LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 05.06.13

Presse-Infos | Kultur

Anhörung zur Denkmalpflege im NRW-Landtag

Beispiele aus Westfalen-Lippe

Bewertung:

Düsseldorf/Westfalen-Lippe (lwl). Am Donnerstag (6.6.) findet im Düsseldorfer Landtag eine gemeinsame öffentliche Anhörung des Ausschusses für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr mit dem Ausschuss für Kultur und Medien zum Thema "Gesetz zur Änderung des Gesetzes zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler im Lande Nordrhein-Westfalen" statt. Auch Fachleute des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) werden dort Stellungnahmen abgeben. Hier einige Beispiele aus der Denkmalpflege in Westfalen-Lippe, wie Projekte über die Fördermittel realisiert oder angestoßen wurden. Es gab aber auch Abbrüche von Denkmälern aufgrund von fehlenden finanziellen Mitteln.

Höxter:
Wichtige Anschubfinanzierung durch Fördermittel
Denkmalgeschützes Wohnhaus setzt Zeichen

Beispiel: Wohnhaus Papenstraße 15 in Höxter

Noch im Frühjahr 2011 war das Haus Papenstraße 15 ein recht unscheinbares innerstädti-sches Gebäude, denn die Fassaden waren rundum hinter einer Verkleidung aus Faserzementplatten verborgen. Doch durch die Dachdeckung aus dem regional verbreiteten Sollingsandstein, durch die Lage innerhalb der Stadtbefestigung von Höxter auf der Parzelle des ehemaligen Adelshofs der Familie von Amelunxen sowie durch die Eintragung in die Denkmalliste war klar, dass es ein in besonderem Maße erhaltenswertes Gebäude sein müsse.

Zwei junge Garten- und Landschaftsarchitekten aus Höxter kauften es in der Absicht, das historische Gesicht des Hauses erkennbar zu machen und im denkmalpflegerische Sinne die architektonischen und städtebaulichen Qualitäten herauszuarbeiten. Trotz ihrer Ansprüche mussten die Bauherren die Baukosten im Blick halten. Als ein wichtiges Merkmal sollte das regionaltypische Sandsteindach wiederhergestellt werden. Die 70.000 Euro teure Dachdeckung war für die beiden Architekten nur finanzierbar, wenn ein namhafter Teil der Mehrkosten durch eine öffentliche Förderung ausgeglichen werden würde. Die Maßnahme konnte in das Denkmalförderprogramm 2012 aufgenommen werden und die Bezirksregierung bewilligte im Juni 2012 die Summe von 30.000 Euro. Derzeit werden die letzten Baumaßnahmen an dem Haus abgeschlossen. "Durch die wichtige Anschubfinanzierung konnte hier eine vorbildliche Sanierung durchgeführt werden. Diese ist ein wichtiger Impuls für die weitere Stadtkernentwicklung", erklärt der LWL-Chefdenkmalpfleger Dr. Markus Harzenetter.

Die Weserregion ist seit Jahrhunderten geprägt durch die dort verbreitete Deckung mit Platten aus dem im Solling östlich der Weser anstehenden Buntsandstein. Die Sandsteindeckung war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht nur Kirchen, Burgen und Schlössern vorbehalten, sondern auch Alltagsgut für einfache Wohnhäuser, Ställe, Scheunen und Schuppen. Wenn die Region dieses charakteristische Gepräge behalten soll, ist sie in höchstem Maße auf öffentliche Förderung angewiesen, so der LWL-Denkmalpfleger.

