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Presse-Infos | Kultur

Mitteilung vom 02.06.26

Dokus gegen das Vergessen
Drei bewegende Dokumentarfilme lassen Zeitzeug:innen der NS-Zeit sprechen

Münster (lwl). Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat auf seinem YouTube-Kanal "Westfalen im Film" drei bewegende Zeitzeugenporträts zur NS-Zeit veröffentlicht. Die filmischen Porträts stellen verschiedene Menschen und ihre Schicksale in den Mittelpunkt: den Pfarrer Hermann Scheipers und seine Schwester Anna, die jüdische Holocaust-Überlebende Erna de Vries und Paul Brune, der die Misshandlungen der NS-Psychiatrie überlebte.

Die Filme konfrontieren nicht allein mit abstrakten Daten und Fakten über die Verbrechen des Regimes, sondern mit Menschen, die das Unrecht am eigenen Leib erfahren haben. "Als eindrucksvolle, wenn auch oft erschütternde historische Quellen, machen die Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen die individuellen Auswirkungen der NS-Diktatur greifbar. Die quasi-persönliche Begegnung mit Diskriminierung und Verfolgung, aber auch mit Widerständigkeit und Zivilcourage regt zur Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Motiven an, unter denen Menschen für oder gegen das Regime Hitlers agierten", betont Prof. Dr. Markus Köster, Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen, der die Neuveröffentlichung angeregt hat.

Die drei bislang nur auf DVD verfügbaren Filme sind nun auch online frei zugänglich, um die unmittelbaren Erinnerungen an die Jahre 1933 bis 1945 über das Ende der Erlebnisgeneration hinaus wach zu halten. Der Dokumentarfilm "Lebensunwert" beschäftigt sich anhand des Schicksals von Paul Brune mit der Geschichte der nationalsozialistischen Psychiatrieverbrechen und deren Kontinuitäten über das Jahr 1945 hinaus. Der Film von Robert Krieg und Monika Nolte entstand 2005 als Co-Produktion des LWL-Medienzentrums für Westfalen und des WDR. Er beleuchtet die Psychiatrieverbrechen der Nationalsozialisten, die lang zu den wenig beachteten Kapiteln deutscher Zeitgeschichte gehören. Was 1934 mit massenhaften Zwangssterilisationen begann, endete ab 1939 für über 200.000 Menschen mit der Ermordung in der sogenannten "Euthanasie". Auch in Westfalen gerieten Tausende von Menschen in den Strudel des "rassehygienischen" Vernichtungswahns. Einer von ihnen war Paul Brune. Er wurde 1943 im Alter von acht Jahren in die "Kindereuthanasie"-Abteilung der Provinzialheilanstalt Dortmund-Aplerbeck eingewiesen. Mit Glück überlebte er die Massenmorde der NS-Psychiatrie; das Stigma, "lebensunwert" zu sein, wurde er aber nie mehr los. Bis zu seinem Tod im Jahr 2015 litt Paul Brune unter den Folgen und Kontinuitäten der NS-Psychiatrieverbrechen.

Das Filmporträt "Ich wollte noch einmal die Sonne sehen" stellt die Zeitzeugin Erna de Vries (1923-2021) in den Mittelpunkt. Erna de Vries wuchs in Kaiserslautern auf und wurde unter den nationalsozialistischen Rassegesetzen als sogenannte "Halbjüdin" kategorisiert. Auf Grundlage eines bewegenden Interviews rekonstruiert der Film chronologisch ihren Leidensweg: die schrittweise gesellschaftliche Ausgrenzung im Alltag, die Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im Jahr 1943, die anschließende Überführung zur Zwangsarbeit für den Siemens-Konzern im KZ Ravensbrück und die Befreiung durch die Alliierten. Realisiert wurde der Film 2007 von Geschichtsstudierenden der Uni Münster im Rahmen des Vereins Projekts Zeitlupe.

Der Dokumentarfilm "Dir gehört mein Leben" erzählt von dem Geschwisterpaar Anna und Hermann Scheipers und ihrer Zivilcourage unter zwei deutschen Diktaturen. Produziert wurde er 2003 in Zusammenarbeit zwischen dem LWL-Medienzentrum für Westfalen und dem MDR. Im Mittelpunkt stehen die im münsterländischen Ochtrup geborenen Zwillinge Anna und Hermann Scheipers. Hermann Scheipers wurde 1940 als katholischer Priester in das KZ Dachau eingeliefert. Sein Überleben verdankte er seiner Zwillingsschwester Anna, die sich dem NS-Regime mutig entgegenstellte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte er als Pfarrer in der DDR und geriet auch dort mit den Machthabern in Konflikt. Der Film begleitet den damals 90-jährigen Herrmann Scheipers von seinem Geburtsort Ochtrup über Dachau bis nach Sachsen und beleuchtet dabei entscheidende Kapitel der politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Zeitgeschichte Deutschlands zwischen 1933 und 1989. Anna Scheipers starb 2007, ihr Bruder im Jahr 2016 im Alter von 102 Jahren.

Links

"Lebensunwert" - Paul Brune. NS-Psychiatrie und ihre Folgen:

https://www.youtube.com/watch?v=9osb0ofntfs

"Dir gehört mein Leben" - Anna und Hermann Scheipers. Widerstand im NS und der DDR: https://www.youtube.com/watch?v=gJgW2G0DZoo

"Ich wollte noch einmal die Sonne sehen" - Die Lebensgeschichte der Holocaust-Überlebenden Erna de Vries:

https://www.youtube.com/watch?v=Qb4Ncli5Qo8

Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org



Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 20 Museen, zwei Besuchendenzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 114 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.



Foto zur Mitteilung
Paul Brune mit anderen Jugendlichen vor dem St. Johannes-Stift Marsberg, um 1950.
Foto: LWL/Josef von Rüden

Foto zur Mitteilung
Anna und Hermann Scheipers 2002 bei der Verleihung des Verdienstordens der Bun-desrepublik Deutschland (Verdienstkreuz am Bande).
Foto: LWL/Stephan Sagurna

Foto zur Mitteilung
Erna de Vries begann 1941 eine Ausbildung zur Krankenpflegerin, die sie aufgrund der Verfolgungen und Deportationen nie beenden konnte.
Foto: Still aus dem Film „Ich wollte noch einmal die Sonne sehen“


Die gezeigten Fotos stehen im Presseforum des Landschaftsverbandes zum Download bereit.



Das Presseforum des Landschaftsverbandes im Internet: https://www.lwl.org/pressemitteilungen