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Hans-Werner Peine / Cornelia Kneppe

Haus Horst im Emscherbruch, kreisfreie Stadt Gelsenkirchen

 
 
 

Zufahrt

 
 
 
Das im Süden von Gelsenkirchen gelegene Schloss Horst erreicht der Besucher über die BAB 42 (Emscherschnellweg), Abfahrt 16 Gelsenkirchen-Schalke. Die Weiterfahrt in Richtung Bottrop/Gladbeck erfolgt auf der L 633 (Grotehusstraße, im weiteren Verlauf An der Rennbahn) bis zur Kreuzung Turfstraße. Kurz vorher Parkmöglichkeit auf einem ausgewiesenen Parkplatz zwischen Schloss und Rennbahn Horst-Emscher.



Denkmal Schloss Horst und seine Lage in der ehemaligen Freiheit

Seit der Mitte des 19. Jhs. hat insbesondere der Kohlenbergbau der Zeche Nordstern dazu geführt, dass das ursprüngliche Landschaftsbild um Schloss Horst vollständig überformt worden ist. Wo um 1800 noch die Emscher mit zahlreichen Ableitungen das Landschaftsbild prägte und Schloss Horst mit Vor- und Hauptburg sowie dem kleinen Ort, der Freiheit, nördlich von der Emscher umflossen wurde, befindet sich heute der moderne Stadtteil Horst mit seinem in Resten erhaltenen Schloss an einer belebten Kreuzung. Durch den Bau der Rennbahn ist auch das Gebiet südlich des Schlosses verändert worden, das im Mittelalter und in der frühen Neuzeit feuchte Wiesen und den nahen Bruch mit seinen reichen Waldbeständen, die so genannte Horster Holzmark, umfasst hat. Rückschlüsse vom heutigen Stadtbild auf die ursprüngliche Einbettung des Schlosses in die Landschaft haben nur einen Fixpunkt, nämlich das Schloss selbst, dessen Eingangs- und Hauptflügel rudimentär auf uns gekommen sind.

Die alte zum Schloss gehörige Siedlung, die Freiheit Horst, wird heute durch den Straßenzug Burgstraße aufgenommen. Abgelegen und vom Verkehr abgeschnitten besitzt sie nicht mehr die Funktion, die sie vordem als Hauptzuwegung zum Schloss besaß. Beidseitig der Burgstraße standen seit dem 13. Jh. Häuser der späterhin zumeist freien Burgbediensteten, von denen die Mühle an der Emscher als wirtschaftliches Zentrum der Freiheit besondere Bedeutung hatte. Zwischen 1753 und 1902 befand sich an dieser Straße auch die Pfarrkirche St. Hippolythus, die zuvor wichtiger Bestandteil der Vorburg war und gleichzeitig als Burgkapelle wie auch seit der Zeit um 1590 als Pfarrkirche der Freiheit diente. Die Nachfolge der Kirche an der Burgstraße trat die bestehende Pfarrkirche an, deren neuer Standort der Verlagerung des Ortszentrums Rechnung trug. Der Straßenzug Freiheit und die beidseitige Wohnbebauung waren eingefasst von einem Graben, der die Schlossgräfte mit der Emscher verband und der 1282 mit dem Befestigungsrecht ausgestatteten Siedlung Schutz bot. Die Neuanlage der Turfstraße um 1955 hatte schwerwiegende Folgen für den städtebaulich sensiblen Bereich von Freiheit und Vorburg: Damals verschwanden nicht nur die letzten Gräftenreste, sondern auch das noch erhaltene Tor der Vorburg, dessen Überreste bei Bauarbeiten im Bereich der Straßentrasse angeschnitten werden konnten.

Über eine moderne Rampe, die sich über die Reste der ausgegrabenen Pfeiler der Bogenbrücke spannt, erreicht der Besucher durch den nur in Teilen erhaltenen Eingangsflügel des Renaissanceschlosses den Innenhof. Der Blick fällt auf die repräsentative Innenhoffassade des Eingangsflügels, der - ursprünglich von Türmen begrenzt - heute bis zur Tordurchfahrt den einzigen bis zum First auf uns gekommenen Baukörper des Schlosses darstellt, während vom Herrenhausflügel nur noch der so genannte Rittersaal in Teilen vorhanden ist. Dagegen finden sich von den beiden weiteren Flügeln des Schlosses oberhalb des renaissancezeitlichen Innenhofniveaus keine Baureste mehr. Lediglich das Sockelgeschoss der Vierflügelanlage blieb in Benutzung, auch nachdem die vier Ecktürme und Teile des Südost- und Südwestflügels in der 1. Hälfte des 19. Jhs. aufgrund von Baufälligkeit abgetragen werden mussten. Erst die in den neunziger Jahren des 20. Jhs. durchgeführten Grabungen haben Sicherheit über den Grundriss dieses Schlossbaus gebracht, der zu den Meisterleistungen der niederländisch beeinflussten Baukunst des 16. Jhs. auf deutschem Boden zählt.

Die Vierflügelanlage, die vier vorgeschobene, mit den typischen barocken Dachabschlüssen, den welschen Hauben, ausgestattete Ecktürme besaß, wies eine Kantenlänge von ca. 50 m auf. Den mehrgeschossigen Flügeln im Nordosten und -westen, die Herrenhaus und Eingangstrakt umfassten, standen zwei eingeschossige, weniger gewichtige Baukörper im Südosten und -westen gegenüber. Der Bauherr der Anlage, Rutger von (der) Horst (1519-1582), beauftragte mit dem Entwurf und der Ausführung anfangs Arndt Johannsen to Boecop, den Stadtbaumeister von Arnheim sowie seit 1558 Laurentz Steynhower aus Wesel, der sich nach seiner neuen Heimat Laurenz von Brachum nannte. Neben seinen Verpflichtungen am Horster Schlossbau errichtete er in den 60er und 70er Jahren des 16. Jhs. entlang der Lippe eine Gruppe von Schlössern (Haus Geist, Haus Neu-Assen, Schloss Hovestadt), für die der Horster Schlossbau stilbestimmend und Namen gebend wurde. Die unverwechselbaren stilistischen Merkmale dieser Bauten veranlassten 1912 den Kunsthistoriker Richard Klappheck, die Begriffe "Lippe- und Weserrenaissance" einzuführen. Das architektonische Konzept erschloss erstmalig in Westfalen die einzelnen Innenräume der beiden mehrstöckigen Hauptflügel nach dem Vorbild italienischer Palazzoarchitektur durch hofseitig vorgelagerte Galerien. Ebenso neuartig für den westfälischen Raum war die Integration eines ausgebildeten Treppenhauses mit geradläufigen Stufenbahnen und Umkehrpodest. Zur außergewöhnlich reichen bauplastischen Gestaltung der Fassaden und Innenräume, bei der in großem Umfang Baumberger Sandstein und Terrakotta eingesetzt wurden, zog Rutger namhafte Künstler und Bildhauer aus dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet hinzu, u.a. Heinrich und Wilhelm Vernukken, wodurch sich der niederländische Einfluss am Schlossbau erklärt. Wilhelm Vernukkens Handschrift tragen weiterhin Repräsentationsbauten wie die Kölner Rathausvorhalle, die Schlosskapelle von Schmalkalden und der Theaterbau in Kassel. Das frühe und überaus prächtig ausgestaltete Renaissanceschloss Horst bildete die repräsentative Kulisse für den politischen und gesellschaftlichen Aufstieg Rutgers von (der) Horst, der seit 1559 als Amtmann von Rheinberg, 1559/60 als Hofmarschall und schließlich seit 1576 als Statthalter des Vestes Recklinghausen im Dienst der Kölner Erzbischöfe stand.