"Seit den 1960er Jahren werden die Platten nicht mehr abgebaut, Reparaturen von Dächern können also nur durch Umdeckung und Wiederverwendung aus Altmaterial vorgenommen werden", so Dr. Christoph Heuter von der LWL-Denkmalpflege. "Eine Deckung aus Sandstein ist mit 150 Kilogramm pro Quadratmeter etwa doppelt so schwer wie ein Tonpfannendach und auch etwa doppelt so teuer. Nicht nur das notwendigerweise stärker ausgelegte Dachwerk ist dafür verantwortlich, sondern auch die hoch qualifizierte und zeitintensive handwerkliche Arbeit, die längst nicht von jedem Dachdeckerbetrieb ausgeführt werden kann. Zudem haben sich diese wenigen Betriebe so weit spezialisiert, dass sie Altmaterial etwa bei Abbrüchen systematisch aufkaufen und lagern. Stehen keine Fördermittel mehr zur Verfügung, müssten geschulte Mitarbeiter für andere Aufgaben eingesetzt oder entlassen werden. Handwerkliches Wissen könnte verloren gehen."

Dies zeigt der Blick ins benachbarte Niedersachsen, wo das Abbaugebiet und damit das neben Höxter eigentliche Kerngebiet der Verbreitung der Sandsteindeckung gelegen ist: Mitte der 2000er Jahre hat das Land Dachneueindeckungen unterschiedslos gefördert. Der Förderanteil war gleich hoch, egal, ob das neue Dach aus Sandstein oder aus Tonpfannen besteht. Viele Hauseigentümer sind dem Anreiz gefolgt und haben nach der finanziell günstigeren Variante ihr Dach neu gedeckt. Die Dächer wurden mit den preiswerteren Pfannen anstatt mit Sandsteinplatten gedeckt. Diese Maßnahmen führten zu einer Vermischung des historischen und geografischen Bildes.

Soest:
Fördermittel schaffen Arbeit
Die Dombauhütte der evangelischen Pfarrkirche "St. Maria zur Wiese" beschäftigt hoch qualifizierte Experten

Identifikationsort Wiesenkirche

Das Baudenkmal Wiesenkirche ist einer der bedeutenden mittelalterlichen Kirchenbauten Europas, in dem sich das traditionelle Schema der westfälischen Halle mit der Konstruktionsweise und den Maßverhältnissen der hohen Gotik verbindet. Die technischen Möglichkeiten des gotischen Gliederbaus erreichen hier höchste Vollendung. Die zentrierte Chorlösung und die bereits ursprünglich angelegte Doppeltürmigkeit heben die Kirche von anderen Pfarrkirchen dieser Bauzeit ab. Mit Unterstützung der preußischen Könige konnten, wie am Kölner Dom, die neugotischen Westtürme vollendet werden. Dem im 19. Jahrhundert erwachten deutschen Nationalbewusstsein wurde ein hoch aufragendes Denkmal gesetzt. Heute ist die Silhouette prägend für das Stadt- und Landschaftsbild.

Regionaler Impulsgeber
1987 initiierte das Land Nordrhein-Westfalen nach dem Vorbild der Kölner Dombauhütte, eine eigene Bauhütte, um die vom Steinzerfall schwer geschädigten Turmschäfte der Westfassade in kontinuierlich fortgeführten Jahresabschnitten zu restaurieren. Damit wurde eine bedeutende Institution, die weit über Nordrhein-Westfalen hinaus wirkt, mit dem notwendigen Spezialwissen und der entsprechenden fachlichen Vernetzung geschaffen, die den wesentlichen handwerklichen Beitrag zur Restaurierung der Wiesenkirche leistet und als regionales Zentrum für Theorie, Praxis, Forschung und Entwicklung von Denkmaltechnologien wirkt. Dank der Förderung des Bundes, des Landes, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Stadt Soest sowie der Kirchengemeinden und dem Dombauverein St. Maria zur Wiese e.V. konnten hoch qualifizierte Mitarbeiter für die Bauhütte gewonnen werden.

In den vergangenen 25 Jahren sind schätzungsweise mehr als 18 Millionen Euro in denkmalpflegerische Maßnahmen investiert worden, zirka die Hälfte dieser Mittel stellte das Land bereit. Dr. Holger Mertens von der LWL-Denkmalpflege: "Die Durchführung der weiteren dringenden Maßnahmen ist aufgrund der Finanzierung noch offen."

