Henrichshütte Hattingen

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

Menu
Die Luftaufnahme zeigt die Abfalldeponie einer Aluminiumoxid-Raffinerie. Foto: J Henry Fair

26.10.2018-22.4.2019

Hidden Costs. Ewigkeitslasten

Fotografien von J Henry Fair

„Hidden Costs“ zeigt Luftaufnahmen aus aller Welt mit Schwerpunkten in den USA und Deutschland. J Henry Fair fotografiert weltweit jene Wunden, die das Industriezeitalter dem „Blauen Planeten“ geschlagen hat. Fairs ästhetische Fotografien ziehen auf den ersten Blick das Auge an. Beim zweiten Blick folgt der Verstand: Wollen wir so leben?


Verseuchte Gewässer, überformte Reviere, geplünderte Landschaften teils gigantischen Ausmaßes – aus 300 Metern Höhe aufgenommen sind die „versteckten Kosten“, die die Industrialisierung Welt, Mensch und Natur hinterlässt, offensichtlich. Henry Fair zeigt diese „Ewigkeitslasten“, an denen der Blaue Planet bereits heute schwer trägt, auf großformatigen Fotografien. Eine Auswahl von 45 Arbeiten ist im LWL-Industriemuseum Henrichshütte Hattingen zu sehen.

Sisyphusarbeit

"Sisyphus"

Texas City, Texas, USA - 24/3/2006

Foto: J Henry Fair

Eine Planierraupe verteilt einen Vorrat an Petrolkoks, ein Kohlenstoff-Nebenprodukt des Ölraffinationsprozesses. Tatsächlich werden etwa 71 Prozent von der Industrie als Energieträger genutzt. Der kohlendioxid- und schwefelreiche Petrolkoks wird für die Herstellung von Zement, Kalk und anderen industriellen Produkten sowie in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen verbrannt. Als Kohlenstoff-Träger kommt Petrolkoks vor allem bei der Herstellung von Aluminium und Stahl zum Einsatz.


Die Luftbilder von industriellen (Folge-)Landschaften werden sowohl im Gebläsehaus als auch auf dem Außengelände des ehemaligen Hüttenwerks gezeigt. Für Henry Fair sind Luft, Wasser und Boden unveräußerliche Werte, die allen gehören. Die Industrialisierung versteht Fair als Privatisierung des Unveräußerlichen. Und er zeigt uns die Vergesellschaftung der „hidden costs“. Als Künstler setzt er nicht auf die Überzeugungskraft der bekannten Fakten, Zahlen und Statistiken. Er setzt auf die Macht der Bilder, die in uns die Stimme weckt: „Wollen wir das?“

Im Interview spricht der Fotograf über sein Projekt


 

Ein Schwerpunkt der Ausstellung sind die Vereinigten Staaten und Kanada, wohl auch, weil der US-Amerikaner Fair in seiner Heimat, in der das Wort „Klimawandel“ auf dem Index der Regierung steht, eben auch einen Schwerpunkt des Problems erkennt. Aber auch in Europa, in Deutschland, an Rhein und Ruhr findet Fair seine Motive – und diese finden wir somit auch in der Ausstellung. Die Ausstellung wird nach Hattingen auch an anderen Standorten des LWL-Industriemuseums gezeigt.

Die bewaldeten Berge, Täler und Bäche, die hier einst standen, sind unter dem Abraum des Bergbaus begraben. Foto: J Henry Fair

Anlass der Schau ist das Ende des Bergbaus im Ruhrgebiet 2018. Denn auch wenn der Bergbau endet, müssen weiterhin Pumpen permanent Wasser abführen, damit der Pott nicht „absäuft“. Die RAG hat diese „Ewigkeitsaufgabe“ 2007 in eine Stiftung ausgegliedert. 2019 wird sich zeigen, ob der Stiftungs-Gewinn ausreicht, um die Kosten in Höhe von 200 Millionen Euro pro Jahr zu decken. Sollte das nicht der Fall sein, sind Bund und Länder in der Gewährleistung, wie die Neue Züricher Zeitung berichtet. Werden auch bei uns die „hidden costs“ vergesellschaftet?

Henry Fair geht mit seinen Luftbildern diesen „Ewigkeitslasten“ nach und besucht dabei nicht nur das Ruhrgebiet. Der amerikanische Fotograf und Umweltaktivist gibt mit seinen Bildern tiefe Einblicke, zumeist aus dem Flugzeug in etwa 300 Metern Höhe aufgenommen. Die Arbeiten faszinieren zunächst in ihrer Abstraktion mit ihren prominenten Farben. Der zweite Blick und erste Gedanke lässt uns fragen: Das also ist das Schicksal unseres „Blauen Planeten“?

Ein gesalzener Wald

"To Salt a Forest"

Heringen, Deutschland - 2/10/2014

Foto: J Henry Fair

Dieser Berg aus Kali-Bergbauabraum ragt 200 Meter über die umliegenden Wälder und Bauernhöfe. 1973 wurde mit der Aufschüttung des „Monte Kali“ begonnen. 2016 lag das Gesamtgewicht des Berges aus 96% Kochsalz bei 200 Mio. Tonnen. Der nahe gelegene Fluss Werra ist so belastet, dass die meisten Tiere und Pflanzen, die auf Süßwasser angewiesen sind, hier nicht mehr überleben können.


Um Fragen wie diese in unsere Köpfe zu bekommen, fotografiert Fair weltweit und stellt auch weltweit aus. Tatsächlich zielt Fairs Arbeit auf uns ab, unser Bewusstsein, unsere Haltungen, unsere Handlungen. Denn, laut Fair, enthalten die Dinge, die wir kaufen, keine Informationen über die „hidden costs“ für die an ihrer Produktion beteiligten öffentlichen Güter: die verschmutzte Luft, das verschmutzte Wasser, die zerstörten Lebensräume oder die ausgebeuteten Arbeiter. Und dennoch werden wir den Preis zahlen, wenn wir nichts dagegen tun, angefangen in unserem persönlichen Handeln. Also doch die Glasflasche mit Mineralwasser aus der Bochumer Quelle statt der PET-Flasche aus Oberitalien?

Eine Ausstellung unter dem Dach von: