[232]
Mariens
Reden bei ihrer Trauung.
Ein Fragment.*)
[*) Freilich,
hat Karl bei dieser Trauung auch gesprochen; aber, da sich alles, was
er sagte, aus Mariens Reden schon abnehmen läßt, so,
schien es überflüssig, auch die seinigen
aufzuschreiben.]
(Ein Kämmerchen in dem Hause einer
armen Frau in einem abgelegenen Winkel der Stadt. Mitternacht, Marie
in ängstlicher Erwartung. Es wird geklopft; sie stellt sich an
die Thüre. Karl herein im Mantel verhüllt. Marie ihm um den
Hals.)
Hab ich dich, Karl? Lieber, Lieber! hab ich
dich?
Ja,
ja, ich bins!
Ja,
sieh, ich bin wieder hier; ich kan nicht helfen; So nims doch
nicht so übel, lieber Herzensjunge? ich weis gar wohl,
ich versprach dir, du soltest mich nicht mehr sehen; aber nims
nicht so übel! Nur einmal, nur dieses einzigemal noch! Nur ein
kleines Stündchen, dann, Karl! dann mags seyn: nie
wieder!
[233]
Was
ich will? Du solst mich heirathen.
O
geh doch! kan ichs so meinen? kan ich spielen wollen mit
dir? ich mit dir? wie in der Komödie wie heißt sie?
wo die alte Kuplerin von Tante ihre Leute bewafnet hat, und dann dem
dem Karl des Stücks, so trozig zuruft: wilst du oder
wilst du nicht? kan ichs so meinen? Lieber, bin ich denn nicht
die Erste gewesen, ich selbst die Erste, die es gesagt hat von uns,
heirathen nun und nimmermehr!
Wahnwitzig?
ach, Karl; verlassen von dir meinst du, daß noch so ein
Glück für mich auf Erden ist?
Meine
Eltern? Ja, die werden auch!
Nein,
sey deß versichert, Karl; es ist kein Gedanke mehr an mich in
ihren Herzen. Wie könt es auch? Sie hatten sich ein
kleines hülfloses Geschöpf erzogen in ihrem Schoos, und
wolten ihre Freude daran haben ihr Lebelang: und hattens dann auch
anfangs; aber das Mädchen wuchs heran, und die Zeit kam, daß
es eigene Freude haben wolte, und es fand sie. Und sieh, wenns
nun so kam, daß die Alten sich fragten, wo ist unser Liebes,
daß wir uns freuen? so wars nicht da, oder wenns auch da
war, doch nicht mehr mit der fühlenden, erkentlichen, theilenden
Seele, war seiner eignen Freude nach, die vor ihm herflatterte, wie
ein Schmetterling, daß es nach muste ohne Rast, Tag und Nacht.
Deß verloren die Alten ihre Freude, und verriegelten ihm die
Thür; aber das Mädchen brach die Thür auf und lief
seinem Schmetterling doch nach, und wolte da nicht wieder heim, weil
sichs vor dem Verriegeln fürchtete. Da zogen die Alten
ihre Liebe von ihm, gewis, Karl, ganz ab von ihm!
Und
wenns so wäre, wies gewis, gewis nicht ist, was
wolten sie dann? mich einsperren? höre, Karl! soll ich dirs
sagen? in dem Dörfchen da, wo du mich hinbrachtest
freilich, war mirs anfangs ein Himmel, als du, lieber Junge, da
noch so hinkamst, täglich anfangs, daß ich mir gewis sagen
konte, bei jeder Thräne, die mir ins
[234]
Auge kam: jezt
nur noch so lang, dann ist er da, und läst euch weg! daß
ich dir entgegen konte in jeder Dämmerung, auf dich harren, und
du dann kamst, und ich auf dich hinein in Wut der Liebe! auch
hernach noch, als des Kommens schon weniger ward, und ich Abends oft
vom Entgegengehen allein wieder zurück muste, aber doch immer
noch zu mir sagen konte in der langen Nacht: Morgen, Morgen! Aber als
es endlich nun ganz aus war, ach Karl, Karl, ganz aus! kein Kommen,
kein Sehen mehr seyn solte! und das Dörfchen mir nun eine Hölle
war, weist du, warum ich blieb? da blieb den Alten so nah?
Einsperren, dacht ich; sie werden kommen, und sperren den
Flüchtling ein.
Warum?