Da das Schloss im Bereich des Wassergrabens der alten Burg errichtet worden war, befand es sich statisch auf unsicherem Baugrund. Dies führte schon unter Rutgers Nachfolgern, den Familien von Loe und seit 1706 den Freiherren von Fürstenberg, zu Fundamentschäden, die den Baubestand des Schlosses bis zur Mitte des 19. Jhs. auf wenige Reste dezimiert haben.

In jüngster Zeit konnte der Zerfall des Schlosses aufgehalten werden. 1988 wurde es von der Stadt Gelsenkirchen erworben und, nachdem ein Konzept zur Neunutzung erstellt war, auch seine Wiederherstellung beschlossen. 1994-1999 wurde das rudimentär erhaltene Schloss nach Plänen des Frankfurter Architekturbüros Jordan und Müller historisch sensibel umgebaut und erweitert. So ist es gelungen, das Flair der einstigen höfischen Repräsentationsanlage zu erhalten und gleichzeitig den vielfältigen Ansprüchen seiner heutigen Nutzung als Standesamt der Stadt Gelsenkirchen, als Schlossmuseum und Standort eines gastronomischen Betriebes gerecht zu werden.
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Schloss Horst, Gelsenkirchen: Luftbild von Südwesten


 
Ausschnitt aus einer historischen Karte, 1768


 
Nordwestflügel des Schlosses mit Zugang und neu errichtetem Nordturm
 
 
 
 
 
 

Die Bedeutung der Ausgrabungen für die Geschichte von Schloss Horst

 
 
 
Die Ausgrabungen erbrachten erstmalig einen maßstäblichen Grundriss des Baukörpers und bewiesen zudem, dass die Vierflügelanlage in einem Zuge, wenn auch mit Planänderungen (s.u.), errichtet wurde. Gleiches gilt für die von Rutger neu konzipierte Vorburg, von der aus man über eine freigelegte Bogenbrücke das Tor, das mit dem Westturm ehemals einen Baukörper bildete, erreichte.

Auch die Funktionalität einzelner Räume im Sockelgeschoss konnte durch die Archäologie geklärt werden: Beispielsweise gelang der Nachweis der ersten Schlossküche unter dem Rittersaal. Hier wurden Küchenbrunnen und Herdstelle aufgedeckt und im Zusammenspiel mit der Bauforschung die Dienertreppe, die in der hofseitigen Wand verborgen war, freigelegt. Unter den Funden aus dem Brunnen ist besonders erwähnenswert ein Silberlöffel mit dem Wappen der Familie von Loe. Die Verbindung dieser Familie nach Horst hatte sich durch die Heirat der Erbtochter Rutgers, Margarethe, mit Bertram von Loe ergeben. Aus dieser Ehe gingen wiederum nur Töchter hervor, von denen Sybille 1607 bei ihrer Heirat mit Dietrich von der Recke Haus Horst als Mitgift erhielt. In die Zeit um 1600 ist auch der Verlust des Löffels zu datieren, ein Beweis dafür, dass die Küche damals noch in Betrieb war.

Später befand sich die Küche im Eingangsflügel, dem heutigen Raum, der vom Standesamt Gelsenkirchen als Trausaal genutzt wird und in dem sich der Auferstehungskamin bzw. der so genannte Küchenkamin befindet. Dass wir diesen Kamin eindeutig der Küche zuweisen können, macht eine eher zufällig auf uns gekommene Episode aus dem Lebensbericht des Pfarrers Johannes Liphausen (1603-1665) deutlich: Als dieser, damals noch ein Kind, in der Schlossküche anlässlich der Pachtzahlung am Martinstag wartete, hatte er Gelegenheit, den prachtvollen Kamin aus Baumberger Sandstein zu bestaunen. Dies zeigt eindeutig, dass die Küche schon im frühen 17. Jh. in den Eingangstrakt verlegt worden war. Beeindruckt hat den Jungen sicherlich die Darstellung der vollplastisch vor einer perspektivisch gezeigten Halle dargestellten Figuren von Adam und Eva sowie die im Relief gearbeitete belebte Auferstehungsszene auf dem Kaminsturz, als deren Vorlage eine Illustrierung der Lutherbibel zu gelten hat. Dieser Kamin war nur einer von wenigstens elf Kaminen, die als Krönung der Innenraumausstattung des Horster Schlosses und als wahre Höhepunkte bildhauerischen Könnens gelten dürfen. Das Bildprogramm der Kamine nimmt wie viele andere Ausstattungselemente der Innen- und Außendekoration des Schlosses das in der Renaissance weit verbreitete Thema von VIRTUS und VOLUPTAS auf, bei dem die VIRTUS, also die positiven Tugenden wie Tapferkeit, Mut und Tugend über die VOLUPTAS, die Untugend, siegt.

Neben diesen großen Kaminen mit figürlichen Bildprogrammen, für die die Entstehungsdaten 1560 und 1578 inschriftlich überliefert sind, dienten den Schlossbewohnern Kombinations- bzw. Kachelöfen als Wärmequelle. Dies belegen die Schriftquellen wie auch obertägig bzw. über die Bodenfunde auf uns gekommene Kacheln und gusseiserne Ofenplatten. So konnte im Winter 1995/96 aus einem Kloakenschacht im Südwestflügel des Schlosses ein größerer Komplex ein- und mehrfarbiger glasierter Ofenkeramiken geborgen werden. Zusammengefasst unter dem Begriff "tektonische Kacheln" fanden sich Leisten-, Gesims-, Kranz- und Bekrönungskacheln sowie solche, die zur Überbrückung von Friesfugen dienten. Besondere Bedeutung haben Blattkacheln und deren Fragmente, die verschiedenen Kachelserien zuzuordnen sind, darunter die stehenden Tugenden nach Bleiplaketten von Peter Flötner und die sieben freien Künste von 1561 von H. S. Beham. Aus der letztgenannten Serie ist die nahezu vollständig erhaltene mehrfarbig glasierte Blattkachel mit der Darstellung der DIALECTIC, einer Personifikation der Argumentationskunst, hervorzuheben. Diese Funde und die hervorragende schriftliche Überlieferung zum Schlossbau erlauben es erstmalig, sie und entsprechende Kacheln dem Kölner Kachelbäcker Dyrych von Buir sicher zuzuordnen und eine genaue Datierung bestimmter Kachelserien aus dessen Produktion vorzunehmen.

