10.3.2000 bis 7.5.2000 - Hauptbahnhof München

Für fünfzig Mark einen Italiener

Zur Geschichte der Gastarbeiter in München

Italien war das erste Land, das mit der Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen schloss. 50 Mark zahlten die deutschen Unternehmen für die Vermittlung eines italienischen Gastarbeiters. - Wer heute auf Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs ankommt, denkt nicht mehr daran, dass in den Bunkeranlagen die Empfangstation für die Gastarbeiter aus dem Süden und Südosten Europas war. Tausende von übermüdeten und verunsicherten jungen Menschen aus Griechenland, Italien, dem damaligen Jugoslawien und der Türkei bekamen hier nach oft tagelanger Anreise eine Tasse dünnen Filterkaffees und ungewohnte Semmeln in die Hand gedrückt, ehe sie an ihre Bestimmungsorte weitergeleitet wurden. Der Hauptbahnhof und seine Bunkeranlagen fungierten als „Schleuse“ für mehr als zwei Millionen Neuankömmlinge, die als Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen kamen. Der Bunker unter dem Bahnhof war seit 1960 der erste Raum in Deutschland, den fast jeder Gastarbeiter betrat. Die Ausstellung widmete sich für München erstmals der Geschichte der Gastarbeiter.

Konzept

Die Landeshauptstadt München/Kulturreferat war Veranstalter des Projekts.
Der biographische Ansatz war Basis von Ausstellung, Buch und Programm. Durch die Kooperation mit Zeitzeugen bzw. Vertretern der zweiten und dritten Generation der ehemaligen Gastarbeiter wurde von Anfang an signalisiert, dass ein Projekt zur Migrationsgeschichte nur mit den Migranten gemeinsam realisiert werden würde.
Das Projekt war auf breitester Ebene frühzeitig und umfassend in die „Mehrheitsgesellschaft“ und die große Gruppe der Migranten kommuniziert worden.
Das Kulturreferat hatte sich mit Ausstellung, Buch und Programm zur Migrationsgeschichte erstmalig eines Themas angenommen, welches die Anfangsjahre der Bundesrepublik in den Mittelpunkt gerückt hat, die für die Entwicklung des westlichen Deutschlands von eminenter Bedeutung waren. Es geht dabei um die folgenreichste Migration in die Bundesrepublik Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Vieles, was heute so selbstverständlich als „münchnerisch“ erscheint, hat seine Wurzeln in fremden Einflüssen. Das Leben und Wirken von ehemaligen Gastarbeitern hat selbst da noch Auswirkungen auf den Alltag, wo die Personen längst aus dem Bewusstsein verschwunden sind. Das Kulturreferat wollte deutlich machen, wie arm ein städtisches Gemeinwesen ohne die Migranten und Zuwanderer wäre, wie sehr München den ständigen Austausch und die Auseinandersetzung mit dem zunächst Fremden für seine Entwicklung brauchte und braucht. Es ging damit um eine Schärfung des Bewusstseins für historische Prozesse. Bezugspunkt war dabei die Alltagsgeschichte.
 

Ausstellung

Idealer Präsentationsort war der Münchner Hauptbahnhof, da er in der Erinnerung der ehemaligen Gastarbeiter eine zentrale Rolle spielte. Mit dem Bahnhof stand damit ein zentraler öffentlicher Raum (ober- und unterirdische Flächen/Bunker) mit großem Publikumsverkehr zur Verfügung.
Für den Informationsteil (Gründe für die Anwerbung, Arbeitssituation in München u.a.) wurde ein Flügelbahnhof des Münchner Hauptbahnhofs genutzt. Für die Themen Ankunft, Aufnahme in der Bundesrepublik, Vermittlung, Betreuung usw. wurden die historischen Bunkeranlagen bespielt, für die Themen Anwerbung in der Heimat, Abschied, Reise u.a. stand ein historischer Eisenbahnwaggon auf den Gleisen zur Verfügung, mit dem die Gastarbeiter transportiert worden waren. Zudem wurden an mehreren Bahnsteigen des Hauptbahnhofes sehr auffallende, fünf Meter hohe, aktuelle Fotos von sieben ehemaligen Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern mit den entsprechenden Lebensläufen und Auszügen aus den jeweiligen Interviews zu einzelnen Stationen ihres Lebens positioniert. Diese Stelen waren neben einem zentralen Infostand erste Anlaufpunkte zur Orientierung in der Ausstellung und für das Gesamtprojekt.

