amerikanische Besatzungszone auszuarbeiten; dieses sollte dann später auf die britische Zone übertragen werden.
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Dortmund: Synagoge im jüdischen Gemeindezentrum, erbaut 1956 nach einem Entwurf von Helmut Goldschmidt: Blick auf die heilige Lade (Toraschrein) in der Apsis, die Bima (Tora-Lesepult) im Vordergrund und auf die Frauengalerie, 2000
 
 
 
 
 

Auswandern oder bleiben?

 
 
 
Der Erfolg dieser Bemühungen, jüdisches Leben in Deutschland wieder zu etablieren und institutionalisieren, wurden immer wieder angezweifelt, ebenso wie die Legitimität dieser Bemühungen. Nicht nur unter den in Deutschland lebenden Juden selbst wurden kontroverse Diskussionen um die Zukunft der Gemeinden geführt. Die zentrale Überlegung war, ob nach der Shoa überhaupt noch jüdisches Leben in Deutschland möglich sei. Viele jüdische Organisationen und Einzelpersonen lehnten dies vollständig ab, ihrer Ansicht nach konnte und sollte es im Land der Täter keine jüdischen Gemeinden mehr geben. Insbesondere der Druck aus dem Ausland war groß. So erklärte der jüdische Weltkongress 1948, dass "sich nie wieder Juden auf dem blutgetränkten deutschen Boden ansiedeln sollen". In dieser Zeit wurden die jüdischen Gemeinden in Deutschland häufig als Liquidationsgemeinden bezeichnet - eine unglückliche Wortwahl, die fatal an den NS-Jargon erinnerte. Die nach 1945 neu gegründeten Gemeinden sollten so rasch wie möglich wieder aufgelöst, also liquidiert werden, nachdem sie die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung organisiert und das noch vorhandene, in der NS-Zeit beschlagnahmte Vermögen zurückgefordert hatten. Das erklärte Ziel aller noch in Deutschland lebender Juden sollte die Emigration sein, vorzugsweise nach Palästina bzw. in den 1948 gegründeten Staat Israel. Das Bild, das vor allem im Ausland von Juden in Deutschland gemalt wurde, war, dass sie auf gepackten Koffern säßen, nur auf ihr Visum wartend.

Die Zahl der Auswanderer war in der Tat so hoch, dass sich in einigen der neu gegründeten Gemeinden in Westfalen schon nach wenigen Jahren die Mitgliederzahl stark reduzierte. Die Gemeinden in Bochum, Hamm, Herne, Lüdenscheid, Lippstadt, Siegen, Warburg und Witten verloren durch Auswanderung so viele ihrer Mitglieder, dass ein selbstständiges Gemeindeleben nicht mehr möglich war. Diese Gemeinden schlossen sich mit anderen in der Nähe liegenden Gemeinden zusammen. Ende der vierziger Jahre gab es noch neun jüdische Gemeinden in Westfalen-Lippe, die im Landesverband organisiert waren, es waren die Gemeinden Bielefeld, Bochum-Herne-Recklinghausen, Dortmund, Gelsenkirchen, Hagen, Herford-Detmold, Minden, Münster und Paderborn. Der Einzugsbereich dieser Gemeinden war so ausgeweitet worden, dass alle in Westfalen und Lippe registrierten Jüdinnen und Juden einer Gemeinde zugeordnet werden konnten.

Angesichts der Skepsis im In- und Ausland gegenüber den Jüdinnen und Juden, die in Deutschland bleiben wollten, erhielten die Gemeinden keine nennenswerte finanzielle Unterstützung von diesen Organisationen oder vom israelischen Staat. Teilweise konnten sie jedoch als Rechtsnachfolger der Vorkriegsgemeinden nach der Rückerstattung über die von den Nationalsozialisten enteigneten Vermögenswerte verfügen. Dabei gerieten sie jedoch mitunter in Konflikt mit der Jewish Trust Corporation, die sich ab 1950 in der britischen Zone um die Rückerstattung von Liegenschaften ehemaliger jüdischer Organisationen bemühte. So wurden Synagogengrundstücke, die in der Zeit des Nationalsozialismus zwangsweise verkauft werden mussten, wieder an die Gemeinden übertragen oder erneut verkauft, diesmal jedoch zu einem marktüblichen Preis.

1951 beschloss der inzwischen gegründete Verband der Jüdischen Gemeinden Nordwest-Deutschlands, zu dem sich die in der britischen Zone liegenden Gemeinden zusammengeschlossen hatten, einen Rabbiner einzustellen. Gewählt wurde Dr. Paul Holzer, der in Großbritannien lebte. Er war zunächst für alle Gemeinden in der britischen Zone zuständig; nach einigen Jahren wurde das Rabbinat unterteilt und Holzer wurde Landesrabbiner von Nordrhein und Westfalen. Der Amtssitz des Landesrabbiners befand sich in dem provisorischen Gemeindehaus der Dortmunder Gemeinde am Schwanenwall, das im Dezember 1946 eingeweiht worden war. Holzers Nachfolger als Landesrabbiner wurde Dr. Hans Chanoch Meyer, der 1958 in sein Amt eingeführt wurde.

Das Gemeindeleben in Dortmund wie auch in den anderen jüdischen Gemeinden Westfalens wurde im Laufe der Jahre aktiver, die Gemeinden übernahmen vielfältige Aufgaben auf kulturellem und sozialem Gebiet. Insbesondere setzten sich die Vorstände für Fragen der Wiedergutmachung ein. Die Dortmunder Gemeinde verstand sich weniger als Liquidationsgemeinde denn als Aufbaugemeinde; ihr Ziel war es, jüdisches Leben wieder zu etablieren. So bemühte sich beispielsweise Siegfried Heimberg ehemalige Gemeindemitglieder, die im Ausland lebten, zur Rückkehr nach Dortmund zu bewegen. Der Arzt Fritz Klestadt, der nach Israel emigriert war, wurde 1956 bei seinem Besuch in Dortmund von Heimberg überredet, in Deutschland zu bleiben. Er wurde der erste jüdische Arzt, den es nach 1945 wieder in Dortmund gab.
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Amtseinführung von Dr. Hans Meyer als Landesrabbiner in der neuen Dortmunder Synagoge an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße, Dezember 1958
 
 
 
 
 

Neue Synagogen in Westfalen

 
 
 
Während die Zahl jüdischer Menschen gegen Ende der 1940er Jahre infolge der Auswanderung stark gesunken war, stiegen die Mitgliederzahlen Mitte der 1950er Jahre wieder an, da eine Welle der Remigration einsetzte. Die jüdischen Gemeinden konsolidierten sich in dieser Zeit; die Jüdinnen und Juden, die nun in Deutschland lebten, wollten bleiben. Die räumlichen Provisorien, in denen sich das Gemeindeleben bisher vielfach abgespielt hatte, entsprachen vielerorts nicht mehr den Bedürfnissen; einige Gemeinden in Westfalen planten Neubauten, die dem neuen, erweiterten Gemeindeleben entsprechen sollten. Neben der praktischen Notwendigkeit, über neue, den wachsenden Gemeinden angemessenen Gebets- und Versammlungsorte verfügen zu können, waren die Synagogenbauten der 1950er und 1960er Jahre zugleich ein Bekenntnis für ein dauerhaftes jüdisches Gemeindeleben in Deutschland. In Dortmund wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder zwischen 1949 und 1952 von 160 auf gut 200 Personen; der auf 150 Personen ausgerichtete Betsaal in dem Gemeindehaus am Schwanenwall war somit längst nicht mehr ausreichend. Außerdem sollte das Gebäude im Zuge einer geplanten Straßenerweiterung abgerissen werden. Ab 1951 verhandelte daher die Jüdische Kultusgemeinde mit der Stadtverwaltung über ein Austauschgrundstück. 1953 beschloss die mittlerweile auf 260 Mitglieder angewachsene Gemeinde den Bau eines Gemeindezentrums mit Synagoge, Aufenthalts- und Büroräumen.

