02.02.2011 bis 27.03.2011 - Historisches Museum Hannover

"Gastarbeit" in Hannover

Geschichten vom Kommen, Gehen und Bleiben

Das Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik führte in den 1950er Jahren nahezu zu einer Vollbeschäftigung. Während hier bald Arbeitskräftemangel herrschte, war in vielen Mittelmeerstaaten das Interesse groß, den eigenen Arbeitsmarkt durch den „Export“ von Arbeitskräften zu entlasten. So kam es auf Initiative von Italien 1955 zum ersten staatlichen Anwerbeabkommen. Weitere Abkommen folgten: Spanien und Griechenland (1960), Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Die Abkommen regulierten den Prozess der Arbeitsmigration von der Arbeitsvermittlung im Partnerland, über die Auswahl von Bewerbern, bis hin zu Fragen der Reise, des Lohns oder der Unterbringung.

In Hannover waren es u. a. große Betriebe wie Bahlsen, Telefunken, Hanomag oder Continental, die ausländische Arbeitskräfte aus den Mittelmeerländern anwarben, aber auch städtische Einrichtungen, wie z.B. das Fuhramt. 1962 verzeichnete die Stadt bereits 9.382 ausländische ArbeitnehmerInnen. 1973, im Jahr des Anwerbestopps aufgrund der Ölkrise, erreichte die Ausländerbeschäftigung in Hannover mit 39.383 Personen ihren Höhepunkt.

Die Ausstellung stellt eine Aufarbeitung dieses Kapitels Hannoverscher Geschichte dar. Sie ist das Ergebnis einer fast zwei Jahre andauernden Sammel- und Recherchetätigkeit des Museums, an der sich zahlreiche Personen beteiligt haben. 2016 soll dieser Teil der Geschichte auch als fester Bestandteil in die neue Dauerausstellung einfließen. Rund ein Viertel der Bevölkerung in Hannover hat heute einen Migrationshintergrund. Ihre Wurzeln liegen häufig in der ersten Generation der so genannten „Gastarbeiter“. Auch sie sollen zukünftig ihre Geschichte im Historischen Museum wiederfinden können.

Ausstellung

Im ersten Teil der Ausstellung geht es um die organisatorischen und wirtschaftlichen Hintergründe der Anwerbung, aber auch um die Motive auf Seiten der ausländischen Arbeitnehmer. Was bewegte sie, ihre Heimat zu verlassen?

Im zweiten Teil geht es um die Anfänge in Hannover. Die angeworbenen ArbeiterInnen wurden in der Regel in Wohnheimen untergebracht, die von den Arbeitgebern gegen eine geringe Miete zur Verfügung gestellt wurden. Die Beschäftigung fand meist in Bereichen statt, die mit schwerer körperlicher Arbeit, Akkord- und Schichtarbeit und gesundheitlichen Gefahren einherging und für die Deutsche nur sehr schwer zu gewinnen waren. Die MigrantInnen investierten diese Mühe gerne, um in möglichst kurzer Zeit viel Geld zusammen zu bekommen und sich damit eine neue Existenz in der Heimat aufzubauen.

Mit der Ankunft der ersten „Gastarbeiter“ begann auch die Auseinandersetzung mit den Neuankömmlingen in den Medien. Ein wichtiges stilistisches Element der Ausstellung ist die Gegenüberstellung von Privatfotos und Bildern, die die öffentliche Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft von den „Gastarbeitern“ prägten. Diese Bilder zeigen häufig ganz unterschiedliche Wahrnehmungsperspektiven. Dem Thema „Begegnungen“ ist auch ein eigenes Kapitel der Ausstellung gewidmet.

Ein weiteres Thema der Ausstellung ist „Heimat“. Hier werden verschiedene Facetten beleuchtet. So bedeutet Heimat der Kontakt mit den Zurückgebliebenen, der Urlaub in der Heimat, aber auch politisches und gesellschaftliches Engagement für die Heimat. Darüber hinaus geht es in diesem Teil aber auch um die zunehmende Entfremdung von der ursprünglichen Heimat.

Als letztes Thema geht es um die Frage, „vom ‚Gastarbeiter’ zum Einwanderer?“ Schon der Begriff „Gastarbeiter“ deutet an, dass ein längerer Aufenthalt der angeworbenen Arbeitskräfte nicht geplant war. Dies spiegelt sich auch in dem anfangs geplanten „Rotationsprinzip“ wieder, was den Arbeitsaufenthalt auf ein Jahr befristete. Da es nicht im Interesse der Wirtschaft war, ständig neue Arbeitskräfte einzuarbeiten, wurde es bald abgeschafft. Der immer länger werdende Aufenthalt in Deutschland veranlasste viele MigrantInnen Ehepartner und Kinder nachzuholen. 1973 stellte der Anwerbestopp auf Grund der Ölkrise sie vor die Wahl: entweder bleiben, oder endgültig zurückkehren, in eine wirtschaftlich und teilweise politisch unsichere Zukunft. Beide Wege wurden beschritten. Von 14 Millionen ausländischen Arbeitskräften, die in der Zeit von 1955 bis 1973 in die Bundesrepublik kamen, gingen 11 Millionen wieder zurück. Die, die blieben, begannen sich langsam hier zu etablieren. Aus „Gastarbeitern“ wurden Einwanderer in ein Land, das sich erst heute als Einwanderungsland bekennt. Die Konflikte, die sich hieraus ergaben sind Teil dieses letzten Abschnitts. Darüber hinaus geht es aber auch um die Situation heute: was bedeutet es für die Zugewanderten in Deutschland alt zu werden?
 

