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„Herr Lehrer, den Hebekran wollen wir mal zeichnen“

Albrecht Brinkmanns Unterrichtsspaziergänge 1907-1955

Dortmund Kindliche Aktivität und Kreativität zu fördern, war ein zentrales Anliegen der Reformpädagogik. Die Bewegung, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts formierte, lehnte die klassische Lernschule ab und betonte stattdessen, die Bedeutung des handlungsorientierten Lernens – auch außerhalb des Schulgebäudes. In einem Gastbeitrag stellt Rüdiger Wulf, Leiter des „Westfälischen Schulmuseums“ in Dortmund, mit dem Lehrer Albrecht Brinkmann einen frühen Verfechter des außerschulischen Lernens vor.


Wir haben den Unterricht in der Heimatkunde bisher zu sehr in die vier Wände unserer Schulzimmer gebannt und ganz und gar vergessen, daß Heimatkunde doch [...] ein gewisses Vertrautsein und Kennenlernen der mannigfachen heimatlichen Verhältnisse und Beziehungen zur Voraussetzung hat.“ – Albrecht Brinkmann, 1913

Albrecht Brinkmann und die „Arbeitsschule“ in Dortmund

An den Dortmunder Lehrer Albrecht Brinkmann erinnert heute in Dortmund kaum mehr noch als der Name einer Grundschule im Norden der Stadt. Selbst auf der Webseite der „Albrecht-Brinkmann-Grundschule“ sucht man vergeblich nach Hinweisen zum Namensgeber. Und das ist eigentlich schade. Könnte Brinkmann doch auch uns möglicherweise noch einiges lehren – heute, knapp 110 Jahre nach dem „Beginn unserer Reformversuche an der Augustaschule in Dortmund, im Jahre 1907“. Die Reformversuche, von denen Brinkmann hier in einem Zitat von 1955 spricht, galten der „Arbeitsschule“.  Die Augustaschule war eine Volksschule in der Dortmunder Nordstadt – „im Arbeiterviertel der sich gewaltig entwickelnden Industriestadt Dortmund“, wie es Fritz Daubenspeck als Mitglied des Lehrerkollegiums 1911 ausdrückte. Die Klassen seien mit durchschnittlich 60 Kindern besetzt, die Bedingungen für die „Verwirklichung der uns gesund erscheinenden Ideen der Arbeitsschule“ daher „verhältnismäßig“ ungünstig, weiß Brinkmanns Kollege weiter zu berichten.

Kern und Sinn jenes „Arbeitsunterrichts“, wie er an der Augustaschule praktiziert wurde, war, die SchülerInnen „zum Selbstsuchen, Selbstfinden, Selbstschaffen“ anzuregen, sie „nicht nur aufnehmend, rezeptiv, sondern auch gestaltend, produktiv“ tätig werden zu lassen. Albrecht Brinkmann, dessen Buch „Heimatkunde und Erdkunde auf werktätiger Grundlage“ von 1913 diese Formulierungen entstammen, wird in der 2. Auflage von 1921 noch deutlicher, wenn er den Arbeitsunterricht als „völlige Umkehrung des bisherigen Unterrichtsbetriebes“ beschreibt: Nicht mehr die „autokrative Lehrerpersönlichkeit“, die die Kinder „am Gängelband“ führe, stehe im Mittelpunkt des Unterrichtes, sondern das Kind „mit seinen eigenen Wünschen und Regungen, Trieben und Impulsen“.  


  • Albrecht Brinkmann, der zu diesem Zeitpunkt schon Rektor der Augustaschule war, auf einem Klassenfoto von 1925.

    Foto: Westfälisches Schulmuseum

  • Wie wichtig Brinkmann die Ausflüge mit seinen Schülern waren, zeigt die Darstellung eines Unterrichtsspaziergangs auf einer von ihm mitherausgegeben Lehrerzeitschrift von 1914.

    Foto: Westfälisches Schulmuseum

  • Auch andere Dortmunder Pädagogen förderten das Lernen außerhalb des Klassenraums. So sah der "Stoffverteilungsplan" der 1913 herausgegebenen "Stoffsammlung zum erdkundlichen Unterricht für die Kreise Dortmund und Hörde" eine ganze Reihe von Unterrichtsgängen vor.

    Foto: Westfälisches Schulmuseum


Anleitung zum „bewussten Sehen“ und Begreifen

Brinkmanns Thema ist vor allem die Heimatkunde. Für sie sucht er geeignete Arbeitsformen, die zur „Selbsterarbeitung“ des Unterrichtsstoffes durch die SchülerInnen führen. Fündig wird er vor allem draußen, außerhalb der Schulräume, bei dem, was er „Unterrichtsspaziergänge“ nennt. Auf diesen sollen die Kinder „zum bewussten Sehen, zum sinnigen Schauen und Betrachten planmäßig angeleitet werden“. Doch es bleibt nicht nur beim Sehen. „Zu den Beobachtungen treten“, wie es Brinkmanns Kollege Daubenspeck 1911 formuliert, „die Versuche mit den Objekten, die wir zu einer genaueren Verarbeitung mit zur Schule brachten“. Um was für „Objekte“ ging es da, und welche „Versuche“ wurden damit angestellt?

