Nordansicht des heutigen Gebäudes. Foto: LWL/Gropp

Viel jünger als der Schein.

Oder der Wandel eines Hauses von moderat modern zu Spätbarock.

Wie ein kleiner Adelshof steht das Haus mit der Traufe zur Straße gewendet an der Thomästraße in Soest. Über einem hohen Kellersockel erhebt sich das zweigeschossige, hell verputzte Gebäude mit dem roten Krüppelwalmdach. Die fünf Fensterachsen der Straßenfassade sind symmetrisch angelegt. Die Mittelachse wird durch eine zweiläufige Treppe und die Haustür mit Oberlicht hervorgehoben. Die Fensteröffnungen sind mit Sandsteinrahmungen eingefasst und ein profiliertes, leicht vorkragendes Traufgesims, das sich an den Giebelseiten herumzieht, setzt den Hauskasten vom Dach ab.

Schräg gegenüber steht ein ganz ähnliches Gebäude, der ehemalige Viebahnsche Hof.

Während dieser in seiner jetzigen Gestalt wohl um 1800 entstanden ist und noch einen älteren Kern besitzt, wurde das Haus Thomästraße 30, das ein ähnliches Alter vorgibt, erst 1927 errichtet. Was hat es mit der Geschichte dieses Hauses auf sich und weshalb ist es ein Denkmal? Um das zu erfahren, muss man etwas tiefer in die Entstehungsgeschichte einsteigen. 1927 wurde das Haus von dem Regierungs-Baumeister Beckmann als großzügiges Mehrfamilienhaus für eine Soester Unternehmerfamilie errichtet. Dabei bediente er sich eines gemäßigten modernen Stils, der in Soest durchaus prägnanter und dezidiert moderner schon an anderer Stelle vertreten wurde. So baute Bruno Paul, einer der gefragtesten Villenarchitekten der 1920er-Jahre, zur gleichen Zeit ebenfalls in der Altstadt von Soest – in der Rosskampfsgasse – die Villa Sternberg. Das flach gedeckte, horizontal gegliederte Gebäude steht jedoch nicht unmittelbar an der Straße, sondern leicht zurückgesetzt und wird von Bäumen verdeckt.


Ursprüngliche Straßenansicht von Norden. Abb. aus der Bauakte der Stadt Soest

Schon beim Bau des Hauses Thomästraße 30 wurden die Pläne nur unter der Auflage genehmigt, zu moderne Formen zurückzunehmen. So wurde die Wirkung der übereck geführten Fensteröffnungen reduziert, indem ein gemauerter Eckpfeiler eingestellt wurde und damit die Hausecke wieder als tragendes Element wahrgenommen werden konnte. Das vor allem im „Neuen Bauen“ verbreitete Phänomen, Fensteröffnungen übereck zu führen, damit das Gebäude leicht wirkt und mehr Licht in die Räume gelangt, stellte sich deutlich gegen eine traditionelle Bauweise, bei der die Hausecke real und optisch zur Abtragung der Lasten diente.

Das im Krieg stark zerstörte Haus sollte gleich nach Kriegsende wieder aufgebaut werden. Der vom Soester Architekten Wilhelm Bartholme eingereichte Bauantrag ging von 40% Zerstörung aus, betonte jedoch, dass ein Wiederaufbau möglich und angeraten sei. Das ist sicherlich vor dem Hintergrund zu sehen, dass Wiederaufbauten im Gegensatz zu Neubauten genehmigt wurden, sodass ein Abriss des Hauses gar nicht in Betracht kam.

Allerdings nahm der damalige Leiter des Staatshochbauamtes August Dambleff starken Einfluss auf die Gestaltung des wiederaufzubauenden Hauses, indem er folgende Auflage formulierte: Das Haus Hagen, Thomästraße 30, liegt so in der Straßenfront, daß ein Giebeldach mit Krüppelwalm gefordert werden muß. Das jetzt vorhandene Walmdach ist nur gerechtfertigt, wenn ein Haus für sich allein steht, d.h. von seinen Nachbarn einen großen Abstand hat und nicht in der Strassenreihe liegt. Ich bitte daher ein Satteldach mit Krüppelwalm, wie bereits von mir in der Zeichnung angedeutet, vorzuschreiben. (Bauakte, 21.12.1945)


Haus vor der Zerstörung und nach dem Wiederaufbau. Abb.: August Dambleff, Heimatkalender des Kreises Soest 1949, 22.Jhg., S.29

