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Mitteilung vom 01.10.15

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Endlich Gewissheit: Kanadier besucht Hagen auf den Spuren seines Bruders

Rätsel um Bomber PD 268 ist gelöst und damit nach 70 Jahren auch das Schicksal seiner Besatzung

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Hagen. (lwl) "Missing. Nothing heard after - Vermisst. Danach nichts mehr gehört": So lautete der letzte Hinweis auf seinen Bruder. Mit dieser Ungewissheit musste Ernest Mahr leben. Bis Heimatforscher Horst Klötzer den Hinweisen des Historischen Centrums der Stadt Hagen und des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) nachging und die Reste eines bislang unbekannten britischen Bombers im Hagener Nimmertal entdeckte. Seitdem steht fest: Rudolf W. Mahr ist vor 70 Jahren in einem der letzten Luftkämpfe des Zweiten Weltkriegs zusammen mit sieben weiteren Besatzungsmitgliedern des Lancaster-Bombers abgeschossen worden und umgekommen. Sein Bruder besucht sieben Jahrzehnte später den Ort der dramatischen Ereignisse - auch um endlich richtig Abschied nehmen zu können.

Seit Jahren arbeiten die Fachleute der LWL-Archäologie für Westfalen, die Stadt Hagen mit ihrem Historischen Centrum und Heimatforscher Horst Klötzer zusammen, um unter anderen die Absturzstellen von Kriegsflugzeugen und damit die Spuren der Kämpfe während des Zweiten Weltkrieges zu dokumentieren.

Die Hinweise führten Horst Klötzer bereits 2013 mit der Metallsonde zu weit verstreuten Überresten eines Bomberabsturzes, der bislang noch unbekannt war. "Unter den Funden waren winzige Metallteile, die oft kleiner als zwei Zentimeter waren, britische Münzen und zuletzt auch massive Flugzeugteile mit Aufschriften sowie Reste der Fahrwerksverriegelung", schildert Klötzer. Die Funde fügte er binnen zwei Jahren mit Unterstützung der LWL-Archäologie für Westfalen und der Stadt Hagen, aber auch mit weiteren Helfern zu einem riesigen Puzzle zusammen. Nach der Befragung von Anwohnern und Zeitzeugen folgten umfangreiche Recherchen in Kriegsunterlagen und Aufzeichnungen.
. "In der Nacht vom 7. auf den 8. März 1945 sollten 526 britische Lancaster- und fünf Mosquito-Bomber einen Angriff auf die ostdeutsche Stadt Dessau durchführen. Sie starteten am Nachmittag in Ludford Magna in Lincolnshire in Ost-England", schildert Dr. Ralf Blank vom Fachdienst Wissenschaft, Museen & Archive der Stadt Hagen. "Damals war das Ruhrgebiet noch stark gesichert und die Flugzeuge vermieden den direkten Kurs, flogen südlich über das Bergische Land und über das Sauerland." So auch die Maschine PD 268 SR-O des 101. Squadron. An Bord waren acht Besatzungsmitglieder. Der Jüngste war mit gerade einmal 19 Jahren Rudolf Mahr. Der junge Kanadier beherrschte als Sohn einer Einwanderin aus Deutschland die deutsche Sprache und sollte mit speziellen Sendern den Funkverkehr der feindlichen Nachtjäger stören. Die deutschen Gegner hatten die britischen Angreifer dennoch im Visier: fünf Maschinen wurden abgeschossen.

Vom Verbleib der Maschine PD 268 SR-O wussten auch die britischen Behörden bis heute nichts. Sie blieb verschollen. Bis die Forscher aktiv wurden. Nicht nur die Besatzungsmitglieder konnten im Rahmen der Recherchen ermittelt werden - auch die noch lebenden Hinterbliebenen. Klötzer nahm schließlich Kontakt zu ihnen auf. Für Ernest Mahr, den Bruder des jüngsten Besatzungsmitglieds Rudolf W. Mahr, stand nach diesen überraschenden Informationen fest: Er will mit eigenen Augen den Ort des Absturzes sehen - den Ort, an dem sein Bruder sein Leben verlor. Denn die sterblichen Überreste haben die Anwohner offenbar nach einiger Zeit auf dem Friedhof in Hagen-Dahl bestattet - ohne offizielle Registrierung.

Ernest Mahr besucht Hagen nun gemeinsam mit seiner Ehefrau Pat. Er tritt trotz seiner 86 Jahre die weite Reise von Kanada aus an und besucht unterwegs in Frankreich weitere Angehörige der verstorbenen Besatzungsmitglieder. Hagens Oberbürgermeister Erik O. Schulz tauschte sich bei einem Besuch des Wasserschlosses Werdringen mit ihm über die Geschehnisse vor 70 Jahren aus. Bei einem Besuch der Absturzstelle ging esauch um die historischen Hintergründe der Ereignisse im Jahr 1945: Der Bomber war damals, beladen mit einer 1,8 Tonnen schweren Minenbombe und Abwurfbehältern mit Stabbrandbomben, im Nimmertal zwischen Hohenlimburg und Dahl abgestürzt und explodiert. "Dass derart lange Zeit nach den Ereignissen noch solche Entdeckungen gemacht werden, die vor allem für die Angehörigen endlich Gewissheit bedeuten, ist für alle Beteiligten etwas Besonderes", betont LWL-Archäologe Dr. Michael Baales.

Eine ausführliche Dokumentation wird Ende des Jahres in der Publikation "Archäologie in Westfalen-Lippe 2014" der LWL-Archäologie für Westfalen erscheinen.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Katja Burgemeister, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-8921.
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