Bei den Ausgrabungen auf Schloss Horst wurden u.a. wenigstens elf Fragmente von Medaillons (Tondi) und von verschiedenen Friesen aus Terrakotta geborgen, die der reichen Fassaden- und Innenausstattung des Schlosses zugewiesen werden müssen (Kopien heute im Rittersaal).

1562 erteilte Rutger von der Horst an Wilhelm Vernukken den Auftrag, römische Kaiserbildnisse nach einer mitgelieferten Buchvorlage in Holzpatrizen oder -matrizen zu schnitzen, mithilfe derer der Kachelbäcker Dyrych die Medaillons in Ton fertigte. Diese Arbeitsabfolge ist auch bei der Herstellung der angesprochenen Ofenkeramiken denkbar.

1569 bestellte Rutger zur Bereicherung der Raumausstattung bei Meister Dyrych nach zwei von ihm zur Verfügung gestellten Kupferstichen Heinrich Aldegrevers zwei fortlaufende Friese mit sich wiederholenden Bildinhalten. Die nach den Fundstücken erstellten Rekonstruktionen zeigen zum einen Hannibal und Scipio in der Schlacht von Zama 202 v. Chr., zum anderen einen Puttenfries.

Mit den Portraits der römischen Imperatoren wie etwa Julius Cäsar, Augustus, Tiberius und Nero sowie der Darstellung der beiden großen antiken Feldherren Hannibal und Scipio stellte sich Rutger in eine Reihe mit den antiken Kaisern und Strategen, deren Kraft und Tugend er somit zur Selbstdarstellung der eigenen Person heranzog. Ohne das bei den Ausgrabungen geborgene Fundgut wäre die schriftliche Überlieferung unverständlich geblieben bzw. nur bedingt aussagekräftig gewesen, und es wäre beispielsweise das enge Zusammenwirken zwischen dem Auftraggeber Rutger von der Horst, dem Künstler Wilhelm Vernukken und dem Kölner Kachelmeister Dyrych von Buir nicht so anschaulich zu belegen.

Einen Eindruck der prächtigen Ausstattung der Innenräume und der Außenfassaden erhält der Besucher im glasüberdachten ehemaligen Innenhof des Schlosses mit Blick auf die erhaltene Fassade des Eingangs- und die des Herrenhausflügels, dessen vorgelagerte Galeriewand moderne Bauelemente mit originalen Bauteilen auf gelungene Art und Weise zusammenbringt.
 
Blattkachel mit Darstellung der DIALECTIC aus der Produktion des Kölner Kachelbäckers Dyrych von Buir


 
Kaisermedaillon des römischen Imperators Tiberius, gefertigt von Wilhelm Vernukken und Dyrych von Buir


 
Hannibal und Scipio in der Schlacht von Zama, gefertigt von Wilhelm Vernukken und Dyrych von Buir
 
 
 
 
 
 

Die Geschichte des Hauses Horst und seiner Besitzer
Zur Entstehung einer Adelsherrschaft im Emscherbruch

 
 
 
Über die Entstehung und die Baugeschichte des Adelssitzes Horst finden sich in den Schriftquellen nur spärliche Hinweise, und wir wären allein mit diesen Nachrichten weder in der Lage, die mittelalterlichen Bauaktivitäten noch die Lebensumstände seiner ersten Bewohner darzustellen. Erst die seit den 90er Jahren durchgeführten archäologischen Untersuchungen haben die Entwicklung dieses Siedlungsplatzes offen gelegt und rekonstruierbar gemacht.

Älteste Siedlungsspuren des 11. und 12. Jhs. weisen auf einen Hof hin, der wenigstens aus drei Gebäuden, einem Wohnhaus und zwei Nebengebäuden, bestanden hat. Hingewiesen sei auch auf die Spuren eines Flechtwerkzaunes. Das von ihm umschlossene halbkreisförmige Areal ist als Viehpferch oder Garten zu deuten. Die Wasserversorgung der Hofstelle erfolgte über einen hölzernen Kastenbrunnen.

Das in diesem Zeitraum mehrfach erneuerte Hauptgebäude der Hofstelle stellt ein 6-7 m breites und ca. 11-12 m langes Ständerhaus dar, das auf Schwellbalken mit Unterlegsteinen gründete. Errichtet aus Erlen- und Eichenhölzern, deren Herkunft aus dem umliegenden Bruchgebiet zu erschließen ist, war das ausschließlich zu Wohnzwecken dienende Haus in zwei Räume unterteilt, von denen der westlich gelegene größere Raum mit einer gepflasterten Herdstelle ausgestattet war, der östlich gelegene kleinere mit einem Kachelofen. Sowohl die Verwendung der Ständerbauweise als auch die Unterteilung in zwei Räume unterscheidet dieses hochmittelalterliche Gebäude von den damals üblichen Wohn-Stall-Häusern der bäuerlichen Bevölkerung. In dieselbe Richtung weisen die Überreste des Kachelofens, der zur damaligen Zeit in Westfalen eine Neuheit und Errungenschaft insofern darstellte, als er es erlaubte, einen Raum rauchfrei heizen zu können.

Wurde an Bauweise und Ausstattung des Hauses nicht gespart, so gilt dies auch für sein Inventar: Bei der im Haus gefundenen bleiglasierten Kanne handelt es sich um ein kostbares Importgeschirr aus dem heutigen belgischen Raum (Andenne Ware), die sicherlich unter der unscheinbaren einheimischen Keramik und den aus dem Rheinland importierten Gefäßen besonders auffiel. Ein wahres Prunkstück auf der Tafel des Hofherrn stellte eine blaue Glasflasche mit opak weißer Fadenauflage dar, von der sich bislang zwei Scherben auf dem Hofareal gefunden haben. Sie sind einer kleinen Gruppe von seltenen hochmittelalterlichen Glasfunden zuzuordnen, die sich auf sechs über Mittel- und Westeuropa verteilte Fundplätze beschränken. An Gefäßformen lassen sich derzeit nur Flaschen sowie Becher belegen. Die Horster Fragmente sind aufgrund ihres Durchmessers und im Vergleich mit Scherben von Burg Baldenstein bei Gammertingen, Baden-Württemberg, zu einer Flasche zu ergänzen. Dass diese blauen Gläser mit weißer Fadenauflage zu den Luxusgütern ihrer Zeit gehörten, bestätigen auch andere Grabungen.

Die Beobachtungen zu Bauweise, Ausstattung und Inventar des Hofes sind untrügliche Anhaltspunkte dafür, dass hier keine herkömmliche Landwirtschaft betrieben wurde und seine Besitzer nicht dem bäuerlichen Stand angehört haben können. Auch die Lage im Emscherbruch, in dem die Voraussetzungen für Ackerbau nicht gegeben waren, lässt an eine anders geartete Eigenwirtschaft denken, beispielsweise den Pferdefang in der Wildbahn Emscherbruch.

