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Schloss Nordkirchen
 

Nordkirchen wird oft als "Westfälisches Versailles" bezeichnet und das nicht zu Unrecht, denn Parallelen zum Glanzstück des französischen Barock sind ebenso vorhanden, wie typisch westfälische Elemente. Über Jahrhunderte waren in Nordkirchen berühmte Baumeister und Gartenkünstler aus Deutschland und Frankreich tätig, die zum Teil deutliche Spuren hinterlassen haben. Auf ausgedehnten Spaziergängen durch die vielfältige Parklandschaft lässt sich schon einiges von der Geschichte und der historischen Pracht erahnen. Besonderer Anziehungspunkt ist die rekonstruierte Venusinsel. Darüber hinaus strahlt die bedeutende, gut 70 Hektar große Gartenanlage durch zahlreiche Alleen in die umgebende Kulturlandschaft aus. Für die Studenten der hier ansässigen Fachhochschule für Finanzen bedeutet die schöne und ruhige Umgebung, dass sie konzentriert lernen und sich zum Ausgleich gut erholen können.

Externe ID: T-P363L301-20080724-00001
Erfassungsdatum: 24.07.2008
Kategorie: Staats- und Herrschaftswesen
Datenherkunft: Redaktion


Übergeordnetes Objekt:
  • (keins)
Untergeordnete Objekte:
  • (keine)



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2003: Schlosslandschaft Nordkirchen

Zugehöriges Objekt

Schlosslandschaft Nordkirchen (Kulturlandschaft)

 

Eigentümer und Zugänglichkeit
Land Nordrhein-Westfalen; die Gartenanlagen sind öffentlich zugänglich.

Naturräumliche Situation und Lage
Westfälisches Tiefland - Kernmünsterland, süd- bzw. südöstlich von Nordkirchen, zwischen Nordkirchen und Südkirchen.

Allgemeine Angaben zur Geschichte, Ausstattung und Beschreibun­g der Anlage
Aufgrund der Größe dieser Anlage wird hier zur ersten Orientierung eine Unterteilung in einzelne Gartenbereiche vorgenommen: Zentraler Anlaufpunkt ist die Schlossinsel mit dem berühmten Klinkerbau von Pictorius aus dem beginnenden 18. Jahrhundert. Das Schloss ist heute durch buntes Treiben der Studenten der Fachhochschule für Finanzen des Landes Nordrhein-Westfalen geprägt und beherbergt zusätzlich ein Restaurant im Kellergewölbe. Im östlichen Seitenflügel sind eine Kapelle und ein Trauzimmer untergebracht, hier finden jährlich etwa 400 Trauungen in romantischer Umgebung statt. Gegenüber befindet sich eine Informationsstelle für alle Besucher. Die Schlossinsel ist unterteilt in den Ehrenhof direkt am Schloss und den Vorhof mit größeren Rasenflächen zwischen den ehemaligen Stallgebäuden. Beide wurden in den 1990er Jahren auf Grundlage der Planungen des berühmten Architekten Schlaun wiederhergestellt. Von der Schlossinsel gelangt man über Brücken nach Süden auf die so genannte Vorburg. Diese Insel wartet noch auf ihre Rekonstruktion im Sinne der Schlaunschen Planungen. Direkt südlich schließt ein Wegestern an, der die Schlossinsel über Alleen mit dem Ost- und Westgarten sowie nach Süden mit dem Tiergarten verbindet. Im Norden des Schlosses liegt die Venusinsel, das neobarocke Schmuckstück der gesamten Anlage. Dieser Inselgarten mit Blumen, Rasenflächen und zahlreichen Skulpturen wurde 1989 bis 1991 nach den Plänen des berühmten französischen Gartenkünstlers Duchêne vollständig wiederhergestellt. Im Norden dieser Insel, jenseits des Teichs setzt ein weiterer Wegestern die Mittelachse des Schlosses weithin fort. Im Osten dieser zentralen Anlagen befindet sich der Ostgarten. Er ist vor allem von Waldbereichen mit Alleen und Wegesternen geprägt und beherbergt auf seinen unterschiedlich großen Lichtungen diverse Skulpturen aus verschiedenen Epochen sowie mit Mensa und Hallenbad zwei Bauten aus den 1970er Jahren. Im Westen liegt der Westgarten mit anschließenden Garten- und Waldbereichen. Hier sind zahlreiche Relikte aus der Schaffenszeit Schlauns zu entdecken, allen voran das Lustschloss Oranienburg, aber auch Pictorius und Duchêne haben ihre Spuren hinterlassen. Die derzeitige Nutzung weiter Bereiche als Pferdeweide erfordert vom Betrachter viel Vorstellungsvermögen, um die einstige barocke Pracht vor dem geistigen Auge wieder erstehen zu lassen. Der im Süden anschließende Rennplatz mit malerischen Baumgruppen wurde vom letzten Grafen Esterházy Ende des 19. Jahrhunderts angelegt und geht in den Tiergarten über, den man auf der Südkirchener Allee durchwandern kann. Der prächtige Schlossgarten ist frei zugänglich, das Schloss nur im Rahmen von Führungen oder bei Veranstaltungen wie Konzerten und Tagungen. Wer sich mit der Geschichte befasst wird im Schlosspark und der umgebenden Landschaft noch weitere interessante Relikte alter Zeiten entdecken können:

