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Presse-Infos | Soziales
Mitteilung vom 25.02.26
LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2026 in Dortmund
Hotel Fünf10: Inklusion ist kein Hexenwerk - ein Geschäftsmodell mit Seele
Dortmund/Netphen (lwl). In Westfalen-Lippe sorgen rund 170 Inklusionsunternehmen für Inklusion im Arbeitsleben. Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten in den Firmen zusammen, die sich auf dem freien Markt beweisen müssen. Und die Arbeitsplätze für die Menschen mit Behinderung sind im Schnitt deutlich kostengünstiger als die Plätze in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Bei der LWL-Messe der Inklusionsunternehmen am 11. März in der Messe Dortmund präsentieren sich Firmen, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bei ihrer Arbeit unterstützt. Eines der Inklusionsunternehmen hat seinen Sitz in Netphen im Kreis Siegen-Wittgenstein.
Wer im Hotel Fünf10 eincheckt, profitiert nicht nur vom Top-Service im Grün der Hügel von Netphen, sondern hat auch die Chance, während des Aufenthalts Inklusion in all ihren Facetten zu begegnen. Denn im Netphen-Deuzer Hotel arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung von der Rezeption über den Service und das Housekeeping bis in die Küche zusammen, um ihre Gäste bestmöglich willkommen zu heißen.
"Wir verstecken hier niemanden", erklärt Annika Hadem, eine Hälfte des Betriebsleitungsduos des Hotels. "Wir möchten einen realen Eindruck davon geben, was Inklusion bedeutet. Das ist sehr bereichernd und macht tatsächlich auch glücklich, wenn man sieht, wie toll das Miteinander funktioniert. Und die Menschen sollen sehen, dass das funktioniert." Insgesamt 42 Mitarbeitende, 18 davon mit einer Behinderung, arbeiten mittlerweile im Hotel - teils in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis, auf einem Außenarbeitsplatz, im Langzeit- oder Schulpraktikum.
Dass Inklusion so gut funktioniert, führt gelegentlich noch zu Erstaunen. "Die Leute kommen hier rein als Gäste und sagen: ,Oh, ihr seid ja ein richtiges Hotel.' Und ich denke: Was sollen wir denn sonst sein?", erzählt Hadem. Zwar überzeugt sie auch solche Gäste gerne eines Besseren, ein wenig irritiert ist sie dann aber doch: "Wir spielen nicht Hotel. Wir sind ein Hotel. Und wir schaffen das. Mit Menschen mit Behinderungen." Überwiegend sei Inklusion für die Hotelgäste aber keine positive Überraschung mehr, sondern ein klares Pro-Argument für einen Besuch - und ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Region.
Fordern und fördern mit Erfolg
"Die Prämisse ist bei uns immer: fördern und fordern", erklärt Hadem die Herangehensweise. Bei jeder Anfrage, beispielsweise für ein Praktikum, wird gemeinsam geschaut, wie und in welchem Bereich sich die Vorstellungen und Möglichkeiten des Einzelnen am besten vereinbaren lassen. Dann wird ausprobiert. Wenn es passt: umso besser. Die Strukturen erlauben es aber auch, vermeintliches Scheitern aufzufangen und gemeinsam Alternativen zu finden: "Es kann auch sein, dass das manchmal nicht funktioniert, aber das sehen wir nicht als Scheitern, sondern als Chance, gegebenenfalls ein anderes Arbeitsfeld zu erkunden und es dann da auszuprobieren", ergänzt sie. Besonders der konstante Austausch mit allen Beteiligten sei für sie unerlässlich: "Wir machen nicht alles, aber wir machen ganz viel richtig, weil wir immer in der Diskussion, im Austausch mit den Menschen mit Behinderungen sind. Wir hinterfragen uns selbstkritisch.", erzählt Hadem. Auch potenzielle Bewerber:innen werden gebeten, sich frei im Hotel zu bewegen und ihr Feedback zu geben. So könne man am besten herausfinden, was man noch nicht bedacht habe und wie das inklusive Arbeitsleben im Hotel Fünf10 noch verbessert werden könne.
Gemeinsam geht mehr
Dass man sich hier gut eingespielt hat, zeigt der Hotelalltag. Die Mitarbeitenden mit Behinderung arbeiten größtenteils selbstständig, haben aber für den Fall der Fälle immer Verstärkung im Rücken. Auch ihre neuen Kolleg:innen führen sie selbst in ihre Arbeitsfelder ein. Praktikanten wie Simon Wehrenbrecht werden so bei ihrem Einstieg von erfahrenen Mitarbeiter:innen durch einen Peer-Support begleitet und angelernt. Der 37-Jährige arbeitete vorher in einer AWO-Werkstatt in Siegen und absolviert aktuell ein Praktikum im Housekeeping. "Es gefällt mir sehr gut, weil es sehr viele nette Kollegen gibt", berichtet er. Und vielleicht auch, weil das Essen im Hotel etwas besser sei als in der Werkstatt, fügt er grinsend hinzu. Alles in allem also genug Gründe, um bleiben zu wollen: "Ich würde nach dem Praktikum gerne hier weiterarbeiten, weil es mir so viel Spaß macht", sagt er mit Blick auf die Zukunft.
