Leibzucht, Juni 2014, Foto: LWL/Herden-Hubertus

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht -

Der Hof Betge in Detmold-Vahlhausen

Das Hügelland im Detmolder Osten ist charakterisiert durch bäuerliche Hofanlagen mit Fachwerkgebäuden und Bruchstein-Hofmauern, die sich zu beiden Seiten des Baches Mosebecke aufreihen.

Eine dieser Anlagen ist der Hof Betge, der schon im 14. Jahrhundert im lippischen Schatzregister als „Beteke“ erwähnt wird und die Besiedlung seit der Zeit des frühmittelalterlichen Landausbaus dokumentiert. Sieben Jahrhunderte lang, bis zum Verkauf zu Beginn des Jahres 2014, stand der Hof im Eigentum der Familie Betge. Zuletzt waren die Gebäude nur geringfügig genutzt worden, wodurch sich der Bestand überwiegend ohne Modernisierungsspuren erhalten hat. Zusätzlich zu den im Bestand überlieferten landwirtschaftlichen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden existierten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Funktionsbauten auf dieser großen Halbmeier-Hofstätte, die lange Zeit als einer der Höfe mit den besten Böden in Lippe galt. Zwischenzeitlich abgebrochen wurden ein Backhaus nördlich des Hauptgebäudes und eine kleinere Scheune südlich an der Blomberger Straße, die 1880 auf dem Urkataster noch verzeichnet waren.

Das älteste Gebäude ist der nördlich, am weitesten von der Blomberger Straße entfernt liegende Vierständerbau. Er wurde, wie die Inschrift auf dem Sturzbalken des Dielentorgestells angibt, am 21. Mai 1686 für Jürgen Betke und Trin Angeneta Ostering durch den Zimmermeister Kort Kruel aufgerichtet. Die Ständer der Fachwerkkonstruktion, deren Gefache mit Lehmstakung und -putz gefüllt sind, weisen Hölzer mit außergewöhnlich breiten Ständern auf, die z.T. einen Querschnitt von bis zu 45cm haben. Verschiedene Baubefunde vermitteln eine anschauliche Vorstellung des Lebens in diesem bäuerlichen Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Die verhältnismäßig breite Diele weist noch einen gewachsenen Lehmboden ohne Belag auf. Das Flett am nördlichen Ende wurde ursprünglich beidseitig durch Luchten belichtet, bevor hier eine Stube und eine Küche sowie eine – erhaltene – Pumpe eingebaut wurden. An der rückwärtigen Giebelwand dieses Längsdielenbaues, hinter der ein Brunnen liegt, ist ein Backofenanbau ablesbar. Das Flett davor war beidseitig mit Luchten ausgestattet, so dass das Wirtschaften in der Küche und das Essen bei guten Lichtverhältnissen erfolgen konnten.


Bauernhaus-Torgestell, November 2013 Foto: Stadt Detmold, Linneweber

Ein halbes Jahrhundert nach der Errichtung der Leibzucht wurde das bestehende  Hauptgebäude durch ein neues, größeres Vierständer-Längsdielenhaus ersetzt. Wie die Inschrift auf dem Sturzriegel des reich beschnitzten Dielentorgestells angibt, ließen es Johann Bernd Hinner und Gret Liesabeth Betke am 7. August 1743 errichten. Auch hier wurden Hölzer mit sehr kräftigen Querschnitten verzimmert; die Ausfachungen bestehen sowohl aus Staken mit Lehmbewurf als auch aus verputzten Bruchsteinen. Auffallend ist das ungewöhnlich breite linke Seitenschiff, in dem die Pferde nicht wie üblich mit den Köpfen zur Diele standen, sondern quer beidseitig an einem breiten Futtergang. Dem gegenüber liegt rechts der schmalen Diele das verhältnismäßig schmale Kuhstallschiff mit der traditionellen Aufstallung der Kühe mit den der Diele zugewandten Köpfen. Wirtschaftsteil und Flett, hier einschließlich linksseitiger Lucht, sind erhalten. Das Kammerfach wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert niedergelegt und durch einen zweigeschossigen Querbau ersetzt, in dem beispielsweise Haus- und Zimmertüren, Fenster, Treppen und Bodenbeläge bauzeitlich erhalten sind. Diese qualitätvolle Ausstattung belegt, dass sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch Kreise der wohlhabenden und gebildeten Landwirte an städtischen Vorbildern orientierten und komfortablere Wohnvorstellungen für sich und ihre Familien realisierten. In diese Phase ist – neben dem quergestellten Kuhstallanbau an das Bauernhaus – auch das große Scheunen- und Stallgebäude westlich parallel zum Bauernhaus und südlich vor der Leibzucht einzuordnen. Es handelt sich um einen unter Verwendung von Hölzern eines Vorgängerbaues errichteten Ziegel-Fachwerkbau mit drei Quereinfahrten, der wohl zwischen 1910 und 1930 nach Süden eine bruchsteinerne Erweiterung erfuhr und um 1900 nördlich einen zweigeschossigen Anbau mit Stallungen und Kornboden aus Bruchsteinen erhielt und um 1935 nochmals verlängert wurde.

Die bauliche Entwicklung der Hofanlage ergibt insbesondere durch die Befunde, die die bäuerliche Alltagswelt erhellen, ein lebendiges Bild der Nutzungsgeschichte, der Veränderungen in den Lebensgewohnheiten und der zunehmenden Ertragslage und Wirtschaftskraft in der lippischen Landwirtschaft bis in das frühe 20. Jahrhundert.

Das Bauernhaus, die Leibzucht, die Stallscheune und die Hofmauer des historischen Hofes Betke wurden im Frühjahr dieses Jahres in die Denkmalliste der Stadt Detmold eingetragen. Die historischen Gebäude werden zur Zeit fachgerecht saniert. Nach Jahrzehnten sehr reduzierter Nutzung kommt nun wieder Leben in die Gebäude, im quergestellten Kuhstallanbau des Hauptgebäudes sollen sogar wieder Rinder gehalten werden.

Anne Herden-Hubertus M.A.