Die erste urkundliche Erwähnung Nordkirchens ist im Zusammenhang mit dem Knappen Johann Morrien 1324 zu finden. Die Ritter von Morrien bewohnten zu der Zeit wahrscheinlich eine Motte im Hirschpark östlich des heutigen Schlossparks. Ende des 14. Jahrhunderts erhielt Johann II. von Morrien den Hof Nordkirchen als Lehen. Er hatte dafür Zahlungen an die Grafen von der Mark leisten müssen. Anfang des 15. Jahrhunderts wird schließlich eine erste Wasserburg unter Johann III. von Morrien erwähnt. Der Ausbau der bestehenden Befestigungsanlagen 1516 bis 1522 scheint nicht ausreichenden Schutz geboten zu haben, denn bereits 1528 lässt Gerhard von Morrien vom Baumeister Henrik de Suyr aus Coesfeld (dem Erbauer von Schloss Herten) eine Burganlage errichten. Dieses Bauwerk mit hohen Dämmen und vier vorgelagerten Wehrtürmen war lange Zeit eine der größten und stärksten Burgen des Münsterlandes. Sie wies nach einer Zeichnung von Peter Pictorius d. J. keinen Garten innerhalb der Gräfte auf, verfügte aber über Nutzgärten außerhalb der Befestigungsanlage. Die regelmäßigen Gartenquartiere mit Zäunen, Mauern oder Hecken begrenzt, lagen im Norden und Nordosten der Anlage und hatten keine Beziehungen zum Schloss oder zueinander. Im Süden befanden sich Baumpflanzungen im Quincunx, einem damals häufigen Bepflanzungsmuster. Zum Bau ihrer ausgedehnten Anlage verlegten die Herren von Morrien das alte Dorf Nordkirchen samt Femestuhl, Kirche und Friedhof aus strategischen Gründen an den weiter entfernten, heutigen Ort. Durch diese Maßnahme machten sich die Burgherren sehr unbeliebt. Nach langen Rechtsstreitigkeiten wurden sie verpflichtet, anstelle der alten Dorfkirche eine Kapelle zu errichten, die 1609 durch ein Steinkreuz mit Gekreuzigtem ersetzt wurde. Ein erneuertes Kreuz aus den 1970er Jahren an der Stelle des alten ist noch heute im Ostgarten zu sehen. Der Vorgänger war während der Zeit der Nationalsozialisten zerstört worden.