Dringende Maßnahmen zur Erhaltung
Für den Herbst diesen Jahres ist die Fertigstellung der Restaurierung des Südturms vorgesehen, pünktlich zum 700. Gedenktag an die Grundsteinlegung der Kirche. Ziel ist es, die Gesamtmaßnahme mit dem bereits begonnenen Nordturm 2023 abzuschließen, um den fortgeschrittenen Steinzerfall und die daraus resultierende Gefährdung für das herausragende Baudenkmal und die Verkehrssicherheit zu beheben. Die Umrüstung der Türme ist für das kommende Jahr geplant. Die statisch bedeutenden Strebepfeiler und die Schmuckelemente wie Kreuzblumen, Krabben in der Wimpergzone werden durch die Bauhütte gefertigt. Weitere dringende Maßnahmen betreffen die Glasfenster, die im Chorbereich bis auf das 14. Jahrhundert zurückgehen. Zu den Fenstern und deren jeweiligem Schadensbild bzw. der Dringlichkeit von Maßnahmen ist ein nach Prioritäten abgestuftes Restaurierungskonzept erstellt worden, das es nun umzusetzen gilt.

Hintergrund Bauhütte
Die Bauhütte befindet sich in der Trägerschaft des gemeinnützigen Westfälischen Dombauvereins und arbeitet im Auftrag der evangelischen Kirchengemeinde. Sie arbeitet eng zusammen mit der europäischen Vereinigung der Dombaumeister, Münsterbaumeister und Hüttenmeister e.V. sowie den zuständigen Denkmalbehörden, wie der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. 1997 ist der Bauhütte die international vernetzte Meisterschule für Steinmetze und Steinbildhauer angegliedert worden.

Hintergrund Baugeschichte
Der Bau von St. Maria zur Wiese in Soest begann im Jahr 1313 mit der Chorpartie. 1376 wurde der südliche Nebenchor geweiht, 1421 dann der Grundstein zu den Türmen gelegt. Das trotz der langen Bauzeit bemerkenswert einheitliche Hallenlanghaus mit den Chören war zu diesem Zeitpunkt wohl weitgehend vollendet. Die Doppelturmfassade aber hatte bis 1529 nur die Höhe des Kranzgesimses des Langhauses erreicht, als die Baustelle zum Erliegen kam. 1846 wurde der Grundstein für den Weiterbau der Westtürme gelegt, die 1874 bzw. 1875 vollendet wurden.

Witten:
Fördermittel helfen im ländlichen Raum
Fördermittel für die Erhaltung eines denkmalgeschützten Speichers in Witten beantragt


Der Fachwerkspeicher in der Kämpenstraße 35 in Witten-Herbede liegt in einer Landschaft, die charakterisiert ist durch gestreute Siedlungen. Er gehört zu einer der ältesten und größten Hofanlagen in dem Gebiet. Seit 1610 sind die Besitzer der Hofstelle lückenlos bekannt. Neben dem Speicher ist das mächtige Haupthaus, dessen Innenausstattung (Diele, Kamin, Bodenbeläge, Türen) aus der Zeit um 1800 erhalten ist, denkmalgeschützt.

203 Jahre alte Geschichte
Laut Inschrift, in der Schwelle des linken Giebeldreiecks, ist der geschossig abgezimmerte Fachwerkbau von neun Gebinden unter dem Steilgiebeldach, "den 23. Juni" 1810 aufgerichtet worden. Das mit Lehm-Flechtwerk gefüllte Fachwerkgerüst repräsentiert die Spätphase des vorindustriellen Fachwerkbaus in der Region. Die Konstruktion ist gekennzeichnet durch die aufgelegten Dachbalken und durch die dreifachen Verriegelungen der Gefache bei jeweils doppelter Nagelung der Holzverbindungen sowie der Aussteifung durch Kopfbänder.

