Ziegeleimuseum Lage

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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28.4.-29.9.2019

Backsteinhistorismus

Architekturepoche oder Stilsünde?

Historistische Gebäude aus der Zeit zwischen 1850 und 1914 bestimmen heute noch das Bild vieler Städte. Die Gebäude mit dem bunten Mix mehrerer Stilrichtungen gelten heute wieder als spannend und anregend, Gebäudeensembles wie die Berliner Charité prägen ganze Stadtteile. Die Ausstellung zeigt in vielen Abbildungen und Exponaten an Beispielen aus Ostwestfalen-Lippe, dem Ruhrgebiet und Berlin den Formenreichtum der Ziegelbauten des Historismus.

Eine Ausstellung im Verbundprojekt „Alles nur geklaut? Die abenteuerlichen Wege des Wissens“.

Foto: LWL/Hudemann

Ein umstrittenes Phänomen

Historistische Gebäude aus der Zeit zwischen 1850 und 1914 bestimmen heute noch das Bild vieler Städte. Die Gebäude mit dem bunten Mix mehrerer Stilrichtungen gelten heute wieder als spannend und anregend, Gebäudeensembles wie die Berliner Charité prägen ganze Stadtteile. Tausende Touristen besuchen die Neue Synagoge in Berlin oder lassen sich durch den Park der Ravensberger Spinnerei in Bielefeld führen. Die Architekturkritik sah im Historismus lange Zeit keine eigene Stilrichtung. Bereits im 19. Jahrhundert, aber vor allem in den 1920er und 1930er Jahren wurde ihm nachgesagt, nur rückwärtsgewandt gewesen zu sein und keine Originalität entwickelt zu haben. Mangels eigenständiger Ausdrucksformen habe er lediglich auf bewährte Stile der Geschichte zurückgegriffen, dabei seien substanzlose Produkte und geschmacklose Massenware entstanden, die ältere Stile nur nachahmen oder die Natur wahllos kopieren.

Diese Geringschätzung führte zu einem großen Verlust an historistischen Gebäuden dieser Zeit in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Obwohl sie nur wenige Gebäude Kriegsschäden aufwiesen, wurden sie nicht wiederhergestellt, sondern abgebrochen und durch Neubauten ersetzt. Die Architekten der 1950er und 1960er Jahre sagten den historisierenden Stuckelementen den Kampf an und beraubten die Gebäude ihrer dekorativen Elemente. Eine neue Sachlichkeit sollte die überbordende Gestaltung des Historismus ablösen.

Neu-Interpretationen

Historismus bezeichnet die Übernahme griechischer, romanischer, gotischer und barocker Bau- und Gestaltungsstile. Die verschiedenen Stilrichtungen wurden durch Voranstellen der Silbe „Neu“ oder „Neo“, z. B. in Neugotik, Neoromanik oder Neoklassizismus, von den Vorbildern unterschieden. In Deutschland entwickelte sich häufig ein Mischstil, der sich aus Elementen der Gotik, der Renaissance und des Barocks zusammensetzte.

Der Historismus griff viele Architekturformen der Backsteingotik auf. Kirchen, Verwaltungsgebäude und Industrieanlagen entstanden im Stil der prunkvollen repräsentativen Gebäude der Hanse. Die Architekten entdeckten den Ziegelstein als Zierelement, mit dem sich ganze Gebäude aber auch dekorative Fassadenelemente gestalten ließen. Mit dem Backstein stand den Bauherren der Baustoff unbegrenzt zur Verfügung, anders als bei Sandstein oder Holz. Er wurde in der unmittelbaren Umgebung produziert, um lange Transportwege zu vermeiden. Er kam als günstiger Hintermauerziegel in verputzten Gebäuden oder als aufwändig produzierter Klinker in vielfältigen Formen zum Einsatz. Die Architekten bestellten die Formziegel und glasierten Klinker aus Musterkatalogen, die ihnen die Ziegeleien zur Verfügung stellten.

Detail in der Fassade eines Wohnhauses an der Friesenstraße in Berlin-Kreuzberg. Foto: Luise Wagener
Gutbürgerliches Wohnhaus am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg. Foto: Luise Wagener

Ausdrucksform einer neuen Wirtschaftselite

Mit der beginnenden Industrialisierung entstand ein Bürgertum, das sich neben dem Adel und den Kaufleuten zu einer neuen Wirtschaftselite mit Einfluss und Macht entwickelte. Dieses neue Industriebürgertum suchte nach seiner Rolle in der Gesellschaft. Der Historismus bot ihm durch An­leihen bei alten Architekturstilen die Möglichkeit, diesen Wunsch nach Anerkennung in der Gesellschaft durch eindrucksvolle neue Industriebauten und repräsentative Wohnhäuser und Villen zum Ausdruck zu bringen. Die Kraftzentrale der Fabrik, das Maschinenhaus, glich in seiner Gestaltung –  nicht selten mit fast schon sakralem Charakter – häufig einem romanischen oder gotischen Kirchenbau.

Die Eingangsbereiche der großen Wohngebäude zitierten mit ihren hohen Säulen und Kapitellen die Architektur griechischer Tempel und dienten der Repräsentation. Prunkvolle, wuchtige und überladene Interieurs und Einrichtungsgegenstände bestimmten die Innenräume vieler Wohnungen und Villen.

Die Ausstellung veranschaulicht in vielen Bildern, wie der Historismus das Gesicht der Städte geprägt hat. Zahlreiche Ziegelexponate verdeutlichen den Formenreichtum in der Architektur dieser Zeit. Porzellangeschirre, Vasen, Gläser, Skulpturen und eine Monstranz zeugen von der überbordenden Ornamentik der Gestalter des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule OWL. Die Studierenden des Fachbereichs Architektur und Innenarchitektur bauten im Rahmen eines Seminars bei Professor Karl-Manfred Rennertz Modelle und Kopien von Elementen historistischer Bauten in Detmold nach, die in der Ausstellung zu sehen sind.