Abb. 1: Brilon, Rathaus (Am Markt 1); Ansicht am Markt. 2013, Foto: LWL/Spohn

Mittelalterliches Rathaus

in Brilon

Das Rathaus im Zentrum der Stadt Brilon unweit der ebenfalls mittelalterlichen Probsteikirche St. Petrus und Andreas gilt als eines der ältesten erhaltenen städtischen Gemeinschaftsbauwerke Westfalens (Abb. 1). Der zweigeschossige Massivbau mit über 40 m Länge soll als Verkaufshaus der städtischen Gilden mit ungeteilter Verkaufshalle in jedem Geschoss wenig nach der Anlage der Stadt im frühen 13. Jahrhundert errichtet worden sein.

Genaueres war aber bisher nicht bekannt, zumal von der langen Geschichte am Gebäude selbst derzeit nur wenig ablesbar ist. Von der ursprünglichen Schauwand zum Markt sind nur die beiden spitz zulaufenden Bogenöffnungen des Erdgeschosses über der kleeblattartig geschwungenen Freitreppe erhalten, während der nur in einer Zeichnung (Abb. 2) überlieferte Sieben-Staffel-Giebel 1755 durch eine barocke Konzeption nach Entwurf des waldeck´schen Baumeisters Johann Matthäus Kitz ersetzt werden musste. Alle weiteren Spuren der verschiedenen Nutzungen des Gebäudes, z.B. 1829 bis 1879 als Sitz des Kreisgerichts und danach teilweise als Mädchenschule, sind seit den 1950er-Jahren unter den ständig gepflegten Verkleidungen verborgen: Neuzeitliche Haustechnik, außen nahtlose Putze und innen akkurat begradigte und tapezierte Wände bieten bis hinauf in den Dachraum in Räumen beiderseits durchgehender Längsflure der Stadtverwaltung ebenso wie den Besuchern angenehme Bedingungen. Ältere Materialien und Konstruktionen blieben allein auf dem obersten Spitzboden – als reiner Lagerboden selten betreten – unverkleidet, bislang in ihrer Aussagekraft für die Baugeschichte des Rathauses aber auch unbeachtet.

Abb. 2: Ansicht am Markt „wie vorhin das brilonische Rathhaus ausgesehen hat“, d.h. vor der barocken Umgestaltung 1755. Zeichnung Joh. Matthäus Kitz. Abb.-Nachweis: Tochtrop, Theodor: Unser Rathaus. In: Ders.: 750 Jahre Stadt Brilon: 1120 – 1970. Brilon 1970, S. 78-81, hier S. 79

Tatsächlich bietet sich ein zunächst recht unspektakuläres Bild: Unter der jungen Verschalung des erneuerten Schieferdaches zählt man die jeweils obersten Teile von insgesamt 37 Dachsparrenpaaren, die – wohl als Brandschutz in den Jahren des Zweiten Weltkriegs – mit einem weißen Farbanstrich versehen wurden. Zu unterscheiden sind achtzehn Sparrenpaare aus Nadelholz über dem südlichen, zum Kirchplatz weisenden Teil des Rathauses von neunzehn Sparrenpaaren aus Eichenholz über dem nördlichen, zum Marktplatz weisenden Teil. Die heutigen Stützkonstruktionen – stehende Stühle aus vielfach zum zweiten Mal verwendetem Holz und Zangenkonstruktionen mit metallverbolzten Holzverbindungen – sind nicht älter als 200 Jahre. Die sorgfältige Durchsicht der Holzoberflächen zeigt jedoch, dass alle neunzehn Sparrenpaare der Marktseite einstmals ganz einheitlich mit heute samt und sonders entfernten Verbindungen versehen waren und zwar völlig identisch zu jenen, die bis heute im Dachwerk über dem nördlichen Querhausarm der Probsteikirche erhalten sind (Abb. 3).