Ein Wiederaufbau der ehemaligen Synagoge am Hiltropwall stand zu dieser Zeit nicht mehr zur Debatte. Die Alte Synagoge am Hiltropwall war im Juni 1900 eingeweiht worden. Anders als viele andere Synagogen war sie nicht im romanischen, sondern im neogotischen Stil erbaut worden und passte sich so explizit dem Dortmunder Stadtbild und dem zeitgenössischen Geschmack im Kaiserreich an. Mit 1.300 Plätzen war die Alte Synagoge eines der größten jüdischen Bethäuser in Deutschland. Ihre Geschichte endete schon vor dem Pogrom im November 1938: Nach der Machtübernahme der NSDAP sollte Dortmund zur Gauhauptstadt ausgebaut werden. Eine große, repräsentative Synagoge in attraktiver Innenstadtlage, gegenüber dem geplanten Standort der Gauleitung, passte nicht in das angestrebte Stadtbild mit nationalsozialistischen Prestigebauten. Die Jüdische Gemeinde wurde 1938 zum Verkauf gezwungen, die Kaufsumme kurz darauf von der Gestapo beschlagnahmt. Im Oktober 1938 wurde mit der Demontage begonnen, Ende Dezember 1938 war der Abriss der Synagoge vollendet. Die Jüdische Gemeinde Groß-Dortmund beantragte nach dem Krieg Wiedergutmachung für den erzwungenen Verkauf der Synagoge. Das Verfahren endete im Januar 1952 mit einem Vergleich: Die Stadt Dortmund konnte gegen Zahlung von 800.000 DM an die Gemeinde das Eigentumsrecht an dem ehemaligen Synagogengrundstück und zwei weiteren Grundstücken behalten, die Gemeinde trat im Gegenzug eventuelle Schadensersatzansprüche an die Kommune ab. Auf dem Gelände der Alten Synagoge wurde später das Stadttheater erbaut.

Für die neue Synagoge übereignete die Stadt Dortmund der Jüdischen Kultusgemeinde ein Grundstück an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße in der östlichen Innenstadt. Dort sollten neben der Synagoge ein Gemeindehaus sowie ein Altenheim mit 25 Plätzen entstehen. Das Bauvorhaben wurde vom Land Nordrhein-Westfalen finanziert, die Stadt Dortmund gewährte eine einmalige Beihilfe. Am 02.09.1956 wurde das neue Gemeindezentrum eingeweiht. Der amtierende Ministerpräsident Fritz Steinhoff war ebenso anwesend wie die westfälischen Regierungspräsidenten und zahlreiche weitere Vertreter aus Politik, Verwaltung und jüdischen Organisationen.

Die Dortmunder Synagoge war die erste einer Reihe von Neubauten in Westfalen. Die Synagoge in Minden wurde 1958 eingeweiht, ebenso die Gelsenkirchener Synagoge, die Einweihung in Paderborn erfolgte 1959, in Hagen 1960 und in Münster 1961. Bielefeld erhielt 1963 eine neue Synagoge. In Recklinghausen war 1955 ein Anbau an das ehemalige Gemeindehaus als Betsaal eingeweiht worden, auch die Gemeinden in Herford und Detmold feierten ihre Gottesdienste im Gemeindehaus. Die Synagogenneubauten in Westfalen knüpften in der Regel architektonisch nicht an die vor dem Krieg entstandenen Bauten anknüpften, sondern entsprachen dem Baustil der fünfziger und sechziger Jahre.
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Alte Dortmunder Synagoge am Hiltropwall, 1930

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Dortmund: Neue Synagoge an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße, 1957

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Dortmund: Neue Synagoge an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße, 1957

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Dortmund: Neue Synagoge der jüdischen Gemeinde, 1994
 
 
 
 
 

Zuwanderung als aktuelle Herausforderung

 
 