Diese Bruchlandschaft bot wie kaum eine andere in Westfalen ideale Lebensbedingungen für Pferde, die dort ohne nennenswerte Beeinflussung des Menschen lebten. Die breite Kopfform brachte den gedrungenen Emscherbrücher Pferden den Beinamen "Dickköppe" ein. Sie waren muskulöse und ausdauernde Pferde, die bis in das 19. Jh. als Reit-, Arbeits- und Militärpferde geschätzt waren. Durch Treibjagden und Einzelfang mit dem Lasso fingen so genannte Stricker (Pferdefänger) einmal im Jahr vor allem junge Hengste ein. Als wichtigster Umschlagplatz im Emscherbruch diente bis 1834, dem Ende der Wildbahn, der Cranger Pferdemarkt, Vorläufer der heutigen Cranger Kirmes. Zwei Präparate der ausgestorbenen Emscherbrücher Rasse sind heute im Westfälischen Pferdemuseum Hippomaxx im Allwetterzoo Münster des Westfälischen Museums für Naturkunde zu sehen.

Die Ausübung des Pferdefangs, der wie auch bei den anderen Wildbahnen zumeist in den Händen des ansässigen Landadels lag, ist sehr viel älter als die zumeist erst aus der Neuzeit stammenden Belege vermuten lassen. In unserem Zusammenhang von Bedeutung ist die Nachricht, dass der Emscherbruch zum Einflussbereich des Kanonissenstiftes Essen gehörte, das hier nicht nur Höfe, sondern auch die Nutzungsrechte des Bruchwaldes besaß. Mit dem Marschallsamt des Stiftes war ebenfalls die Wahrung des Wildbannes verbunden. Im Einzelnen hieß das, einen Pferdestricker einzusetzen, der die wilden Pferde einfing und brandmarkte, wie eine Quelle des 15. Jhs. berichtet. Das Marschallsamt aber hielten um 1200 die Ritter von Horst auf Burg Steele an der Ruhr inne, was auch die Motivwahl ihres Wappens beeinflusste: Die drei Pferdeprammen (Nüsternklemme) darin waren Hilfsmittel der Stricker, mit denen wilde Pferde gezähmt oder gefügig gemacht wurden und stellen damit einen direkten Bezug zu Pferdefang und -haltung her.

Aus der Familie der Ritter von Horst-Steele stammt Gerhard von Horst, der in den Urkunden des ausgehenden 12. Jhs. im Emscherraum auftrat und der als Begründer der auf der alten Hofstelle errichteten Burg Horst gilt. Wir dürfen davon ausgehen, dass er oder seine Familie bereits vor dem Bau der Burg an der wichtigen Handelsstraße zwischen Recklinghausen und Essen und in nächster Nähe der Wildbahn einen Hof unterhielt, um speziellen wirtschaftlichen Aufgaben wie der Pferdehaltung im Emscherbruch nachzukommen. Einen Hinweis auf die enge Verbindung der Herren von (der) Horst mit der Wildbahn und deren Pferde gibt auch das seltene Patrozinium der Burgkapelle St. Hippolytus zu Horst, war doch der Märtyrer Hippolythus von Pferden gevierteilt worden und galt seither als Schutzheiliger der Pferdezüchter. Der Handel des Hauses Horst mit Pferden ist bis hin zu Rutger, dem Erbauer des Renaissanceschlosses festzustellen. So versorgte dieser im Jahr 1546 das kaiserliche Heer im niederländischen Deventer (Standort des Hauptmusterplatzes) mit Pferden.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Ausgrabungen im Innenhof des Renaissanceschlosses eine hochmittelalterliche Hofanlage als Vorgängerbebauung der späteren Burg zutage gebracht haben. Mit dem Bau einer hölzernen Burganlage, der durch die Keramik und die Dendrochronologie in das erste Jahrzehnt des 13. Jhs. datiert werden kann, traten die Ritter von Horst-Steele als Burgherren erstmals an der Emscher auf und begründeten wenig später auch eine Seitenlinie im Kirchspiel Gladbeck.

Wichtiges Befestigungselement der zwei- oder mehrteiligen Burganlage war der aufgeworfene Burghügel der Hauptburg. Der rundlich ovale, nach Westen abgestufte Hügel weist einen Durchmesser von ca. 40 m auf und erreicht im Osten eine Höhe von knapp 2 m, sein westlicher Teil ist dagegen nur wenig gegenüber dem Umland erhöht. Als eine der Hauptverteidigungslinien der Anlage ließ sich am Fuß des Hügels eine Brustwehr samt Wehrgang belegen. Den in den anstehenden Sandboden eingelassenen Unterbau für diese bildeten u.a. dicke, mit tonigem Lehm ummantelte Holzstämme, die gleichzeitig ein Abrutschen der Erdmassen des Hügels in den umgebenden Wassergraben bzw. ein Unterspülen des Hügelfußes durch das Wasser des Grabens verhinderten. Wie bei solchen Wehranlagen üblich, wird auch der Wassergraben der Horster Anlage von einem Außenwall mit Palisade als weitere Befestigungslinie begleitet worden sein. Letztendlich kann auch ein gestaffeltes Verteidigungssystem bestehend aus mehreren Gräben und Wällen nicht ausgeschlossen werden, doch durch die nachfolgenden Baumaßnahmen und weiträumigen Bodeneingriffe insbesondere des Schlossbaues und seiner Gräfte dürften sich von ihm bis heute kaum noch Spuren erhalten haben.

Der Zugang auf die Hauptburg erfolgte im Schutz der Vorburg von Westen. Eine über den Wassergraben führende Brücke muss beide verbunden haben. Die im archäologischen Befund nur zum Teil erhaltene Torsituation der Hauptburg belegt einen Durchgang, der durch die beiden hier übereinander greifenden Enden der am Hügelfuß verlaufenden Befestigungslinie geschützt wurde. Hinter dem Tor führte ein rampenartiger Fahrweg entlang der Hügelfußumwehrung auf das Hochplateau, das durch eine nordsüdlich verlaufende Verteidigungslinie in Form einer Palisadenbefestigung gegen die westlich vorgelagerte Hügelstufe zu verteidigen war. Passiert wurde diese Linie wiederum durch ein Tor, das vom Hochplateau aus durch einen in Pfosten-/Schwellriegeltechnik errichteten Polygonalbau von ca. 6-6,5 m Durchmesser geschützt und kontrolliert werden konnte. Hierbei dürfte es sich, auch wenn die mächtigen Pfosten nicht allzu weit in den Hügel eingetieft waren, um einen turmartigen Bau gehandelt haben. Neben diesem Gebäude zählten zur Bebauung des abgestuften Burghügels drei weitere, von denen eines auf mächtigen Schwellbalken gründete und die am höchsten gelegene Fläche des oberen Plateaus einnahm. Bei ihm dürfte es sich um das mehrstöckige Hauptgebäude der Anlage gehandelt haben, das gleichzeitig für die Burgbewohner die letzte Rückzugsmöglichkeit vor dem Feind bot. Zwei weitere Häuser ließen sich auf der unteren Stufe des Burghügels nachweisen, von denen das südliche auf dem Standort des älteren Haupthauses der Hofstelle stand. Zur Wasserversorgung des hölzernen Forts diente ein Steinbrunnen neben dem Hauptgebäude auf dem Hochplateau, dessen Überreste heute in einem Ausstellungsraum unter dem Schlosshof zu sehen sind.

