Münster, Gefängnis von der Gartenstraße aus. Links und rechts sogenannte Beamtengebäude. Foto: LWL/Dülberg

Die JVA Münster

Ein überregional bedeutendes Baudenkmal

Schon seit Langem steht die Zukunft der historischen und denkmalgeschützten Justizvollzugsanstalt in Münster in der Diskussion. Dabei spielt auch der enorme Sanierungsbedarf der gesamten Anlage eine große Rolle. Sollte in absehbarer Zeit eine neue JVA in Münster errichtet werden, so stellt sich auch die Frage, was denn angemessenerweise mit der Anstalt geschehen kann und soll. Die LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen hat am 28.10.2014 eine Fachtagung mit dem Thema: „Denkmalzukunft JVA Münster?“ in der dortigen Kapelle veranstaltet, um frühzeitig den Wert der denkmalgeschützten Anlage zu vermitteln und mögliche Planungsstrategien zu diskutieren.

Den außergewöhnlichen Denkmalwert des münsterschen Strafgefängnisses hat man bereits in den 1960er-Jahren erkannt und so fand es auch Eingang in das „Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Nordrhein-Westfalen“, den sogenannten Dehio-Westfalen. Dort findet sich in typisch knapper Form eine Beschreibung des symmetrischen Gebäudekomplexes aus dunkelroten Ziegeln von 1848 bis 1851, der nach Plänen des Schinkel-Mitarbeiters Carl Ferdinand Busse, Berlin, ausgeführt worden ist. In seiner Grundform folge er einem unregelmäßiges Fünfeck, wobei sein kastellartig zinnenbekrönter Mittelbau mit Turm und vier radial angeordneten Flügeln wie auch seine Nebengebäude den Einfluss der von englischer Gotik bestimmten historisierenden Schlossbauten Schinkel verrate. Es handele sich hier – so der Dehio – um die „wohl künstlerisch bedeutendste erhaltene Architektur des 19. Jh. in Münster.“


Münster, Luftaufnahme Gefängnis. Foto: JVA Münster

Im 19. Jahrhundert – und auch schon früher – begann man sich intensiv mit Fragen nach dem Umgang und der Unterbringung verurteilter Delinquenten zu beschäftigen, wobei neben den Problemen effizienter Überwachung u.a. auch solche der Hygiene eine Rolle spielten. Als Antwort darauf erfand man zunächst in Philadelphia/USA und dann besonders in England das System eines mehrstrahligen Zellentraktsystems, dessen Gebäudetrakte auf einen - im Inneren - offenen Zentralbau zuliefen. Die Zellentrakte erhielten so alle gleichermaßen viel Licht und Luft und die Zentrale funktionierte als panoptisches Bewachungssystem. Das bedeutet, dass von hier aus nur einige wenige Überwacher nötig waren, um alle abgehenden  Flure im Auge halten zu können. Die erste Anlage des panoptischen Systems eines Zellengefängnisses wurde in den frühen 1840er-Jahren nach Plänen des englischen Architekten Joshua Jebb in London Pentonville errichtet. Diese als „Mustergefängnis“ bezeichnete Anlage fand großen Anklang und Nachfolge nicht nur in Europa. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. stattete ihr bei seinem Besuch in London schon kurz nach der Fertigstellung einen Besuch ab und beauftragte daraufhin sogleich den Architekten Busse mit der Ausführung von Entwurfskopien für neu zu errichtende Gefängnisse in Preußen. Der erste Entwurf war derjenige für Berlin-Moabit (1842), dem sofort (1843) derjenige für Münster als (etwas kleinere) Kopie folgte.

Die Berliner Anlage steht bereits seit den 1950er-Jahren nicht mehr; damit gilt diejenige in Münster als die älteste noch erhaltene aus preußischer Zeit. Hier ist das gesamte ursprüngliche Architektursystem auch heute noch erhalten, wenngleich natürlich Modernisierungen, Erweiterungen etc. über die vergangenen 160 Jahre vonstattengegangen sind. Ihre einzigartige Aussagekraft begründet nicht nur eine regionale Bedeutung für Westfalen, sondern darüber hinaus sogar nationalen Rang zumindest auf dem Gebiet des ehemaligen preußischen Gebietes im heutigen Deutschland und man muss gespannt darauf sein, was im Falle einer zu erwartenden neuen – wahrscheinlich anderen – Nutzung mit diesem großen innerstädtischen Quartier und seinem Baudenkmal geschehen wird.

Dr. Jost Schäfer