Denkmal heute
Heute nutzt der Eigentümer das Haupthaus für eigene Wohnzwecke. Das vorhandene Nebengebäude, den ehemalige Schafstall, hat er vermietet. Das kleine zweigeschossige Speichergebäude befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft südöstlich des Haupthauses und wird derzeit als Abstell- und Lagerfläche für Brennholz genutzt. Der Zustand der Bausubstanz ist sehr schlecht und das Obergeschoss nicht mehr begehbar. Baufehler vergangener Generationen tragen neben fehlenden Instandhaltungsmaßnahmen zum derzeitigen Erhaltungszustand bei. Die Dacheindeckung musste bereits abgenommen und provisorisch durch eine Folie ersetzt werden. Eine wirtschaftlich tragfähige Nutzung dieses kleinen Gebäudes ist nicht möglich. Für Abstellzwecke allein wird der Eigentümer die hohen Aufwendungen für eine denkmalgerechte Instandsetzung bzw. Erneuerung des Fachwerkgerüstes und der Ausfachungen sowie der Dacheindeckung nicht tätigen. Dasselbe gilt für einen Ausbau z.B. zu Wohnzwecken. Aus diesem Grund droht das Gebäude weiter zu verfallen.

Bewahrung der regionaltypischen Kulturlandschaft
Der kleine Fachwerkspeicher ist ein gutes Beispiel für die veränderten Verhältnisse im Bereich der Landwirtschaft, in deren Folge vor allem Wirtschaftsgebäude ihre ursprüngliche Nutzung verlieren und eine Umnutzung nicht oder nur schwer möglich ist. Fördermittel helfen, Kleinbauten wie Speichergebäude ehemaliger landwirtschaftlicher Hofanlagen zu erhalten, da eine Instandsetzung dem Eigentümer mangels tragfähiger Nutzung allein nicht zuzumuten ist. Die Hofanlagen sind jedoch ein wichtiger Baustein der gewachsenen regionalen Kulturlandschaft, die es zu bewahren gilt, so die Auffassung der LWL-Denkmalpfleger .

Hintergrund: Konstruktion
Die bescheidenen Dimensionen des quer aufgeschlossenen, dreizonig gegliederten Grundrisses sind typisch für einfache Nebengebäude. Das Gebäude weist jedoch mit dem einseitig durch hakenförmige Kopfbänder unterstützten Überstand der Dachbalken eine in der Region selten gewordene und damit aus wissenschaftlichen Gründen besonders erhaltenswerte Eigenheit auf: Der weite traufseitige Dachüberstand schützt eine Außentreppe, mit der die obere Nutzungsebene separat erschlossen wird.

Steinfurt - Borghorst:
Fördermittel initiieren bürgerschaftliches Engagement
Ältestes Fachwerkgebäude des Ortes lädt zum Besuch ein

Ein geschichtliches Juwel

Das kleine giebelständige Fachwerkgebäude im Buckshook 4 ist nach heutigem Wissensstand das älteste, erhaltene Profangebäude in Borghorst außerhalb der Stiftsfreiheit. Es wurde im Jahre 1657 auf einer Baufläche (einer "Wort") aus dem Besitz des Stiftes Borghorst errichtet. Im Laufe der Jahre wurde es in einem nur erstaunlich wenig durch Umbauten und Reparaturen verändert: Noch bis zum späten 19. Jahrhundert blieb die bauzeitliche Raumstruktur trotz verschiedener Nutzer weitestgehend erhalten. Im Oktober 2004 erwarb der örtliche Heimatverein das Objekt, um es in seiner geschichtlichen Aussage, ohne Rückführungen, in Zusammenarbeit mit den Denkmalpflegern zu erhalten. Das Gebäude sollte als Ergänzung zur musealen Nutzung des Heimathauses und für die Jugendarbeit sowie für die Pflege der plattdeutschen Sprache genutzt werden.