Über die besondere soziale Stellung der frühen Burgbewohner unterrichtet ein außergewöhnlicher Altfund, der 1854 aus dem längst verfüllten Wassergraben dieser Burganlage geborgen werden konnte. Es handelt sich bei ihm um ein reich graviertes Buntmetallbecken, eine so genannte Hanseschale, die im oder am Ufer des Wassergrabens verloren ging. Das sehr gut erhaltene spätromanische Becken zeigt auf seiner Innenseite ein mit zahlreichen Schriftbändern versehenes Bildprogramm (Philosophia umgeben von Sokrates, Platon und den sieben freien Künsten). Neben seiner Funktion als Handwaschbecken, die Aussagen über das höfische Zeremoniell an der Tafel eines Gerhard von Horst erlauben, wird auch deutlich, welcher Bildungsgrad bei Gastgeber und Gästen vorausgesetzt werden darf. Ansonsten veränderte und erweiterte sich das Spektrum der Geschirrkeramik erheblich: Viele der älteren Waren wurden von neuen, in der Herstellung verbesserten, nämlich wasserdichten Warengruppen abgelöst und durch neue Gefäßformen (z. B. Krüge) ergänzt. Änderungen ergaben sich auch bei der Importkeramik. Zu den in den rheinischen Töpfereien Paffrath und Pingsdorf produzierten Gefäßen traten nun vor allem die Faststeinzeuge aus Siegburg. Das gleichzeitige Auftreten sowohl althergebrachter wie auch neu auftretender Waren und Gefäßtypen ist ein charakteristisches Merkmal für Fundkomplexe aus der Zeit um 1200 und datiert Bau, Nutzungsdauer und damit auch den Zerstörungszeitpunkt der durch Brand vernichteten Anlage in die drei ersten Jahrzehnte des 13. Jhs.

Die Zerstörung des Burgplatzes Horst kann wohl kaum als zufälliges Ereignis angesehen werden, sondern lässt sich in Zusammenhang bringen mit den kriegerischen Auseinandersetzungen, die die Ermordung des Erzbischofs Engelbert von Köln 1225 durch den Grafen Friedrich von Isenberg auslöste und den gesamten Raum an der Ruhr einer politischen Neuordnung unterzog. Da Friedrich von Isenberg die Vogtei des Stiftes Essen besaß, die ihm mit Willen von Stift und Erzbischof entzogen werden sollte, waren die Dienstleute des Stiftes Essen in den Konflikt einbezogen und mussten entweder für den Vogt oder die Abtei Essen Stellung beziehen. Welche Partei die Horster Burgherren und ihre Verwandtschaft in diesem Konflikt ergriffen haben, macht eine Nachricht von 1227 deutlich, aus der hervorgeht, dass die Horster Ritter Überfälle auf den Essener Hofbesitz in Borbeck verübt hatten, ein Hinweis darauf, dass sie ganz offensichtlich die Ansprüche der isenbergischen Partei vertreten haben und überhaupt erst der Burgenbau im Bruch durch die wohlwollende Duldung der Essener Vögte möglich geworden war.

Ein wichtiges, beim laufenden Stand der Grabungen noch nicht endgültig zu lösendes Problem betrifft die Entstehung der Burgkapelle und späteren Pfarrkirche St. Hippolythus, die schon zur hölzernen Burganlage gehört haben könnte. Sichere urkundliche Nachrichten, die ihre Existenz belegen, datieren seit 1295. Die archäologischen Untersuchungen jedoch machen derzeit wahrscheinlich, dass sie in die erste Hälfte des 13. Jhs. zurückreicht und damit unter Umständen bereits in die Bestehensphase der ältesten Horster Burg gehört.

Bei dem ältesten Kirchengebäude handelte es sich um eine Saalkirche mit um Mauerstärke eingezogenem gestelztem Chor mit apsidialem Abschluss. Das Langhaus der Kirche (lichte Weite: 6,6 m Länge und 4,2 m Breite) konnte über die 0,9 m breiten Ausbruchgruben, in denen sich einst das Mauerwerk befand, erfasst werden, während der Chor mit einem auffallend starken Fundament (1,5 m) weitgehend erhalten blieb. In seiner Mittelachse fand sich die Grablege eines 1,63 m großen, 50-60 Jahre alten Mannes. Die Tatsache, dass das Grab an dieser Örtlichkeit im Chor hervorgehoben und durch einen kryptenartigen Raum zugänglich gemacht wurde, lässt den Rückschluss zu, dass es sich um eine für die Horster Kirche wichtige Persönlichkeit gehandelt haben muss. Da die Familie von Horst die Kirche gestiftet hat, spricht vieles dafür, dass der Kirchengründer, vielleicht der erste Burgherr Gerhard von Horst, hier mit einer Bestattung an einem besonders hervorgehobenen und zugänglichen Standort geehrt wurde. Bezug auf diese nimmt eine weitere Grablege, die sich in leichter Achsenverschiebung über der älteren fand. Da es sich nach Aussage der Anthropologen E. Becker und W. Henke (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) um das Skelett einer 1,60 m großen, 40-60 Jahre alten Frau handelt, ist eine enge verwandtschaftliche Beziehung zwischen den beiden im Chor begrabenen Personen anzunehmen und der Rückschluss erlaubt, dass zwischen dem Versterben der beiden Personen nur wenige Jahre oder Jahrzehnte gelegen haben.
 
Das Zweiraumhaus der Horster Hofstelle: Grabungsfoto, Rekonstruktion, als Fundgut Kugeltöpfe aus einheimischer Produktion, bleiglasierte Kanne (Import aus Andenne, Belgien) sowie älteste Darstellung eines Kachelofens im deutschsprachigen Raum aus einer Würzburger Handschrift der Zeit um 1250


 
Die Wildbahn Emscherbruch als Lebensbereich der "Emscherbrücher Dickköppe", auf der Grundlage der Kartenaufnahme von Le Coq, 1805


 
Blick in den Schlossinnenhof: Im Vordergrund die hochmittelalterliche Hofstelle mit Brunnen, dahinter der Burghügel des frühen 13. Jh.


 
Der Torturm auf dem oberen Burgplateau in Foto, Zeichnung und Rekonstruktion


 
Die Horster Handwaschschüssel aus dem frühen 13. Jh. in Foto und Umzeichnung


 
Rekonstruktion der Hofstelle, 11. Jh.


 
Rekonstruktion der ältesten Burg, frühes 13. Jh.


 
Rekonstruktion der ersten Steinburg, Mitte 13. Jh.


 
Rekonstruktion der ältesten Steinburg mit Ausbaustufe, Mitte 16. Jh.


