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Erfolgreiche Kooperation zwischen Lernort und Schule

Ein Gespräch mit Museumpädagogin Anja Hoffmann vom LWL-Industriemuseum (Teil 2)

NRW – Im ersten Teil unseres Gesprächs mit Anja Hoffmann ging es um Museen als facettenreiche Urgesteine der außerschulischen Bildung. Im zweiten Teil gibt die Museumpädagogin vom LWL-Industriemuseum nun Tipps für eine gelungene Kooperation zwischen Schulen und Lernorten. Offenheit auf beiden Seiten und die Bereitschaft zum regelmäßigen Austausch sieht sie dabei als Grundlage einer gewinnbringenden Verzahnung von schulischer und außerschulischer Bildung.

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Katharina Schunck: Das LWL-Industriemuseum arbeitet eng mit Schulen zusammen. Welche Formen der Kooperation zwischen Schule und Museum gibt es bei Ihnen?

Anja Hoffmann: Ich unterscheide unsere Angebote gerne in drei Kategorien. Der sogenannte „Klassiker“ umfasst die einfachste Form der Zusammenarbeit. Schulen buchen Führungen und museumspädagogische Programme „von der Stange“ aus dem regulären Angebot. Dann gibt es projekt- und ausstellungsbezogene Kooperationen, zum Beispiel unsere „Ruhrgebietsklänge“. Da erarbeiten wir jedes Jahr mit „Stammkunden“ aus den Schulen, Bands und Musik-AGs ein Wandelkonzert, das an einem unserer acht Museen aufgeführt wird. Die „Königsdisziplin“ erreichen wir, wenn eine Schule uns in ihr Schulprogramm aufnimmt. Damit werden wir als außerschulischer Partner Teil des Unterrichts und können Bildungsbiografien der Schüler begleiten.

Schunck: Exkursionen zu außerschulischen Lernorten sind immer mit einem gewissen Aufwand und häufig mit zusätzlichen Kosten verbunden. Warum sollten Lehrkräfte dennoch außerschulische Bildungseinrichtungen nutzen oder sogar eine Partnerschaft mit ihnen eingehen?

Hoffmann: Wir können zusammen mit Lehrern als außerschulischer Lernort inspirierende fächerübergreifende Impulse bei den Kindern und Jugendlichen setzen. Naturwissenschaftliche Fächer, Geschichte, Kunst, aber auch Deutsch finden im Museum in der Begegnung mit Originalen ungewöhnliche Anwendung. Eine Bildungspartnerschaft ermöglicht Museum und Schule, aus den Impulsen eine Strategie zu entwickeln. Davon profitieren alle Beteiligte.

Schunck: Umgekehrt gefragt: Welchen Mehrwert hat die Zusammenarbeit mit Schulen für den Lernort?

Hoffmann: Im kontinuierlichen Kontakt und Austausch mit Schülern und Lehrern können wir uns als außerschulischer Lernort sehr gut weiter entwickeln, bekommen Feedback zu unseren Angeboten. Unsere Partnerschaften mit Schulen haben zum Beispiel zu neuen Vermittlungsformaten im Museum geführt. Das Hittorf Gymnasium in Recklinghausen hat beispielsweise im LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg den Hittorfer Salon als eigenes Format entwickelt. Schüler im Wahlpflichtfach “Deutsch kreativ“ und „Kunst“ erarbeiten in der 6. Jahrgangsstufe zum Beispiel Texte und Kunstwerke zu den Ausstellungsthemen des Museums. Die werden dann einer größeren Öffentlichkeit im Museum präsentiert.

Schunck: Größere Museen, wie beispielsweise das LWL-Industriemuseum, sind in der Region bekannt und werden ohnehin häufig von Schulklassen besucht. Was raten Sie eher kleineren Museen hinsichtlich einer Kontaktaufnahme mit Schulen?

Hoffmann: Mal ganz praktisch: Wer Schulklassen bei sich im Museum haben möchte, sollte sich zuerst an den Schuldirektor wenden und um ein persönliches Gespräch bitten, am besten gleich zusammen mit den entsprechenden Fachlehrern, die zum Museumstyp passen. Man kann sich natürlich auch auf Schulkonferenzen einladen lassen oder Elternvertreter ansprechen. Terminlich sollte man schauen, dass man nicht gerade zu Zeiten der Lernstandserhebungen oder Abschlussprüfungen um ein Gespräch bittet. Im Dialog können beide Seiten – Schule und Museum – abgleichen, wie Angebot und Bedarf zusammen gehen und wie man künftig eine Zusammenarbeit plant. Das kann auch klein anfangen und sich dann weiter entwickeln.


  • Museumpädagogin Anja Hoffmann betont, dass von einer Kooperation sowohl die Schule als auch der Lernort profitieren. Für eine gelungene Zusammenarbeit sei insbesondere kontinuierlicher Austausch notwendig. Hierdurch könne das Verständnis für die Möglichkeiten und Bedürfnisse der jeweils anderen Institution wachsen. 

    Grafik: LWL/Schunck

  • Für die Zusammenarbeit mit Schulen im LWL-Industriemuseum unterscheidet Anja Hoffmann drei Kategorien. Diese reichen von einmaliger Kooperation bis hin zu langjährigen Partnerschaften.

