Begleitband: Lebenswege ins Ungewisse | Drogi w nieznane. Stiftung Schlesisches Museum zu Görlitz, 2011.

21.05.2011 bis 25.03.2012 - Schlesisches Museum zu Görlitz

Lebenswege ins Ungewisse

Migration in Görlitz-Zgorzelec von 1933 bis heute

Die Heimatstadt verlassen und an einem fremden Ort neu beginnen – diese Erfahrung spielt in vielen Familien in Görlitz und Zgorzelec bis heute eine große Rolle. Das Kommen und Gehen der Menschen, meist erzwungen, manchmal freiwillig, hat das Leben in der deutsch-polnischen Grenz- und Doppelstadt im 20. Jahrhundert geprägt. Auslöser waren Diktatur und Krieg, Flucht, Umsiedlung und Vertreibung sowie gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche, die bis in die Gegenwart wirken. Die Ausstellung des Schlesischen Museums zu Görlitz widmete sich den Lebenswegen der Menschen zwischen 1933 und heute.

Konzept

Das Schlesische Museum hat mit seinem Ausstellungsprojekt einen neuen Weg in der Darstellung von Zeitzeugenberichten entwickelt. Doch nicht allein darin bestand die Herausforderung für die Ausstellungsmacher, sondern auch in der Frage, wie Schicksale von jüdischen Opfern des Nationalsozialismus, von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern des Zweiten Weltkrieges, Vertriebenen, Exilanten, Flüchtlingen, Arbeitsmigranten und Zuwanderern nebeneinander dargestellt werden könnten. Die Erzählungen von Zeitzeugen sollten im Mittelpunkt der Ausstellung stehen.


Vielzählige  Interviews wurden geführt, um die Ausstellung und den Begleitband zu erarbeiten. Die Gespräche waren einerseits von Fragen nach den Erfahrungen vom Weggehen und Ankommen geleitet, doch dehnten sie sich zugleich auf die gesamte Biografie der Menschen aus, um die Bedeutung dieser Erlebnisse für ihr Leben erfassen zu können. Nicht das Sammeln historischer Daten war das Ziel der Interviews, sondern das Festhalten biografischer Selbstdarstellungen, in denen sich die historischen Ereignisse widerspiegeln. Die Zeitzeugen wurden als Experten ihres Lebens in diese Arbeit einbezogen und respektiert.

Die 85-jährige Irena Serafin aus Zgorzelec bei den Dreharbeiten. Foto: © SMG
DVD zur Ausstellung

In der konzeptionellen Frage, wie die Zeitzeugenberichte dargeboten werden, folgte das Schlesische Museum einer Idee der Ausstellungsgestalter jangled nerves GmbH Stuttgart. Gemeinsam mit ihrem Filmteam sind mit zehn Zeitzeugen Einzelinterviews vor Filmkameras aufgenommen worden. Es entstanden mehr als 20 Stunden Filmmaterial, aus dem schließlich eine 40-minütige Präsentation hergestellt wurde.

Die Idee war, aus den einzelnen Lebensberichten der Zeitzeugen eine scheinbare Gesprächssituation zu konstruieren – als ob zehn Personen verschiedener Generationen und Herkunft zusammenträfen und sich über ihre Lebenswege unterhielten. Ausgewählte Erzählpassagen wurden nach einer inhaltlichen und zeitlichen Choreografie zu einem filmischen Dialog zusammengefügt. Im Ausstellungsaal dominierten zehn raumhohe Stelen mit Monitoren und Lautsprechern, die in Endlosschleife die wechselnden Beiträge der Protagonisten in Deutsch oder Polnisch, jeweils mit Untertiteln, wiedergaben. Diese medientechnische Inszenierung schuf für den Besucher den Eindruck, sich als Zuhörer inmitten einer Erzählrunde der Zeitzeugen zu befinden. Großflächige Fotoprojektionen an einer Wand des Ausstellungssaales vermittelten visuelle Eindrücke zu dem Gesprochenen.

Diese Inszenierung erreichte nicht nur eine starke emotionale Wirkung, sondern beeinflusste auch ihre inhaltliche Aussage. Hatte einer der Protagonisten mit seiner Schilderung begonnen, so entstanden mit den „Antworten“ weiterer Zeitzeugen Gegenüberstellungen oder Parallelen zu den Erlebnissen anderer Menschen zu anderen Zeiten – ein Querschnitt menschlicher Erfahrungen in acht Jahrzehnten. Die Besucher waren nicht nur mit einem ungewöhnlichen Vergleich der Schicksale konfrontiert, sondern nahmen die historischen Bedingungen auch aus einer neuen Perspektive wahr.

