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LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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21.6.-27.9.2020

Vom Schuften und Chillen

Warum wir arbeiten

In rund 200 Jahren hat das Bild von Arbeit einen großen Wandel erfahren. Während sie zur Zeit der Industrialisierung noch der reinen Existenzsicherung diente, wird sie heute meist als Persönlichkeitsentfaltung und Selbstverwirklichung aufgefasst. Andere träumen sogar schon von einem Leben ohne Arbeit oder fordern ein gesichertes Grundeinkommen. Die Sonderausstellung fragt, warum wir arbeiten, wer Arbeit definiert und wie sie in der Zukunft aussehen wird .

Zwei Schreinergesellen in der Kunsttischlerei Aton Spilker, Steinheim, um 1950, Foto: Möbelmuseum Steinheim
Von Daniel Frijette handgefertigtes und für die Ausstellung gespendetes "Hypospray". Foto: LWL

Smarte Produktion, vernetzte Fabrik und Industrie 4.0 sind die Schlagworte, die die Diskussion über die Arbeit der Zukunft bestimmen. Die Digitalisierung der Arbeitswelt wird mit Umbrüchen einhergehen. In vielen Bereichen wird menschliche Arbeit durch digitale Prozesse und Unterstützungsleistungen ersetzt werden. Die Vision ist eine fast bis zur Autonomie automatisierte, komplett vernetzte und höchst effiziente Produktion. Damit einher geht die Angst der Menschen, vollständig durch Maschinen und Roboter ersetzt und von Algorithmen bestimmt zu werden.

Die Ausstellung spürt dem Wandel der Arbeit nach, fragt nach Ängsten und Hoffnungen angesichts ungewisser beruflicher Perspektiven und den Grenzen der Digitalisierung. Das Spektrum der rund 100 Exponate reicht von historischen Plakaten über Objekte wie einer Stempeluhr bis hin zum Nachbau einer Hightech-Spritze aus der Star-Trek-Reihe: Das "Hypospray" kann Medikamente nicht nur schmerzfrei verabreichen, sondern sie auch selbst herstellen. Es steht damit für eine Zukunftsvision, in der der Beruf des Apothekers überflüssig geworden ist. Einer der Höhepunkte ist der "Futuromat", der den Besuchern verrät, welche Arbeitsplätze verschwinden und welche bleiben werden. An einem "Demonstrator" des Fraunhofer-Instituts in Lemgo können Besucherinnen eigenständig einen Ziegelbogen zusammenbauen.

Hintergrund

Die Diskussionen über den Wert der Arbeit für den Menschen begannen in der Antike. Der griechische Philosoph Aristoteles sah in der Muße das Ziel eines guten Lebens. Er verstand darunter allerdings weniger Völlerei und Faulheit, sondern eher das Studium und die Philosophie. Arbeiten durften für diese Freiheiten die Sklaven und einfachen Arbeiter. In der frühen Neuzeit arbeitete die gesamte Familie. Die Arbeitszeit wurde von Sonnenaufgang und -untergang bestimmt. Die Familie und das soziale Umfeld kümmerten sich um die Armen und Arbeitsunfähigen. Im Sommer wurden der Garten und die Felder bestellt. Im Winter stand die Arbeit am Spinnrad im Mittelpunkt.

Mit Beginn der Industrialisierung war Arbeit plötzlich an einen festen Ort und eine vorgegebene Zeit gebunden. Nicht mehr die Sonne bestimmte die Arbeitszeit, sondern das elektrische Licht. Die Arbeitskraft bestimmte jetzt den Wert eines Menschen. Ständige Konkurrenz beförderte den Kampf um Arbeit und den eigenen Lebensunterhalt. Zentrales Exponat im Ausstellungsbereich zum Industriezeitalter ist die Stempeluhr "Bundy". Das Stempelwerk der 1910 hergestellten Uhr druckte die Nummer des Beschäftigten und die Uhrzeit seines Kommens und Gehens auf einen Papierstreifen. Damit hielt die exakte und individuelle Zeiterfassung Einzug in die Betriebe.

Im 19. Jahrhundert waren nicht alle Menschen bereit, den vorgezeichneten Weg der Industrialisierung mitzugehen. Utopisten wie Paul Lafargue, der das Recht auf Faulheit propagierte, träumten von einer anderen Gesellschaft und einem Leben ohne Arbeit. Über 15.000 Menschen begleiteten seinen Sarg auf den Pariser Friedhof Père Lachaise. In der Ausstellung ist eines der ersten Drucke seiner Streitschrift ausgestellt.

Deutsche Ausgabe des Buches "Das Recht auf Faulheit" von Paul Larfargue, 1982. Foto: LWL