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Museumpädagogin Anja Hoffmann mit einer von Schülerinnen und Schülern selbst gestalteten Skupltur aus dem Schulprojekt „Unterwelten-Akademie“ (April 2014). Foto: Christiane Spänhoff

Vom Mammutzahn bis zum Picasso – Museen als außerschulische Lernorte

Ein Gespräch mit Museumpädagogin Anja Hoffmann vom LWL-Industriemuseum (Teil 1)

NRW – Wer an außerschulische Lernorte denkt, hat häufig ein Museum vor Augen. Diese Klassiker der außerschulischen Bildung ermöglichen eine lebendige Auseinandersetzung mit Originalobjekten. Lerngegenstände können hier im wahrsten Wortsinn „begriffen“ werden. Die inhaltliche Ausrichtung ist äußerst vielfältig und reicht von historischen, archäologischen oder naturkundlichen Sammlungsschwerpunkten bis hin zum Kunst- oder Technikmuseen. Wir haben mit Anja Hoffmann, Referentin für Bildung und Vermittlung im LWL-Industriemuseum und Vorsitzende des Bundesverbandes für Museumspädagogik, über die Rolle der Museen als Orte außerschulischer Bildung gesprochen.

Katharina Schunck: Ein Museum hat fast jeder in seiner Schulzeit einmal besucht. Doch nicht immer sind die Erinnerungen daran positiv. Wie muss der Museumsbesuch gestaltet sein, um bei Schülerinnen und Schülern Interesse zu wecken?

Anja Hoffmann: Ich finde es wichtig, die Schüler in ihrem Lebensalltag abzuholen. Spaß ist ein wichtiger Lernfaktor – auch beim Museumsbesuch. Unsere besten Programme bieten daher den Schülern möglichst viele Möglichkeiten selbst aktiv zu werden, sich mit eigenen Ideen und Meinungen einzubringen und selbst etwas zu gestalten und zu präsentieren.

Schunck: Was ist das Ziel kultureller Bildung im Museum? Was motiviert Sie persönlich, sich für dieses Ziel als Museumspädagogin einzusetzen?

Hoffmann: Bei diesen Fragen, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, weil mir so viel dazu einfällt. Die Museen können in der Begegnung mit den Originalen, vom Mammutzahn bis zum Picasso – in ihrer thematischen Vielfalt so viele inspirierende Impulse und Lernerlebnisse setzen. Dabei ist für mich die Museumspädagogik mit ihrer unerschöpflichen Methodenvielfalt als Schnittstelle zum Museumsgast das schönste Arbeitsfeld. Derzeit arbeiten wir z.B. viel mit internationalen Klassen. Trotz mancher  Sprachbarriere ist es immer wieder spannend, wie die Schüler Exponate und Themen unserer Museen für sich entdecken und interpretieren. Dabei geht es auch immer darum, selbst etwas zu lernen. Und das macht Spaß.

Schunck: Auf den ersten Blick haben die Sammlungen vieler Museen nur wenige Berührungspunkte mit den Schullehrplänen. Wie begegnen Sie Lehrkräften, die sich über diesen Umstand beklagen?

Hoffmann: Ich wage mal zu behaupten, dass Museen noch nie näher an Schule dran waren als heutzutage. Wir Museumspädagogen lernen Lehrpläne und Curricula lesen und versuchen Lerninhalte und Kompetenzen in unseren Angeboten zu berücksichtigen. Wenn Lehrkräfte solche Ansätze beim Museumsbesuch vermissen, würde ich dringend bitten, diese Wahrnehmung an die Museumspädagogen oder Museumsleitung weiter zu geben. Meistens freuen wir uns über Feedback. Nur so können wir uns verbessern. Vielleicht entsteht daraus auch eine erste Anbahnung einer Schulpartnerschaft.


Unterrichtsmodul „Museumskompetenz“

Zur Vor- und Nachbereitung des Besuchs macht das LWL-Industriemuseums ein besonderes Angebot: Für eine kleine Unterrichtsreihe kommen Museumspädagoginnen und -pädagogen in die Schule und gehen mit der Klasse der Frage nach: Wie funktioniert ein Museum?

Ausführliche Informationen finden Sie auf dem Bildungsportal des Landes Nordrhein-Westfalen.