Karl, solt ich das nicht wünschen? Es liegt ja am Walle,
dacht ich, das Zuchthaus, und da sind jezt die herlichen
Spaziergänge, und ich erinnerte mich, wenn ich Sontags
sonst auf den Wällen spazieren ging, dann lagen die armen
Geschöpfe da am Fenster, und sahen hinaus, wo sie nicht
hindurften. Da lieg ich dann auch, dacht ich, so jeden
Sontag, den Gott kommen läst, den ganzen ausgeschlagenen Tag,
und harre, und harre! Huy, da um die Ecke! da komt dein Karl denn,
und geht vorüber, und ich seh ihn! wol ganze drei Minuten
muß er Stand halten, daß ich ihn sehen kan! o, und was
ist denn eine ganze Woche im Schweiß der Arbeit, und im Schmerz
von Prügel, wenn ich einmal zu viel an ihn gedacht habe, gegen
drei solche Minuten!
Will
ich das? dich weich machen? nein, Knab, wenn du das denken kanst, das
von deiner Marie nach dem Allen dann, weis ich
nicht.
Verzeihen?
Karl, ich bitte dich, sprich das Wort nicht wieder! verzeihen! ich
kans hassen auf deinen Lippen, wie Tod. Wenn ich denke, so ein
armseliges Geschöpf, ein Mädchen! und da steht denn da ein
Mann vor ihm, wie du, dem sich alles Gefühl beugen muß,
und der spricht von verzeihen! o Karl, wenn ich mich noch
ein-
[235]
mal recht groß denken wil, weist du, wie ichs
anstelle? da überdenke ich dich ganz, und wenn mir dann
schwindelt von dir, und ich mir doch sagen kan, der Mann fand genug
an dir, ein ganzes Jahr fast genug, für Geist und Herz mit all
ihren endlosen Kräften, sieh, dann bin ich über alles weg,
und fühle, daß ich doch auch kein Mädchen bin, wie
jedes andere.
Nein,
Karl, sage das nicht! Verdienen? welche unter allen kans
verdienen? nein, das ist mir genug, daß ich die Stärke
habe, dich, Lieber, deine Ruhe mir mehr seyn zu lassen, als Schande
und Elend.
Freilich!
ach ja, ja! wenns noch so wäre! noch so, wies war,
als du so Nachts dich zu mir hinstalst! da lag das kranke Mädchen
im Bette in Fieberhitze um deinetwillen; aber sie hörte weit aus
der Ferne den leisesten Tritt des Kommenden, der da kam zu ihr, zu
ihr! eh er noch hustete das Zeichen der Liebe, daß er da wäre,
o, da war das Mädchen schon auf der Treppe, stand schon
liebumnebelt an der Thüre, fühlte nicht Eis und Stein
unterm blossen Fusse. Thür auf! dem Jungen an den Hals! da
durft es ihn küssen und herzen, und er sagte, es sey ihm
Labung; durft ihn an sich drücken, daß der Athem der Liebe
aus seinem Munde sie überströmte so voll, so süß,
daß das taumelnde Geschöpf sich zu berauschen glaubte in
höherer, wärmerer, himlischer Luft. Ach ja, wenns
noch so wäre oder wie da, als du mich nun hattest in aller
Sicherheit des Besizes; wenn du da mit mir machtest, daß ich
oft glaubte, sterben zu müssen in der Ueberfülle des
Lebens; wenn ich erlag deiner endlosen Liebe, daß die Welt und
ich selbst meinen Sinnen verging, du dann hineindrangst in mein
innerstes Sein, die fliehende Seele fest hieltest und zurück
brachtest und ihr mitgabst von deiner Kraft, ach! und dann schwurst,
daß du ewig, ewig der Schwachen und des Mitgebens nicht müde
werden woltest, wenns noch so wäre, so hätte
bleiben können!
[236]
Was
that ich denn, Karl? Ach, was kont ich? Nichts! Sey nicht
ungerecht, und schäze das nicht zu hoch! Du mustest müde
werden, mustest fort, wie die Biene von der Blume, der sie alles
ausgesaugt hat. Ach, und ich fühlte das bald, wie es kam! und
was konnt ich da? ich solte dein Unglück seyn? ich, Karl,
dein Unglück? solte deine Gattin seyn wollen, ohne deine
Geliebte seyn zu können? So eine Gattin nach Lebensmode, zu der
ein Gatte sich frostig fügt, weil er muß? Und du vollends,
glühender Junge, dem ohne Liebe kein Seyn ist, du dann allein
ohne Liebe in einer weiten Schöpfung ihrer so voll! Und doch,
wenn du so gesehen hättest, wie ich dir so ein liebes Weib
gewesen wäre, hättest du mirs nicht zu Leide thun
wollen bei einer Andern Ersaz zu suchen; wärst dann langsam
vergangen in meinen Armen, und es wäre kein Helfen gewesen, und
ich dann endlich den Tod ich, ich?
