Kirchenkrippe mit Hl. Drei Könige, Foto B. Hippler, 2011

Ein Geheimnis gelüftet

die Kirchenkrippe in der ehemaligen Jesuitenkirche (Marktkirche) in Paderborn

Anfang des 17. Jahrhunderts brachten die Jesuiten die Idee, eine Krippe aufzustellen, aus Süddeutschland kommend mit nach Paderborn und begründeten damit einen Brauch, der heute von nahezu allen christlichen Kirchengemeinden im Kreis Paderborn praktiziert wird.

Die heute in der ehemaligen Jesuitenkirche aufgestellte Kirchenkrippe stammt aus dem Jahr 1926 und ist das Werk der 1870 in München geborenen Krippenkünstlerin Johanna Lamers-Vordermayer.  Johanna Lamers-Vordermayer stammte aus einer Künstlerfamilie. Ihr Vater Hans Vordermayer war Lehrer für Schnitzkunst in Oberammergau, ihr Bruder Rupert Maler und ihr Bruder Matthias Bildhauer in Berlin, wo er mit dem Figurenschmuck des von Paul Wallot errichteten Reichstagsgebäudes betraut war. 1895 heiratete sie den aus Kleve stammenden Kirchenmaler Heinrich Lamers. Über ihn lernte sie den Münchener Kommerzienrat und Bankier Max Schmederer kennen, der Ende des 19. Jahrhunderts über eine große Krippensammlung neapolitanischer Krippen verfügte. Schmederer beauftragte Johanna Lamers-Vordermayer damit, Vorträge im Rahmen seiner umfangreichen Ausstellungstätigkeiten zu übernehmen; eine Aufgabenstellung, die für ihren weiteren beruflichen Lebensweg von entscheidender Bedeutung sein sollte.


König Balthasar, Foto B. Hippler, 2011

Ausgehend von der Idee der neapolitanischen Krippenfiguren begann J. Lamers-Vordermayer mit der Gestaltung eigener, beweglicher Krippenfiguren. Die großen Figuren sind Gliederpuppen mit stoffumwickelten Drahtgestellen für die Arme. Hände, Füße und Köpfe sind aus Holz geschnitzt. In einer Zeit, in der vor allem Krippenfiguren aus Gips den Markt beherrschten, galten Lamers-Vordermayers „ als moderne Krippe, die die Krippe wieder aus der Tiefe ihrer Verunstaltung herauszieht und sie wieder künstlerisch und religiös läutert (…)“, so Max Schmederer 1914.

Was machte diese Krippen so besonders? Es ist das Zusammenwirken des Ausdrucks der einzelnen Figuren und einer großen Liebe zum Detail sowie die Komposition insgesamt, die die Besucher der Marktkirche auch heute noch staunen lässt. Wer ein wenig länger vor der Krippe verweilt, wird sich vielleicht über den unterschiedlichen Ausdruck der einzelnen Figuren wundern. Da sind zum einen die Figuren mit fein geschnittenen Gesichtszügen wie bei der Maria  oder dem Verkündigungsengel, zum anderen die eher groben Gesichtszüge des Heiligen Joseph oder des jüngeren weißen Königs, die auf den zweiten Blick erahnen lassen, dass etwas passiert sein muss.

Hirtengruppe, Foto B. Hippler, 2011

Im Juli 1945 versuchten sowjetische Soldaten die Marktkirche zu plündern. Vergeblich versuchten sie Kunstgegenstände von großem Wert mitzunehmen. Es gelang ihnen jedoch, einige Kisten zu greifen, in denen die Krippenfiguren der Marktkirche verstaut waren. Wenige Tage später fand der damalige Küster, Herr Bentler, die Figuren zwischen den Trümmern. Große Teile von ihnen waren erhalten geblieben, andere dagegen stark beschädigt. An einigen Figuren fehlten die Köpfe, an anderen einzelne Gliedmaßen. Einige Figuren, wie das stehende Jesuskind, blieben ganz verschwunden. Licht in das Dunkel brachte der Nachlass des ehemaligen Küsters der Marktkirche, dessen Sohn Hermann-Josef Bentler noch heute in Paderborn lebt. Er erinnerte sich an die Erzählungen seines Vaters aus der unmittelbaren Nachkriegszeit und an alte s/w-Fotos aus dem Nachlass seines Vaters, die die Krippe vor dem Zweiten Weltkrieg zeigten. Anhand dieser Fotos sowie der Erzählungen konnte das Geheimnis um die Gestaltung der einzelnen Figuren nun doch noch geklärt werden.


Junge Hirtin, Foto B. Hippler, 2011

Die Kirchenkrippe der ehemaligen Jesuitenkirche ist nach derzeitigem Kenntnisstand eine von zwei erhaltenen Kirchenkrippen, die Johanna Lamers-Vordermayer in den 1920erJahren schuf. Signifikant für ihre Krippengestaltung ist die Figur der Hirtin – eine Figur, die auch von ihrer aus Bünde stammenden Schülerin Lita Mertens-Grüter in ihren Krippengestaltungen übernommen wurde.

2011 wurde der Gesamtbestand der Krippenfiguren von der in Beckum ansässigen Restauratorin Brigitte Schröder restauriert. Dabei wurden die Verklebungen an den Gelenken abgenommen, die Fassungen gereinigt, fehlende Finger ergänzt und kleinere Fehlstellen retuschiert. Die angefallenen Kosten wurden von Mitgliedern der Kirchengemeinde getragen. Hierzu wurden Paten innerhalb der Kirchengemeinde gesucht, die bereit waren, die Restaurierungskosten für jeweils eine Figur zu übernehmen. Zum vierten Advent wurde die von Johanna Lamers-Vordermayer als Wandelkrippe konzipierte Kirchenkrippe vorne links in der ehemaligen Jesuitenkirche, der heutigen Marktkirche, aufgebaut. Bis Mitte Januar erzählt die fast 90 Jahre alte Krippe auf ihre ganz eigene Weise die Geschichte von der Menschwerdung Jesu.

Dr. Bettina Heine-Hippler