Die Burg von Baumeister Henrik de Suyr stand etwa 150 Jahre. Sie wurde bis Ende des 17. Jahrhunderts erhalten und möglicherweise weiter ausgebaut. Nachdem jedoch die Herren von Morrien 1691 im Mannesstamme ausgestorben waren, kaufte Fürstbischof Friedrich Christian von Plettenberg 1694 die Anlage samt der mittelalterlichen Gebäude und ließ bereits 1697/98 erste Entwürfe für ein neues Schloss vom bedeutenden Barockbaumeister Gottfried Laurenz Pictorius anfertigen. (Diese wurden jedoch nicht ausgeführt, es folgten aber weitere.) Die heutige barocke Schlossanlage und einen ersten Garten plante Pictorius im holländischen Stil des frühen westfälischen Barocks. Vier kleinen Turmpavillons nehmen die Form der alten Burg auf und interpretieren sie zeitgemäß. Das neue Schloss ersteht ab 1703 aus Ziegeln und Sandstein und nur ein Jahr später beginnen Arbeiten am formalen Garten im Westen der Schlossinsel. Dieser bezog sich mit seiner Zentralachse auf die Westbrücke und mit den seitlichen Begrenzungen auf die Turmpavillons der Schlossinsel. Der erste Abschnitt dieses Gartens lag vertieft und hatte an der westlichen Begrenzung, etwa 120 Meter von der Westbrücke entfernt, eine Quermauer und ein kreisförmiges Fontänenbecken. Überdeckte Reste hiervon sind in den 1980er Jahren bei gartenarchäologischen Grabungen gefunden, aber nicht rekonstruiert worden. Sichtbare Relikte aus dieser Zeit sind zwei Rundtürme aus Backstein. Sie markieren damalige westliche Gartenbegrenzung in der Nähe der Oranienburg.

Nach dem Tod des Fürstbischofs, 1712, übernahm sein Neffe Ferdinand von Plettenberg den Besitz und setzte die Arbeiten zunächst fort. Der Architekt Peter Pictorius, Bruder des Gottfried Laurenz Pictorius, entwarf beispielsweise ein Gartencasino, das 1718/19 gebaut wurde und als Erdgeschoss der Oranienburg noch heute erhalten ist. Ferdinand von Plettenberg gehörte jedoch einer anderen Generation an als sein Onkel und suchte sich bald mit dem bedeutenden Barockbaumeister Johann Conrad Schlaun einen moderneren Architekten und Gartenkünstler. Dieser übernahm ab 1723 die Bauleitung, schwerpunktmäßig für den Innenbereich des fast fertigen Schlosses und für den Garten, der noch nicht sehr weit gediehen war. Unter Johann Conrad Schlaun, der kurz zuvor aus Frankreich zurückgekehrt war, entstand ab 1725 in Nordkirchen eine der bedeutendsten Gartenanlagen der Zeit: Es war ein Garten im Stil des französischen Barock, der Stilrichtung der späteren Barockgärten. An einigen Stellen war Schlaun sogar seiner Zeit voraus, denn er plante nicht mehr einen primär repräsentativen Garten, sondern eine vereinfachte Anlage mit intimen Bosketträumen und Raumfolgen, zum Beispiel den Kabinettgärten, die natürlicher wirkten und für die Zeit des Rokoko typisch sind.

Zunächst ließ Schlaun ab 1725 die Oranienburg aufstocken. Er nutzte dabei das Erdgeschoss von Pictorius, fügte aber einfühlsam ein zweites Geschoss hinzu. Um das bestehende Gebäude möglichst weitgehend zu erhalten, setzte Schlaun das nötige Treppenhaus der rückwärtigen Fassade als Mittelrisalit vor. Auf der Südseite übernahm er die Fenstergliederung, schmückte aber Fenster und Türen gemäß der neuen Nutzung als kleines Filial- oder Lustschloss stärker aus. Entsprechend der gestiegenen Bedeutung der Oranienburg, wurde diese zum Mittelpunkt einer neuen, in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Gartenachse. Kläglicher Rest dieser Achse sind vier Vasen in der Wiese südlich der Oranienburg. Im Norden ist die Tiefe der historischen Achse durch Einfügung eines Parkplatzes zwischen dem Bereich des ehemaligen Rasenparterres und des Fontänenbeckens nicht mehr zu erkennen.