Schunck: Sie haben in Ihrem Haus das Unterrichtsmodul „Museumskompetenz“ entwickelt. Wie werden Schülerinnen und Schüler dadurch zu kompetenteren Museumsbesuchern?

Hoffmann: Wir gehen als Museumspädagogen vor dem geplanten Museumsbesuch für 3-5 Unterrichtseinheiten in die Schule. Zusammen mit der Lehrkraft lassen wir die Schüler die Kernaufgaben des Museums Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln erarbeiten. Dabei lernen sie verschiedene Museumstypen kennen. Als Nachwuchs-Kuratoren dokumentieren sie Museumsexponate und gehen zu Hause selbst auf die Suche nach ausstellungswürdigen Objekten. Daraus resultiert eine kleine Klassenausstellung. Dieser Prozess verändert den Blick beim Museumsbesuch. Die Jugendlichen ordnen die Objekte besser in ihrem Wert für das Museum oder die Gesellschaft ein. Sie können Inszenierungen dekodieren und auch den Sinn von Vitrinen und Absperrungen als Objektschutz erkennen. Sie bringen sich auch aktiver in Führungen und museumspädagogische Angebote ein und geben gerne auch mal kritisch und dann eben auch kompetent und qualifiziert ein Feedback zum Museumsbesuch.

Schunck: Sollte Ihrer Meinung nach eine solche Einführung in den Umgang mit einem Museum generell einem Museumbesuch vorangestellt sein?

Hoffmann: Das ist eine schöne Vision, denn es macht den Museumsbesuch themenunabhängig sicherlich aufschlussreicher für die Kinder und Jugendlichen und vermittelt ihnen Kultur- und Museumskompetenz. Allerdings sollte es für die Altersklassen verschiedene Modelle geben. Die Museumskollegen aus Bonn haben schon seit Jahren ein Museumscurriculum für Grundschulen, das verschiedene Module zur Vorbereitung und Durchführung eines Museumsbesuchs bereit hält. Letztlich ist es wahrscheinlich auch eine Frage der Finanzierung. Wer geht da in die Schulen und wer bezahlt solche Schulbesuche.

Schunck: Häufig haben museumpädagogische Angebote größerer Museum lange Wartelisten. Lohnt sich das Warten für eine Schulklasse auf jeden Fall oder ist auch ein Besuch ohne Begleitprogramm ratsam?

Hoffmann: Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Ein richtig gutes museumspädagogisches Angebot macht den Ausstellungsbesuch einfach unvergleichlich besser, weil sie aktivierend, kreativ und vieles mehr sind, was Spaß bringt und ein nachhaltiges Bildungserlebnis garantiert. Die Museumspädagogin kann an dem ungewöhnlichen Ort ganz anders mit den Kindern arbeiten als die Lehrkraft, die Aufsicht hat und sonst Noten verteilt. Ich kenne aber auch Lehrkräfte, die gut vorbereitet auf die Ausstellung und äußerst kreativ mit ihren Schülern das Museum selbst erkunden. Es lohnt sich für Lehrkräfte bei den Museen nachzufragen, ob es Unterrichtsmaterialien gibt, mit denen man sich vorbereiten kann.


Grafik: LWL/Schunck

Anja Hoffmann ist Referentin für Bildung und Vermittlung im LWL-Industriemuseum und Vorsitzende des Bundesverbandes für Museumspädagogik. Unter welchen Voraussetzungen gelingt die Kooperation zwischen Lernorten und Schulen? Wie können feste Bildungspartnerschaften entstehen? Diese und weitere Fragen beantwortet Anja Hoffmann im zweiten Teil des Gesprächs.

Das LWL-Industriemuseum hält an acht historischen Orten die Geschichte des Industriezeitalters wach. Die museumspädagogischen Angebote aller Standorte finden Sie auf der Pädagogischen Landkarte hier:

Glashütte Gernheim

Ziegelei Lage

TextilWerk Bocholt

Schiffshebewerk Henrichenburg

Zeche Zollern

Zeche Hannover

Zeche Nachtigall

Henrichshütte Hattingen


Das Interview führte Katharina Schunck, die in der Zentralredaktion im LWL-Medienzentrum für Westfalen den westfälischen Teil der  Pädagogischen Landkarte NRW betreut.

Publikationsdatum: 02.11.2016

Themen: Lernort-Portraits, außerschulisch Lernen