Henrichshütte Hattingen

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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14.12.2019 - 28.6.2020

Vom Streben nach Glück

200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika

Über 300.000 Menschen verließen von 1800 bis 1914 Westfalen, um in den Vereinigten Staaten ein neues Leben zu beginnen. In ihrer alten Heimat hatten sie keine wirtschaftliche Perspektive. Als nachgeborene Söhne und Töchter waren sie vom Erbe ausgeschlossen. Im ländlichen Westfalen gab es für sie keine Arbeitsplätze und keine Chance auf einen beruflichen Aufstieg. Doch diejenigen, die sich zu einer Auswanderung entschlossen, gingen ein hohes Risiko ein. Sie wussten zwar aus Briefen von anderen Emigranten, dass sie in den USA eigenes Land erwerben und Arbeit finden konnten. Die Überfahrt kostete jedoch viel Geld und nicht allen gelang es, sich in der neuen Heimat eine erfolgreiche Karriere aufzubauen. Die Ausstellung veranschaulicht mit über 100 Exponaten, Bildern und Stichen die 200-jährige Geschichte dieser Auswanderungsbewegung.

Werbeplakat der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG). Die Reederei war einer der wichtigsten Anbieter für Überfahrten auf der Transatlantik-Route.

Fluchtursachen

Das Gebiet des heutigen Westfalen-Lippe war im 19. Jahrhundert wirtschaftlich sehr unterschiedlich entwickelt. Industriebetriebe gründeten sich erst mit dem Anschluss an die Eisenbahn. Und so blieben die ländlichen Regionen Westfalens, in denen die meisten Menschen vom Ackerbau lebten, von dieser Entwicklung noch lange ausgeschlossen.

Hinzu kam, dass nach dem sogenannten Anerbenrecht in Westfalen – je nach Region – immer der älteste oder der jüngste Sohn eines Landbesitzers den gesamten Besitz erbte. Die jüngeren oder älteren Geschwister waren von der Erbfolge ausgeschlossen. Sie hatten nur durch Heirat die Perspektive, selbst Landbesitzer zu werden. Die einzige Alternative stellte ein Leben als recht- und besitzlose Knechte und Mägde auf dem Hof ihres Bruders dar. So reizte zu Beginn des 19. Jahrhunderts viele Menschen die Aussicht, durch eine Auswanderung nach Amerika eigenes Land erwerben zu können.

Aber auch politische Gründe bewegten die Menschen dazu, ihre deutsche Heimat zu verlassen. Die wohl prominenteste Gruppe dieser politischen Auswanderer waren die Anhänger der revolutionären Bewegung 1848 – die sogenannten 1848er –, deren Wunsch nach Freiheit, Gleichheit und politischer Mitbestimmung auch das Leben der Deutschen in den USA prägten.

Einschiffen auf ein Auswandererschiff in Bremerhaven. Foto: Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

Agenten vermittelten den Ausreisewilligen die Schiffsfahrkarten für die Überfahrt in die USA. Die Reise begann meist in den beiden großen deutschen Auswandererhäfen in Bremerhaven und Hamburg. Die meisten deutschen Auswanderer hielten bereits Kontakt zu Menschen aus ihrem Dorf oder zu Verwandten, die schon in den USA lebten. Da Klima und Landschaft denen in der Heimat sehr ähnlich waren, siedelten sich meistens Westfalen im Mittleren Westen in den Staaten Wisconsin und Ohio an. Fast eine Millionen Deutsche fanden hier eine neue Heimat.

Der Bundesstaat Indiana war ein besonders beliebtes Ziel bei den deutschen Einwanderern. Oft brachten sie technisches Know-How mit. In Fort Wayne gründeten die Berghoff-Brüder aus Dortmund ihre eigene Brauerei.

Deutsche in der Neuen Welt

Der Bundesstaat Indiana mit seiner Hauptstadt Indianapolis wurde zum Zentrum der deutschen Kulturschaffenden und des deutschen Wirtschaftslebens. Eine der herausragenden Persönlichkeiten war Clemens Vonnegut aus Münster, der es mit einem Haushalts- und Eisenwarenhandel in kurzer Zeit zu Reichtum brachte.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatten über acht Millionen Menschen in den USA deutsche Vorfahren. Sie lebten als Farmer in den nördlichen Staaten des Mittleren Westens, waren aktiv im Wirtschaftsleben, in der Kultur und in der Politik der Vereinigten Staaten.

Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg veränderte sich schließlich das Verhältnis zwischen Amerikanern und Deutschen. Viele Familiennamen wurden amerikanisiert, deutsche Zeitungen, Reklametafeln und Bräuche verschwanden aus der Öffentlichkeit.

Noch heute sind die USA ein Auswanderungsziel für viele Deutsche, die im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ein neues Glück, eine wirtschaftliche Perspektive oder einfach nur Freiheit und Abenteuer suchten.

Hattinger Lebensläufe

Das LWL-Industriemuseum Henrichshütte erzählt die Geschichte von Hattinger Menschen, die ihr Glück in der Fremde, vor allem den Vereinigten Staaten von Amerika, suchten. Dabei waren die unterschiedlichsten Gründe ausschlaggebend für den Entschluss, die Heimat zu verlassen. Die Geschichten reichen vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Historische Persönlichkeiten wie Mathilde Franziska Anneke oder die einzige deutsche Miss Universum, Marlene Hardin (geb. Schmidt), sind genauso vertreten wie heutige Studenten und Studentinnen, die uns ihre Geschichten erzählt haben. In einem Mitmach-Bereich haben die Besucher*innen die Möglichkeit, mit ihrer eigenen Geschichte zum Thema „Auswanderung“ Teil der Ausstellung zu werden.

