Herzlich Willkommen beim Blog des TextilWerks Bocholt

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Museumsleiter Dr. Hermann Stenkamp ist froh, dass das Garnlager in der Spinnerei des TextilWerks Bocholt leerer geworden ist.

Garne für den guten Zweck

Platz schaffen in der Schlichterei

Staubpartikel tanzen im gleißenden Sonnenlicht, das durch die Fenster des Garnlagers scheint. Vor kurzem noch wäre das nicht möglich gewesen – dieser Teil der Spinnerei des TextilWerks Bocholt ist in den vergangenen Wochen beträchtlich leerer geworden. „Wir haben richtig Platz bekommen“, freut sich Museumsleiter Dr. Hermann Stenkamp, „und haben dabei noch etwas für den guten Zweck getan.“

Und das kam so: Im Frühjahr hatte sich Michael Braun aus Düsseldorf telefonisch im Bocholter LWL-Industriemuseum vorgestellt: Er engagiert sich im Rahmen seiner Kirchengemeinde für Hilfsprojekte in Madagaskar. Bei einem Aufenthalt in dem afrikanischen Land Ende 2017 knüpfte er Kontakte zur Schweizer Stiftung „Madagascare“. Gemeinsam mit deren Präsidenten entwickelte er eine Idee, erzählt Braun: „Wir haben uns überlegt, dass es gut wäre, wenn nicht jede Madagaskar-Initiative alleine arbeitet, sondern dass wir uns gegenseitig helfen.“

03 Für eine Madagaskar-Hilfsaktion wurde das Garnlager entrümpelt, diese 17 vollgepackten Paletten mit Garnen haben inzwischen den Weg per Containerschiff nach Afrika angetreten.

17 Paletten Garn

Gesagt, getan: Für ein Projekt im Süden der Insel, das Behinderten zu Wohnraum und einem Arbeitsplatz verhilft, hat „Madagascare“ Garne gesucht. Weil Braun zuvor schon von einem Textilmuseum in Bocholt gehört hatte, rief er dort an. Stenkamp erinnert sich: „Ich habe ihm gesagt, dass wir zwar tonnenweise Garn haben – aber keines aus reiner Baumwolle, sondern nur relativ dickes Garn mit einem Synthetikanteil von fünf bis zehn Prozent, das man nur für die Handweberei benutzen kann – das lohnt sich nicht!“ Doch genau das hatte Braun gesucht: „In dem Hilfsprojekt fertigen Einheimische auf Handwebstühlen Decken, für die genau solches Garn benötigt wird.“

Vier Tage packte Braun in Bocholt kräftig mit an und halft beim Entrümpeln des Garnlagers. „Ich hatte nie mit diesen Dimensionen gerechnet“, gesteht er. Auf 100 Garnrollen hatte er gehofft. Am Schluss standen 17 vollgepackte Paletten mit jeweils 300 Kilogramm Garn zur Abholung bereit. Per LKW ging die textile Fracht nach Basel, von dort über den Rhein mit dem Schiff in den Hafen von Antwerpen.

Die Schlichterei dient noch als Depot und soll in den kommenden Monaten geräumt werden.

Mittlerweile sind die Paletten in einem Hochseecontainer auf dem Weg nach Madagaskar, Ende September sollen sie dort ankommen. Stenkamp ist froh darüber, dass er das Garn nicht teuer entsorgen musste und es sogar noch am anderen Ende der Welt einen Nutzen bringt. Auch freut er sich darüber, dass er Michael Braun den Kontakt zur Bocholter Madagaskar-Initiative des früheren Pfarrers der Christuskirche, Kurt Stappenbeck, vermitteln konnte.

Zugleich ist der Museumsleiter erleichtert über jeden Kubikmeter im TextilWerk, der leer wird. „In diesem Teil der Spinnerei war früher die Schlichterei untergebracht, wo die Oberflächen der Garne behandelt wurden. In Zukunft wollen wir hier Großmaschinen aufstellen.“

Großmaschinen wie diese hydraulische Mangel werden künftig in der Schlichterei zu sehen sein.

Bleichen, Färben, Drucken

Während im Garnlager das Musterbucharchiv entstehen soll, wird die große Schlichtereihalle das Thema „Ausrüstung“ beherbergen und dem Besucher die einzelnen Schritte des Bleichens, Färbens und Druckens veranschaulichen. Eine vier Meter hohe hydraulische Mangel, deren Baujahr Stenkamp ungefähr auf 1920 schätzt, soll in den Mittelpunkt der Ausstellung rücken. Noch fristet sie versteckt ihr Dasein in einer Ecke der Schlichterei, ebenso wie riesige Waschmaschinen. Sie werden veranschaulichen, in welchen Arbeitsschritten Garne und ihre Produkte gewaschen wurden.

Bis das so weit ist, müssen noch viele Maschinen und Ersatzteile in die Depots des TextilWerks gebracht werden – oder eben entsorgt. Stenkamp hofft, dass dies zum Jahreswechsel geschafft sein wird. „Es wäre besser, die Exponate in den kommenden Wochen zu verladen, damit sie bei eisigen Wintertemperaturen nicht beschädigt werden.“ Der Anfang ist gemacht, und Stenkamp ist zufrieden: „Das Madagaskar-Projekt war wirklich ein Glücksfall für uns.“

Linda Schilling

Publikationsdatum: 05.09.2018

Themen: Spinnerei