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31.10.2014 - 12.04.2015 - Deutsches Bergbau-Museum Bochum (DBM)

Glückauf und Uğur ola

Türkische Kumpel zwischen Zonguldak und Ruhrgebiet

Der Ruhrbergbau zog seit langem Arbeitskräfte von weither an. Ab den 1960er Jahren kamen durch ein Anwerbeabkommen viele Bergmänner und -lehrlinge aus der Türkei, genauer aus der Region Zonguldak, dem Zentrum des türkischen Steinkohlenbergbaus an der Schwarzmeerküste. Die Lebenserinnerungen dieser ehemaligen Bergleute stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Sie erzählen ihre Geschichte und ergänzen diese mit privaten Fotos und Dokumenten.

Konzept und Idee

Die Anregung zu diesem Ausstellungsprojekt gab „Alle Welt: Im Museum“. Das Deutsche Bergbau Museum (DBM) nahm Kontakt zu IFAK e. V. auf (Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe – Migrationsarbeit), einem bereits seit 40 Jahren in Bochum tätigen Verein mit viel Erfahrung im Bereich interkultureller und intergenerationeller Projekte.

Der Verein hat für das Projekt zum einen die Funktion eines „Türöffners“, der neue Besuchergruppen für das Museum begeistern kann. Zum anderen basiert die geplante Ausstellung auf einem partizipativen Ansatz: Sie wird mithilfe der „betroffenen“ MigrantInnen erstellt, die ihre eigene Geschichte(n) beitragen.

Es erschien sinnvoll, sich hierbei auf Türken als größte Migrantengruppe vor Ort bzw. in NRW  zu konzentrieren, weil sie ein großes Potential als neue BesucherInnen darstellen und ihre Geschichte zudem sehr stark mit dem Bergbau als zentralem Thema des DBM verknüpft ist. Zahlreiche „Gastarbeiter“ kamen ab 1961 als ausgebildete Fachleute aus Zonguldak, einem der wichtigsten Bergbauzentren der Türkei, ins Ruhrgebiet. So erhielt das Projekt auch Unterstützung vom Zonguldak Kultur- und Solidaritätsverein e. V. aus Gelsenkirchen.

Eine Besonderheit der Ausstellung ist es, dass sie neben den Erläuterungen zum historischen Hintergrund den nie abgerissenen und vor allem auch wechselseitigen Austausch sowie die aktuelle Zusammenarbeit zwischen der TFH Bochum und der Bülent-Ecevit-Universität Zonguldak würdigt und einem breiteren Publikum vorstellt.

Als größerer Rahmen der Ausstellung sind neben den derzeitigen deutsch-türkischen Wissenschaftskooperationen die Empfehlungen des Museumsbundes zu sehen, der Realität der Einwanderungsgesellschaft Rechnung zu tragen und die Querschnittsthemen „Migration“ und „kulturelle Vielfalt“ stärker in Museen zu integrieren.

„Glückauf und Uğur ola“ bietet nicht zuletzt durch die Zweisprachigkeit der Ausstellung einem breiten Publikum Informationen zum türkischen Steinkohlenbergbau in einer Zeit, während die türkischen Bergwerke eher wegen schwerer Unglücke in den Medien präsent sind.

Vor allem aber ist die Ausstellung als Anerkennung und Würdigung der Lebens- und Arbeitsleistung zahlreicher heute noch im Ruhrgebiet lebender MigrantInnen mit türkischen Wurzeln zu verstehen, die zur Pluralität und Lebendigkeit der Region einen sehr wichtigen und vitalen Beitrag leisten.

Zentrale Ausstellungsbereiche

  • Vorstellung der beiden Steinkohlenreviere
  • Erläuterungen zum Anwerbeverfahren für die türkischen Bergleute
  • Lebenserinnerungen der türkischen und deutschen Bergleute und ihrer Angehörigen
  • Rauminszenierungen Wohnen und Arbeiten
  • Exponate zu Fußball und Zuckerfest
  • Infos zu Sprachtests mit interaktiven Elementen
  • Erläuterungen der heutigen Kooperationen der Unis in Bochum und Zonguldak
Der Berglehrling Ergut Topaloğlu aus Zonguldak (1. v. l.) mit der Hausmutter und seinen Mitbewohnern im Pestalozzidorf Lohberg, 1964. Copyright: DBM/Ergut Topaloğlu
Zuckerfest auf Hugo/Consol, 20.2.1996, Copyright/Fotograf: Jürgen Boebers-Süßmann; Archiv für soziale Bewegungen, IGBE-Archiv, Fotosammlung

Exponate

Die Ausstellung basiert auf einem partizipativen Ansatz, auch da angesichts der aktuellen Sammlungs- bzw. Erschließungssituation eine größere Auswahl an Exponaten mit Bezug zur türkischen Migrationsgeschichte nicht zur Verfügung stand.