Insgesamt wurden folgende einschneidende Veränderungen an dem Vorkriegsbau vorgenommen: Der aus der Hausflucht vorstehende Treppenturm wurde abgebrochen und durch eine zweiläufige Außentreppe zum Hauseingang ersetzt. Gleichzeitig wurde die Innentreppe zu den Etagen an die Südseite des Treppenhauses verlegt. Die äußeren Fensterachsen wurden von den Hausecken nach innen gerückt und das Walmdach mit Aufschieblingen durch ein Krüppelwalmdach ersetzt. Die Sprossenaufteilung der Fenster wurde vom liegenden zum stehenden Rechteck umgeändert und die Fenster wurden mit Sandsteinrahmungen eingefasst. Zudem legte man die vier Wohnungen zu einer großen Wohneinheit zusammen.

Die „Anmutung“ des Hauses veränderte sich durch die Eingriffe von einem moderat modernen Haus des Reformstiles der 1920er-Jahre, das dem Heimatschutzstil durchaus nicht fern stand, zu einem historisierenden Haus, das vorgibt um 1820 entstanden zu sein.

Aber was macht ein Haus, das nicht über die Maßen alt ist, das noch nicht einmal in seinem ursprünglichen Aussehen überkommen ist und das dann noch historisierend im Stil des frühen 19. Jahrhunderts wieder aufgebaut wurde, zum Denkmal?

Der Wiederaufbau der im 2. Weltkrieg stark zerstörten Stadt Soest ist nicht nur für die Stadt selbst, sondern weit darüber hinaus ein Zeugnis von historischem Rang. Wie der Wiederaufbau vonstattenging war in den Städten sehr unterschiedlich und hing von kommunalpolitischen Entscheidungen bzw. den Stadtverwaltungen ab. Soest war bis zu seiner Zerstörung von einem mittelalterlichen Stadtbild geprägt, das zwar im frühen 20. Jahrhundert vielfältiger Veränderung unterlag, die jedoch häufig durch historisierendes, an die Fachwerkarchitektur angepasstes Bauen kaschiert worden war. Insgesamt wurde die vorgefundene Kleinteiligkeit respektiert, die im Gegensatz zu den großen, platzgreifenden, mittelalterlichen Sakralbauten steht.


Nordostansicht des heutigen Gebäudes. Foto: LWL/Gropp

Die damaligen Entscheidungsträger in Stadt und Kreis waren sich hinsichtlich des Wiederaufbaus darin einig, das alte Soest in seinem Erscheinungsbild wieder erstehen zu lassen und vor dem Krieg existierende Störungen zu „heilen“. Um den Bewohnern davon eine Vorstellung zu geben, organisierte man 1946 die Bauausstellung „Soest baut auf“. Das Alte – damit waren die Bauten bis 1800 gemeint – sollte wieder aufgebaut werden und Neubauten sollten sich anpassen, indem sie in Schlichtheit, Klarheit, Ordnung und Harmonie, die ewig gültigen Gesetze des Schönen verkörperten (August Dambleff, 1949).

Als besonders verständliches Beispiel des „guten“ Bauens wurde von August Dambleff das Haus Thomästraße 30 angeführt: Ein Haus, welches im Jahre 1927 betont modern erbaut war, wurde durch Bomben stark beschädigt. Beim Neubau verschwand die schon unmodern gewordene Mode wieder, und das Haus wurde in einfacher, aber eindrucksvoller Art zu einem gesunden, geraden Haus umgewandelt. Eine Tuschezeichnung von Dambleff, die das Haus vorher und nachher zeigt, belegt das Exemplarische dieses Wiederaufbaus.

Aus diesem Grunde ist das Haus im Sinne des nordrhein-westfälischen Denkmalschutzgesetzes ein Denkmal: Es verkörpert im Einzelnen anschaulich die Idee des Wiederaufbaus, der das Stadtbild von Soest in seiner Gesamtheit bis heute bestimmt. Hier wurde versucht, ein „historisches Bild“ zu erzeugen, das sehr gut zu dem benachbarten Adelshof passte. Wenn man jedoch um die Geschichte des Hauses weiß, erkennt man, dass es sich hier nicht um die Historie um 1800 handelt, sondern um die zwischen 1945 und 1950.

Das Haus verkörpert eine mögliche, in diesem Fall die konservative Art des Wiederaufbaus, der in Westfalen an verschiedenen Orten sehr unterschiedlich vorgenommen wurde.

Eine von der Stadt Paderborn und dem LWL organisierte Tagung über den Wiederaufbau, die vor kurzem in Paderborn stattfand, hatte den Wiederaufbau in Westfalen zum Thema.

Dr. David Gropp