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Ernsting's family, Coesfeld-Lette
 

Das Betriebsgelände von Ernsting's family bietet eine architektonische Perle zusammengehalten durch gelungene moderne Landschaftsarchitektur.

Externe ID: T-P363L301-20080701-0001
Erfassungsdatum: 01.07.2008
Kategorie: Industrie-, Gewerbe und Energie
Datenherkunft: Redaktion


Übergeordnetes Objekt: Untergeordnete Objekte:






2006: Ernsting’s family, Aussenanlage

Zugehöriges Objekt

Aussenanlagen Ernsting's family, Coesfeld-Lette (Kulturlandschaft)

 

Eigentümer und Zugänglichkeit
Privat; die Anlage ist nicht öffentlich zugänglich.

Naturräumliche Situation, Lage und Größe
Westfälisches Tiefland - Kernmünsterland; westlich vom Ortskern Coesfeld-Lette.

Allgemeine Angaben zur Geschichte
Angefangen hat es mit der Firma eigentlich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, doch die neue Ära wurde erst Ende der 1960er Jahre eingeleitet. Kurt Ernsting suchte für seine neu gegründete Bekleidungsfirma größere Büro- und Lagerräume und entschloss sich zu einem Neubau im Gewerbegebiet von Coesfeld-Lette. Der erste Bau wird von einem befreundeten Architekten, Herbert Falk gebaut und begeistert Kurt Ernsting durch die freitragende Konstruktion. Es folgt bald eine zweite Halle in gleicher Bauweise. Anfang der 1980er Jahre ist die Firma so stark gewachsen, dass eine grundlegende Neuorganisation erforderlich wird. Im Zusammenhang damit steht auch der Bau eines Vertriebszentrums. Die architektonisch unbefriedigende Fassade der ursprünglichen Planung wird nach Anregung durch den Sohn Dr. Bernd Ernsting mittels eines Architekturwettbewerbs gestaltet. Gewinner ist die Arbeitsgemeinschaft Bruno Reichlin, Fabio Reinhardt und Santiago Calatrava.
Eine zweite Erweiterungsphase erfolgt ab Mitte der 1990er Jahre.

Für diejenigen, die sich fragen, warum ein Firmensitz derart hochwertige Architektur in Auftrag gibt, mag ein Zitat des Firmengründers Kurt Ernsting als Erklärung dienen: "Weil die Architektur mich täglich umgibt und weil sie mich dadurch formt." Wer diese Wirkung der Architektur erkannt hat, kann für sich und seine Mitarbeiter nichts anderes wünschen, als eine inspirierende Umgebung.

Gebäude und Ausstattung
Während der Kubus für die Sozialräume sich mit dem verwendeten Klinker an die Münsterländer Architektur anlehnt, wurde für die Halle Roh-Aluminium in gekonnter Weise verarbeitet. Noch heute beeindrucken die drei ungewöhnlichen und schwungvollen Hebetore der Anlieferung ebenso wie die weitragende Brücke zum Hauptgebäude, beide von Calatrava geplant. Auch die Fassade wurde von Calatrava mit Roh-Aluminium verkleidet, jede Seite mit einer anderen Struktur.

Aus einem beschränkten Wettbewerb im Jahr 1997 ging Johannes Schillings Entwurf für die Erweiterung des Vertriebs-Centers als Sieger hervor. Der zweiteilige Bau des Kölner Architekten aus Glas, Beton und Aluminium ist bewusst modern gehalten, bezieht die umgebende Landschaft aber in anderer Weise ein: Die Fassade der Laderampe ist zur Landschaft hin geneigt und wirkt dadurch nicht so massiv. Die drei Hubtore dieser Seite spielen zudem mit den Vorgängerentwürfen von Calatrava für die Anlieferung, heben sich jedoch bewusst von diesen ab. Das Dach ist begrünt. Es setzt mit seinen Grasfeldern die Weiden der Umgebung in moderner Form fort. Zwölf Lichtröhren auf dem Dach sind hingegen effektvolle Fremdkörper und wirken fast wie Skulpturen. Auch die gläserne Nordfassade wird durch Spiegelung am Tage zu einem Teil der Umgebung. Sie ist nach Innen, zu den dahinterliegenden Arbeitsplätzen und zur Kantine hin, offen gestaltet und von außen einsehbar.

1998 folgt ein weiterer anonymer Wettbewerb, den David Chipperfield aus London für sich entscheidet. In seinem Entwurf für das neue Service-Center spielen Gärten eine noch größere Rolle, grüne Innenhöfe und Halbhöfe tragen zu einer engen Verbindung von Innen und Außen bei. Chipperfields schlichtes Gebäude aus Beton und Glas wird von einer Landschaft umspielt, die im Gegensatz hierzu in drei Dimensionen organisch zu fließen scheint. Landschaftsarchitekten sind Wirtz International aus Belgien. Sie planen im Vorhof eine geometrische Anlage zum Auftakt: Jenseits des Gebäudekomplexes entsteht eine Art Campus, in dem sich die Mitarbeiter begegnen oder zurückziehen können. Der große, gräserne Teppich umgibt nicht nur das Service-Center, sondern bezieht auch die angrenzenden Gebäude mit ein und verbindet sie miteinander. Das Wasserbecken wiederholt sich vor dem Schilling-Bau.

