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Mariens Reden bei ihrer Trauung.
Ein Fragment.*)


[*) Freilich, hat Karl bei dieser Trauung auch gesprochen; aber, da sich alles, was er sagte, aus Mariens Reden schon abnehmen läßt, so, schien es überflüssig, auch die seinigen aufzuschreiben.]

(Ein Kämmerchen in dem Hause einer armen Frau in einem abgelegenen Winkel der Stadt. Mitternacht, Marie in ängstlicher Erwartung. Es wird geklopft; sie stellt sich an die Thüre. Karl herein im Mantel verhüllt. Marie ihm um den Hals.)

Hab’ ich dich, Karl? Lieber, Lieber! hab ich dich?
     Ja, ja, ich bins!
     Ja, sieh, ich bin wieder hier; ich kan nicht helfen; – So nims doch nicht so übel, lieber Herzensjunge? – ich weis gar wohl, ich versprach dir, du soltest mich nicht mehr sehen; aber nim’s nicht so übel! Nur einmal, nur dieses einzigemal noch! Nur ein kleines Stündchen, dann, Karl! dann mag’s seyn: nie wieder!
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     Was ich will? – Du solst mich heirathen.
     O geh’ doch! kan ich’s so meinen? kan ich spielen wollen mit dir? ich mit dir? wie in der Komödie – wie heißt sie? wo die alte Kuplerin von Tante ihre Leute bewafnet hat, und dann dem – dem Karl des Stücks, so trozig zuruft: wilst du oder wilst du nicht? kan ich’s so meinen? Lieber, bin ich denn nicht die Erste gewesen, ich selbst die Erste, die es gesagt hat von uns, heirathen nun und nimmermehr!
     Wahnwitzig? ach, Karl; verlassen von dir – meinst du, daß noch so ein Glück für mich auf Erden ist?
     Meine Eltern? Ja, die werden auch!
     Nein, sey deß versichert, Karl; es ist kein Gedanke mehr an mich in ihren Herzen. Wie könt’ es auch? Sie hatten sich ein kleines hülfloses Geschöpf erzogen in ihrem Schoos, und wolten ihre Freude daran haben ihr Lebelang: und hattens dann auch anfangs; aber das Mädchen wuchs heran, und die Zeit kam, daß es eigene Freude haben wolte, und es fand sie. Und sieh, wenn’s nun so kam, daß die Alten sich fragten, wo ist unser Liebes, daß wir uns freuen? so wars nicht da, oder wenn’s auch da war, doch nicht mehr mit der fühlenden, erkentlichen, theilenden Seele, war seiner eignen Freude nach, die vor ihm herflatterte, wie ein Schmetterling, daß es nach muste ohne Rast, Tag und Nacht. Deß verloren die Alten ihre Freude, und verriegelten ihm die Thür; aber das Mädchen brach die Thür auf und lief seinem Schmetterling doch nach, und wolte da nicht wieder heim, weil sich’s vor dem Verriegeln fürchtete. Da zogen die Alten ihre Liebe von ihm, gewis, Karl, ganz ab von ihm!
     Und wenn’s so wäre, wie’s gewis, gewis nicht ist, was wolten sie dann? mich einsperren? höre, Karl! soll ich dir’s sagen? in dem Dörfchen da, wo du mich hinbrachtest – freilich, war mir’s anfangs ein Himmel, als du, lieber Junge, da noch so hinkamst, täglich anfangs, daß ich mir gewis sagen konte, bei jeder Thräne, die mir ins
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Auge kam: jezt nur noch so lang, dann ist er da, und läst euch weg! daß ich dir entgegen konte in jeder Dämmerung, auf dich harren, und du dann kamst, und ich auf dich hinein in Wut der Liebe! – auch hernach noch, als des Kommens schon weniger ward, und ich Abends oft vom Entgegengehen allein wieder zurück muste, aber doch immer noch zu mir sagen konte in der langen Nacht: Morgen, Morgen! Aber als es endlich nun ganz aus war, ach Karl, Karl, ganz aus! kein Kommen, kein Sehen mehr seyn solte! und das Dörfchen mir nun eine Hölle war, weist du, warum ich blieb? da blieb den Alten so nah? Einsperren, dacht’ ich; sie werden kommen, und sperren den Flüchtling ein.