Da sich dieser Enthusiasmus auch immer in seinem Engagement widerspiegelt, hat sich dieser Wunsch inzwischen erfüllt.
Seine Teampartnerin und Mentorin ist Nicole Knebel. Sie arbeitet bereits seit vier Jahren im Housekeeping und Restaurant des Hotels. Bei so viel Erfahrung gibt sie ihr Wissen gerne weiter und achtet dabei auf die Schwächen und Stärken ihrer neuen Teammitglieder: "Ich versuche, Leute zu verstehen und kennenlernen, was sie sich wünschen, ob sie im Service oder Housekeeping arbeiten möchten oder in der Küche. Vieles beizubringen oder nachzufragen - das ist mein Ziel", beschreibt sie ihr Vorgehen. Das macht den Arbeitstag - mit 48 zu putzenden Zimmern - natürlich nicht kleiner. "Es ist immer viel zu tun im Hotel Fünf10", so Knebel.
"Das gibt dem Haus Seele"
Gerade das Miteinander schätzt Betriebsleiterin Hadem an ihrer Belegschaft: "Wir funktionieren und arbeiten hier als Gemeinschaft, als Team und nur dann kommt das auch positiv für den Gast rüber. Das haben hier alle verstanden." Denn nur so könne ein Hotel funktionieren und überhaupt wirtschaftlich erfolgreich sein. Ein Erfolgsgeheimnis, das Jens Hunecke auch mit anderen Hoteliers teilt. "Anderen Hotels, die überlegen, inklusiv zu arbeiten, können wir das nur empfehlen. Das gibt dem Haus Seele. Das gibt einen Drive ins Team, den man sonst nur sehr, sehr schwer erreichen kann", erklärt der Geschäftsführer der AWO Siegen-Wittgenstein/Olpe.
"Wir werden künftig unser Restaurant auch für Gäste aus dem Umland öffnen und werden verstärkt auch in das Seminargeschäft einsteigen", so Hunecke. Der Ausbau bietet nicht nur wirtschaftlich neue Optionen, sondern schafft auch die Chance für mehr inklusive Arbeitsplätze. Insbesondere weil das Thema Inklusion nach Einschätzung von Hunecke aktuell wieder viel mehr in das öffentliche Bewusstsein gerückt werden müsse, gäbe es Handlungsbedarf: "Inklusion bedeutet für uns, dass die Gesellschaft niemanden ausschließt. Und wenn wir ehrlich mit uns sind, passiert das noch viel, viel zu wenig. Und deswegen haben wir als AWO es als unsere Pflicht empfunden, hier noch eine Schippe draufzulegen."
Im Hotel Fünf10 geht man beim Thema Inklusion natürlich gerne voran - möchte aber auch weitere Unternehmer:innen auf den Weg mitnehmen. Hadem begegnet in ihren Gesprächen noch oft Vorbehalten, gerade was den vermeintlich überwältigenden Aufwand inklusiver Arbeit betrifft. "Natürlich ist das Aufwand, na klar. Aber ich weiß ja, wofür ich es tue. Und viele wissen einfach nicht, dass wir zum Beispiel durch den Integrationsfachdienst super unterstützt werden," erzählt sie. Vielen fehle die Kenntnis von den mittlerweile sehr umfangreichen Beratungsangeboten - oder vielleicht auch das nötige bisschen Mut. Sie empfiehlt dementsprechend den Austausch mit Inklusionsbetrieben und den Sprung ins kalte Wasser. Der wäre nicht nur leichter als gedacht, sondern würde sich auch bestimmt auszahlen: "Inklusion ist kein Hexenwerk. Das heißt, man muss einfach den Mut haben für ein ,Ja' zu Inklusion."
Hintergrund Integrationsbetriebe
In Westfalen-Lippe gibt es zurzeit rund 170 Inklusionsunternehmen oder -abteilungen in Firmen aus Industrie, Handel und Gewerbe, in denen etwa 2.200 Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten. Die Betriebe, in denen Menschen mit und ohne Behinderung beschäftigt sind, sind rechtlich und wirtschaftlich selbstständig. Sie müssen sich wie jedes andere Unternehmen am freien Markt behaupten.
Der LWL unterstützt diese Firmen mit Mitteln aus der Ausgleichsausgabe, die Unternehmen leisten müssen, die nicht mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzen. Die Inklusionsunternehmen bekommen beispielsweise Zuschüsse zu Investitionen, betrieblichem Mehraufwand, Betreuung und Lohnkosten. An der Finanzierung beteiligen sich auch die Bundesagentur für Arbeit, das Land Nordrhein-Westfalen über das Programm "Integration unternehmen!" sowie die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW und die Aktion Mensch.
Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen wird präsentiert unter https://www.lwl-messe.de. Geschichten, Infos und Wissenswertes rund um das Thema »Arbeiten und Inklusion« bietet der Blog: https://www.inklusives-arbeitsleben.lwl.org, der auch bei Facebook unter https://www.facebook.com/inklusives.arbeitsleben vertreten ist. Ein Kurzfilm zum Thema Inklusionsunternehmen ist hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=8klZxW-77dg&feature=youtu.be
Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org
Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit 21.000 Beschäftigten für die 8,4 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
Das Presseforum des Landschaftsverbandes im Internet: https://www.lwl.org/pressemitteilungen