 
Von der Mitte der fünfziger bis in die achtziger Jahre hinein stagnierten die Mitgliederzahlen der Gemeinden bzw. sanken teilweise infolge der Überalterung der Gemeinden rapide ab. Die Situation änderte sich mit der politischen Wende in Osteuropa Ende der achtziger Jahre grundlegend, es kam zu einer starken Zuwanderung von Jüdinnen und Juden aus den GUS-Staaten. Bei dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde eine Vereinbarung zwischen den GUS-Staaten und der Bundesrepublik Deutschland getroffen, die jüdischen Bürgern die Einwanderung in die Bundesrepublik ermöglichte. Diese Regelung wurde von der Bundesregierung als ein Akt der späten Wiedergutmachung initiiert. Durch die massive Zuwanderung wuchsen die Kultusgemeinden teilweise sehr stark an. Vielerorts reichten die vorhandenen Räumlichkeiten nicht mehr aus, so dass es nun wieder neue Synagogen gebaut wurden. 1997 wurde die neue Synagoge in Recklinghausen eingeweiht, 2005 erfolgte die Grundsteinlegung für eine Synagoge in Bochum.

In Dortmund hat sich das Gemeindeleben durch die Zuwanderung entscheidend verändert: Während die Gemeinde vor 1990 noch rund 200 Mitglieder hatte, sind es heute ca. 4.000. Die Integration der neuen Gemeindemitglieder gestaltet sich mitunter schwierig. Ein aktives Praktizieren des Judentums war in der ehemaligen Sowjetunion kaum möglich, daher sind die Kenntnisse über die Religion und deren Ausübung oftmals gering. Auch bestehen Sprachbarrieren, russisch ist zur zweiten Amtssprache in den Gemeinden geworden. Durch Sprachkurse sowie kulturelle und soziale Angebote sollen die Zuwanderer integriert werden. Trotz aller Schwierigkeiten sei die Zuwanderung jedoch positiv zu bewerten, wie Wolfgang Polak, Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund, hervorhebt. Ohne das starke Anwachsen der Gemeinden durch die russischen Immigranten sei es nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis es keine Juden in Deutschland mehr gegeben hätte, die Gemeinden waren überaltert. Nun lebe das Judentum in Deutschland wieder.
 
 
Ressourcen
Weitere Ressourcen zum Thema

Internet-Portal

Literatur

Birkmann, Günther / Stratmann, Hartmut
Bedenke, vor wem du stehst. 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe. Essen 1998.

Heimberg, Siegfried
Von 1945 bis 1961 – ein kurzer Rückblick. In: Aus Geschichte und Leben der Juden in Westfalen, hg. von Hans Chanoch Meyer, Frankfurt am Main 1962, S. 137-142.

Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dortmund e.V. (Hg.)
Rosch Haschana 1945. Neubeginn jüdischen Gemeindelebens in Dortmund. Dortmund 1995.

Guttmann, Micha
Jüdische Geschichte in Nordrhein-Westfalen. In: Die Geschichte der Juden im Rheinland und in Westfalen, hg. von Michael Zimmermann, Köln 1998, S. 260-310.

Reicher, Benno
Jüdische Gemeinden nach 1945. In: Jüdisches Leben in Westfalen, hg. von Kirsten Menneken und Andrea Zupancic, Essen 1998, S. 158-168.

Richarz, Monika
Juden in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen Republik seit 1945. In: Jüdisches Leben in Deutschland seit 1945, hg. von Micha Brumlik, Doron Kiesel, Cilly Kugelmann, Julius H. Schoeps, Frankfurt am Main 1986, S. 13-30.

Ridder, Thomas
Synagogen in Westfalen. Westfalen im Bild. Reihe Westfälische Kulturgeschichte 17. Münster 2000.

Zieher, Jürgen
"Wer ein Haus baut, will bleiben." Synagogenbau in Dortmund, Düsseldorf und Köln in den fünfziger Jahren. In: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark, Bd. 91, 2000, S. 203-243.

Zieher, Jürgen
Im Schatten von Antisemitismus und Wiedergutmachung. Kommunen und jüdische Gemeinden in Dortmund, Düsseldorf und Köln 1945-1960, Dokumente – Texte – Materialien, veröffentlicht vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, 55. Berlin 2005.
 
 


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