    Grafik: LWL/Schunck

  • Beim sogenannten "Klassiker" buchen Schulen Führungen und museumspädagogische Programme „von der Stange“ aus dem regulären Angebot. Anschließend besuchen die Schulklassen (meist einmalig) den Lernort.

    Grafik: LWL/Schunck

  • Eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Lernort und Schule ist bei der Gestaltung und Umsetzung gemeinsamer Projekte notwendig. Die Projekte fordern und fördern selbstständiges Arbeiten der Schülerinnen und Schüler. Ebenso eröffnet die kreative Arbeit neue Perspektiven auf den (historischen) Lernort.

    Grafik: LWL/Schunck

  • Die „Königsdisziplin“ wird erreicht, wenn eine Schule den Lernort in ihr Schulprogramm aufnimmt. Als außerschulischer Partner wir der Lernort Teil des Unterrichts und kann Schüler und Schülerinnen über Jahre hinweg begleiten. Schule und Lernort gestalten so Bildungsbiografien Hand in Hand.

    Grafik: LWL/Schunck


Schunck: Was ist speziell zu beachten, wenn eine feste Bildungspartnerschaft mit einer Kooperationsvereinbarung zwischen Schule und Lernort eingegangen werden soll?

Hoffmann: Am wichtigsten ist, dass es auf jeder Seite feste Ansprechpartner gibt und die jeweiligen Leitungen in Schule und Museum die Kooperation unterstützen. Beide Seiten sollten ihre Erwartungen aneinander offen besprechen und einen konkreten Meilensteinplan entwickeln, der Maßnahmen und Ergebnisse definiert. Wichtig ist sicherlich auch, die eigenen Ressourcen zu beachten. Wer kann was wie in die Kooperation einbringen.

Schunck: Unter welchen Voraussetzungen können solche Projektpartnerschaften zwischen Schulen und Museen erfolgreich sein?

Hoffmann: Es ist wichtig, dass die Partner in einer Kooperation sich realistische Ziele stecken, den Weg gemeinsam abstecken, im Gespräch bleiben, wenn etwas nicht klappt und gegebenenfalls dann nachsteuern. Eine erfolgreiche Projektpartnerschaft ist für mich daher eine Kooperation, die auch Umwege und Sackgassen aushält und immer wieder gemeinsam den Weg neu bestimmt und meist dann auch besser zusammen meistert.

Schunck: Wozu muss das Museum bereit sein, wozu die Schule? Welche strukturellen Ansätze können die Zusammenarbeit erleichtern?

Hoffmann: Museum und Schule müssen voneinander lernen, wie sie „ticken“. Regelmäßige Planungs- und Feedbacktreffen helfen die Zusammenarbeit zu optimieren. Wir treffen uns zum Beispiel immer nach den Herbstferien mit unseren Schulpartnern, um die nächsten 2-3 Jahre zu planen. Mal sind das Einzelgespräche, mal machen wir auch ein großes Treffen mit mehreren Partnern. Besonders gelungen finde ich es, wenn Schuldirektoren viele ihrer Lehrer für die Kooperation begeistern können. Dann verteilt sich die Arbeit auf vielen Schultern und wird nicht zur Belastung für einzelne Lehrer. Im Museum geht das manchmal nicht so gut, weil die Personaldecke „kürzer“ ist. Das kann man der Schule aber kommunizieren.

Schunck: Was würden Sie sich für die zukünftige Zusammenarbeit mit schulischen Partnern wünschen?

Hoffmann: Meine Wünsche erfüllen sich, wenn Schulen uns ins Schulprogramm aufnehmen und wir Museums- und Ausstellungskompetenz vermitteln können. Es ist toll, wenn mir Schüler in ihrer Schulzeit immer wieder begegnen und ich merke, dass sie den Museumsbesuch nicht als schulfreien Ausflug betrachten, sondern die Ausstellungen mit  anderen Augen sehen, weil sie um die Bedeutung von Sammeln, Bewahren, Forschen, Kuratieren, Ausstellen und Vermitteln wissen. Dann machen gemeinsame Projekte so richtig Spaß und die Ergebnisse beeindrucken nicht nur mich und meine Kollegen, sondern auch Museumsgäste.


Foto: Christiane Spänhoff

Anja Hoffmann ist Referentin für Bildung und Vermittlung im LWL-Industriemuseum und Vorsitzende des Bundesverbandes für Museumspädagogik. Die Bedeutung von Museum für die außerschulische Bildung betonte sie im ersten Teil unseres Gesprächs.

 

Das LWL-Industriemuseum hält an acht historischen Orten die Geschichte des Industriezeitalters wach. Die museumspädagogischen Angebote aller Standorte finden Sie auf der Pädagogischen Landkarte hier:

Glashütte Gernheim

Ziegelei Lage

TextilWerk Bocholt

Schiffshebewerk Henrichenburg

Zeche Zollern

Zeche Hannover

Zeche Nachtigall

Henrichshütte Hattingen


Das Interview führte Katharina Schunck, die in der Zentralredaktion im LWL-Medienzentrum für Westfalen den westfälischen Teil der  Pädagogischen Landkarte NRW betreut.

Publikationsdatum: 13.12.2016

Themen: Lernort-Portraits, Praxistipps, außerschulisch Lernen