In einem weiteren Wettbewerb im Jahr 2003 wurden Architektur-Diplomanden aufgefordert, ein Parkhaus zu entwerfen. Sieger waren Stephan Birk und Liza Heilmeyer, die 2006 mit der Ausführung begannen. Ihr Bau zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass er die Parkflächen drei Grad geneigt mit der Zufahrt vereinigt, die so keine weiteren Rampen oder Spindeln benötigt. Diese Neigung spiegelt sich auch in der lichtdurchlässigen Holzfassade wider und führt zu einer interessanten Interaktion von Gebäude und Umgebung.

Art der Grünanlage

Beschreibung
Die subtropische Bepflanzung im Inneren hebt sich wiederum bewusst von der Umgebung ab und nimmt Bezug auf die weltweite Vernetzung des Konzerns. Landschaftsarchitekten waren für diesen Bauabschnitt Lill Sparla und Professor Dr. Neumann, ebenfalls aus Köln. Geschnittene Buchenhecken, Kastenlinden und ein kanalartiges Wasserbecken unterstreichen den Chipperfield-Bau, der an die Stelle der ersten Gebäude trat.

Hecken finden sich an mehreren Stellen und überall schwingen Ziergräser auf Hügeln im Wind. Dazwischen stehen einzelne ausgesuchte Baum- und Straucharten wie in einem Arboretum. Bei der Auswahl der Pflanzen wurde darauf geachtet, dass das ganze Jahr hindurch verschiedene Stimmungen erzeugt werden, dass man den Wechsel der Jahreszeiten bewusst wahrnehmen kann. Im Frühjahr blühen Zieräpfel, Zierkirschen und diverse Sträucher, im Sommer locken blühende Seerosen an die kühlenden Wasserbecken, im Herbst leuchten Zieräpfel und gefärbtes Laub des Amberbaums und anderer Arten. Selbst im Winter bilden die in der Sonne goldenen Schmuckgräser oder die geometrisch geschnittenen Hecken und Kastenbäume interessante Aspekte in der Landschaft. Manche der intimen Gartenhöfe sind gar mit Stauden bepflanzt und gewähren je nach Tages- und Jahreszeit schattige oder sonnige Rückzugsräume. Die erwähnte Dachbegrünung bietet neben einem günstigen Innenklima des Gebäudes und der Funktion der Regenrückhaltung auch wunderschöne Blühaspekte und ist begehbar.

Auch wenn eine Besichtigung des Firmengeländes aufgrund der Logistik nicht ständig möglich ist, so kann man die hochkarätige Architektur und Landschaftsarchitektur auch gut von der Straße wahrnehmen. Wer sich hingegen ausruhen oder entspannt mit Kunst auseinandersetzen möchte, kann dies bei zwei anderen Unternehmungen Ernstings tun: Dem Alten Hof Herding, mit dem Glasmuseum, sowie dem Glasdepot im sanierten Höltingshof mit angeschlossenem Bauernhofcafe, ebenfalls in Coesfeld-Lette. Vor allem letztere Anlage hat einen ebenfalls sehr reizvollen, privaten Garten zu bieten, in dem man sich gut entspannen kann. Im Jahr 2007 wurde das Konzert-Theater Coesfeld, ein anderer gestalterisch anspruchsvoller Bau der Familie, gegenüber dem multifunktionalen WBK-Gebäude eröffnet. In diesem früheren Projekt lädt das Kasino zu Erfrischungen ein. Was an weiteren planerischen Glanzstücken in Coesfeld in der nächsten Zeit hinzukommt, bleibt spannend zu verfolgen.

Literaturangaben

  • Europäisches Haus der Stadtkultur (Hrsg.) (2006): Hauspark - Parkplatz - Parkhäuser und Parkideen im 20. Jahrhundert. erschienen in der "Blauen Reihe" der Initiative StadtBauKultur NRW, Gelsenkirchen.
  • Ruby, Andreas (Text) / Schilling, Johannes (Architekt) / Willebrand, Jens (Fotos) (1999): Globalocal - Das neue Vertriebszentrum für Ernsting's family von Johannes Schilling. Köln.
  • Landschaftsverband Westfalen-Lippe LWL-Amt für Landschafts- und Baukultur in Westfalen (Hrsg.) (2007): Gartenreiches Westmünsterland. Gärten und Parks in den Kreisen Borken und Coesfeld. Steinfurt, Seite 134 - 137.
  • Wirtz International (2007): Außenanlagen am Service Center von Ernsting's Family. konzeptuelle Nota, Schoten / B.
  • Ediciones Poligrafa (Hrsg.) (2003): Zusammenspiel - Ernsting Service Center. David Chipperfield Architects. London.
Externe ID: LWL-GUP00628
Erfassungsdatum: 18.10.2007
Kategorie: Textilindustrie
Erfassungsmaßstab: keine Beschränkung
Erfassungsmethode:
  • Geländebegehung/-kartierung
Touristische Bedeutung: Keine Angabe
Naturnähe: Keine Angabe
Historischer Zeitraum: ab 1968 - 1970
Datenherkunft: LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen
Seiten-URL: https://www.lwl.org/geodatenkultur/objekt/10031568





2006: Ernsting’s family
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2006: Ernsting’s family
2006: Ernsting’s familiy
2005: Coesfeld-Lette