 
Freilegung der Kapelle auf der Horster Vorburg / Detailfoto: Fliesenboden


 
Die Grablege unter dem Chor der Kapelle im Grabungsbefund
 
 
 
 
 
 

Der Stammsitz Horst als Mittelpunkt der Adelsherrschaft bis zum Brand von 1554

 
 
 
Nach der Brandkatastrophe, die zur Zerstörung der Holzburg führte, wurde der Burghügel um wenigstens 1,5 m erhöht. Wahrscheinlich grub man das zu diesem Vorgang benötigte Erdmaterial am Nordhang des rundlich ovalen Hügels ab und warf es auf den verbleibenden Hügel auf. Dies hatte nicht nur eine Erhöhung des Burghügels zur Folge, der nun eine annähernd runde Burgfläche besaß, sondern es führte auch zur Verbreiterung des Grabens von Haupt- und Vorburg. Die auf dem verkleinerten, aber erhöhten Hügel ausgeführte Burganlage wurde auch aus Gründen des Brandschutzes und größerer Wehrhaftigkeit nun nicht mehr als hölzernes Fort errichtet, sondern in Stein erbaut: Eine Steinmauer ersetzte nun die Holz-Erde-Befestigung am Fuß des Burghügels mit der Toranlage an gleicher Stelle. Auf dem erhöhten Hügelplateau wurde mittig ein festes Haus bzw. ein Wohnturm von 11 x 7,5 m Grundfläche errichtet, dessen ca. 1,2 m starken Steinfundamente sowie deren Ausbruchgruben nachgewiesen werden konnten. Eine Binnenwand unterteilte das Sockelgeschoss des mehrgeschossigen Bauwerks, das Wehr-, Wohn-, Repräsentations- und Wirtschaftsfunktionen in sich vereinte. Im Sockelgeschoss waren dabei in der Regel die Wirtschafts- und Lagerräume untergebracht, in den darüber liegenden Stockwerken die Wohnräume und der repräsentative Saal. Den oberen Abschluss bildete eine Wehrplattform oder das Dach. Aus den Fußbodenhorizonten des Horster Wohnturmes, der in seinen Ausmaßen mit anderen Anlagen des niederen Adels vergleichbar ist, fanden sich überwiegend Sachgüter, die seine Nutzung während des 14./15. Jhs. belegen. Die Abwässer aus dem Wohnturm flossen durch einen nach Süden führenden Steinkanal in den Wassergraben ab.

Am Wohnturm erfolgten vielleicht noch im 15. Jh. bzw. bis hin zu Rutger von (der) Horst An- und Zubauten in Backstein. So wurde der Wohnturm auf 19 x 11 m erweitert und mit einem wohl mehrzügigen Kloakenanbau versehen, der in die der neuen Situation angepassten Gräfte entsorgte. Vervollständigt wurde dieses Ensemble weiterhin von einem zweigeschossigen Backsteinbau von ca. 16 x 10 m, einem Rundturm und Bauten im Torbereich. Die in die alte Gräfte gesetzten Gebäude ummantelten vor allem im Südosten und -westen den alten Burghügel und wurden teilweise auf Pfahlfundamenten errichtet. Zerstört wurde die Burg durch einen Brand im Jahre 1554. Einen Eindruck der alten Anlage vermittelt neben dem Grabungsbefund mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein am Horster Schloss auf uns gekommenes Flachrelief mit der Darstellung eines Wehrbaus.

Wie müssen wir uns das Leben in der Horster Burg vorstellen? Holzfußböden, ornamental verzierte Fliesenböden, vielleicht auch figürlich bemalte oder vertäfelte Wände und Decken in repräsentativen Räumlichkeiten wie beispielsweise dem Saal sorgten für Wohnlichkeit, schlichte wie auch farbenfrohe reliefverzierte Kachelöfen für Wärme in den ansonsten eher kalten und muffig feuchten Gemäuern. Gemessen an heutigen Vorstellungen war der bauliche Rahmen für die Lebenswelt des Horster Adels im Mittelalter insgesamt eher recht unbehaglich. Kochgeschirr aus Buntmetall und Keramik, Gläser und mehrere Zapfhähne geben Einblick in mittelalterliche Haushaltsführung und standesgemäße Tafelrunden der Horster Burgherren.

Armbrustbolzen und Steinkugeln sind Zeugnisse dafür, dass das Leben auf der Burg nicht immer friedlich war.

Burgen waren immer auch Verwaltungsmittelpunkt ihrer Herrschaft, und der Burgherr fungierte gleichzeitig als Gerichtsherr. Belege dafür, dass die Verwaltung bereits damals verschriftlicht war, geben uns Urkunden und andere Schriftquellen wie beispielsweise die Rechnungsbücher, die vom Burgherrn selbst oder einem Schreiber geführt wurden. Wichtiges, wie zum Beispiel Verträge, wurde mit Feder und Tinte auf Pergament oder später auf Papier festgehalten. Archäologisch nachweisen lassen sich solche Vorgänge in Horst durch Schreibgriffel, mit denen weniger wichtige Vorgänge kurzzeitig auf Wachstäfelchen notiert wurden, ein beinernes Kerbholz, welches ein Hilfsmittel für Abrechnungen darstellt, und ein Typar (Siegel des Hermann von Hamme), mit dem wichtige Rechtshandlungen besiegelt und somit beglaubigt wurden. Bleierne Netzbeschwerer und eine Hundepfeife aus Bein weisen auf die Fischerei- und Jagdrechte der Burgherren hin.

Sind wir über den Gebäudebestand der Hauptburg durch die bisher durchgeführten Ausgrabungen gut informiert, so ist bislang keine Rekonstruktion des spätmittelalterlichen Gebäudebestandes der wirtschaftlich genutzten Vorburg möglich, deren Entwicklung sich bislang in weiten Bereichen als ungeklärt darstellt. Eine Ausnahme bildet die Burgkapelle, die freistehend errichtet wurde und den Eingang zur Hauptburg von Beginn an flankierte. Verschiedene Argumente belegen, dass der zum späteren Schloss nach Süden verschobene ältere Zugang in die Burg südlich an der Burgkapelle vorbeiführte. Eine Erinnerung daran bewahrt noch die Urkatasteraufnahme von 1822, die im Verlauf des älteren Weges eine Sackgasse, das so genannte End in der Freiheit Horst, verzeichnet. Hiermit dürfte sich ein wichtiger Hinweis auf die ursprüngliche Wegeführung zur mittelalterlichen Vorburg erhalten haben, die demnach weiter von Westen erfolgte.

Im Verlauf des Spätmittelalters wurde der ältere Kirchenbau eingewölbt und der zugehörige Chor durch eine größere polygonale Anlage ersetzt. Dabei blieb die Adelsgrablege im kryptenartigen Unterbau des Chores - leicht vergrößert unter Einbezug der älteren Chorfundamente - erhalten. Die Verwendung von Backstein und die Verlegung eines Fliesenbodens im Langhaus erlaubt es, zeitliche Parallelen zu den Befunden auf der Steinburg zu ziehen, bei der entsprechende Baumaterialien ebenfalls bei Erweiterungen und Ausbauten vom 14. Jh. bis in die erste Hälfte des 16. Jhs. verwendet wurden.

