TextilWerk Bocholt

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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Geschichte des TextilWerks Bocholt

Weben und Spinnen an der Aa

Das TextilWerk Bocholt besteht aus zwei Standorten, die in Sichtweite zueinander links und rechts des Flusses Aa liegen: dem Nachbau einer für die Region typischen Weberei und der historischen Spinnerei Herding. Der repräsentative Backsteinbau aus dem Jahr 1907 wurde für die Nutzung als Museum saniert und 2011 eröffnet.

Mitarbeiterinnen der Spinnerei Herding

Textilstadt Bocholt

Das Spinnen und Verweben von Baumwolle hat in Bocholt eine lange Tradition. Über 450 Jahre lang prägte die Faser, die aus Übersee importiert werden muss, das Wirtschaftsleben Bocholts und der gesamten Region. Vor allem zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg boomte die Branche: Bocholt zählte bis zu 80 Textilbetriebe, in denen zeitweise bis 10.000 Menschen arbeiteten.

Mitten in der Strukturkrise beschloss die Landschaftsversammlung des LWL 1984 die Einrichtung eines Textilmuseums. Weil ein historisches Gebäude seinerzeit nicht zur Verfügung stand, entschied man sich zunächst für den Nachbau einer typischen Weberei aus der Zeit der Jahrhundertwende. 1989 wurde an der Aa die Eröffnung gefeiert.

Außenansicht der Weberei
Die Spinnerei von außen

Im Jahr 2004 kaufte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe den viergeschossigen Backsteinbau der Spinnerei Herding als zweiten Teil seines Textilmuseums hinzu. Das gelang mit finanzieller Unterstützung des Landes, des Kreises Borken, der Stadt Bocholt und der Stadtsparkasse Bocholt. 2009 begann der Umbau mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II. Seit der Eröffnung der Spinnerei im September 2011 firmiert das Textilmuseum mit seinen beiden Standorten als „TextilWerk Bocholt“.

Geschichte der „Spinn-Web Herding“

Die Spinnerei und Weberei Herding ist ein typisches Beispiel aus der Boomzeit der Textilindustrie in Bocholt: Eine Handweberei war die Keimzelle eines der zeitweilig größten Textilbetriebe der Stadt, gegründet 1870 von Heinrich Schüring und seinem Schwager Max Herding.

Als es sich in den Jahren hoher Garnpreise nach 1900 lohnte, eigene Spinnereikapazitäten aufzubauen, entschied sich Max Herding jun. zum Bau einer Spinnerei neben der bestehenden Weberei. Er wählte dazu das Architekturbüro Sequin & Knobel in Rüti bei Zürich.

Die Schaufassade des viergeschossigen Gebäudes aus dem Jahr 1907 mit dem repräsentativen Wasserturm zeigte zur Innenstadt und kündete von dem neuen aufstrebenden Unternehmen:

Ansicht der Spinnerei Herding in den 1930er Jahren

Mit fast 600 Webstühlen und 23.600 Spindeln gehörte die „Spinnweb“ Herding lange Zeit zu den größten Bocholter Textilbetrieben.

Blick auf die Spinnerei Herding nach dem Wiederaufbau 1950.

1943 wurde der zur Straße gelegene Teil mit dem Wasserturm bei einem Luftangriff zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte 1949/50 in schlichten Formen und ohne den Turm.

Anfang der 1960er Jahre begann die Krise. Als Kammgarnspinnerei und Weberei konnte die Produktion unter neuen Eigentümern noch bis 1973 in reduzierter Form aufrecht erhalten werden. Dann ließ man alle Hallen räumen, die Maschinen verkaufte und verschrottete man, um die Flächen als Lagerraum zu vermieten.

Spuren der Arbeit und moderne Nutzung

Der Umbau zum Museum und Kulturforum erfolgte ab 2004 unter der Leitung des renommierten Stuttgarter Architekturbüros ATELIER BRÜCKNER. Ziel war es, die Spuren der Arbeit und der 100-jährigen Geschichte des Gebäudes deutlich zu zeigen. Auf allen vier Etagen entwickelt sich ein „Zwiegespräch“ zwischen aktueller Nutzung und historischem Bestand: Abblätternde Farbschichten und zerschlissene Betonböden wurden bewusst belassen und kontrastierten mit modernen Einbauten, allen voran die rote Stahltreppe, die in den 20 Meter hohen Seilgang eingebracht wurde, dazu klare Kuben für Shop und Servicebereiche sowie die Gastronomie auf dem Dach.

Die neue rote Treppe in der Spinnerei
Das Restaurant "SKYLounge"

Das neue Bistro mit Dachterrasse ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Highlight des Umbaus. Nachts ist der leuchtende Glaskubus schon von weitem zu sehen. Aus luftiger Höhe genießen Besucher einen atemberaubenden Ausblick über die ganze Stadt. Stahlstäbe vor der Glasfassade deuten textile Strukturen an; Sheddächer als Oberlichter sind ein Zitat aus der Fabrikarchitektur der unmittelbaren Umgebung.