Ansicht von Südosten, links im Hintergrund die ehem. Dresdner Bank, heute Commerzbank. Foto: LWL/Nieland, Januar 2014

Schon drinnen? Oder noch draußen?

Der 1975-1977 von Harald Deilmann errichtete Baukomplex für die WestLB und die Dresdner Bank in Dortmund

 

Noch nach fast 40 Jahren überraschen die ungeheure Wucht und Präsenz, mit der sich der zwei großvolumige Bankgebäude vereinende Baukomplex Kampstraße 45/47 in der Dortmunder Innenstadt breitmacht. Und ebenso unmittelbar überzeugen die gestalterische Kraft und der Mut in der Raumbildung, mit der Architekt Harald Deilmann (1920–2008) die zentralen Dortmunder Niederlassungen für Dresdner Bank und WestLB 1975 konzipierte und bis 1977 ausführte: Einander verwandt und doch verschieden, finden sich zwischen horizontalen Brüstungen bei der in Terrassen gestuften WestLB Fensterbänder mit kupferfarben bedampften Scheiben, bei der blockhaften Dresdner Bank stakkatoartig gereihte Stiele, im Winkel zwischen beiden futuristisch wirkende Lüftungstürme.

Heute ist der Baukomplex eines der jüngsten Baudenkmale Westfalens, dabei wäre die Denkmalpflege im Frühjahr 2011 schon fast aus dem Rennen gewesen. Während der Bauteil der Dresdner Bank auch nach der Fusion mit der Commerzbank 2009 in Architektur, Oberflächen und Details bis heute weitgehend unverändert überliefert ist, wurde der östliche Bautrakt von der damals vor der Zerschlagung stehenden WestLB ausgeräumt und nahezu aller innenarchitektonischen Details beraubt: Erhalten ist nur das Haupttreppenhaus mit Bodenfliesen und den verspielt steigenden Dreiecken von Treppenwangen und Handläufen. Für die Umnutzung zu einem Ärztezentrum lag bereits ein Entwurf vor, der in der strengen Horizontalität der Bänder „die Welle machen“ wollte – als hätte Deilmann eine modische Auffrischung nötig. Die vorläufige Unterschutzstellung nach § 4 DSchG NW war Grundlage für den Einstieg der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Dortmund und der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in den Planungsprozess: Der große Respekt gegenüber dem Deilmann-Entwurf seitens des nun federführenden Architekturbüros Eller + Eller, Düsseldorf, war Garant für einen Umbau, der trotz aller notwendigen Kompromisse und eines schmerzlichen Substanzverlustes als gelungen bezeichnet werden kann.

 


Haupttreppenhaus im Originalzustand. Foto: LWL/Nieland, Januar 2014

Die größten Herausforderungen bei der Umnutzung des ehemaligen Bankgebäudes zum sogenannten DOC-Ärztehaus, dem Dortmunder Centrum für Medizin + Gesundheit, lagen in baulichen Besonderheiten, die für die Bauzeit der 1970er Jahre typisch, aus heutiger Sicht jedoch inakzeptabel sind.

In den ehemaligen Großraumbüros wurden Praxisbereiche gebildet, Labore, Behandlungs- und Wartezimmer abgeteilt. Und in diesen kleinen Raumeinheiten ist es dringliches Bedürfnis, auch mal ein Fenster öffnen zu können, was bei der künstlichen Klimatisierung zuvor nicht möglich war. Die neuen Fensterelemente, die sich im Erscheinungsbild nicht von den alten unterscheiden, wurden vom Ingenieur Ralf Rache auf Grundlage seiner Kenntnis der Originalkonstruktion entwickelt.

Ebenso findig war man bei der Erneuerung der Scheiben. Dass der Kontrast der bronzefarben bedampften Scheiben gegenüber den weißen Betonbrüstungen im Stadtbild beibehalten werden sollte, war erklärte Absicht, doch waren die originalen Fensterfabrikate nicht mehr erhältlich. Die nun eingebauten sind von den ursprünglichen äußerlich nur durch eine Nuance unterschieden. Dass sie von innen eine viel hellere Wirkung haben, ist für die Nutzer angenehm und denkmalpflegerisch unproblematisch.