Filmporträts der Zeitzeugen und Fotoprojektion. Foto: René Pech © SMG

Ausstellungsbereiche

Die Inszenierung des Zeitzeugengespräches wurde auf einer Seite durch die Fotoprojektion eingerahmt, die private Bilder der Protagonisten sowie historische oder aktuelle Aufnahmen von Görlitz und Zgorzelec zeigte. Auf der gegenüberliegenden Seite des AusstellungssaaIes wurden dem Besucher Bild- und Textinformationen zu zehn Abschnitten der Stadtgeschichte seit 1933 geboten. Die dargestellten Ereignisse und Entwicklungen umrissen die historischen Bedingungen, unter denen die Menschen hierherkamen oder von hier weggingen.

Dokumentation zur Stadtgeschichte und persönliche Erinnerungsstücke. Foto: René Pech © SMG

Den Tafeln waren zehn Vitrinen zugeordnet, in denen ein persönliches Erinnerungsstück der Protagonisten und ihre Kurzbiografie gezeigt wurden.
Der Weg vom Museumseingang bis zum Ausstellungsraum diente zur Einführung in die Thematik. Hier fungierten sieben Vitrinen als Wegweiser und zeigten Objekte, die das Kommen und Gehen der Menschen in der Stadtlandschaft bezeugten.

Rezeption

Ein «Europa-Labor» an der Neisse. Nach schwieriger Geschichte wachsen Görlitz und Zgorzelec als Doppelstadt zusammen. Artikel aus der Neuen Züricher Zeitung, 2.2.2012,  hier...

Auf dem Königsweg. Eine große Schau in Görlitz erzählt von der Via Regia - der berühmten Handelsstraße, die einst West- und Osteuropa miteinander verband. Artikel der ZEIT, 7.7.2011,  hier...

Das Leben der Warschawskis. Das Schlesische Museum zu Görlitz dokumentiert in seiner neuen Sonderausstellung "Lebenswege ins Ungewisse" auch das Schicksal einer jüdischen Görlitzer Familie. Artikel der Jüdischen Allgemeinen, 9.6.2011,  hier...

Fünf Steine und viele Tränen. Das Gedenken an die jüdischen Görlitzer Hans und Walter Jacobsohn sorgt für eine besondere Familienzusammenführung. Artikel der Sächsischen Zeitung, 27.7.2012,   hier...

Ausgewählte Exponate

Zwei Stolpersteine für Carl und Hans Jacobsohn waren in der Sonderausstellung „Lebenswege ins Ungewisse“ ausgestellt. Sie erinnerten an die Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung von Görlitz. Vater und Sohn Jacobsohn wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Die Herstellung der Gedenksteine ging auf eine gemeinsame Initiative des Ausstellungsteams, des Förderkreises Görlitzer Synagoge e.V. und der in Israel lebenden Nachkommen der Familie Jacobsohn zurück. Nach dem Ende der Ausstellung wurden diese und weitere inzwischen entstandene Stolpersteine in Görlitz verlegt werden.

Stolpersteine. Foto: © SMG

Begleitprogramm

Das Begleitprogramm wurde zu großen Teilen in Kooperation mit dem Kulturreferenten für Schlesien konzipiert. Es umfasste circa 40 Vorträge, Buch- und Filmvorstellungen, Programme zu den monatlich stattfindenden Kaffeenachmittagen für Senioren, Tagungen und Exkursionen. Ein Höhepunkt war das Kunstfest von Studenten des Studiengangs Kultur und Management an der Hochschule Zittau/Görlitz im Juni 2011 mit 170 Akteuren und Zuschauern. Sehr viel Zuspruch fanden auch zwei Exkursionen durch Zgorzelec. Sie führte zu sechs geschichtsträchtigen Orten in der polnischen Teilstadt, wo jeweils deutsche und polnische Referenten zu Information und Gespräch einluden.


Unter den museumspädagogischen Angeboten traf die eigens konzipierte Stadtrallye durch Görlitz/Zgorzelec unter dem Titel „Geteilt und doch eins“ auf großen Zuspruch. Außerdem wurden das Programm „Können wir miteinander? Ja – Nein – Vielleicht?“ für deutsch-polnische Partnergruppen und eine thematisch-künstlerische Veranstaltung unter dem Titel „Wenn einer eine Reise macht – dann soll er etwas Schönes mitbringen!“ über die Perspektiven der Heimatstadt angeboten.


Auf zwei wissenschaftlichen Tagungen und durch mehrere Führungen für Kollegen aus anderen Museen und Institutionen wurde die Sonderausstellung dem Fachpublikum vorgestellt.  Am 6. Oktober 2011 war eine internationale Expertengruppe des International Council of Museums zu Gast. Vom 12.-14.10.2011 fand die Tagung „Zeitzeugen im Museum“ statt, veranstaltet vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg, und dem Schlesischen Museum in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferenten für Schlesien.

Informationen und Kontakt

Dr. Martina Pietsch (Kuratorin und Herausgeberin des Begleitbandes)
Schlesisches Museum zu Görlitz
Tel. 03581 / 8791-132

mpietsch@schlesisches-museum.de
Museumshomepage
Link zur Ausstellung