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Ein Bücherkorb mit spannender Geschichte. Foto: Jüdisches Museum Westfalen

Zwischen Torah und Bücherkorb

Achtklässler begeben sich auf Spurensuche im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten

Ende Februar besuchte die achte Jahrgangstufe der Gesamtschule Gescher das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten. Die Fachschaft für Religionslehre hat den Besuch dieses außerschulischen Lernortes angeregt, da das Judentum thematischer Schwerpunkt im zweiten Schulhalbjahr ist. Die gewählte Führung „Zwischen Torah und Bücherkorb“ habe den Schülerinnen und Schülern einen sehr anschaulichen Einstieg in die Unterrichtsreihe ermöglicht, erklärte die begleitende Religionslehrerin Frau Janßen. An ausgewählten Exponaten konnte Frau Dr. Hartmann, die als pensionierte Lehrerin bereits mehrere Jahre ehrenamtlich im Museum tätig ist, an das Vorwissen der  Lernenden anknüpfen und einige Besonderheiten jüdischen Glaubens und jüdischer Tradition näher bringen. In der Konzentration auf wenige besondere Objekte unter Einbezug der Jugendlichen liegt die Stärke dieses gemeinsamen Gangs durch die Ausstellung. So waren die Schülerinnen Maja Fromm und Nele Wegheke gefesselt von der Geschichte des ausgestellten Bücherkorbs .

Dieser Reisekorb, vollgepackt mit jüdischem Schriftgut von Belletristik über wissenschaftliche und religiöse Literatur, wurde im Rahmen einer Zwangsversteigerung 1989 auf dem Dachboden eines  Hauses in Bottrop gefunden und hat seinen Platz als Ausstellungssstück in das Museum gefunden. Von der ursprünglichen Besitzerfamilie überlebte ein Sohn, Josef Dortort die Shoah, der nach dem Krieg zunächst in den USA, später in England lebte. Im Rahmen eines Schulprojekts besuchte er 2004 zum ersten Mal  wieder Deutschland und das Jüdische Museum Westfalen und sagte völlig überwältigt: „Unser Korb, das ist unser Korb!“

Außerdem verrieten die Schülerinnen später, dass ihnen beim Anblick des Beschneidungsmessers und der Information, dass die männlichen Säuglinge am achten Tag nach der Geburt damit auch ohne Betäubung beschnitten werden, ganz mulmig geworden sei. Thomas Schüring hingegen, dessen Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb führen, machte sich eher Sorgen über die Versorgung der Tiere, wenn es doch ein Arbeitsverbot am Sabbat gäbe. Er war froh zu hören, dass alle Arbeiten, die der Erhaltung des Lebens dienen, dann doch erlaubt sind.

  • Frau Dr. Hartmann erläutert die Geschichte des im Jüdischen Museum Westfalen ausgestellten Bücherkorbs.

    Foto: Volker Blum

  • Ebenfalls anhand Originalobjekten wurden die Schülerinnen und Schüler an die jüdische Religion herangeführt. Foto: Volker Blum

  • In einem Workshop konnten die Jugendlichen erste Erfahrungen mit hebräischer Schrift und Sprache machen. Foto: Volker Blum

In einem anschließenden Workshop erzählten die Museumspädagoginnen Antje Thul und Mareike Fiedler Wissenswertes zur hebräischen Schriftsprache und zum Pessach-Fest. Dabei wurden die Schülerinnen und Schüler auch praktisch gefordert: Mit Hilfe einer Schablone übten sie, ihren Namen in hebräischen Buchstaben zu schreiben. Einige Jugendliche bereiteten zudem mit dem Apfel-Mandel-Charosset eine typische Nachspeise zu Pessach zu und boten sie zum Probieren an. Die begleitende Lehrerin Frau Gerwing betonte, dass gerade die Erfahrungen mit der uns so fremden Schrift bei manchen Lernenden ins Bewusstsein gerufen habe, wie sich möglicherweise arabischsprachige Jugendliche beim Erlernen der deutschen Schriftsprache fühlen müssen.

Das Jüdische Museum Westfalen ist ein lebendiger Lernort mit einer vielseitigen Ausrichtung. So betonte die Museumspädagogin Antje Thul:  „Ziel der Museumspädagogik in unserem Haus ist es, das Judentum in seiner historischen und gegenwärtigen Vielfalt darzustellen und nicht allein auf die Shoah zur reduzieren.“ Ihre Kollegin Mareike Fiedler ergänzte, dass das Museum über die Auseinandersetzung mit jüdischer Religion, Tradition und Geschichte hinausgehe: „Auch aktuelle Themen, wie Migration und Flucht, oder Mobbing und Diskriminierung bieten wir als außerschulischer Lernort an.“ Das breite Angebot an Projekttagen oder Workshops reicht dabei von „Anfassen! Ausprobieren!“ bis „Zivilcourage im Alltag“. Darüber hinaus plant das Jüdische Museum Westfalen auch gerne individuell auf die jeweilige Gruppe zugeschnitte Besuche. Die Zusammenarbeit mit Schulen wird in Dorsten großgeschrieben und auch gerne fest verankert: So ist das Museum bereits mit zwei Schulen Kooperationen im Rahmen von Bildungspartner NRW eingegangen.

 

Die Klasse begleitete und den Text verfasste Volker Blum, der als Lokalredakteur die „Pädagogische Landkarte NRW“ im Kreis Recklinghausen betreut.

Publikationsdatum: 28.03.2017

Themen: Lernort-Portraits, außerschulisch Lernen