     Warum? – Karl, solt ich das nicht wünschen? Es liegt ja am Walle, dacht’ ich, das Zuchthaus, und da sind jezt die herlichen Spaziergänge, und ich erinnerte mich, – wenn ich Sontags sonst auf den Wällen spazieren ging, dann lagen die armen Geschöpfe da am Fenster, und sahen hinaus, wo sie nicht hindurften. Da lieg’ ich dann auch, dacht’ ich, so jeden Sontag, den Gott kommen läst, den ganzen ausgeschlagenen Tag, und harre, und harre! Huy, da um die Ecke! da komt dein Karl denn, und geht vorüber, und ich seh’ ihn! wol ganze drei Minuten muß er Stand halten, daß ich ihn sehen kan! o, und was ist denn eine ganze Woche im Schweiß der Arbeit, und im Schmerz von Prügel, wenn ich einmal zu viel an ihn gedacht habe, gegen drei solche Minuten!
     Will ich das? dich weich machen? nein, Knab, wenn du das denken kanst, das von deiner Marie nach dem Allen – dann, weis ich nicht.
     Verzeihen? Karl, ich bitte dich, sprich das Wort nicht wieder! verzeihen! ich kan’s hassen auf deinen Lippen, wie Tod. Wenn ich denke, so ein armseliges Geschöpf, ein Mädchen! und da steht denn da ein Mann vor ihm, wie du, dem sich alles Gefühl beugen muß, und der spricht von verzeihen! o Karl, wenn ich mich noch ein-
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mal recht groß denken wil, weist du, wie ichs anstelle? da überdenke ich dich ganz, und wenn mir dann schwindelt von dir, und ich mir doch sagen kan, der Mann fand genug an dir, ein ganzes Jahr fast genug, für Geist und Herz mit all ihren endlosen Kräften, sieh, dann bin ich über alles weg, und fühle, daß ich doch auch kein Mädchen bin, wie jedes andere.
     Nein, Karl, sage das nicht! Verdienen? welche unter allen kan’s verdienen? nein, das ist mir genug, daß ich die Stärke habe, dich, Lieber, deine Ruhe mir mehr seyn zu lassen, als Schande und Elend.
     Freilich! ach ja, ja! wenn’s noch so wäre! noch so, wie’s war, als du so Nachts dich zu mir hinstalst! da lag das kranke Mädchen im Bette in Fieberhitze um deinetwillen; aber sie hörte weit aus der Ferne den leisesten Tritt des Kommenden, der da kam zu ihr, zu ihr! eh er noch hustete das Zeichen der Liebe, daß er da wäre, o, da war das Mädchen schon auf der Treppe, stand schon liebumnebelt an der Thüre, fühlte nicht Eis und Stein unterm blossen Fusse. Thür auf! dem Jungen an den Hals! da durft’ es ihn küssen und herzen, und er sagte, es sey ihm Labung; durft ihn an sich drücken, daß der Athem der Liebe aus seinem Munde sie überströmte so voll, so süß, daß das taumelnde Geschöpf sich zu berauschen glaubte in höherer, wärmerer, himlischer Luft. Ach ja, wenn’s noch so wäre oder wie da, als du mich nun hattest in aller Sicherheit des Besizes; wenn du da mit mir machtest, daß ich oft glaubte, sterben zu müssen in der Ueberfülle des Lebens; wenn ich erlag deiner endlosen Liebe, daß die Welt und ich selbst meinen Sinnen verging, du dann hineindrangst in mein innerstes Sein, die fliehende Seele fest hieltest und zurück brachtest und ihr mitgabst von deiner Kraft, ach! und dann schwurst, daß du ewig, ewig der Schwachen und des Mitgebens nicht müde werden woltest, – wenn’s noch so wäre, so hätte bleiben können!