Im gesamten Garten war Schlauns Umgestaltung weitaus radikaler als an der Oranienburg: Nur die Ausrichtung der Mittelachse auf die Westbrücke am Schloss wurde beibehalten, ansonsten wurde der gerade erst fertiggestellte Westgarten im holländischen Stil komplett mit Boden überdeckt. An seiner Stelle entstand ein breiteres, klassisches Rasenparterre im französischen Stil. Geplant waren hier ein großes und vier kleinere Wasserbecken, von denen man jedoch nicht weiß, wie weit sie ausgeführt wurden. Dieser Garten war im Norden und Süden von Promenaden mit Kastanienalleen gerahmt, die dem natürlichen Gelände folgend langsam nach Westen ansteigen. Hier waren in regelmäßigen Abständen Skulpturen auf Backsteinsockeln aufgestellt, von denen heute noch einige vorhanden sind. Ob es sich bei den Skulpturen um die in den Jahren 1721 bis 1724 von Johann Wilhelm Gröningers Werkstatt geschaffenen Figuren and Urnen handelt, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Er lieferte jedoch in jedem Fall mehrere Figuren, wie Venus, Mars, Jupiter, Apollo, Bacchus, einen Herkules und 12 Vasen. Später wurden auch andere Bildhauer, unter ihnen Johann Christoph Manskirch beauftragt. Von letzterem stammen unter anderem ein Herkules Farnese mit seiner typischen Keule und Löwenfell, ein weiterer Mars, ein sitzender Apollo, zwei Venus-Figuren, eine Flora und zwei Satyrn. Über Stufen gelangte man weiter westlich in ein höher gelegenes schmückendes Broderieparterre vor der nun zweigeschossigen Oranienburg. Im Schnittpunkt der Mittelachsen vom Westgarten und der Oranienburg war in diesem prächtigen Gartenteil eine zentrale Fontäne geplant. Ab diesem Broderieparterre wurde 1727 der formale Westgarten auf 580 Meter verlängert. Es entstanden eine Boskettzone (waldartiger Bereich) mit Rasenparterres oder Ballspielplätzen und weiter westlich zwei in der Höhe gestaffelte Wasserreservoirs für den Betrieb der Fontänen. Im gesamten westlichen Garten gab es zahlreiche Nischen mit Bänken, von denen aus man die Anlage betrachten konnte.

Im Norden schlossen auf der gesamten Länge des Westgartens mehrere Gartenkompartimente (Gartenräume) an: Parallel zum schlossnahen Rasenparterre befand sich ein im Quincunx gepflanzter Baumgarten mit Wegestern. Hinter der Oranienburg lag als Entsprechung zum prachtvollen Broderieparterre ein intimer Privatgarten (jardin privée) mit einem kleinen Broderie- und einem Rasenparterre, einem Fontänenbecken und einer Arkade aus Treillagen sowie einem kleinen (Obst-)Baumgarten. Dieser private Bereich war von einer Mauer umgeben und ist heute nicht mehr als solcher zu erkennen. Westlich der Oranienburg entstand ab 1728 ein Irrgarten, bei dem einer der Gartentürme von Pictorius als Zugang in die aufwändige, neue Gestaltung einbezogen wurde. Hieran anschließend wurde 1727 bis 1734 eine Fasanerie mit Freigehege errichtet. Außer Fasanen wurden dort auch ägyptische und englische Hühner, Tauben und Kanarienvögel gehalten. Südlich von Irrgarten und Fasanerie lag der Boskettbereich des Westgartens und nördlich ein weiterer "Sternbusch". Parallel zu den Wasserbassins im äußersten Westen entstand etwa zur gleichen Zeit die neue Orangerie als Dreiflügelanlage mit seitlichen Treibhäusern und vorgelagertem Küchen- und Obstgarten. Die Orangerie diente zur Unterbringung von über 100 Orangenbäumen und anderen Kübelpflanzen, wie Lorbeerbäumen, Granatapfel, Limette, Oleander und Rosmarin. Das Gebäude steht heute noch und dient unter anderem der Ausstellung hochwertiger Gartenmöbel. Im Küchengarten ist noch das zentrale Wasserbecken zu erkennen.

Der Nordgarten, die heutige Venusinsel, wurde erst 1732 von Schlaun geändert. Er war axial auf den Mittelrisalit des Schlosses ausgelegt, hatte aber keine direkte Verbindung zum Schloss: In Verlängerung der zentralen Achse des Schlosses legte Schlaun einen Spiegelweiher und darüber hinaus eine Allee an, die in die Landschaft ausstrahlte. Auf diese Mittelallee führten zwei kleinere Alleen vom Schloss über die Nordinsel und bildeten gemeinsam einen Dreistrahl (ein Patte d'oie). Zahlreiche weitere Alleen sind von 1708 bis 1724 in alle Richtungen gepflanzt worden und tragen, ebenso wie der zwischen 1704 und 1724 angelegte Tiergarten zur Vernetzung von Schlosspark und umgebender Landschaft bei. Der Tiergarten diente ursprünglich dem höfischen Jagdvergnügen und war lebende Vorratskammer für die Schlossbewohner.