Fördermittel setzen Kräfte frei
Rund zweieinhalb Jahre hat die behutsame Instandsetzung des 353 Jahre alten Gebäudes gedauert. Die Denkmalämter haben das Vorhaben fachlich unterstützt und halfen bei der Koordination des Projektes. Durch die bewilligten Beihilfen konnten geeignete Handwerker mit der Dach- und Fachsanierung beauftragt werden. Der Zimmereibetrieb sorgte nicht nur bei den Holzarbeiten für die handwerklich und denkmalpflegerisch geforderte Ausführung. Unterstützt wurden die Fachkräfte von vielen freiwilligen Helfern. Die Senioren des Heimatvereins Borghorst aktivierten "Ein-Euro-Hilfskräfte" der Stadt, Helfer vom Denkmalpflegewerkhof des Kreises Steinfurt und Freunde aus Borghorst und Umgebung für ihr gemeinsames Ziel. Die Bilanz: 12.000 Stunden Eigenarbeit. Hinzu kamen Materialspenden: Das Marienhospital spendete die Eichenbretter für den Giebel. Die Kombination dieses ehrenamtlichen Engagement im Zusammenwirken mit den gewonnen Fördermitteln machte eine über 100.000 Euro teure Sanierung möglich.

"Gefördert wurde diese beispielhafte Maßnahme durch die NRW - Stiftung Natur, Heimat, Kultur mit 40.000 Euro, durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit 20.000 Euro, durch das Land mit 9.000 Euro und durch den LWL mit 800 Euro. Dieses Projekt ist ein Beispiel für eine gelungene Mischfinanzierung. Ohne Unterstützung durch öffentliche und private Geldgeber wäre das Projekt nicht möglich gewesen", erklärt der Leiter der LWL-Denkmalpflege, Landschaft- und Baukultur, Dr. Markus Harzenetter.

Landesweite Anerkennung
Das Projekt fand landesweite Anerkennung durch den damaligen Ministerpräsidenten Dr. Jürgen Rüttgers, den Vorsitzenden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz Dr. Gottfried Kiesow sowie den Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks Otto Kentzler. Sie ehrten die Borghorster bei der Verleihung des "Bundespreises für Handwerk und Denkmalpflege in NRW": Am 11. November 2009 erhielt der Heimatverein den 2. Preis für sein bürgerschaftliches Engagement und das soziale Ergebnis seiner Arbeit. Denn der Verein konnte das Gebäude vor dem Verfall bewahren und es wieder zu einem beliebten Ort im Leben der Gemeinde machen.

Kreis Soest
Fördermittel zeigen Wege auf
Voruntersuchungen für das Haus Nehlen in Welver-Berwicke helfen bei der Entwicklung des Denkmals

Ein Haus im Dornröschenschlaf

Bei dem Baudenkmal Haus Nehlen handelt es sich um ein Herrenhaus, das 1631 für Dietrich von Plettenberg, den damaligen Domprobst von Münster, anstelle eines Vorgängerbaus wohl des 13. Jahrhunderts errichtet worden ist. Die Anlage wird von Gräften umgeben und gliedert sich in eine Vorburg- sowie eine Herrenhausinsel. Das erhaltene Wirtschaftsgebäude der ehemaligen Vorburginsel ist aus Fachwerk und stammt ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert.

Der verantwortliche Baumeister von Haus Nehlen war Dietrich Gerlinckhaus. Er erbaute auf einem rechteckigen Grundriss ein zweigeschossiges Backsteingebäude mit Bruchsteinsockel und einem steilen Walmdach. Aus Sandstein wurden die architektonischen Gliederungen und der Bauschmuck gefertigt. Ein quadratischer, dreigeschossiger Treppenturm mit einer geschweiften Turmhaube ist mittig an der südwestlichen Längsseite des Herrenhauses, wo sich auch das Hauptportal befindet, erbaut worden. Ein weiterer quadratischer Wohnturm mit einem Pyramidendach dominiert die nordöstliche Ecke des Baukörpers. Im Inneren sind die Spindeltreppe, die aufwendig gestalteten Säle mit offenen Kaminen, die mit Dekor versehenen Kölner Balkendecken und die teilweise bemalten Türen mit gestalteten Rahmungen hervorzuheben.