Neben Blättern, Moosen, Pilzen, Beeren, die man in einem durchwanderten Wald gesammelt hatte, Wasserproben aus unterwegs überquerten Flüssen oder Belegstücken von Gütern, die im besuchten Hafen verschifft wurden, gehörten zu den Sammelobjekten Getreidehalme und Bodenproben der Äcker unterschiedlicher Qualität, auf die der Lehrer die SchülerInnen in der erwanderten Region aufmerksam gemacht hatte. Mit den Proben wurden dann im Unterricht Versuche angestellt. Brinkmann beschreibt 1913 allein 6 Versuche, mit denen SchülerInnen die sehr unterschiedlichen Böden an Hellweg und Lippe hinsichtlich ihrer Zusammensetzung und ihres Gewichtes, ihrer Wasserdurchlässigkeit und ihrer Fähigkeit, Wasser und Wärme zu speichern, vergleichen konnten.

Wohin führten nun aber die „Unterrichtsspaziergänge“ der SchülerInnen der Augustaschule? Im 2. Schuljahr besuchte man Garten, Wiese, Feld und Wald zu verschiedenen Jahreszeiten oder einen Bauernhof und natürlich den Weihnachtsmarkt. Im 3. Schuljahr ging’s um „unsere Stadt“, die auf vier Spaziergängen erkundet wurde, sowie um die Umgebung der Stadt, in die fünf Wanderungen und eine Fahrt mit der Eisenbahn führten. Bis ins Sauerland reichte dann schon der Radius von drei Wanderungen, einer Bahnfahrt und einer zweitägigen Tour, die im 4. Schuljahr auf dem Programm standen – neben Besichtigungen der Bahnhöfe, des Hafens, einer Zeche, eines Eisenwerkes und des Schulmuseums. Die anschließende „unterrichtliche Behandlung“ des auf den Ausflügen Gesehenen und Erlebten umfasste die Komplexe „Land und Leute“, „Naturkunde“, „Volkswirtschaft“ und „Geschichte und Sage“. Nur der Naturkunde zugeordnet waren  schließlich im 5. Schuljahr die sechs „Beobachtungsgänge“, die die Klassen zu den verschiedenen Jahreszeiten in Wälder, Parks und die Feldmark der Stadt führten. Vom Geflügelmarkt brachten die Fünftklässler „Hasenpfoten, Rehfuß, Hühnerfuß, Kopf des Hahns usw.“ zur weiteren Behandlung mit in die Schule. Im 7. und 8. Schuljahr standen im Physikunterricht nochmals Beobachtungen am Bahnhof, im Hafen, an einer Talsperre, bei einem Ballonaufstieg, an einem Wetterhäuschen und in einem Eisen- und Stahlwerk auf dem Stoffverteilungsplan „für den Arbeitsunterricht in der Augustaschule“.



„Unterrichtsgang nach dem Hafen“

In der 4. Auflage seiner „Heimatkunde“ von 1955 (!) schildert Albrecht Brinkmann als Beispiel für einen „Unterrichtsgang“ einen Besuch im Dortmunder Hafen. Nachdem die SchülerInnen im Unterricht von eigenen Beobachtungen und Erlebnissen im Hafen erzählt haben, wird ein „genauer Wander- und Beobachtungsplan“ erstellt. Zum Ausflug selbst erscheint die Klasse mit allem Benötigten ausgerüstet: „Jedes Kind hat ein Skizzenheft in der Tasche, in das der Plan des Hafengeländes und die Skizzen charakteristischer Bauwerke gezeichnet werden. Ein Junge trägt die Senkschnur, bestehend aus einem langen Bindfaden, der an einem Ende durch ein Stück Eisen beschwert ist; ein anderer das Meßband, ebenfalls ein Bindfaden von 20 bis 30 m Länge, der alle Meter einen Knoten hat.“

Schon nach dem ersten Blick von der Hafenbrücke auf die imposanten Anlagen melden sich Stimmen: „Herr Lehrer, den Hebekran wollen wir mal zeichnen.“ Und der Lehrer hat natürlich nichts dagegen. „Also schnell die Skizzenhefte heraus und das Ungetüm mit einigen Strichen festgehalten.“