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     Was that ich denn, Karl? Ach, was kon’t ich? Nichts! Sey nicht ungerecht, und schäze das nicht zu hoch! Du mustest müde werden, mustest fort, wie die Biene von der Blume, der sie alles ausgesaugt hat. Ach, und ich fühlte das bald, wie es kam! und was konnt’ ich da? ich solte dein Unglück seyn? ich, Karl, dein Unglück? solte deine Gattin seyn wollen, ohne deine Geliebte seyn zu können? So eine Gattin nach Lebensmode, zu der ein Gatte sich frostig fügt, weil er muß? Und du vollends, glühender Junge, dem ohne Liebe kein Seyn ist, du dann allein ohne Liebe in einer weiten Schöpfung ihrer so voll! Und doch, wenn du so gesehen hättest, wie ich dir so ein liebes Weib gewesen wäre, hättest du mir’s nicht zu Leide thun wollen bei einer Andern Ersaz zu suchen; wärst dann langsam vergangen in meinen Armen, und es wäre kein Helfen gewesen, und ich dann endlich den Tod – ich, ich?
     Noch einmal, Karl; was war denn das alles? aber das gib mir dafür, wenn dir’s etwas ist, und denke nicht wieder so arg von deiner Marie, daß sie dich in das eiserne Joch spannen wolte.
     Ja, und doch, Karl, sagt’ ich, heirathen und sag’s noch einmal, du solst mich heirathen! sieh, hier liegen die Ringe! komm, lieber Junge!
     Was schadet das? ich weis es recht gut, daß du liebst. Vor einer halben Stunde – ich war auf der Strasse, um noch einmal mit liebenden Geistern deinem Fenster vorüber zu schleichen; da hört’ ich Musik in der Ferne: muste hin; es war unter Sophiens Fenstern, und ich ging vorüber, und nicht fern, da standst du, abgehärmt, wie du bist, zur Leiche; ich erkante dich im blossen Wiederscheine der Fackeln; ach, Karl, was das für ein Mädchen seyn muß, dich so abzuhärmen! dich, dich! o wenn’s die Mädchen wüsten, es so gefühlt hätten, und gekostet, welche Labung des Himmels es ist, von deinem Munde zu trinken aus dem vollen Glutmeere deines Gefühls! –
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     Heirathen? sieh, Karl, auch das fürchtete ich; wenn sie schlau ist, und sich’s alles will kosten lassen, dich nur zu besizen, so bringt sie dich dahin! Hätt’ ich das nicht auch können? nicht tausendmal können? aber ich liebte dich mehr, als mich; das war das Einzige! Doch, Karl, wenn’s nicht anders ist, wenn sie Stärke hat, wie ich nicht, und du gewis weist, mit ihr wird’s bleiben, wie’s mit deiner armen Marie nicht konte, – ja, so thu es, heirathe sie! aber sieh, desto eher muß ich doch in dich dringen, daß du zuerst mich heirathest.
     So sprich doch nur nicht! wilst du? sag, Karl, lieber Karl! soll ich den Geistlichen hereinrufen? Er wartet in der Küche.
     Ach, Karl, es ist nur um meines Kindes willen; um deines, deines! sieh, da liegt der Bube, der Arme, da auf dem Stroh! sieh, und tritt dann zum Spiegel! Karl, so ganz du! und über den solte das alles kommen – ach du weist ja! – all die Schande! Das Ebenbild meines Karls, das er mir unter meinem Herzen gelegt hat in seiner Liebe, das ich ihm trug und gebar in Schmerzen, die mir Wollust wurden um seinetwillen – herrlicher Mann, dein, dein Ebenbild solt’ ich sehen zum Preis hingeworfen, und zum Spotte für jedermann? ich bitte dich, Karl, sieh ihn nur an, den Buben!
     Daß du armer Mann doch den stumpfen Kopf hast, der nicht begreift. (sie trinkt) Karl, das war Gift! – sieh! so meint’ ichs!
     So nim dich doch nicht so, Karl! lieber Karl, lauf doch nicht so umher! es schwächt mich, dir so nachzulaufen, und sieh, Lieber, ich muß doch noch eine ganze Stunde haben.
     Und was denn? Sterben, Karl! es ist ja nur Sterben! und für dich, für dich! –
     Aber so schweig doch, daß der Geistliche nur nichts merkt; er könte wunders denken –
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     Herr Pfarrer!