Mit Haus Nehlen ist ein adliger Wohnbau unter Denkmalschutz gestellt worden, der ein Beispiel für die verschiedenen Ausprägungen der Renaissance an der Lippe ist, die im Kreis Soest mit einigen weiteren bedeutenden Objekten vertreten ist. "Das Haus Nehlen zählt mit seinem im Vergleich zu anderen Bauten zurückhaltenden plastischen Bauschmuck zu den schlichteren Varianten, die die Spätzeit der hiesigen Renaissance prägten und für diese Zeit charakteristisch sind", erläutert Dr. Holger Mertens von der LWL-Denkmalpflege. "Allerdings darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass die ehemals geschlämmte Fassade ursprünglich eine teilweise ornamentale Bemalung hatte. Im Verlauf der Jahrhunderte war Haus Nehlen im Eigentum mehrerer Adelsfamilien, die hier einen Nebensitz hatten, so dass aufgrund der nachgeordneten repräsentativen Bedeutung die bauzeitliche Ausprägung des Herrenhauses bis hin zu den Innenraumdispositionen und der Ausstattung weitestgehend erhalten blieb."

Die heutigen Eigentümer erwarben das Anwesen in den 1970er Jahren. Das Herrenhaus wird gegenwärtig lediglich in einem Teil des Erdgeschosses bewohnt, während die übrigen Bereiche und Geschosse ungenutzt und in einem zwar besonders gut überlieferten, aber aus konservatorischer Sicht bedenklichen Zustand sind. Aufgrund des jahrelang undichten Daches haben sich Schäden bis hin zur Geschossdecke des 1. Obergeschosses bemerkbar gemacht. Außerdem kam es vermutlich durch Absenkungen bzw. Bewegungen des Grundes zu Rissen im Mauerwerk. Ursache dafür könnte sein, dass die Gräften nur einen niedrigen Wasserstand haben. Dieser Zustand setzt sich an den Außenfassaden fort, wo in den vergangenen Jahren einige Notmaßnahmen erfolgten. Doch müssten hier insbesondere großflächig Verfugungen erneuert werden und teilweise ein Steinaustausch bzw. eine Steinergänzung erfolgen.

Voruntersuchungen helfen auf dem Weg in die Zukunft
Glücklicherweise konnten seit 2010 mit Hilfe von Zuschüssen des Bundes und des Landes in Höhe von mehreren 100.000 Euro sowie durch den Einsatz des Eigentümers das Dachwerk sowie die Dachdeckung instand gesetzt und die bereits gefährdete Decke des 1. Obergeschosses statisch gesichert werden, so dass zumindest die Gefahr weiterer Wasserschäden am Dachwerk, den Geschossdecken und der Raumausstattung erst einmal gebannt ist. Im Vorfeld der bisher durchgeführten Maßnahmen erfolgten seit 2001 umfangreiche statische, bauhistorische, restauratorische Untersuchungen und wurden Schadenskartierungen sowie eine Machbarkeitsstudie in die Wege geleitet, die mit erheblichen Mitteln des Landes und des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) finanziert worden sind.

"Allein die Machbarkeitsstudie hatte bereits ein Finanzvolumen von 148.000 Euro, die ebenfalls anteilig durch das Land bereit gestellt wurden und als wesentliche Grundlage für die bisherigen Arbeiten und die zukünftige Restaurierung und Instandsetzung des Gebäudes dienen sollen", so der Leiter der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur, Dr. Markus Harzenetter. "Ohne die Bereitstellung von Zuschüssen des Landes hätten die notwendigen Voruntersuchungen nicht angeschoben werden können, würde keine Planungsgrundlage für die anstehenden Instandsetzungsmaßnahmen existieren, könnten keine Finanzierungsmodelle entwickelt werden und wären alle bislang erfolgten Instandsetzungsmaßnahmen unterblieben." Er plädiert für das Planungsinstrument der Voruntersuchungen, um bei Denkmalprojekten einen finanziellen und zeitlichen abgesicherten Weg gehen zu können.