Zu einem nicht exakt anzugebenden Zeitpunkt wurde ein Friedhof um die Kirche angelegt, der 1545 durch ein "geplenktte" (Plankenzaun) von dem umliegenden Wirtschaftsbereich abgegrenzt wurde.

Belegen archäologische Befunde und Funde die bauliche Entwicklung des Adelssitzes und dessen Ausstattung, so spiegeln sie gleichzeitig die materielle Hinterlassenschaft einer Familie wider, die sich im politischen Umfeld ihrer Zeit eine unabhängige Herrschaft aufgebaut und bis in den Beginn des 15. Jhs. erhalten hat. Im kölnischen Vest Recklinghausen, dessen Südgrenze die Emscher bildete, waren um 1230 die Stadt Recklinghausen und 1251 Dorsten entstanden, deren wirtschaftliche Anziehungskraft auf die Hörigen der umliegenden Grundherrschaften groß war. Der Abwanderung der eigenen Hörigen vorzubeugen, wird einer der Gründe gewesen sein, warum Arnold von Horst von König Rudolf von Habsburg die Verleihung des Dortmunder Stadtrechts an seine vor der Burg gelegene Siedlung erbeten hat. Die besondere Wertschätzung, die ihm als Helfer gegen Erzbischof Siegfried von Köln am königlichen Hof entgegen gebracht wurde, bezeugt die Stadtrechtsurkunde von 1282. Darüber hinaus nennt sie zum ersten Mal das "castrum" Horst. Bei ihm muss es sich um die Burganlage aus Stein gehandelt haben, neben der mit einiger Sicherheit auch schon die Kapelle auf der Vorburg bestanden hat. In der Folgezeit wurde zwar die Stadtgründung nicht realisiert, doch begründete dieselbe Urkunde von 1282 die Gerichtsherrschaft der Ritter von Horst, die ihnen 1412 nach der Unterwerfung unter die kölnische Landesherrschaft nicht nur verblieb, sondern sogar noch 1577 auf die südlichen Bauerschaften der Kirchspiele Buer und Gladbeck ausgedehnt werden konnte. Mit der Eingliederung in das kölnische Territorium waren die Versuche der Grafen von der Mark und der Grafen von Berg endgültig gescheitert, die Burg zu erwerben oder sich freies Zugangsrecht zu verschaffen, wie es 1315 und 1349 bezeugt ist.
 
Der steinerne Wohnturm in Grabungsbefund und Rekonstruktion / Detailfoto: Abwasserkanal


 
Die Überreste des steinernen Wohnturms auf dem Burghügel


 
Die Horster Burg vor dem Brand von 1554: Grabungsbefunde, Rekonstruktion und Bauplastik
 
 
 
 
 
 

Das Schloss: Ausdruck des Selbstverständnisses Rutgers von (der) Horst

 
 
 
Die Schriftquellen zur Burg und Herrschaft Horst nehmen erst seit dem 2. Drittel des 16. Jhs. an Umfang zu. Dies verdanken wir der sorgfältigen Rechnungsführung des Wilhelm von Haus, der 1532 nach dem Tod Johanns von (der) Horst die Verwaltung der Burg und die Vormundschaft über dessen vier unmündige Kinder übernahm. Erst 1547 gelangte der älteste Sohn Rutger nach Erbteilung in den alleinigen Besitz von Horst. Im Gegensatz zu seinem Vater Johann, der sich seit 1522 hauptsächlich in Geldern aufgehalten hatte, wählte sein ältester Sohn Rutger Horst im Emscherbruch als ständigen Wohnsitz.

Über den Zustand der väterlichen Burg lassen sich aus den erhaltenen Rechnungsbüchern der Jahre 1534-1548 wichtige Rückschlüsse ziehen: So wurden 1540 der Bergfried (Wohnturm) mit Hilfe von Eingesessenen der Freiheit mit Lehm verputzt, 1541 alle Fenster und Pforten der Burg erneuert sowie 1545 Arbeiten an der Zugbrücke notiert. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Ausgaben für Bauarbeiten an der alten Horster Burg im Verhältnis zu anderen Haushaltsposten nur gering zu Buche schlugen, so dass es wenig verwundern muss, wenn Rutger 1549 zum Zustand seiner Burg mit vernichtender Kritik feststellt, sie sei wüst und von üblem Aussehen. Rutger, der zwischen 1547/49 die vermögende Anna von Palandt heiratete, setzte die mittelalterliche Burg, die im Frühjahr 1554 durch eine Feuersbrunst weitgehend zerstört wurde, notdürftig wieder in Stand und beschäftigte zahlreiches Personal, darunter z.B. "Arreydt der Geck", den heilkundigen "Frans der Bader" sowie einen Koch und eine "alde Kokein".

Nach dem Brand von 1554 und den anschließenden Wiederherstellungsarbeiten fasste Rutger den folgenschweren Beschluss, einen standesgemäßen Neubau zu errichten, der nicht mehr die Wehrhaftigkeit in den Vordergrund stellte, sondern das repräsentative Wohnen und dessen Ausführung mit der Beibehaltung mittelalterlicher Bauformen nicht mehr vereinbar war. Zwischen 1555 und 1573/78 wurde um die alte Burg herum und somit in deren Gräfte eine Vierflügelanlage erbaut, deren gesamter Grundriss in ihren genauen Abmessungen erstmalig durch die langjährigen Ausgrabungen am Schloss erfasst werden konnte. Auch Teile der zugehörigen Vorburg und der verbindenden Brückenanlage wurden aufgedeckt. Dabei zeigte sich, dass das Schloss zwar von Beginn an als Vierflügelanlage mit vorgeschobenen Ecktürmen geplant war, jedoch bereits während der Bauphase eine Planänderung erfolgte: Von drei gleich breit dimensionierten mehrgeschossigen Flügeln und einem schmalen eingeschossigen Trakt, der den Hof im Südwesten schließt, wurde zugunsten der Lösung, nur zwei Flügel in Mehrgeschossweise zu errichten, Abstand genommen. Die Zuwegung in den Schlosshof erfolgte dabei über eine Bogenbrücke durch ein an den Westturm anschließendes Tor.

Durch die Ausgrabung gelang auch die Lokalisierung der ersten Küche direkt unter dem großen Saal des Herrenhausflügels, mit welchem sie nach dem Vorbild der italienischen Palazzoarchitektur über eine Dienertreppe verbunden war.

Freigelegt werden konnten in den Türmen und Flügeln des Schlosses auch zahlreiche Bestandteile eines für jene Zeit sehr umfangreichen und ausgeklügelten Ver- und Entsorgungssystems, bestehend aus einer Zisterne, Brunnen sowie zahlreichen teilweise mehrzügigen Kloakenschächten und Schütten. Diese Überreste, die in den überlieferten Bauverträgen und Rechnungsbüchern Erwähnung finden, werden nun wie viele andere Details, dank der archäologischen Untersuchung fassbar und deutbar.

