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[96]
An
Klopstock.
Den 12. März 1776.
Heil mir,
ich hab ihn gesehn, den Mann!
Heil mir! gesehn den Blick des Mannes,
Der schaut in des Heiligsten Heiligthum,
Als seinem Seher, seinem Sänger
Gott der Unendlichkeit Vorhang aufzog!
Wer wagt zu sagen, was er sah?
Heil mir! ich habe den Blick gesehn!
Heil mir!
daß ich ein Deutscher bin!
Der Mann, dein Stolz, o Vaterland,
Der gottgegebne Sänger Gottes,
Sang dich, wie Gott!
Tönt hoch und laut, ihr deutschen Brüder,
Tönt hoch und laut den Nationen:
Uns, uns gab seinen Sänger Gott!
Heil mir,
daß ich lebe, da er lebt,
Der Mann, dein Stolz, Jahrhundert!
[97]
Du, weiche keinem, jenem nur
Des wandelnden Gottes in der Menschheit,
Des Wandelnden Sänger ist dein!
Mann! Mann! wer bin ich?
Als ich liebebebend vor dir stand,
Wer bin ich, daß du mir lächeltest?
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Varianten und Kommentar
H: Sprickmann-Nachlaß, ULB Münster, Kapsel 3. [undatiert;
auf dem Blatt findet sich der handschriftliche Vermerk zu Beniehausen
1776.]
D1: Voß, Johann Heinrich (Hrsg.): Musenalmanach
für 1778, Hamburg [1777], S.96f..
D2: Matthisson, Friedrich (Hrsg.): Lyrische Anthologie,
11. Teil, Wien 1806, S. 115f.
96
An Klopstock. Den 12. März 1776.] An Klopstock. 1776 H,
Klopstock D2
Klopstock: Friedrich Gottlieb K., dt. Dichter (17241803),
von großem Einfluß auf S. und die anderen Schriftsteller des
Sturm und Drang. Am 12. März 1776 besuchte S. Klopstock. Hiervon
zeugt neben dem vorliegenden Gedicht ein begeisterter brieflicher Bericht
an seine Frau und mehrere Freunde. Seit 1773 bestand ein Briefkontakt
zwischen Klopstock und S., der vermutlich von Mitgliedern des Göttinger
Hains vermittelt wurde. Klopstock wandte sich damals an den Münsteraner
mit der Bitte, Subskribenten für seine Gelehrtenrepublik zu
sammeln, was dieser mit Eifer betrieb (vgl. hierzu Jansen, Heinz: Klopstock
und der westfälische Hainbunddichter Sprickmann. Mit unveröffentlichten
Briefen. In: Westfalen 23 (1938). S. 2747). Der Briefwechsel wurde
1802 von S. beendet, der sich nach seiner inneren Wandlung von seinen
alten Dichterfreunden zurückzog. Nach Klopstocks Tod 1803 erschien
im Westfälischen Anzeiger ein Nachruf Empfindungen eines
Westfälingers bey Klopstocks Tode, den Siegfried Sudhoff S. zuschreibt
(vgl. Sudhoff, Siegfried: Klopstock und der Kreis von Münster.
In: Westfalen 34 (1956). S. 192, Fn. 9). Dreißig Jahre liegen
zwischen dem Besuch S.s bei Klopstock und dem Wiederabdruck des Gedichts
in Matthissons Anthologie. So ist es nicht verwunderlich, daß die
den größten Aktualitätsbezug aufweisende letzte Strophe
dort fehlt.
Heil mir, ich] Heil mir! Ich H, D2
Brüder,] Brüder; D2
Nationen] Nazionen H
97
Du,] Du H
Menschheit;] Menschheit, H, D2
Des Wandelnden Sänger] Des wandelnden Sänger H,
D2
Mann! [
] lächeltest?] fehlt in H und D2
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