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LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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30.01.2011 bis 27.03.2011 - Kreuzberg Museum Berlin

NeuZugänge Migrationsgeschichten in Berliner Sammlungen

Eine Laborausstellung

Vier Museen – das Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg, das Stadtmuseum Berlin, das Museum für Islamische Kunst und das Museum der Dinge – sowie das Forschungsprojekt „Experimentierfeld Museologie“ (TU Berlin) nähern sich dem Thema Sammlung und Migration und kulturelle Vielfalt an.

Durch die Zusammenarbeit von Museen mit unterschiedlichem Profil – vom Stadtteilmuseum bis zum Kunstmuseum – treffen unterschiedliche Definitionen von „Migration“ und „kultureller Vielfalt“ aufeinander. Und es begegnen sich Museen der Hoch- und der Alltagskultur in einer gemeinsamen Ausstellung.

Scheinbar eindeutige Begriffe wie Migration, kulturelle Vielfalt, Hoch- und Alltagskultur können so konstruktiv zur Diskussion gestellt werden.

Konzept

Die Sammlungen der Museen neu sichten: 4 x 2 Objekte aus Museen

Die beteiligten Museen richteten zunächst den Blick auf die eigenen bestehenden Sammlungen. Es wurde jeweils gefragt:

Gibt es womöglich verborgene Schätze in den Depots, die man aufspüren könnte – Objekte, die Geschichten über Migration und kulturelle Vielfalt erzählen, aber bisher aus anderen Gründen im Museum bewahrt worden sind? Und wenn es diese „Migrationsobjekte“ gibt: Wie müsste man sie in Zukunft dokumentieren und beschreiben, um ihre Bedeutungsvielfalt für Museumsmitarbeiter und –besucher besser zugänglich zu machen?

Als Ergebnis dieser beispielhaften Sichtung wählte jedes Museum zwei Objekte aus. Die Museumsmitarbeiter erläutern aus ihrer Sicht, welche Migrationsgeschichte diese Objekte erzählen oder welcher Zusammenhang zum Thema kulturelle Vielfalt besteht.

15 -20 Berliner und Berlinerinnen unterschiedlicher Herkunft kommentieren

Zwei Gruppen von Berlinern und Berlinerinnen – mit und ohne Migrationshintergrund und aus unterschiedlichen beruflichen, kulturellen, sozialen Zusammenhängen – diskutierten jeweils die von den Museen ausgewählten Objekte. Die Kurator/inn/en interessierte besonders: Was wissen die Teilnehmer der Diskussionsrunden über die Objekte, welche Geschichten und Empfindungen verbinden sie mit ihnen, welche Fragen haben sie an die Objekte? Und: Wie sind sie mit den Informationen zufrieden, die die Museen über die Objekte liefern? Was haben die Objekte aus ihrer Sicht mit Migration zu tun?

Neue Objekte sammeln: 8 Leihgeber mit Migrationshintergrund

Jedes Museum bat jeweils zwei Berliner und Berlinerinnen mit Migrationshintergrund, einzelne Objekte als Leihgaben für die Ausstellung beizusteuern. Die acht Leihgeber und Leihgeberinnen wählten jeweils ein Objekt aus ihrem Privatbesitz aus, das aus ihrer Sicht in der Sammlung des jeweiligen Museums fehlt – ein Objekt, das beispielhaft eine weitere Facette des multikulturellen Berlins repräsentiert. In Interviews erläutern die Leihgeber ihre Auswahl.

Ausstellung

In der Ausstellung werden auf rund 130 qm die acht von den Museen ausgewählten Objekte sowie die acht privaten Objektleihgaben gezeigt.

Die Museums- / Sammlungsdirektoren erläutern in Videointerviews ihre Sammlungskonzepte und welche Rolle hierin das Thema Migration bisher und in Zukunft spielt.

Die Gegenüberstellung von Hoch- und Alltagskultur, von Geschichtsmuseen, Kunstmuseen und individuellen Leihgaben treten dabei in ein produktives Spannungsverhältnis.

Die ausgewählten Objekte der Museen reichen von einer Zigarettendose der Firma Muratti, die 1906 eine Niederlassung in Kreuzberg eröffnete und deren Besitzer griechische Einwanderer waren, über einen Wecker in Gestalt einer Moschee, bis hin zu einer reich verzierten Wasserschale aus dem 14. Jahrhundert (Iran)- ein Beispiel für Schalen, die zur traditionellen Badekultur in islamisch geprägten Ländern gehören und heute in Berliner Hamams genutzt werden.

Die Objekte werden aus Museumssicht erläutert. Zusätzlich werden die Kommentare aus den Diskussionsrunden präsentiert.

Um auf die Leerstellen in den Sammlungen zu verweisen, zeigt die Ausstellung als zweite Objektgruppe private Objekte von Leihgebern mit Migrationshintergrund, so zum Beispiel ein Küchengerät zur Zubereitung von Gnocchi einer Einwanderin aus Uruguay mit italienischen und spanischen Großeltern. Sie berichtet im Interview von der Tradition, die wiederum italienische Einwanderer nach Uruguay gebracht haben und die sie nun in Berlin fortführt: am Ende des Monats, wenn der Lohn nahezu aufgebraucht war, wurden die kostengünstigen Gnocchi gegessen. Eine andere Leihgeberin, die Künstlerin Nadia Kaabi-Linke, die aus Tunesien über Frankreich nach Berlin gekommen ist, stellt eine Studie, „Berlin à fleur de peau“ (2010), zur Verfügung, die unscheinbare Spuren an Fensterscheiben in Berliner U-Bahnen sichtbar macht: So werden Berliner Stadtgeschichten eingefroren und zur Kunst erhoben.

Schließlich wird der Besucher selbst zum Akteur der Ausstellung. Auch er bekommt die Möglichkeit, seine Sichtweise auf die Dinge in der Ausstellung kundzutun. An regelmäßigen Sammlungsnachmittagen sind die Besucher eingeladen, eigene Objekte, die aus ihrer Sicht Migrationsgeschichte erzählen oder die kulturelle Vielfalt Berlins zeigen, beizusteuern. Diese Objekte werden zusätzlich in die Ausstellung aufgenommen.

Die Ausstellung ist somit beides: eine Reflektion der Museen über die Frage, wie sie mit dem Thema Migration und kulturelle Vielfalt in ihren Sammlungen umgehen, und eine Einladung zum Dialog mit den Besuchern.

Literatur

Lorraine Bluche / Christine Gerbich / Susan Kamel / Susanne Lanwerd / Frauke Miera (Hg.): NeuZugänge. Museen, Sammlungen und Migration. Eine Laborausstellung. transcript Verlag (2013). 05/2013, 200 Seiten, kart., zahlr. Abb. ISBN 978-3-8376-2381-9

Informationen und Kontakt

Ansprechpartner:

Ellen Röhner
pr@kreuzbergmuseum.de
www.kreuzbergmuseum.de

Dr. Frauke Miera, Kuratorin
frauke@miera-bluche.de
www.miera-bluche.de

Dr. Lorraine Bluche, Kuratorin
lorraine@miera-bluche.de
www.miera-bluche.de

Dr. Susan Kamel, Kuratorin
s.kamel@gmx.de
www.experimentierfeld-museologie.org

Christine Gerbich
Besucherforschung und Ausstellungsevaluation
cgerbich@gmx.de
www.experimentierfeld-museologie.org

Link zur Ausstellung