Wie detailliert Schlauns Planungen ausgeführt wurden ist noch nicht eindeutig erwiesen. Das Schicksal des Gartens war eng mit dem seines Besitzers verbunden. Ferdinand von Plettenberg war Erster Minister von Fürstbischof und Kurfürst Clemens August von Bayern, dem Erzbischof von Köln und Bischof von Münster, Paderborn, Osnabrück und Hildesheim. Clemens August war also ein mächtiger Mann, aber sein Interesse galt mehr der Baukunst - er ließ Schloss Augustusburg in Brühl, das Jagdschloss Clemenswerth im Hümmling und das Schloss zu Münster bauen - und dem höfischen Leben mit Jagden und anderen Gesellschaften. So überließ er dem äußerst fähigen und ehrgeizigen Ersten Minister einen Großteil der Staatsgeschäfte. Aus dieser Funktion heraus empfing Ferdinand von Plettenberg in Nordkirchen zahlreiche erlauchte Gäste. Neben dem Fürstbischof selber kamen auch Kaiser Karl VI und der spätere Kaiser Franz von Lothringen zu Besuch. Dementsprechend vorzeigbar musste Nordkirchen gestaltet werden und war es, zeitgenössischen Berichten zufolge, wohl auch. Auf der Höhe seines Ruhmes verlor Ferdinand von Plettenberg jedoch 1733 durch ein Missgeschick eines seiner Begünstigten plötzlich die Unterstützung des Fürstbischofs. Er floh 1736 hoch verschuldet nach Wien, wo er bereits 1737 starb. Ferdinand von Plettenbergs Sohn Franz Joseph übernahm die Verwaltung Nordkirchens, lebte aber mit seiner österreichischen Frau in Wien.

Die Ausführung der Schlaunschen Planung ist durch Rechnungen nur bis 1734/35 belegt und endete dann vermutlich auch. Zuletzt wurden vor allem hunderte Apfel- und Birnenbäume aus Holland gepflanzt. Die Grundstrukturen des Schlaunschen Gartens, wie zum Beispiel die Kastanienalleen, die Höhenverhältnisse, die Oranienburg, die Mauern der Fasanerie, die Orangerie (in den 1970er Jahren als Pferdestall genutzt), und einige der Wege sind noch heute erkennbar. Während die Fasanerie noch bis 1924 in Benutzung war und erst 1935 abgerissen wurde, ist die Orangerie ab 1986 restauriert worden und wird derzeit anders genutzt.

Ab 1734/35 verfiel der Barockgarten auf Grund von Geldmangel und Abwesenheit der Besitzer in einen einhundert Jahre währenden "Dornröschenschlaf", bevor der nächste bekannte Gartenkünstler ihm stellenweise seinen Stempel aufdrückte. Die Familie Plettenberg war 1806 erstmals wieder nach Nordkirchen zurückgekehrt und brachte ab 1813 die Finanzen in Ordnung. 1833 heiratete Gräfin Maria geb. Plettenberg den ungarischen Grafen Nicolaus Maria Franz von Esterházy-Galántha. Nur ein bis zwei Jahre später beauftragte das Ehepaar den bedeutenden Königlichen Gartendirektor Maximilian Friedrich Weyhe aus Düsseldorf mit der Umgestaltung des Gartens im damals modernen landschaftlichen Stil. Ausgeführt wurde diese Umgestaltung im Nordgarten (der heutigen Venusinsel und auf der Schlossinsel, mit weitreichenden Folgen. Weyhe löste die Form des Nordgartens komplett auf, ließ teichartige Einbuchtungen anlegen und Strauchgruppen pflanzen. Er verband als erster die Schlossinsel über eine gusseiserne Brücke direkt mit dem Nordgarten. Auf der Schlossinsel wurden die kleinen Gartenräume in den Winkeln des Schlosses landschaftlich umgestaltet. Den Westgarten betreffend schreibt die Gräfin 1846 in ihrem Notizbuch, dass eines der Wasserbecken (Reservoirs) als Badeteich genutzt wurde. Das hintere Reservoir wurde verfüllt, die Baumkabinetts vor dem Irrgarten und der Fasanerie eingeebnet. An anderer Stelle wurde eine Kegelbahn angelegt, typisch für die damalige Zeit. In seinen Grundstrukturen blieb der barocke Westgarten jedoch weitgehend erhalten.

