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Presse-Infos | Kultur

Mitteilung vom 23.05.19

Überraschender Fund in Paderborn
Mittelalterliche Mauern unter Schulhof

Paderborn (lwl). Im Innenhof des Gymnasiums Theodorianum in Paderborn haben Archäologen in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) im Zuge von Bauarbeiten Spuren mittelalterlicher Gebäude freigelegt. Diese Entdeckung kam für die Forscher unerwartet, da dort aufgrund der schriftlichen Überlieferung keine Bebauung vermutet wurde.

Direkt unter dem Bodenbelag stießen die Archäologen auf Mauerreste. Eine bis zu 80 Zentimeter dicke Mauer verläuft in Nord-Süd-Richtung unter den nördlichen Gebäudeflügel des Gymnasiums. Funde von Keramikscherben aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts datieren die Mauer in diese Zeit. Sie gehörte wahrscheinlich zur Begrenzung des Klosterareals, das sich einst auf dem Gelände befand.
"Das Kloster gehörte zu dem geistlichen Orden der Minoriten. Für die Klosterkirche ist überliefert, dass diese zwischen 1245 und 1260 errichtet wurde", erklärt Dr. Sveva Gai, Leiterin der LWL-Stadtarchäologie. "Die Datierung der Mauer würde also zur Bauzeit des Klosters passen."

Eine weitere Mauer bildet die Rückwand von zwei Räumen. In einem davon wurde ein schräger Lichtschacht eingelassen. Im zweiten Raum fanden die Archäologen Reste eines eingestürzten Gewölbes. "Das deutet darauf hin, dass sich hier im 13. Jahrhundert Keller befunden haben", erklärt Grabungsleiter Robert Süße.
Auf dem benachbarten Schulhof vor der heutigen Theologischen Fakultät fanden die Archäologen bereits 2016 die Fundamente des ehemaligen Minoritenklosters. Die damals gefundenen Mauerreste stimmten mit einem Gebäudeplan aus dem Jahr 1592 überein. Doch dort, wo die Archäologen nun graben, zeigt der Plan ein unbebautes Gartenareal. "Daher hatten wir nicht damit gerechnet, hier auf Gebäudereste zu stoßen", erklärt Gai. Dass die Gebäude aus dem Spätmittelalter auf dem Plan nicht verzeichnet sind, bedeutet also, dass sie irgendwann vor 1592 abgerissen wurden.

Neben den Mauern fanden die Archäologen auf dem jetzt ausgegrabenen Areal auch mehrere Schachtanlagen. Ein knapp 13 Meter tiefer Brunnenschacht ist in dem alten Klosterplan bereits verzeichnet. Ein Sickersystem aus zwei Schächten und einem Steinkanal kann noch nicht eindeutig datiert werden. Wahrscheinlich nutzten es die Mönche zum Abführen von Abwässern.
Bei zwei weiteren im Innenhof gefundenen Schächten handelt es sich wohl um Latrinen, die im Laufe des 17. Jahrhunderts als Abwasserschächte umfunktioniert und weiter benutzt wurden. Einer der Schächte besaß eine Abdeckung aus modernen Steinlagen und einem Ziegelgewölbe mit einer Wartungsluke. "Offenbar wurde der Abwasserschacht auch noch in modernen Zeiten genutzt", schlussfolgert Süße.

An der Südwand des Innenhofs finden sich Spuren von mehreren kreisförmigen Gruben. Dunkle Bodenverfärbungen zeigen, dass darin einst Pfosten aufgestellt waren. Süße: "Eventuell handelt es sich dabei um die Überreste eines alten Baugerüstes."

Die archäologischen Maßnahmen gehen der Neugestaltung des Innenhofs des Theodorianums voraus. "Die Zusammenarbeit mit der ausführenden Baufirma läuft reibungslos", freut sich Süße. "Sie unterstützt uns immer wieder mit Baggerarbeiten, wenn wir große Schuttmengen entfernen müssen, bevor wir die archäologisch wertvollen Schichten an-gehen können." Angesichts der unerwarteten Funde hat die Stadt Paderborn den Zeit-rahmen für die Ausgrabung verlängert. "Die Grabung zeigt, dass nur Eingriffe in den Bo-den sichere und objektive Ergebnisse liefern, welche die existierenden Schriftquellen sehr gut ergänzen, aber niemals ersetzen können", führt Gai an. "Wir freuen uns, dass die Stadt das berücksichtigt. So können wir wichtige Erkenntnisse zur Geschichte Paderborns gewinnen." Spätestens bis Ende Juni sollen die archäologischen Arbeiten beendet sein.

Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Jens Schubert, LWL-Archäologie für Westfalen, Tel.: 0251 591-3504
presse@lwl.org



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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 18.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.



Foto zur Mitteilung
Im Innenhof des Theodorianums diskutiert (v.l.n.r.) Stadtarchäologin Sveva Gai (LWL-Archäologie für Westfalen) zusammen mit den beiden Grabungsleitern Robert Gündchen und Robert Süße (beide EggensteinExca) einen nachträglich in die mittelalterliche Mauer eingelassenen Lichtschacht.
Foto: LWL/J. Schubert

Foto zur Mitteilung
Die gesamte Fläche des Innenhofs wird archäologisch untersucht. In der Mitte ist gut die Nord-Süd-Mauer zu erkennen, die das Kloster begrenzte und an der sich westlich die städtische Bebauung anschloss.
Foto: EggensteinExca/R. Gündchen

Foto zur Mitteilung
Sorgfältig werden auch die neuzeitlichen und modernen Strukturen von den Archäolo-gen dokumentiert.
Foto: Eggen-steinExca/R. Gündchen

Foto zur Mitteilung
Mit Hilfe der zuständigen Baufirma wird die alte Bebauung des Innenhofs abgetragen, um die darunter verborgenen Schichten freizulegen.
Foto: EggensteinExca/R. Gündchen


Die gezeigten Fotos stehen im Presseforum des Landschaftsverbandes zum Download bereit.



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