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Textilindustrie


 
 
Einleitung
In Westfalen entwickelte sich das Textilgewerbe seit dem 16. Jahrhundert im Tecklenburger Land, in Minden-Ravensberg und im westlichen Münsterland an der niederländischen Grenze.

In diesen Gebieten wurden hauptsächlich Hanf und Flachs angebaut und zu Leinen verarbeitet. Die Nachfrage nach Textilien stieg im 18. Jahrhundert mit dem Bevölkerungswachstum stark an. Das Textilgewerbe reagierte mit der Einführung des Verlagssystems: Ein Verleger kaufte das Rohmaterial (Flachs oder Baumwolle), ließ es gegen Lohn verspinnen und verweben und vertrieb dann das fertige Produkt. Die Spinner und Weber kamen überwiegend aus den ländlichen Unterschichten. Meist musste die ganze Familie mitarbeiten, um das Einkommen zu sichern.

Im wachsenden Textilgewerbe herrschte ein ständiger Mangel an gesponnenen Garnen, denn die Handspinnerei war mühsam. 1764 konstruierte der Engländer James Hargreaves die "Spinning Jenny", eine Spinnmaschine, die Garn auf mehrere Spindeln gleichzeitig aufwickeln konnte. Samuel Compton entwickelte 1774 die erste mit Dampf betriebene Spinnmaschine, die sich in Westfalen aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts durchsetzte. Im nächsten Schritt folgte die Entwicklung mechanischer Webstühle.

Die Mechanisierung der Arbeitsschritte im Textilgewerbe begünstigte den Aufbau größerer Betriebe mit zahlreichen Spinnmaschinen und Webstühlen. Verleger und Kaufleute gründeten Aktiengesellschaften und investierten ihr Kapital in Fabriken mit neuen Maschinen. Diese Entwicklung markiert einen ersten Strukturwandel in der Textilindustrie: die Verdrängung der Handarbeit durch die maschinelle Produktion. Zahlreiche Spinner und Weber verloren dabei ihre Erwerbsgrundlage, sofern sie nicht in den neuen Fabriken Arbeit fanden.
Anke Asfur

Wirtschaftlicher Strukturwandel und Herausbildung von 'Global Playern' in Westfalen im 19. und 20. Jahrhundert


 
 
Im niederländisch-westfälischen Grenzraum zwischen Gronau und Bocholt entstand bis in die 1920er Jahre eines der bedeutendsten Textilzentren Europas. Der hohe Arbeitskräftebedarf in der Region zog deutsche und holländische Arbeiter immer wieder auch über die Grenze. Die so genannten "Hollandgänger" aus dem Münsterland suchten Arbeit in den Niederlanden, während umgekehrt in etlichen deutschen Textilunternehmen holländische Facharbeiter Beschäftigung fanden.

Zulieferindustrien wie Fabriken für den Bau von Dampfmaschinen und Antrieben entstanden im Umkreis der Spinnereien und Webereien. Die industrielle Anfertigung von Stoffen ermöglichte den Massenabsatz von Bekleidung und Wäsche, wodurch Textilien zu den wichtigsten Konsumgütern neben Nahrungs- und Genussmitteln aufstiegen. Dieser Massenkonsum zog die Entstehung weiterer Industrien mit sich, die auf die Textil- und Bekleidungsindustrie aufbauten, wie beispielsweise Hersteller von Waschmaschinen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das westfälische Ruhrgebiet zu einem wichtigen Standort für Bekleidungsindustrie, vor allem in Gelsenkirchen und Wattenscheid. Unter den Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten befanden sich etliche Unternehmer aus den ehemaligen Zentren der deutschen Bekleidungsindustrie um Breslau und im Osten Berlins. Sie eröffneten mit ihrem Know-how in der neuen Heimat im Westen eigene Betriebe. Die ersten Jahre nach dem Krieg waren noch von anhaltender Rohstoffknappheit gekennzeichnet und etliche Bekleidungsfirmen beschränkten sich auf die Umarbeitung alter Kleidung und Textilien. Der wirtschaftliche Boom der 1950er Jahre verhalf dann auch der Textil- und Bekleidungsindustrie zu einer erneuten Blüte.

Die Branche ist allerdings durch anhaltende Konjunkturkrisen seit den 1960er Jahren in Westfalen deutlich geschrumpft. Die Produktion von Textilien und vor allem von Bekleidung wurde in den letzten Jahren zunehmend ins Ausland, nach Osteuropa und Asien, verlagert. Die wenigen verbliebenen Betriebe der Branche versuchen durch innovative Produkte das Überleben langfristig zu sichern. In der Textilherstellung bedeutet das vor allem die Entwicklung neuer Stoffe in den Bereichen Arbeitsschutz sowie Sport und Freizeit.
 
 
Quellen
 
 



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