Belegstücke der originalen Fassade sind in verschiedenen Musterachsen sowie besonders im Foyer des 3. OG erhalten, dessen Südwand an den Luftraum der ehemaligen Passage angrenzt. Die Umgestaltung dieser Passage war denn auch die größte Herausforderung.


Passage im westlichen Bauteil der Commerzbank im Originalzustand. Erkennbar das durchgängig 8x8 m umfassende Stützenraster mit den vierteiligen Stützenbündeln und den gepflasterten Bodenkehlen als Basen. Foto: LWL/Nieland, Januar 2014.

Ein Wesenszug des Deilmannschen Entwurfs ist der allmähliche, gleitende Übergang von außen nach innen, vom Straßenraum über die öffentlichen Passagen in den halböffentlichen Raum der Schalterhallen und Ladenlokale. Die Passage im Trakt der ehem. WestLB führte von der Elisabethstraße zur Kampstraße und erschloss die Kassenhalle der Bank sowie Gastronomie und Läden, die sich in dem wie eingeschoben wirkenden, zum Hauptbau kontrastierenden niedrigen Baukomplex aus baubronzefarbenem Aluminium befinden. Die Zierpflasterung der Passage wird in der Fußgängerzone fortgeführt.

Was gut gemeint war, wurde zu unkontrollierbaren Pinkelecken, provisorischen Schlafstätten, also Angsträumen, und damit inakzeptabel für einen Zugang zum Ärztehaus. Über die denkmalverträgliche Schließung der Passage unter Beibehaltung von Pflasterung und Schaufensterfronten war man sich rasch einig, doch stand die Passagenfront der ehemaligen Kassenhalle der Ausbildung eines den auch im EG notwendigen Praxisräumen vorgelagerten, angemessen großzügigen Foyers im Weg. Aus denkmalpflegerischer Sicht erschien die durch enggestellte Stiele vertikal gegliederte Wand der Kassenhalle unverzichtbar, stellte sie doch im Gesamtkonzept der dominierenden Horizontalen einen gelungenen Kontrapunkt dar.


Foyer mit neuer Glaswand, im Fußboden Markierung des Verlaufs der alten Kassenhalle. Foto: LWL/Nieland, Januar 2014

Freundlich, doch bestimmt wurde die Wand von Auftraggeberseite als Knackpunkt der Gesamtanlage benannt: Die Stadt wollte das Projekt daran keinesfalls scheitern lassen und die LWL-Denkmalpflege musste das Benehmen herstellen, denn Alternativen konnten nicht aufgezeigt werden. Dass der Verlauf der Wand nun durch eine Schiene aus Bronze im Fußboden nachgezeichnet wird – angelehnt an die sinnvollen Markierungen archäologisch ermittelter Grundmauern verschwundener Bauten – kann kein Trost sein, doch haben die Architekten auch dieses nicht selbsterklärende Feigenblatt intelligent und kreativ genutzt: Man versah es mit dem Hinweis „Kassenhalle von 1977 bis 2011 – seit 2013 Atrium“. Und mit der eingravierten Zeile „Grün sind die Hügel Irlands“ stimmt es den Grundton im neuen Corporate Design des Ärztehauses an: Von den überwiegend weißen Flächen der Wände, Decken, Türen und Arztkitteln hebt sich das Hellgrün der Fußböden, gliedernden Streifen und einiger Pflanzen ab: eine dezente und sinnfällige Farbsymbolik.

Die Beharrlichkeit und der gleichbleibend hohe Qualitätsanspruch seitens Architekten und Unterer Denkmalbehörde gewährleistet, dass die Werbeanlagen in den Verhandlungen mit den Nutzern im wahrsten Sinne des Wortes „im Rahmen bleiben“ – nämlich innerhalb der von Harald Deilmann vorgesehenen Flächen und Leuchtbänder. Umnutzung und Umbau sind somit trotz des Verlustes der Kassenhallenwand als Erfolg zu werten.

Dr. Christoph Heuter