Doch nicht nur der Hafen selbst ist Gegenstand des „Unterrichtsganges“ – der Lehrer nimmt alles mit, was für die SchülerInnen interessant und lehrreich sein könnte: „Ein Schüler, der in der Union-Vorstadt, einer Arbeitersiedlung inmitten des Hafengeländes wohnt, führt uns in den Hausgarten, und wir sind Zeuge, wie die Mutter gerade Erbsen legt. Wir lassen uns von der Mutter erzählen, welche Gartenarbeiten sie schon ausgeführt, bevor sie die Erbsen in den Boden legen konnte. Unser Klassenfreund zeigt uns in einer Mauerlücke des Hauses das Nest eines Rotschwänzchens, und wir beobachten eine Zeitlang, wie die Vogeleltern die Jungen im Nest füttern.“

Auf der Brücke, an der das Hafengelände endet, kommen dann auch noch die mitgebrachten Messgeräte zum Einsatz: „Wir orientieren uns nach dem Stand der Sonne und stellen fest, dass der Kanal nach Norden weitergeht. [...] Dann messen wir mit dem Meßband die Breite des Kanals und stellen mit dem Senklot seine Tiefe an den Ufern und in der Mitte fest. Alles wird in das Merkbuch notiert.“


  • Den sogenannten „Sandtisch“ nutze Brinkmann, um das erwanderte Gelände mit der Klasse im Schulgebäude nachzubilden. Das Foto aus dem Jahr 1911 zeigt Schülerinnen und Schüler der Augustaschule beim Nachbau des Emschertals.

    Foto: Westfälisches Schulmuseum

  • Der „Sandtisch“ mit einer Darstellung des Dortmunder Hafens auf dem Innentitel der 2. Auflage der „Heimatkunde“ von 1921.

    Foto: Westfälisches Schulmuseum


Bereits zu Anfang des Rundganges, auf der Hafenbrücke, haben die SchülerInnen so viele Fragen, dass es unmöglich ist, sie alle gleich hier, an der Straße stehend, zu beantworten. Doch Albrecht Brinkmann hat auch für dieses Problem eine – noch dazu sehr attraktive – Lösung parat: „Zum Schlusse suchen wir ein schattiges Plätzchen im Fredenbaumer Wald auf, und nun halten wir eine Unterrichtsstunde im Freien. ... Dabei werden alle Fragen, die wir bei dem Rundgange nicht beantworten konnten, noch einmal gestellt und gründlich erörtert.“ Gegenstand der Erörterung ist die „Bedeutung des Kanals für den Güterverkehr“ ebenso wie die Eröffnung des Dortmunder Hafens 1899 durch Kaiser Wilhelm II. („ein Stück Heimatgeschichte“), um nur zwei Beispiele zu nennen.

„Für unsere heimatkundliche Schulsammlung“ nehmen die SchülerInnen schließlich noch die im Hafen umgeschlagenen Güter „Erz, Sand, Torf, Asbest, Asphalt usw.“ mit. Doch auch damit ist dieser „Unterrichtsgang“ noch nicht beendet: Denn „[d]aheim in der Schule wird nun an der Hand der selbst erarbeiteten Wanderskizze das Hafengelände plastisch auf dem Sandtische dargestellt“. Den „Sandtisch“ – einer Art Sandkasten auf Tischbeinen im Klassenzimmer – hatte Brinkmann nach eigenem Bekunden schon um 1908 selbst erfunden. Mit eingefärbtem Sand konnte die Klasse hier das zuvor erwanderte Gelände nachbauen.

Ebenso ambitioniert wie das Programm, waren auch die Entfernungen, die die Pädagogen für ihre Unterrichtsgänge vorsahen: „Welche Wanderstrecke kann ich den Kindern zumuten?“, fragte beispielsweise 1955 der Lehrer Rudolf Haarberg in seinem „Schulwander-Brevier“ und empfahl für 10- bis 12-Jährige eine Strecke von 18 km, für 13- bis 14-Jährige 22 km und für 15- bis 18-Jährige 26-28 km...


Foto: Christiane Köhne

Zum Autor:

Rüdiger Wulf ist Diplom-Pädagoge und leitet seit 2009 das „Westfälische Schulmuseum“ in Dortmund. Das Schulmuseum blickt auf eine lange Geschichte zurück. Es wurde bereits 1910 eröffnet und diente zunächst in erster Linie der Lehrerfortbildung. Inzwischen versteht die Einrichtung sich als kulturgeschichtliches Museum und beherbergt eine der größten schulgeschichtlichen Sammlungen Deutschlands. In einem historischen Klassenzimmer können SchülerInnen beispielsweise erfahren, wie Unterricht „zu Kaisers Zeiten“ ablief oder sich mit Erziehung und Schule im Nationalsozialismus auseinandersetzen. Weitere Informationen zum umfangreichen Lernangebot des Schulmuseums finden sich hier.