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Mitteilung vom 21.03.05

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Kreuztracht: LWL-Volkskundler zeichnen Entwicklung von Bußprozessionen nach

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Westfalen (lwl). Wer bei der Karfreitagsprozession das Kreuz trug, galt noch in den 1930er-Jahren als Sünder, Mörder, Ehebrecher oder Brandstifter, der seine Schuld gestanden hatte und auf diese Weise Buße tun wollte. Bei den heutigen "Kreuztrachten" steht die demonstrative Buße nicht mehr im Vordergrund. "Dennoch tragen die Kreuzträger nicht nur das bis zu 50 Kilogramm schwere Kreuz rund zwei Stunden durch die Gemeinde, sie tragen auch ihre Last in Form von persönlichen Anliegen, Sorgen und Problemen gleichsam nach Golgatha", nennt Lutz Volmer, Volkskundler beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) Beweggründe, auf die die Volkskundliche Kommission für Westfalen bei ihren jüngsten Untersuchungen des knapp 400 Jahre alten Brauches gestoßen ist.

Noch heute erinnern acht westfälische Kirchengemeinden mit szenischen Karfreitagsprozessionen an den Tod Jesu und bereiten sich so auf Ostern vor, das wichtigste Fest der christlichen Kirchen: In Bad Driburg-Prömbsen, Brakel-Gehrden (beide Kreis Höxter), Delbrück (Kreis Paderborn), in Menden (Märkischer Kreis), Sundern-Stockum (Hochsauerlandkreis), Rheda-Wiedenbrück (Kreis Gütersloh), Coesfeld und Hörstel-Bevergern (Kreis Steinfurt) kann man sich noch einen Eindruck davon verschaffen, welches Bild die Prozessionen früher geboten haben.

"Der Christusdarsteller bleibt auch heute noch meist anonym, indem er sein Gesicht mit einer Maske verdeckt. Er trägt ein weißes Ärmelkleid in der Art einer römischen Toga und einen roten Überwurf. Wie in der Bibel beschrieben, unterstützt ihn ein als Simon von Kyrene verkleideter Darsteller dabei, das schwere Kreuz zu tragen", so Volmer. Die Kreuztracht sei neben dem religiösen Aspekt auch ein Treffpunkt für Bekannte, Freunde und Nachbarn.

Die Ursprünge der westfälischen Karfreitags-Kreuztracht liegen in den gegenreformatorischen Strömungen des frühen 17. Jahrhunderts. Zunächst führten die Jesuiten diese Form der Prozession in den Bischofsstädten Münster und Paderborn ein. In Paderborn geschah dies nach dem Vorbild einer so genannten Siebenkirchenprozession, wie sie in Rom üblich war. Dabei machte die Prozession, die an der Jesuitenkirchen begann, an sieben Kirchen in der Stadt Station. "In Münster fand die Kreuztracht erstmals 1616 statt. Hier waren die Darsteller vielfach Schüler des Jesuitenkollegs, der anonym bleibende Christus wurde angeblich häufig von hohen Geistlichen oder Adeligen dargestellt", sagt Volmer mit Bezug auf historischen Überlieferungen.

An diesen Kreuztrachten im 17. Jahrhundert wirkten viele Akteure mit, die zahlreiche Szenen der Leidensgeschichte Jesu darstellten. So gab es neben dem kreuztragenden Jesus auch den Christus, der am Vorabend am Ölberg betet, den gefangenen Christus inmitten von Soldaten, den gegeißelten Heiland, die Verspottung Jesu, die Hohenpriester und eine Pilatusdarstellung.

In den folgenden hundert Jahren führten die Jesuiten ähnliche Prozessionen in Delbrück und Coesfeld ein, 1663 brachten die Franziskaner die Karfreitagsprozession mit dem kreuztragenden Christus nach Wiedenbrück (Kreis Gütersloh), später folgten viele weitere Gemeinden. Im späten 18. Jahrhundert gab es in mindestens 22 Gemeinden Karfreitagsprozessionen, die vermutlich alle mit einer Kreuztracht verbunden waren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die meisten Kreuztrachten wieder aufgegeben.

Ihre jüngsten Forschungsergebnisse haben die LWL-Volkskundler im Band 2004 des Jahrbuchs für Volkskunde veröffentlicht: Jahrbuch für Volkskunde, herausgegeben von Wolfgang Brückner, Würzburg/Innsbruck/Fribourg 2004, 240 Seiten, EUR 19,90, ISBN: 3-429-02640-7.



Pressekontakt:
Markus Fischer, Tel. 0251 591-235
presse@lwl.org




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