Ende des 19. Jahrhunderts betätigte sich der Sohn und Erbe des gräflichen Paares, Nicolaus Esterházy, noch einmal landschaftlich, indem er südlich des Westgartens den so genannten Rennplatz als Landschaftspark mit typischen Baumgruppen (clumps) anlegen ließ. Überreste sind noch heute auf der als Pferdeweise genutzten Fläche erkennbar. Doch Graf Nicolaus stirbt schon 1897 und vererbt den Besitz an seinen in Ungarn lebenden Vetter.

1903 kauft Herzog Engelbert Maria von Arenberg Schloss und Park von den Erben des Grafen und lässt fast umgehend mit der neobarocken Umgestaltung der Anlage beginnen. Er beauftragt 1906 einen weiteren namhaften Gartenkünstler: Achille Jean Henri Duchêne ist Franzose, arbeitete aber europaweit, unter anderem an einigen Loire Schlössern und am Blenheim Palace in England. Er plant eine Umgestaltung der gesamten Nordkirchener Schlossumgebung, unter Einbeziehung der Schlaunschen Barockanlage. 1910 begannen erste Baumaßnahmen am Schloss, im neuen Ostgarten und im Nordgarten, der Venusinsel. Für den Westgarten legte Duchêne zwei verschiedene Entwürfe vor, die beide die Grundzüge der Schlaunschen Anlage beibehielten, diese jedoch mehr oder weniger prächtig rebarockisieren sollten. Zur Ausführung gelangten diese Pläne nur in Teilen. Der Westgarten bestand seinerzeit vor allem aus Rasenflächen und wurde nur geringfügig verändert: Der Mittelweg erhielt begleitende Rabattenstreifen. Westlich, oberhalb des Rasenparterres wurde eine geschwungene Balustrade im ehemaligen Broderieparterre vor der Oranienburg erbaut, die noch heute steht. Um 1913 erhielt die Oranienburg zwei weitere Seitenflügel, da ein Besuch Kaiser Wilhelms II. bevorstand. Im alten Baumgarten nördlich des schlossnahen Rasenparterres plante Duchêne ein Boskett mit fünf Gartenräumen: ein Heckentheater, einen Gymnastikplatz, eine Tennisanlage, einen Ruhegarten mit Blumenbeeten und einen zentralen Tanzplatz mit Kolonnade. Ob diese Gartenbereiche ausgeführt wurden ist unklar, es gibt jedoch ein Luftbild aus den 1930er Jahren, das die Schaffung der Räume im Boskett vermuten lässt. Westlich des ehemaligen Broderieparterres vor der Oranienburg} lässt Duchêne neue Laubengänge mit Rankgerüsten aus Metall erstellen, die noch heute erhalten sind. Sie liegen im Bereich des Schlaunschen Bosketts und der späteren Kegelbahn. Im Osten des Schlosses plante Duchêne einen völlig neuen Garten. In Fortsetzung der Achse des Westgartens entstand ein Boskett mit zentralem Spiegelweiher, dem Schwanenteich. Der Weiher wurde später verfüllt und in den 1970er Jahren, gegen Proteste der Denkmalpfleger, mit einer Mensa und einer Schwimmhalle bebaut. Nördlich hiervon gibt es einen weiteren Gartenraum im Wald, er beherbergt ein Rasenparterre, das Bezug auf die Venusinsel nimmt. Südlich des Schwanenweihers entstand ein halber Wegestern mit platzartiger Aufweitung. Hier befindet sich heute ein Fontänenbecken mit einigen außergewöhnlichen Chinesenfiguren sowohl Adelige als auch Landbevölkerung. Auch auf der Schlossinsel plante Duchêne starke Änderungen, die aber größtenteils nicht ausgeführt wurden. Es entstanden jedoch zwei neue Pavillons und anstelle der alten Ökonomiegebäude das heutige "Reithaus" und die "Orangerie", nicht jedoch die geplanten Galerietrakte.