Die Umgestaltung der Anlage sollte auch vor der alten Vorburg mit Kapelle und Friedhof nicht Halt machen. Vorgesehen war eine parallele Führung der Vorburg zum gegenüberliegenden Eingangsflügel des Schlossneubaus, eine Planung, die die Verlegung von Kapelle und Kirchhof vorausgesetzt hätte. Tatsächlich wurde mit der Ausführung dieses Vorhabens begonnen, doch scheinen unüberwindliche Hindernisse von kirchlicher Seite diesem weitgehenden Eingriff des Schlossherrn entgegengestanden zu haben, so dass er den bestehenden Kirchenbau samt Friedhof nicht abreißen durfte, sondern in die Neuanlage der Vorburg mit einbeziehen musste. Die Kirche auf der Vorburg bestand bis 1753 und war seit etwa 1590 eine von Gladbeck unabhängige Pfarrei.

Das aus den Kloakenschächten und Schütten sowie aus der Gräfte des Schlosses geborgene Fundgut vermittelt ein Bild prächtiger Hofhaltung und außerordentlich feiner Tischkultur. Besteck aus Silber und Elfenbein, kostbare Gefäße aus geschnittenem Stein, Luxusgläser venezianischer Art, Trink- und Schenkgeschirr aus Keramik, insbesondere Importe aus dem Rheinland und dem Westerwald, stellen einen der umfangreichsten Komplexe renaissancezeitlichen Tafelgeschirrs von höchster Qualität dar, der in den letzten Jahrzehnten in Deutschland geborgen werden konnte. Der Fund diverser Gläser und technischer Keramiken belegen des weiteren, dass sich Rutger von (der) Horst wie manch großer Renaissancefürst, nicht dem Bann der Alchemie entziehen konnte und ein entsprechendes Laboratorium unterhielt, ein Zeichen geistigen und kulturellen Lebens am Hofe.

Das Bild des Bauherrn Rutger von (der) Horst, wie es sich aus den archäologischen und archivalischen Quellen darstellt, zeigt uns einen humanistisch gebildeten Mann, der mit den mächtigen Landesherren seiner Zeit häufigen Umgang pflegte und sein adeliges Selbstverständnis und Repräsentationsbedürfnis mit der Hilfe führender Renaissancekünstler aus dem westdeutsch-niederländischen Raum auf seinem Stammsitz zur Schau stellte. Ein am Westturm gefundener Sturzbecher, den Rutger in Siegburg in Auftrag gab - ein ausgesprochenes Spitzenprodukt des Töpferhandwerkes - stellt vermutlich den Burgherrn Rutger selbst als Pfeife rauchenden Mann dar. Dies ist ein früher bildlicher Beleg für das Rauchen im deutschsprachigen Raum.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass archäologisch erfasste Strukturen ebenso wie das Fundgut wichtige Anhaltspunkte und Erkenntnisse liefern können, in welcher Form die Ausübung und Umsetzung von Herrschaftsrechten erfolgt ist bzw. welches Selbstverständnis die Herrschaftsträger besaßen, die sich von jeher über ihre Bauten und ihre Hofhaltung verwirklicht haben. Die Ausgrabungen dokumentieren, wie sich der Aufstieg einer Adelsfamilie in der Gestaltung ihres Wohnsitzes niedergeschlagen hat und aus den materiellen Hinterlassenschaften im Boden erschließbar wird. Dies gilt besonders für jene Epoche, in der die Geschichte des Hauses nur ausschnitthaft aus den schriftlichen Quellen rekonstruierbar ist und der Archäologie und ihren Methoden größte Bedeutung zukommt. Moderner Gestaltungswille hat im Zusammenspiel mit Archäologie, Bauforschung und Denkmalpflege eine Architektur geschaffen, die nicht nur ansatzweise die Pracht des alten Denkmals wieder erstehen ließ, sondern durch ihre architektonisch gelungenen funktionalen Um- und Zubauten diesen Adelssitz mit ehemals zentraler Bedeutung für den Stadtteil Horst auch für heutige Aufgaben und Ansprüche der Gesamtstadt Gelsenkirchen vielfältig nutzbar macht.
 
Portrait des Schlossherrn Rutger von (der) Horst, 1553


 
Der ausgegrabene Westturm im Übersichtsfoto


 
Rekonstruktion des nicht ausgeführten Schlossbaus


 
Rekonstruktion des ausgeführten Schlossbaus


 
Prachtentfaltung auf Schloss Horst in der Frühen Neuzeit. Details: Siegburger Trink- und Schankgefäße, Gläser venezianischer Art, Besteckgriff mit Horster Löwen aus Walrosselfenbein


 
Destillierkolben und -helm aus der Horster Alchemistenküche


 
Mutmaßliche Darstellung des Bauherrn Rutger von (der) Horst auf einem Sturzbecher, vor 1582
 
 
 
 
 
 

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Alshut, E. / G. v. Büren / M. Perse (Hrsg.)
Ein Schloß entsteht... Von Jülich im Rheinland bis Horst in Westfalen. Jülich (1997).

Frin, H.
Von der Horst im Broich, ein Adelsgeschlecht der Vestischen Ritterschaft - Genealogie. Vestische Zeitschrift 86/87, 1987/1988, 55-222.

Gonska, K.
Dat Hueß zor Horst. Die Adelsfamilie von der Horst im Emscherbruch und ihre Erben im 16. und 17. Jahrhundert. Materialien zur Kunst- und Kulturgeschichte in Nord- und Westdeutschland 10. Marburg (1994).

Haarlammert, U. / H.-W. Peine
Horst im Emscherbruch - von der Hofstelle zum Schloss: Das Konzept für die virtuelle Rekonstruktion. In: Konferenzband EVA 2003 Berlin. Elektronische Bildverarbeitung & Kunst, Kultur, Historie. Berlin (2003) 151-155.

Klapheck, R.
Die Meister von Schloss Horst im Broiche. Berlin (1915).

Kneppe, C.
Horst (Gelsenkirchen). In: W. Ehbrecht (Hrsg.), Westfälischer Städteatlas, Lieferung VIII. Münster (im Druck).

Meseure, A . /J. Jourdan / B. Müller
Umbau und Erweiterung von Schloss Horst, Gelsenkirchen. Architektur Jahrbuch 2000, 86-93.

Peine, H.-W.
Dodiko, Rütger von der Horst und Simon zur Lippe: Adelige Herren des Mittelalters und der frühen Neuzeit auf Burg, Schloß und Festung. In: Hinter Schloß und Riegel. Burgen und Befestigungen in Westfalen. Münster (1997) 160-223.

Peine, H.-W.
Herrschaft und Repräsentation. Burgen, Bergrecht, Adel. In: W. Menghin/D. Planck (Hrsg.), Menschen, Zeiten, Räume - Archäologie in Deutschland. Berlin, Stuttgart (2002) 383-388.

Stadt Gelsenkirchen (Hrsg.)
Dokumentation Schloß Horst. Hagen (2002).

Weiterführende Literatur und zu den laufenden Grabungen aktuell: http://www.schlosshorst.de.
 
 


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