Schiffshebewerk Henrichenburg

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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9.12.2018 - 15.9.2019

U-Boote

Krieg und Forschung in der Tiefe

U-Boote bewegen sich in den Tiefen der Ozeane – einer kaum erforschten Umgebung, in die Menschen ohne Schutz nicht vordringen können. Diese Schiffe werden von Soldaten für militärische Zwecke genutzt, aber auch von Wissenschaftlern für ihre Forschungen. In Romanen, Comics und Filmen spielen sie eine wichtige Rolle. Die Ausstellung geht der Faszination auf den Grund, die von U-Booten ausgeht.

Unterseeboote sind ein beliebtes Sujet für Romane und Filme. In der Realität brachten U-Boote in den beiden Weltkriegen Tod und Verderben. Heute nutzen Biologen und Geologen sie für friedliche Forschungen. In der Ausstellung zu sehen sind unter anderem das verrostete Bugsegment eines im Zweiten Weltkrieg versunkenen Klein-U-Boots vom Typ „Seehund“, eine historische Enigma-Chiffriermaschine, Kleidung und andere Original-Requisiten aus dem Film „Das Boot“ und der gerade angelaufenen neuen TV-Serie, ein Torpedo und Minen aus der Zeit des Kalten Krieges, Ausschnitte historischer Filme, Modelle, unbemannte Messfahrzeuge für die Meeresforschung sowie präparierte Tiere und rohstoffhaltige Gesteinsproben aus der Tiefsee. Begleitet wird der Besucher beim Gang durch die Ausstellungsabteilungen von „Pings“, jenen charakteristischen Tönen aus dem U-Boot-Sonar.

"Die Schau im Schiffshebewerk greift ein besonders spannendes Thema auf. U-Boote sind seit dem Ersten Weltkrieg und auch heute noch gefährliche Waffen. Andererseits erlauben sie uns Einblicke in eine Welt, die der Menschheit bislang verschlossen war. Das macht ihre Faszination aus“, sagt Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums.

Der verrosteten Bug eines Klein-U-Boots vom Typ Seehund. Dieser Typ war für eine Besatzung von zwei Mann konzipiert. Um die mehrtägigen Einsätze durchzustehen, putschten sich die Steuermänner mit Pervitin auf. Häufig war eine Rückkehr nicht eingeplant - ohne das Wissen der Besatzung. Foto: LWL / Appelhans
Das Plakat (1918) reagiert auf die Versenkung der "Llandovery Castle" durch U 86. An Bord waren Ärzte und Krankenschwestern. Die Besatzung von U 86 schoss nach dem Untergang auf die Überlebenden, um potentielle Zeugen zu beseitigen. Bild: Washington, D.C., Library of Congress

Feindfahrten

In den unterschiedlichen Epochen hatte das U-Boot nicht immer die gleiche Bedeutung. Für Museumsleiter Dr. Arnulf Siebeneicker ist das Gefährt deshalb auch „ein ebenso aussagekräftiger wie spannender Indikator für den jeweiligen Zeitgeist in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft.“ In den beiden Weltkriegen brachten U-Boote Tod und Verderben. Ihr Einsatz mündete in eine uneingeschränkte Kriegsführung, in der Angriffe ohne Warnung und ohne die Rettung von Schiffbrüchigen erfolgten. Von einem besonders barbarischen Akt zeugt ein Plakat von 1918. Es reagiert auf die Versenkung des Hospitalschiffs „Llandovery Castle“, das vom kanadischen Roten Kreuz betrieben wurde, durch ein U-Boot der deutschen Marine. Nach dem Untergang ließ Kommandant Helmut Patzig auf die Überlebenden schießen. Die nicht minder grausame Realität der Kriegführung unter Wasser nach 1939 führten der Roman „Das Boot“ von Lothar-Günther Buchheim und der darauf basierende Film einem breiten Publikum vor Augen. Museumsdirektor Zache erinnert: „Das löste in Deutschland ab 1973 die erste breit geführte Debatte um die Rolle der Wehrmacht im NS-Regime aus.“

Seit dem Kalten Krieg sind Atom-U-Boote Träger von Massenvernichtungswaffen, die auf Knopfdruck ganze Regionen vom Erdboden tilgen können. „Die Verfolgungsjagden der U-Boote der beiden Supermächte, die sich unter dem Eis der Arktis gegenseitig belauern, sind Kennzeichen dieser Epoche“, so Siebeneicker. Auch heute werden die unterseeischen Flaggschiffe als Motiv staatlicher Propaganda genutzt: Fotografien der Machthaber Putin, Xi Jinping und Kim Jong-un, die an ihren Marinestützpunkten auf U-Booten posieren, zeugen davon.

Zahlen zu den U-Boot-Einsätzen während der Weltkriege

1. Weltkrieg

  • Im Einsatz waren 351 U-Boote, davon sind 768 gesunken

  • 17.841 deutsche U-Bootfahrer waren im Einsatz, 4949 sind gefallen

  • Fast 7.000 alliierte und neutrale Schiffe wurden im Ersten Weltkrieg von deutschen U-Booten versenkt, dabei starben schätzungsweise 25.000 Menschen

2. Weltkrieg

  • Im Einsatz waren 1156 U-Boote, davon sind 768 gesunken

  • 40.400 deutsche Soldaten waren im Einsatz, rund 30.000 sind gefallen

  • 3239 alliierte und neutrale Schiffe wurden im Zweiten Weltkrieg von deutschen U-Booten versenkt, dabei starben schätzungsweise 35.000 Menschen

Forschungsfahrten

Neben der „grauen“ Sphäre der gut getarnten U-Boote in der Kriegsmarine gibt es aber eine „gelbe“ Sphäre der für die Ozeanforschung genutzten Gefährte, die neue Erkenntnisse über die Fauna und Flora in der Tiefsee sowie die Geologie des Planeten liefern. Im Mittelpunkt dieser Abteilung steht ein Tauchboot aus dem „Geomar“ Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Es kann ohne Besatzung in Tiefen bis zu 6.000 Metern vorstoßen. Auch die Rohstoffgewinnung unter Wasser ist ein Thema dieser Abteilung. In abgesteckten Zonen der Ozeane ist mittlerweile ein Wettstreit der Nationen um den Abbau von Manganknollen und Schwarzen Rauchern ausgebrochen. Zache: „In Deutschland verabschieden wir uns gerade vom Steinkohlenbergbau. Der Bergbau der Zukunft wird sich in den Ozeanen abspielen.“

Unterstützt wird die Ausstellung durch Leihgaben, vor allem aus dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden, dem „Geomar“ Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und dem Deutschen Technikmuseum Berlin.

Eine Ausstellung im Verbundprojekt „Alles nur geklaut? Die abenteuerlichen Wege des Wissens“.

Das "Autonomous Underwater Vehicle" (AUV) ABYSS steuert in Tiefen zwischen 2000 und 6000 Metern selbstständig über den Meeresboden. Mit Hilfe eines Echolots fertigt es hochauflösende Karten des Meeresbodens an. Weltweit sind nur fünf dieser Geräte im Einsatz. Foto: LWL / Appelhans