Neben dem nicht mehr erhaltenen Ostgarten fanden die größten Veränderungen durch Duchêne auf der Venusinsel statt. Die landschaftliche Gestaltung Weyhes wurde komplett zurückgebaut und es entstand ein neobarockes Rasen- und Broderieparterre auf einem großzügigen Inselrechteck, das dem Corps de Logis des Schlosses zugeordnet ist. Flankiert wurde das Parterre von {img 27 Promenoirs} (Wegen) unter Kastanien mit reichhaltigem Skulpturenschmuck. Der Zugang erfolgte weiterhin direkt vom Schloss, jedoch anstelle der gusseisernen Brücke von Weyhe entstand eine Terrasse mit einer breiten gemauerten Treppen- und Brückenanlage, die direkt auf die Zentralachse führt. Hier lag ein Broderieparterre mit Buchsbaum und farbigem Kies. Im Norden schloss in Verlängerung der Achse ein neuer Wegehalbstern an, mit torartigen Eingängen zu den Seitenalleen. Seitlich des Broderieparterres befanden sich zwei von Blumenrabatten gerahmte Rasenparterres mit zentralen Skulpturen, den florentinischen Keilern. Diese neobarocke Anlage war in den 1980er Jahren noch in Relikten vorhanden und wurde 1989 bis 1991 gartendenkmalpflegerisch wiederhergestellt, so dass sie heute in neuer Pracht zu bewundern ist.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 waren die weiteren Arbeiten zur Umsetzung von Duchênes Plänen eingestellt worden und damit die letzte Hochphase des Gartens beendet. 1933 richtete die NSDAP im Schloss eine Schule für den politischen Führungsnachwuchs ein und schändete unter anderem das Kreuz im Garten. Erst 1947 übernahm Erbprinz Engelbert Karl von Arenberg wieder alle Besitzungen und verpachtete das Schloss zunächst ab 1950 als Landesfinanzschule an das Land Nordrhein-Westfalen, das umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen vornahm. 1958 kauft das Bundesland das Gebäude und Teile des Parks. Etwa zehn Jahre später begann der Bau der Mensa und des Hallenbades im Ostgarten. 1973 kaufte das Land auch die Oranienburg und begann mit der Restaurierung des Gebäudes und dem Neubau eines Wohnheimkomplexes im nördlich davon gelegenen Sundern. 1977 zieht die Verwaltung der heutigen Fachhochschule für Finanzen des Landes Nordrhein-Westfalen in die Oranienburg. Das Hauptschloss dient nach wie vor als Lehrstätte. Auf der Schlossinsel fand die gartendenkmalpflegerische Wiederherstellung der Schlaunschen Gestaltung bereits statt, während der Vorburgbereich noch auf seine Rekonstruktion wartet.

Ein Besuch des größten Wasserschlosses Westfalens samt seiner ausgedehnten Gartenanlagen kann also vielfältig gestaltet werden. Ein Angebot, von dem bereits über 500.000 Besucher jährlich Gebrauch machen. Neben der rekonstruierten Venusinsel und den Alleen mit teilweise mächtigen Baumriesen sind die insgesamt 385 Skulpturen von besonderem Interesse. Das Schloss selbst, die Kapelle und die Gastronomie sind nicht nur bei Hochzeitsgesellschaften beliebt, sondern auch wichtige Anlaufstellen für Radtouren durch die Münsterländer Parklandschaft. Die geplante Restaurierung weiterer Gartenteile wird in Zukunft den derzeit zwölf Gärtnern neue Aufgabenfelder bieten und zusätzliche Höhepunkte in dieser Anlage schaffen.

Art der Grünanlage
Schlosspark

Östlich des Schlosses und östlich der Landstraße L481 (Münsterstraße) liegt das knapp 20 Hektar große Naturschutzgebiet „Hirschpark Nordkirchen“. Neben den für das Münsterland typischen Stieleichen-Hainbuchenwäldern findet man hier größere wertvolle Grünlandbereiche.