Herne - Wanne-Eickel
Abbruch wegen fehlender Fördermittel
Brückenkran Nr. 4 am Westhafen im Hafen Wanne-West ist heute nur noch Geschichte

"Krummer Hund"

Der Brückenkran Nr. 4 am Westhafen, der bis 1997 im Betrieb war, wurde aufgrund seines Aussehens auch "Krummer Hund" genannt, im Bewusstsein der Bürger war er verankert. Er galt als ausgezeichnetes und seltenes Beispiel für die Entwicklung von Hafenverladeeinrichtungen für Massengüter. Es handelt sich um einen elektrischen Brückenkran mit einziehbarem Wippausleger aus dem Jahre 1924. Besonders war die Ausstattung mit einem Déri-Motor für die Bedienung des Hubwindwerkes und für die Einziehbewegungen. Für den Fahrbetrieb besaß der Kran einen AEG-Motor.

Am 9. März 1999 wurde er daher in die Denkmalliste der Stadt Herne eingetragen. Da in Westfalen keine vergleichbaren Hebevorrichtungen dieser Zeit, Bauweise und mit dieser besonderen elektrischen Ausrüstung mehr existieren, kam speziell diesem Kran eine herausragende Bedeutung für die Dokumentation hafenspezifischer Verladeeinrichtungen zu.

Im Verfahren um den beantragten Abbruch des Brückenkrans Nr. 4 kam es zum Dissens zwischen der Stadt Herne und dem LWL-Amt für Denkmalpflege, in dessen Folge das LWL-Denkmalamt 2010 von seinem Recht der so genannten Ministeranrufung (gem. § 21.4 DSchG) Gebrauch machte. In seiner Entscheidung würdigte das NRW-Ministerium als Oberste Denkmalbehörde zwar die herausragende Bedeutung des Krans. In der Abwägung der Belange des Denkmalschutzes mit den privaten Interessen der Eigentümerin entschied sie jedoch zugunsten der Weiterentwicklung des Betriebsgeländes unter Inanspruchnahme der Stellfläche des Krans. Eine angedachte Translozierung des Denkmals innerhalb des Firmengeländes der Eigentümerin erwies sich aus Platzgründen als nicht realisierbar. Damit wäre nur ein Standort außerhalb des Geländes infrage gekommen. Abgesehen von der zu diesem Zeitpunkt offenen Standortfrage sah die Oberste Denkmalbehörde jedoch für die hierfür veranschlagten Kosten in Höhe von 1,3 Mio. Euro keine Finanzierungsmöglichkeit.

Eine Bürgerinitiative zum Erhalt des Hafenkrans bemühte sich zwar kurzfristig um einen Aufschub des bereits genehmigten Abbruchs. Als neuer Standort für den Kran war das am Rhein-Herne-Kanal gelegene Gelände der benachbarten Künstlerzeche "Unser Fritz" im Gespräch. Gleichzeitig erfolgte eine Petition an den Landtag. Alle Bemühungen blieben jedoch erfolglos: Noch bevor sich der Petitionsausschuss mit der Sache befassen konnte, wurde das Denkmal im März 2012 abgebrochen.

Die LWL-Denkmalpfleger bedauern, dass es für nicht wirtschaftliche Denkmäler keine Zukunft ohne Fördermittel gibt. Die Kapazität der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur für weitere Übernahmen vom Abbruch gefährdeter Denkmäler scheine erschöpft zu sein.

Die Fachleute erinnern an die "Charta Industriekultur NRW 2020", die eine vom Land berufene "Arbeitsgruppe Industriekultur NRW" erarbeitet und im November 2011 vorgestellt hat. Ziel der Charta ist es, die international führende Position der Industriekultur in NRW auch künftig zu halten und weiter auszubauen. Der Arbeitsgruppe gehören Institutionen, Einrichtungen und Netzwerke der Industriekultur sowie Tourismusorganisationen im Land NRW an, darunter auch das ehemalige Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes NRW.



Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 17.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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