Resonanz

Das Projekt erfuhr sehr große Resonanz. Die Ausstellung wurde im Hauptbahnhof mit mehr als 600 Personen eröffnet. Etwa die Hälfte waren ehemalige Gastarbeiter mit ihren Kindern und Enkeln. Die Eröffnung wurde u.a. durch eine Gruppe ehemaliger Gastarbeiter vorgenommen. Die Führungen durch die Ausstellung wurden in vielen Fällen durch ehemalige Gastarbeiter vorgenommen.
In unzähligen Rückmeldungen wurde deutlich, welch große Rolle dieses Projekt für das Selbstverständnis der Migranten und ihrer Nachkommen in München gespielt hat. Es ist dadurch klar geworden, wie wichtig und überfällig die Würdigung des Beitrags der Gastarbeiter zur städtischen Geschichte war. Eine Phase der Migration und Zuwanderung nach dem Zweiten Weltkrieg war Teil des öffentlichen Bewusstseins geworden.

Exponate

Wegen des besonderen Ortes (Hauptbahnhof) gab es keine originalen Exponate. Die Ausstellung bestand aus Tafeln mit Texten und Fotos, zusätzlich gab es große Ausstellungstafeln in den Gleisbereichen mit Porträts einzelner Gastarbeiter/innen und entsprechenden Auszügen aus Interviews.

Begleitprogramm

Das Rahmenprogramm fand im und um den Hauptbahnhof statt – nicht in den üblichen Veranstaltungsräumen von Kulturzentren oder Museen. Damit löste es sich von den gängigen Veranstaltungsformaten. Unter der Regie von Horst Konietzny wurde eine theatrale Spurensuche unter dem Titel „Schattenreise – Erinnerungen an die Zukunft“ - zusammen mit Vertreter/innen der ersten, zweiten und dritten Gastarbeiter-Generation organisiert – in den unterirdischen Bunkeranlagen. In der Nähe des Hauptbahnhofes wurden darüber hinaus „Dialogräume“ eröffnet, in denen Vertreter/innen der ersten und zweiten Gastarbeitergeneration über unterschiedliche Themen (z.B. Verhältnis Mütter/Töchter, Funktion der Sprache oder die Situation der in der ersten Heimat Zurückgebliebenen) mit einem meist deutschen Publikum diskutierten. Weitere Programmteile wurden von anderen Veranstaltern (Volkshochschule, Goethe-Institut u.a.) angeboten. So ist z.B. eine Hommage an den jungen deutsch-türkischen Film entstanden, Geschichtswerkstätten haben ihre Ergebnisse vorgestellt, Theaterstücke wurden aufgeführt, und während der gesamten Laufzeit der Ausstellung - jeweils Dienstag bis Donnerstag - hatten Künstlerinnen und Künstler im Hauptbahnhof die Möglichkeit, ihre musikalischen Bezüge zum Thema einem von Tag zu Tag größer werdenden Publikum vorzustellen. Neben Beiträgen aus der traditionellen Musik wurden dabei vor allem kulturelle Grenzgänger der jungen Generation vorgestellt. Insgesamt fanden über 60 Veranstaltungen statt.

Literatur

Franziska Dunkel; Gabriella Stramaglia-Faggion: „Für 50 Mark einen Italiener“ - Zur Geschichte der Gastarbeiter in München, Hrsg. Kulturreferat der LH München, Buchendorfer Verlag, München 2000.

Kontakt

Ansprechpartnerin:
Dr. Angelika Baumann
Kulturreferat
Burgstr. 4
80331 München
Tel. 089-233-25908
angelika.baumann@muenchen.de