(Der Pfarrer mit den Zeugen herein.
Die Zeremonie wird volzogen.
Der Pfarrer mit den Zeugen wieder ab.)


     Sieh, Karl, nun bin ich dein Weib! und hier lieg’ ich nun zu deinen Füssen, und bitte dich, daß du mir verzeihest dies alles. Karl, es war nur um des Kindes willen! Gott, dem ich komme, zum Zeugen, nur um des Kindes willen! hier lieg ich Mutter auf meinen Knieen, und hab ihn auf dem Arm, und danke dir mit ihm – sieh! wie er lächelt, der Engel! o, ich habe grosse Freude an ihm gehabt von der Stunde der Geburt an, in seinem Wachen und Schlafen; habe dich, dich an ihm gehabt! Und nun, nim du ihn hin, und sey sein Vater! er braucht keine Mutter mehr, oder den Vater wenigstens unentbehrlicher! laß meinen Tod ihm geben, Karl, was mein Leben ihm entzog, wenn es dir nicht das Deinige kosten solte! Und was ihm an meiner Liebe entgeht, o, wenn er dir nur werth wird, das wird ihm dein Herz mit Wucher ersezen: und werth – werth, denk ich doch –
     Nicht leben, Karl? du nun ohne mich nicht? Junge, mache mich nicht weichmütig! ach das schwache Geschöpf braucht ihren Mut ganz.
     Thu deinem Herzen keine Gewalt an, o du lieber Herlicher! dein Herz braucht Liebe; wie Luft. Sieh nur, jezt, jezt noch könte mir das vielleicht lieb seyn, wenn du mir das zusagtest – von keiner andern nach mir! und nach einer Stunde, gewis, gewis Karl, nach einer Stunde, wenn’s vollbracht ist, dann wäre mirs leid! und doch, du würdest ihn dann nicht vergessen, nicht brechen wollen den Schwur geschworen in der Stunde meines Todes, meines Todes für dich! und da wär ich dann doch ewig deine Qual! Gewis, Karl, das besizen wollen, so ohne alles Theilen, es ist nur Schwachheit, Schwachheit der Seele aus der Gemeinschaft mit ihrem Gefährten von Staub. Wenn der nur wieder hingefallen ist, – o dort oben, im Reiche ihrer Verklärung
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umfast die Seele wieder gros und gränzenlos! ich werde auf dich von da herabsehen, auf dich, und das Mädchen deiner neuen Wahl; werd’ eurer Liebe mich freuen, und sie lieben für dein Glück, und harren dem Tage, wo wir dann alle, zusammengeschmolzen in Eine hohe liebende Seele, Eins sind in alle Ewigkeit!
     So fasse doch den Gedanken zur Ruhe; ich bitte dich, Karl! ich werde schwächer. Kom, trag mich aufs Bette! – doch ein sonderbares Gefühl!
     Und nun gib mir das Kind im Arm!
     So!
     Wenn dieser Arm nun erstart ist, Karl, dann nim den Liebling meines Herzens zu dir, und trag ihn in deiner Seele, so ist er geborgen. Wenn du ihn ansiehst, dann denk zuweilen, wer ihn dir gebar, und wie sie dich liebte, und sich für dich hingab bis zum Tode! Und wenn er herangewachsen ist, daß er dich versteht, dann sprich mit ihm von seiner Mutter, hörst du, Karl, ach! und was sie für ihn that! für ihn und dich!
     In deinem Arme noch! o du Herlicher, Einziger! so hinüberschlummern in deinem Arm!
     Nicht den Mund, Karl, um des Giftes willen! aber die Wange! – So! – recht fest! – ich schlumre ein! fester! – ich fühl’s nicht mehr! – fester, fester an dich! – Karl, es ist aus! O! o! – gute Nacht! – Karl!


Kommentar

D1: Deutsches Museum, 1778, Bd. 2, St. 9, S. 232–239.

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Seele […] Schmetterling: Durch die griechische Mythologie vermittelt, ist der Schmetterling (gr. psyche) ein Symbol für die Seele: „Man bildet sie [Psyche] ordentlicher Weise mit Schmetterlingsflügeln ab […] Daß die Seele aber durch einen Schmetterling abgebildet worden, dazu ist vielleicht der erste Anlaß gewesen, daß eine Art derselben im Griechischen eben so, wie sie, Psyche, heißt.“ (Hederich 2119)
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den ganzen ausgeschlagenen Tag: „Ausschlagen […] Bis zu Ende schlagen. Ehe es neun ganz ausschlägt, von der Uhr.“ (Adelung I 635f.)
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zum Preis hingeworfen: „Der Preis […] überhaupt eine Sache, welche der Willkühr eines jeden überlassen ist; wo es aber nur noch […] in verschiedenen Redensarten üblich ist […] Etwas Preis geben, es der Willkühr eines jeden überlassen.“ (Adelung II 830)
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mit Wucher: mit Wucherzinsen.
mit ihrem Gefährten von Staub: Gemeint ist der Körper.
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sich für dich hingab bis zum Tode: Im Kontext des religiös-übersteigerten Tons der Sprecherin als Anspielung auf Christus zu lesen.