Literaturangaben

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  • Dehio, Georg (1969): Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Teil Westfalen. Darmstadt, Neuaufl.
  • bearb. von Ludorff, Albert (1901): Kreis Wiedenbrück. Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, Band 10, Paderborn.
  • Schlutius, Walter (1978): Seit 1976: "Fachhochschule für Finanzen". In: Jahrbuch Kreis Coesfeld 1978, Coesfeld.
  • Wörner, Gustav (1992): Das Parkpflegewerk Nordkirchen. In: Fragen an die Gartendenkmalpflege, Münster.
  • Wörner, Rose (2003): Schlosspark Nordkirchen - Zierde und Inbegriff westfälischer Gartenkultur. In: Beiträge zur Landschafts- und Baukultur in Westfalen-Lippe, Heft 4, Münster, Seite 51 - 68.
  • Matzner, Florian / Schulze, Ulrich (1997): Barock in Westfalen - Ein Reiseführer. Kulturlandschaft Westfalen, Band 3, Münster, 2. unveränderte Auflage.
  • Schlutius, Hildegard (1991): Das Kreuz im Schlosspark von Nordkirchen. In: Jahrbuch Kreis Coesfeld 1991, Coesfeld.
  • o. A. (1978): Oranienburg restauriert. In: Jahrbuch Kreis Coesfeld 1978, Coesfeld.
  • Quednau, Ursula (2003): Gartenkunst in Westfalen-Lippe als Aufgabe von Denkmalschutz und Denkmalpflege. In: Beiträge zur Landschafts- und Baukultur in Westfalen-Lippe, Heft 4, Münster, Seite 25 - 36.
  • Hennebo, Dieter et al. (1981): Parkpflegewerk für den Park des Schlosses Nordkirchen. Hrsg.: Der Finanzminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.
  • Finanzministerium des Landes NRW (Hrsg.) (o.J.): Schloss Nordkirchen - Das größte Wasserschloss Westfalens. Düsseldorf.
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  • Landschaftsverband Westfalen-Lippe LWL-Amt für Landschafts- und Baukultur in Westfalen (Hrsg.) (2007): Gartenreiches Westmünsterland. Gärten und Parks in den Kreisen Borken und Coesfeld. Steinfurt, Seite 216 - 229.
  • Landschaftsverband Westfalen-Lippe Westfälisches Museumsamt (Hrsg.) / Püttmann, Kristin (Bearb.) (1988): "... zur noht und zur lust." Orangerien und Gewächshäuser in den Gärten westfälischer Schlösser. Katalog zu einer Ausstellung in Rheda-Wiedenbrück, Münster.
  • Linten, Claudia Simone (1997): Orangerien in Westfalen. Europäische Hochschulschriften Reihe 28, Kunstgeschichte, Band 327. Zugleich: Münster, Universität, Dissertation, Frankfurt/Main.
Externe ID: LWL-GUP00695
Erfassungsdatum: 18.10.2007
Kategorie: Schlosspark
Erfassungsmaßstab: keine Beschränkung
Erfassungsmethode:
  • Literaturauswertung
  • Archivauswertung
  • Geländebegehung/-kartierung
  • Auswertung historischer Fotos
  • Auswertung historischer Karten
Touristische Bedeutung: sehr hoch - ist eine Reise wert
Naturnähe: Keine Angabe
Historischer Zeitraum: ab 1704
Datenherkunft: LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen
Seiten-URL: https://www.lwl.org/geodatenkultur/objekt/10031806


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2005: Schlosspark Nordkirchen
2004: Schloss Nordkirchen
2007: Schlosspark Nordkirchen
2005: Schlosspark Nordkirchen
2005: Schlosspark Nordkirchen
2004: Schlosspark Nordkirchen
2007: Schlosspark Nordkirchen
2007: Schlosspark Nordkirchen
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2006: Schlosspark Nordkirchen
2005: Schlosspark Nordkirchen
2005: Schlosspark Nordkirchen
2005: Schlosspark Nordkirchen
2005: Schlosspark Nordkirchen
2005: Schlosslandschaft Nordkirchen
1894: Schlosslandschaft Nordkirchen
Schlosspark Nordkirchen
Schloss Nordkirchen
2006: Naturschutzgebiet "Hirschpark"
2005: Naturschutzgebiet "Hirschpark"