Die Flucht von Mathilde Franziska Anneke

Mathilde Franziska Anneke wanderte aus politischen Motiven aus. Sie war Teil der in den Jahren 1848/49 stattfindenden Revolutionen in Europa. Nach dem Scheitern der Revolution, wurden die Unterstützer zu politischen Flüchtlingen. Sie wollten der politischen Verfolgung entgehen und sahen eine Chance ihre Ideale und politischen Ziele in den USA zu verwirklichen. Mathilde Franziska Anneke entwickelte sich zu einer der prominentesten Vertreterinnen des Feminismus in den USA.

Anna Sommer und der amerikanische Traum

Anna Sommer (geb. Kerkemeier) entschied sich mit ihrem Ehemann, Hans Günther Sommer, im Jahre 1955 zur Auswanderung. Anlässlich des 100. Firmenjubiläum der Spedition Kerkemeier im Jahr 2019 besuchte die heute 95-jährige Hattingen und stand für ein Gespräch zur Verfügung. Anfänglich war Anna von der Auswanderung wenig begeistert, doch die Freiheit und die Chance zur Selbstbestimmung und –verwirklichung überzeugten sie schlussendlich doch. Es war ein hartes Leben, aber mit Fleiß verwirklichte die Familie den amerikanischen Traum und brachte es zu einigem Wohlstand.

Miss Universe und der Eiserne Vorhang

Auswanderung geht manchmal seltsame Wege. Marlene Schmidt kandidierte als Miss Germany, weil der Gewinnerin ein schickes Cabrio winkte. Sie gewann und setzte sich 1961, vier Wochen vor dem „Mauerbau“, in Miami als Miss Universum durch. Die Ingenieurin für Feinwerktechnik war 1960 aus der DDR nach Hattingen geflüchtet. Ihre Wahl zur weltweit schönsten Frau wurde in der DDR als westliche Provokation im Kalten Krieg interpretiert.

Nachdem sie zur Miss Universum gekrönt wurde, heiratete sie den amerikanischen Fernsehstar Ty Hardin und lebte in den USA. In den 1980er Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück und arbeitete in ihrem ursprünglichen Beruf als Ingenieurin. Frau Hardin lebt heute in Saarbrücken.

Herr Zhagow entdeckt die Welt

Im Rahmen von Austauschprogrammen, wie beispielsweise ERASMUS, haben heute insbesondere junge Menschen die Chance, für eine gewisse Zeit im Ausland zu leben. Lukas Zaghow ist einer von ihnen. Bereits während der Schulzeit ging er im Rahmen eines Schüleraustauschprogramms nach Salem, Massachusetts. Diese Erfahrung weckte in ihm den Wunsch, weitere Kulturen und Sprachen kennenzulernen. So verbrachte er während des Studiums mehrere Semester im Ausland, unter anderem in Portugal und Japan.

 

Das LWL-Industriemuseum Henrichshütte Hattingen sucht Ihre Geschichte

Haben Sie auch spannende Geschichte im Rahmen von Austauschprogrammen? Dann werden Sie Teil der Ausstellung! Schicken Sie Ihre Geschichte an patrick.thiemig@lwl.org.

Kooperationspartner

Kooperationspartner der Ausstellung ist die Arbeitsstelle für Deutsch-Amerikanische Bildungsgeschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Begleitprogramm zur Ausstellung

Ab dem 15. Dezember findet jeden Sonntag um 16.15 Uhr eine Führung durch die Ausstellung statt. Bezahlt werden muss nur der reguläre Eintritt plus 2 Euro.

 


 

Außerdem stehen Filmabende und Vorträge auf dem Programm:

Di, 14.1.2020 | 20 Uhr
„Fremd bin ich eingezogen…“ - Vortrag von Stadtarchivar Thomas Weiß, Hattingen. Eintritt frei

Mi, 8.1. | 19 Uhr
Filmabend: Titanic (USA/1997, FSK 12), Eintritt frei

Mi, 19.2. | 19 Uhr
Filmabend: Heaven's Gate (USA/1980, FSK 16), Eintritt frei

Mi, 11.3. | 19 Uhr
Filmabend: West Side Story (USA/1961, FSK 12), Eintritt frei

Sa, 21.3. | 15 Uhr
Demokratie leben - Gemeinsame Demokratiekonferenz, Eintritt frei

Mi, 15.4. | 19 Uhr
Dokumentarfilm: Exodus - Der weite Weg (D/2018, FSK 0), Eintritt frei

Mi, 6.5. | 19 Uhr
Doku-Reihe: Vom Pionier zum Millionär. Die fünfteilige Dokumentationsreihe erzählt die Geschichten von deutschen Unternehmern in Amerika, u.a. William Edward Boeing, Eintritt frei

Mi, 20.5. | 19 Uhr
Filmabend: Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht (D/2013, FSK 6), Eintritt frei

Mi, 10.6. | 19 Uhr
Filmabend: Hotel New Hampshire (USA/UK/CDN 1984, FSK 16)