Abb. 3: Brilon, katholische Probsteikirche St. Petrus und Andreas; Querschnitt des Dachwerks über dem nördlichen Querhausarm. Abb.-Nachweis: Mennemann, Hans-E.: Die Entwicklung der Dachkonstruktionen westfälischer Kirchen während des Mittelalters und deren Weiterentwicklung im 17. und 18. Jahrhundert. (Diss.) Aachen 1980, S. 44-45, hier S. 45

Jedes Sparrenpaar war ursprünglich durch zwei horizontale Kehlbalken verbunden und zudem durch sich überschneidende Streben (= Kreuzstreben) ausgesteift. Nachweisbar ist die einstige Existenz dieser Hölzer durch ihre Spuren an den Sparren des Rathausdaches: Sie zeigen die früheren Holzverbindungen in der Form von Blattsassen, d.h. von Ausarbeitungen des halben Holzes (Abb. 4), an dem einstmals mit einem Holznagel ein gegengleich abgearbeitetes Holz fixiert war. Diese Form der Holzverbindung, die Verblattung, wurde im südlichen Westfalen spätestens im 17. Jahrhundert durch die Verzapfung abgelöst, und ist deshalb ein untrügliches Zeichen recht hohen Alters.

Diesen überraschenden Befund nahmen Peter Barthold und Thomas Spohn vom Referat Inventarisation und Bauforschung bei der LWL-DLBW (= LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur) in Münster zum Anlass, im Rathausdachwerk eine „dendrochronologische Untersuchung“ durchzuführen, d.h. eine Datierung der verwendeten Sparren durch die charakteristische Abfolge der jährlichen Wachstumsringe des  Holzes.

Abb. 4: Blattsasse des Scherenkreuzes (umkreist) an einem der erhaltenen Sparren des Dachwerks von 1320. Foto: LWL/Spohn

Das Ergebnis dieser Untersuchung ist so eindeutig wie spektakulär. Das für die Sparren des Kerndaches verwendete Eichenholz ist von überragender Qualität. Die Bohrkerne aus dem Kerndach hatten bis zu  214 Jahresringe, was auf ganz gleichmäßige Wachstumsbedingungen der Bäume hinweist und zugleich die Sicherheit der Datierung erhöht: Für drei der Bohrkerne war das Ende des Jahres 1322 und Ende 1328 als Fälljahr der Stämme zu ermitteln. Da – entgegen landläufiger Meinung – gefälltes Eichenholz möglichst sofort weiter verarbeitet wurde, kann man von einer Fertigstellung des Rathausdaches spätestens im Jahr 1329 ausgehen. Es ist damit bewiesen, dass es sich bei dem Briloner Rathaus auf jeden Fall um den ältesten zu großen Teilen erhaltenen Profanbau im ehemals kölnischen Sauerland handelt.

Dabei ist das letzte Wort über das Baudatum noch gar nicht gesprochen, denn es kann gegenwärtig nicht ausgeschlossen werden, dass das Dachwerk von 1329 einem schon noch älteren Baukörper aufgesetzt wurde. Darauf deutet hin, dass das Rathausdachwerk nicht nur genauso abgezimmert ist wie das Dachwerk über dem nördlichen Querhausarm der Probsteikirche, sondern nach älteren Untersuchungen auch genauso alt. Die Jahre zwischen 1320 und 1330 markieren so eine wichtige Bauphase der beiden – neben der Stadtbefestigung – wichtigsten städtischen Bauten, und es bestätigt sich, dass das frühe 14. Jahrhundert mit etwa 500 Anwesen und über 3000 Einwohnern eine Blütezeit der Stadt gewesen sein muss. Die zukünftige Stadtgeschichtsforschung wird nach dem besonderen Anlass der Dacherneuerungen – man denkt zuerst an die gleichzeitige Zerstörung älterer Dachwerke – zu suchen haben; die maßgeblichen stadtgeschichtlichen Forschungen (Gerhard Brökel, Alfred Bruns) berichten bisher weder über einen Stadtbrand noch über kriegerische Auseinandersetzungen kurz nach 1320.

Dr. Thomas Spohn / Peter Barthold