Konzept

Das Thema Arbeitsmigration soll in die Neukonzeption der Dauerausstellung im Jahr 2018 einfließen. Die Ausstellung ist Teil der Sammlungsstrategie, diente der Aufarbeitung des Themas mit regionalem Bezug und dem Auffinden von Objekten zu dem Thema. Die Grundlage der Ausstellung bildeten zahlreiche Gespräche und Interviews mit ZeitzeugInnen. Die Gespräche generierten die Objekte. Die Ausstellung gliedert sich in fünf Themenbereiche: „Wie alles begann…“ (Organisation und Hintergründe der Anwerbung/Motive), „Wohnen und Arbeiten“ (vom Wohnheim zur eigenen Wohnung, Arbeit), „Begegnungen“ (Selbst- und Fremdwahrnehmung, Vereine/Freizeitaktivitäten, Sprache), „Heimat“ (unterschiedliche Facetten von Heimat, zunehmende Entfremdung von ursprünglicher Heimat), „Vom ‚Gastarbeiter’ zum Einwanderer?“ (unterteilt in die Themenblöcke Kinder, Politische Partizipation, Altern in der Migration/Identität). Zu jedem Thema gibt es eine Hörstation mit Interviewausschnitten zu dem Thema. Sie stehen für die ganz unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen und sollen auch Verallgemeinerungen entgegenwirken. Zu jedem Thema gibt es ein Zentrales Objekt, dessen Bedeutung sich nur durch Zusatzinformationen und eine Biographie erschließt, die man in den Schubladen unter dem Objekt findet. Generell spielt die Ausstellung mit unterschiedlichen Sichtweisen auf das Thema „Gastarbeit“, z.B. durch die häufige Gegenüberstellung von „offiziellen“ Pressefotos und Privatbildern. Darüber hinaus gibt es sieben Kinderstationen, an denen Kinder sich spielerisch dem Thema nähern können.

Resonanz

Großes Medieninteresse, sehr viele Besucher, auch viele Personen mit Migrationshintergrund, große Nachfrage nach Führungen in der Ausstellung, Besucherbuch: überwiegend sehr positive Resonanz, einige Beiträge kritisieren, dass das Thema Migration mehr zu bieten hat, als in der Ausstellung zu sehen ist.

Begleitprogramm

Gespräch:
Deutsche und türkische Seniorinnen erzählen davon, wie sie nach Hannover kamen und die Stadt in den 1960er Jahren erlebt haben. Und von ihren Begegnungen, früher und heute.

Film:
“1 Franco, 14 Pesetas” Spanisch m. deutschem Untertitel
Die Geschichte von Martin und Marcos, die sich 1960 auf den Weg in die Schweiz begeben, um dort ihr Glück zu suchen. Nach ein paar Jahren kehren beide in die Heimat zurück. Doch die Rückkehr wird schwerer als erwartet.

Vortrag:
“Vom Gastarbeiterdeutsch zur Mehrsprachigkeit – Sprachpolitik im Wandel“
Im Jahr 1964 waren bereits über eine Million Italiener, Griechen, Türken, Spanier, Marokkaner, Jugoslawen und Türken als ArbeitsmigrantInnen angeworben worden und weitere sollten folgen. Sie alle trafen, meist ohne nennenswerte Deutschkenntnisse, mit ihren Herkunftssprachen auf eine Bevölkerung mit einer dezidiert monolingualen Tradition.
Für die Kommunikationsversuche der Gäste wurde rasch der Begriff „Gastarbeiterdeutsch“ geprägt, eine gezielte Förderung und Integrationsangebote ließen jahrzehntelang auf sich warten. Diese Versäumnisse werden uns heute in internationalen Vergleichsstudien und den immer wieder aufkeimenden Integrationsdebatten vor Augen geführt, so dass neue Perspektiven erforderlich sind.

Referent: Prof. Dr. Hans Bickes, Leibniz Universität Hannover, Deutsches Seminar
Moderation: Arzu Altuğ, VHS

Kinder und Familien:
In der Ausstellung
Ein Pfad von Kinderstationen führt junge Besucher/innen durch die Ausstellung. Ihr begebt euch auf die Spuren der Menschen, die früher nach Hannover gekommen sind, um hier zu arbeiten und zu leben. Dabei gibt es Spannendes zu entdecken, zum Mitmachen und zum Ausprobieren.

Informationen und Kontakt

Pferdestrasse 6
30159 Hannover
Tel. 0511-168 43052
museen-kulturgeschichte@hannover-stadt.de

Homepage des Museums