Zeche Hannover

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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01.05.2010 bis 01.06.2010 - Essen Kettwig

Spurensuche

Die Griechen von Kettwig

In den alten Produktionsstätten der Joh. Wilh. Scheidt AG werden Geschichten erzählt: Von einer alten Tuchmacherdynastie in Kettwig an der Ruhr. Von griechischen Frauen, die hier zu Hunderten im Akkord spinnen. Von griechische Männern, die am Sonntag fein gekleidet an der Ruhr flanieren gehen. Von Produktionsverhältnissen und anderen Verhältnissen.

Ausstellung

Die Geschichte der Griechen von Kettwig bietet die seltene Gelegenheit einer wahrhaft multiperspektivischen Erzählung. Visuelles Zentrum der Ausstellung waren die Karteikarten der Firmendatei Scheidt, auf denen die Namen und Daten der griechischen „Gastarbeiter“ festgehalten sind. Davon ausgehend begann die „Spurensuche“ nach den individuellen Lebensgeschichten. Während ein Erzählstrang die Unternehmensgeschichte rekonstruiert und die Erfordernisse sich modernisierender Arbeitsprozesse nachvollzieht, werden die unterschiedlichen „geteilten“ Erinnerungen von Griechen wie von Deutschen, von Arbeitnehmern wie Arbeitgebern, von erster wie dritter Generation zu weiteren Fäden der Erzählung gesponnen. Die Gegenüberstellung und Verknüpfung deutscher und griechischer Erinnerungskulturen, von Unternehmensgeschichte, Alltagskultur und Stadtentwicklung macht die Geschichte Essen-Kettwigs und seiner Griechen einzigartig und unverwechselbar.

Konzept

Die Ausstellungsdramaturgie folgt dem Kinderspiel „Himmel und Hölle“ – das in Griechenland der vorchristlichen Zeit noch ein Initiationsspiel für Erwachsene war. Ebensolch einer „Initiation“ ins Thema Migration gleicht auch die Ausstellung. Im Eingangsbereich sind „Drama“ und „Dramaturgie“ der Migration nach diesem Schema auf den Boden aufgemalt. Nach dieser Grundanordnung wiederholen sich die Stationen auch im Raum. So „durchläuft“ der Besucher die auf 450 qm inszenierten, großen emotionalen Momente der Migration: Aufbruch aus dem Dorf (für die Anmutung dieser Vorgeschichte war eigens ein Tabakfeld angelegt worden), Eignungsprüfung bei der deutschen Kommission, Überfahrt auf der legendären Fähre Kolokotronis etc. Außerdem gewinnt man vielfältige Einblicke in die Sphären der Schichtarbeit, sowie in die wichtigen Erinnerungsorte des griechischen Alltagslebens in Kettwig: der Treffpunkt im Hexenberg-Kino, wo man sich griechische Heimatfilme ansah oder „Sporia“ (Sonnenblumenkerne) knabberte (eigene Installation), die Kneipe Mouline Rouge, wo die Kinder zum Nationalfeiertag ihre Gedichte aufsagten und die Jungs nachts ihre Väter vom Spieltisch loseisten, die sonntägliche „Volta“ an der Ruhr mit dem Picknick am nahe gelegenen Ententeich.

Exponate

Die Ausstellung bestand aus vielfältigem Fotomaterial (ca. 400). Aus sogenannten „Soundduschen“ über jeder Abteilung konnten Interviewsequenzen von Zeitzeugen die Exponate selbst kommentieren. Exponate wie: Reisigbesen und andere Erinnerungsstücke aus dem Dorf, Ticket der Überfahrt auf der Kolokotronis, Zugschild Sonderzug Thessaloniki – München, Wohnzimmerinstallation „Nippes Transnational“ mit Statuetten griechischer Halbgötter und ausgestopften Eichhörnchen. „Prika“ (Aussteuer), Wohnheimartikel wie Besteck, Geschirr, Hausordnung, Wohnheimausweis, Werkzeug Kammgarnspinnerei, Glücksspielautomat, Zapfanlage Moulin Rouge, Nähmaschine (Selbstständigkeit), Ausgehgarderoben Volta Ruhr, erste Kamera, erstes Handy, erstes Skateboard, „Souvenirs aus der Heimat“, Exponate zur Firmengeschichte Scheidt.

Resonanz

Das Publikum mochte die Ausstellung: Nicht nur die Kettwiger Griechen, die mit ihren Kindern, Enkeln und Bekannten aus ganz Deutschland anrückten und die Ausstellung zu ihrem „Ort“ machten, sondern auch ein „mehrheitsdeutsches“ Publikum, das sich für Firmengeschichte oder allgemein die Gastarbeiterära interessierte.


Die Regionalpresse schrieb:

„Sie zeigt, wie das zusammenwuchs, was nicht mehr trennbar ist. Vertrauen ist es, das diese Spurensuche" so erlebenswert macht. Eingepasst in den historischen Kontext, doch immer sind es einzelne, geradezu intime Fragmente, die faszinieren und berühren. Behutsam und überaus kundig sind die Ausstellungsmacher zu Werke gegangen - und ihre griechischen Interviewpartner haben erstaunlich viel Nähe zugelassen. Eine Nähe, die bei jedem Exponat, jedem Foto, jedem Zitat spürbar ist. Die Ausstellung ist nicht eines dieser kopflastigen Projekte, die Ruhr.2010 manches Mal so schwer verdaulich und schwer begreifbar machen. Sie ist ein wertvolles Projekt, das ein wichtiges Stück Ruhrgebietsgeschichte visualisiert."

Informationen und Kontakt

Ansprechpartner:
Dr. Manuel Gogos
Am Kriegersgraben 50
53227 Bonn
0228-2275090
manuelgogos@gmx.de