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Mitteilung vom 20.12.04

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Wann kam der Weihnachtsbaum nach Westfalen?

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Westfalen (lwl). Er gehört heute so selbstverständlich zu Weihnachten wie die geschmückten Innenstädte, die Krippen in den Kirchen, das Läuten der Glocken und der Festtagsbraten: der Weihnachtsbaum. Doch die Sitte, zum Weihnachtsfest einen Christbaum aufzustellen, ist in Westfalen noch gar nicht so alt. Während der Weihnachtsbaum um 1900 in Minden-Ravensberg und im Märkischen Sauerland schon weit verbreitet war, stand er in den katholischen Gegenden Westfalens nur in den Häusern des Adels und der bürgerlichen Oberschicht. So überrascht es nicht, dass das älteste Bild eines westfälischen Weihnachtsbaumes aus einem adeligen Haus stammt: Vermutlich hat Annette von Droste-Hülshoff die Weihnachtsszene gezeichnet, die um 1838 entstanden ist.

"Um die Wende zum 20. Jahrhundert war der Weihnachtsbaum zumindest in Westfalen noch längst nicht in jeder Familie anzutreffen. So galten denn auch die ersten geschmückten Weihnachtsbäume in den Dörfern regelrecht als Attraktion: Aus Horn bei Bad Meinberg im Kreis Lippe wird beispielsweise berichtet, dass es dort um 1880 nur in etwa fünf bis sechs Häusern einen Weihnachtsbaum gab. In diese Häuser gingen die Kinder der Nachbarschaft, um sich den Baum anzuschauen", so Christine Cantauw, Volkskundlerin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Aus Epe im Kreis Borken erzählt ein Lehrer aus der Frühzeit des Christbaumbrauches: "Der Eigentümer des benachbarten Wirtshauses aber hatte die Sitte des Weihnachtsbaumes aus dem Bergischen mitgenommen - die ganze Jugend der benachbarten Höfe und Kotten ging nach Büscher: Hier im Gastzimmer war immer ein großer Tannenbaum mit viel Schmuck und Leckereien. Die Kinder umstanden den Lichterbaum und sangen die alten Weihnachtslieder, während die Eltern an Tischen Platz genommen hatten und sich am Kartenspiel vergnügten. War die Zeit vorgerückt, so kam der Wirt mit einer Schürze voll Nüsse und Plätzchen und Äpfeln."

Aus dem 16. Jahrhundert gibt es Belege für weihnachtliche Geschenkbäume, die die Zünfte in ihren Gesellschaftsstuben aufstellten. Die Kinder der Zunftmeister durften die daran hängenden Äpfel, Nüsse, Datteln und Brezeln abschütteln und essen. In der Mitte des 17. Jahrhunderts taucht dann im Elsaß erstmals der geschmückte Gabenbaum als Mittelpunkt einer familiären Weihnachtsfeier auf. Danach verbreitete sich der Weihnachtsbaum schnell an den Königs- und Adelshöfen Kontinentaleuropas. Nach und nach übernahmen auch die städtisch-bürgerlichen Schichten den neuen Brauch.

Die katholischen Familien, vor allem wenn sie auf dem Land wohnten, konnten sich jedoch lange Zeit nicht dazu durchringen, zu Weihnachten einen Baum in ihrer Wohnstube aufzustellen. "Mancher Münsterländer lernte den Weihnachtsbaum erst im Ersten Weltkrieg kennen, als man mithilfe von Lichterbäumen in den Schützengräben ein wenig weihnachtlichen Flair für die Soldaten schaffen wollte. Viele von ihnen haben den Brauch dann mit ins Münsterland genommen", so Cantauw. So verbreitete sich der Christbaum auch hier: "Der Weihnachtsbaum fehlt heute in keiner Familie. Selbst die ärmste Hütte hat wenigstens ein paar Tannenzweige", stellte 1956 ein Archivmitarbeiter der Volkskundlichen Kommission des LWL fest.

Der Christbaumschmuck wurde um 1900 vielfach aus Papier selbst gebastelt. Die wohlhabenderen Familien verfügten aber bereits über einen Fundus an fabrikmäßig hergestelltem Baumschmuck. Für die Kinder war aber der lange Zeit übliche essbare Christbaumschmuck weitaus wichtiger: "Äpfel, Nüsse, Backwaren und Zuckerkringel durften nämlich am Dreikönigstag geplündert werden, wenn auch manch eine Leckerei - vor allem wenn sie an einer weniger exponierten Stelle hing - schon vor dem 6. Januar heimlich stibbizt worden war", erklärt Cantauw.

Im ursprünglich von Laubbäumen dominierten Westfalen dienten nicht immer ein Tannenbaum oder eine Fichte als Weihnachtsbaum: Aus Mangel an Nadelbäumen holte man sich größere Ilex-,
Mistel- oder Buchsbaumzweige ins Haus.
In der Gegend von Marsberg (Hochsauerlandkreis) und im Märkischen waren im 19. Jahrhundert die Weihnachtspyramide oder der Reifenbaum als Überganglösung üblich. Ein Reifenbaum in Lüdenscheid bestand zum Beispiel aus einer Holzscheibe, auf der in Messingplatten drei Holzstäbe angebracht waren, die an den Spitzen verbunden waren. Um diese Stäbe lagen drei Reifen, die mit Buchsbaum, aber auch mit Tannengrün umbunden waren. Auf den Reifen waren die Weihnachtskerzen angebracht, und an ihnen hingen all die Dinge, die zu der Zeit ein Kinderherz erfreuten: bunte Kugeln, Sterne, Äpfel, Nüsse und Gebäck. Auf der Spitze der Pyramide thronte ein kleiner Hahn, der dem Kirchturmhahn nachempfunden war.



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