Noch
einmal, Karl; was war denn das alles? aber das gib mir dafür,
wenn dirs etwas ist, und denke nicht wieder so arg von deiner
Marie, daß sie dich in das eiserne Joch spannen
wolte.
Ja,
und doch, Karl, sagt ich, heirathen und sags noch einmal,
du solst mich heirathen! sieh, hier liegen die Ringe! komm, lieber
Junge!
Was
schadet das? ich weis es recht gut, daß du liebst. Vor einer
halben Stunde ich war auf der Strasse, um noch einmal mit
liebenden Geistern deinem Fenster vorüber zu schleichen; da
hört ich Musik in der Ferne: muste hin; es war unter
Sophiens Fenstern, und ich ging vorüber, und nicht fern, da
standst du, abgehärmt, wie du bist, zur Leiche; ich erkante dich
im blossen Wiederscheine der Fackeln; ach, Karl, was das für ein
Mädchen seyn muß, dich so abzuhärmen! dich, dich! o
wenns die Mädchen wüsten, es so gefühlt hätten,
und gekostet, welche Labung des Himmels es ist, von deinem Munde zu
trinken aus dem vollen Glutmeere deines Gefühls!
[237]
Heirathen?
sieh, Karl, auch das fürchtete ich; wenn sie schlau ist, und
sichs alles will kosten lassen, dich nur zu besizen, so bringt
sie dich dahin! Hätt ich das nicht auch können? nicht
tausendmal können? aber ich liebte dich mehr, als mich; das war
das Einzige! Doch, Karl, wenns nicht anders ist, wenn sie
Stärke hat, wie ich nicht, und du gewis weist, mit ihr wirds
bleiben, wies mit deiner armen Marie nicht konte, ja, so
thu es, heirathe sie! aber sieh, desto eher muß ich doch in
dich dringen, daß du zuerst mich heirathest.
So
sprich doch nur nicht! wilst du? sag, Karl, lieber Karl! soll ich den
Geistlichen hereinrufen? Er wartet in der Küche.
Ach,
Karl, es ist nur um meines Kindes willen; um deines, deines! sieh, da
liegt der Bube, der Arme, da auf dem Stroh! sieh, und tritt dann zum
Spiegel! Karl, so ganz du! und über den solte das alles kommen
ach du weist ja! all die Schande! Das Ebenbild meines Karls,
das er mir unter meinem Herzen gelegt hat in seiner Liebe, das ich
ihm trug und gebar in Schmerzen, die mir Wollust wurden um
seinetwillen herrlicher Mann, dein, dein Ebenbild solt
ich sehen zum Preis hingeworfen, und zum Spotte für jedermann?
ich bitte dich, Karl, sieh ihn nur an, den Buben!
Daß
du armer Mann doch den stumpfen Kopf hast, der nicht begreift. (sie
trinkt) Karl, das war Gift! sieh! so meint
ichs!
So
nim dich doch nicht so, Karl! lieber Karl, lauf doch nicht so umher!
es schwächt mich, dir so nachzulaufen, und sieh, Lieber, ich muß
doch noch eine ganze Stunde haben.
Und
was denn? Sterben, Karl! es ist ja nur Sterben! und für dich,
für dich!
Aber
so schweig doch, daß der Geistliche nur nichts merkt; er könte
wunders denken
[238]
Herr
Pfarrer!
(Der Pfarrer mit den Zeugen herein.
Die
Zeremonie wird volzogen.
Der Pfarrer mit den Zeugen wieder
ab.)
Sieh,
Karl, nun bin ich dein Weib! und hier lieg ich nun zu deinen
Füssen, und bitte dich, daß du mir verzeihest dies alles.