Neben Archivrecherchen bildeten daher lebensgeschichtliche Interviews und die Großzügigkeit der ZeitzeugInnen eine wichtige Basis, so dass Verwaltungsschriftgut und Zeitungsberichte ergänzt wurden durch Zeugnisse aus dem Bereich der oral history bzw. private Fotos, Zeugnisse, Kopien von Reisepässen, Arbeitsverträgen und Gehaltsabrechnungen, über Fußballtrikots, bis hin zu lichtbildkünstlerischen Werken von 17 ZeitzeugInnen.

Diese sollen vor allem die Bedeutung der Arbeits- und Lebensleistung der türkischen Bergleute dem deutschstämmigen Publikum verdeutlichen.

Erfahrungen

Für jeden Besucher bietet die Ausstellung Bezugspunkte zum eigenen Alltag; diese können in Fragen stecken wie: Woher stammen die Eltern? Auf welchem Pütt war der Onkel tätig? Hast du während der Bundeswehrzeit oder im Studentenwohnheim auch in solch einem Bett geschlafen? Die Arbeit an dem Projekt bedeutete einigen Aufwand, der aber in jedem Fall lohnenswert war, allein schon vor der mindestens seit drei Jahrzehnten anhaltenden und aktuell wieder aufflammenden Diskussion um Deutschland als Einwanderungsland.

Das „learning by doing“ steckte nicht nur im Bereich der interkulturellen Zusammenarbeit mit den InterviewpartnerInnen, sondern auch in der Kooperation mit IFAK e. V.; auch die früh beschlossene Zweisprachigkeit stellte sich angesichts der nicht-muttersprachlichen Türkischkenntnisse der Volontärin als arbeitsaufwendig heraus.

Nicht nur bei der letztgenannten Herausforderung war jedoch die während der zweiten Jahreshälfte 2014 im Haus tätige Stipendiatin (Stipendienprogramm „Kulturelle Vielfalt und Migration“, DMB) eine sehr willkommene Helferin und große Bereicherung. Die Ausstellung bot auch Anlass, weitere Vermittlungsformate und neue Materialien für die interaktiven Exponate auszuprobieren.

Der Steiger Karl Wislaug (Mitte) und der Aufsichtshauer Ismael Sürgit („Hacki“) (links) auf der Zeche Hugo. Copyright: DBM/Karl Wislaug
Prof. Dr. Frank Otto und Studierende der Technischen Fachhochschule Georg Agricola zu Bochum auf der Zeche TTK Kozlu/Zonguldak im Rahmen der Abschlussexkursion des Studienganges Geotechnik und angewandte Geologie, 2011. Copyright: DBM/Tansel Doğan

Resonanz

Das Presseecho in deutschen und türkischen Medien wie auch die Rückmeldungen im Ausstellungsbuch (einer Art Gästebuch) zeigen, dass die Absicht der Generierung neuer Besuchergruppen auf Erfolg stieß bzw. zumindest eine bessere Sichtbarkeit auch der BesucherInnen erzielt wurde, die bislang eher weniger an Besucherumfragen teilgenommen haben. Die wissenschaftliche Volontärin, in deren Aufgabenbereich die Arbeit an der Ausstellung fiel, hat bereits kurz nach Beginn der Ausstellung neben einem Live-Fernsehinterview und einer deutschsprachigen Führung mehrere BesucherInnengruppen in englischer Sprache durch die Ausstellungshalle begleitet.  

Außerdem war ein erfreulicher Besucherzuspruch zu erkennen (nicht von allgemeinen Besucherzahlen des DBM zu trennen). Auch die Ressonanz im Gästebuch und an der Kasse/Shop ist positiv.

Begleitprogramm

Führungen auf Anfrage; genauere Angaben folgen im Halbjahresprogramm I/2015. Die Ausstellung ist zweisprachig, in Deutsch und Türkisch, gestaltet.

Kontakt

Katja Eßer / Eva Paasche

Deutsches Bergbaumuseum
Am Bergbaumuseum 28
44791 Bochum

Tel +49 (234) 5877 0
Fax +49 (234) 5877 111

Website der Ausstellung

Homepage des DBM