Karl, es war nur um des Kindes willen! Gott, dem ich komme, zum
Zeugen, nur um des Kindes willen! hier lieg ich Mutter auf meinen
Knieen, und hab ihn auf dem Arm, und danke dir mit ihm sieh!
wie er lächelt, der Engel! o, ich habe grosse Freude an ihm
gehabt von der Stunde der Geburt an, in seinem Wachen und Schlafen;
habe dich, dich an ihm gehabt! Und nun, nim du ihn hin, und sey sein
Vater! er braucht keine Mutter mehr, oder den Vater wenigstens
unentbehrlicher! laß meinen Tod ihm geben, Karl, was mein Leben
ihm entzog, wenn es dir nicht das Deinige kosten solte! Und was ihm
an meiner Liebe entgeht, o, wenn er dir nur werth wird, das wird ihm
dein Herz mit Wucher ersezen: und werth werth, denk ich doch
Nicht
leben, Karl? du nun ohne mich nicht? Junge, mache mich nicht
weichmütig! ach das schwache Geschöpf braucht ihren Mut
ganz.
Thu
deinem Herzen keine Gewalt an, o du lieber Herlicher! dein Herz
braucht Liebe; wie Luft. Sieh nur, jezt, jezt noch könte mir das
vielleicht lieb seyn, wenn du mir das zusagtest von keiner
andern nach mir! und nach einer Stunde, gewis, gewis Karl, nach einer
Stunde, wenns vollbracht ist, dann wäre mirs leid! und
doch, du würdest ihn dann nicht vergessen, nicht brechen wollen
den Schwur geschworen in der Stunde meines Todes, meines Todes für
dich! und da wär ich dann doch ewig deine Qual! Gewis, Karl, das
besizen wollen, so ohne alles Theilen, es ist nur Schwachheit,
Schwachheit der Seele aus der Gemeinschaft mit ihrem Gefährten
von Staub. Wenn der nur wieder hingefallen ist, o dort oben,
im Reiche ihrer Verklärung
[239]
umfast die Seele wieder
gros und gränzenlos! ich werde auf dich von da herabsehen, auf
dich, und das Mädchen deiner neuen Wahl; werd eurer Liebe
mich freuen, und sie lieben für dein Glück, und harren dem
Tage, wo wir dann alle, zusammengeschmolzen in Eine hohe liebende
Seele, Eins sind in alle Ewigkeit!
So
fasse doch den Gedanken zur Ruhe; ich bitte dich, Karl! ich werde
schwächer. Kom, trag mich aufs Bette! doch ein
sonderbares Gefühl!
Und
nun gib mir das Kind im Arm!
So!
Wenn
dieser Arm nun erstart ist, Karl, dann nim den Liebling meines
Herzens zu dir, und trag ihn in deiner Seele, so ist er geborgen.
Wenn du ihn ansiehst, dann denk zuweilen, wer ihn dir gebar, und wie
sie dich liebte, und sich für dich hingab bis zum Tode! Und wenn
er herangewachsen ist, daß er dich versteht, dann sprich mit
ihm von seiner Mutter, hörst du, Karl, ach! und was sie für
ihn that! für ihn und dich!
In
deinem Arme noch! o du Herlicher, Einziger! so hinüberschlummern
in deinem Arm!
Nicht
den Mund, Karl, um des Giftes willen! aber die Wange! So!
recht fest! ich schlumre ein! fester! ich fühls
nicht mehr! fester, fester an dich! Karl, es ist aus!
O! o! gute Nacht! Karl!
Kommentar
D1:
Deutsches Museum, 1778, Bd. 2, St. 9, S. 232239.
233
Seele
[
] Schmetterling: Durch die griechische Mythologie
vermittelt, ist der Schmetterling (gr. psyche) ein Symbol für
die Seele: Man bildet sie [Psyche] ordentlicher Weise mit
Schmetterlingsflügeln ab [
] Daß die Seele aber durch
einen Schmetterling abgebildet worden, dazu ist vielleicht der erste
Anlaß gewesen, daß eine Art derselben im Griechischen
eben so, wie sie, Psyche, heißt. (Hederich 2119)
234
den
ganzen ausgeschlagenen Tag: Ausschlagen [
] Bis
zu Ende schlagen. Ehe es neun ganz ausschlägt, von der
Uhr. (Adelung I 635f.)
237
zum Preis
hingeworfen: Der Preis [
] überhaupt eine
Sache, welche der Willkühr eines jeden überlassen ist; wo
es aber nur noch [
] in verschiedenen Redensarten üblich
ist [
] Etwas Preis geben, es der Willkühr eines
jeden überlassen. (Adelung II 830)
238
mit
Wucher: mit Wucherzinsen.
mit ihrem Gefährten von
Staub: Gemeint ist der Körper.
239
sich für
dich hingab bis zum Tode: Im Kontext des religiös-übersteigerten
Tons der Sprecherin als Anspielung auf Christus zu lesen.