Ansicht des ehemaligen Gasthofs von Norden vor dem Verkauf. Foto: LWL/H. Hanke

Der ehemalige Gasthof Grübener

in Bad Berleburg – Stünzel (zum Festplatz 2)

Im Herzen des Wittgensteiner Landes liegt Stünzel, der kleinste Ortsteil der Stadt Bad Berleburg. Ein hier befindlicher, erst kürzlich in die Denkmalliste eingetragener und stark gefährdeter Gasthof kann heute - auch dank des großen Engagements einiger der etwa 70 Einwohner Stünzels - wieder hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.

Der heterogene Baukörper des zweigeschossigen Fachwerkhauses setzt sich aus zwei Gebäudeteilen zusammen. Hervorgegangen aus der einst wohl größten Hofstelle des Ortes entstand 1784 ein Hofgebäude, das in den Jahren 1910/1912 umfangreich zu einem Gasthaus erweitert wurde. Der Wohnteil des alten Hauses wurde von dem neueren Baukörper umfasst, der Scheunenteil des Altbaus ragt heute noch an der Rückseite des Hauses heraus. Deutlich erkennbar reagierte der damalige Eigentümer und Bauherr Heinrich Grübener auf den beginnenden Tourismus im Tal zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Die günstige Lage nahe des wichtigen Stünzeler Festplatzes, der schon damals Austragungsort des bis in die Gegenwart stattfindenden und stark frequentierten Stünzelfestes war, kann als weiterer Beweggrund zur Initiative Grübeners gewertet werden.

In seinem straßenseitigen, jüngeren Teil weist das durch einen Drempel erhöhte Dach ebenso wie das Erd- und Obergeschoss Wohn- und Gasträume auf. Das Haus wird hier durch einen breiten Querflur erschlossen, an den rechts Ausschank und Gastraum anschließen. Links des Flures liegen die ehemalige Küche, Viehküche, Speisekammer und weitere Kammern. An den Wohnteil grenzt der ältere, aber stark veränderte Stall- und Scheunenteil an. Verschiedene Elemente, wie der mit Blech beschlagene Giebel, eine unpassende und durchfeuchtete Kalksandsteinwand oder das verworrene Ständerwerk ohne klare Raumfolge im Innenraum zeugen von den fortwährenden Veränderungen der vergangenen Jahrhunderte.

Hausflur des Gebäudes. Foto: LWL/C. Steinmeier

Mit Ausnahme der zur Straße gelegenen und mit Schmuckelementen versehenen fachwerksichtigen Giebelseite sind alle Fassaden des jüngeren Gebäudeteils aus der Zeit um 1912 erhalten und teilweise aufwändig verschiefert. Besondere Aufmerksamkeit zieht hier die ebenfalls bauzeitliche Dacheindeckung auf sich: Die verwendeten, rautenförmigen Betondachsteine galten zur Bauzeit als technische Innovation und prägen das Gebäude noch heute wesentlich. Nach dem Tod des letzten Eigentümers im Jahr 2009 und dem darauf folgenden Leerstand drohte zunächst der Verlust des Gebäudes. Im gleichen Jahr wurde der Denkmalwert durch das Denkmalpflegeamt des LWL festgestellt und 2012 folgte die Aufnahme in die Denkmalliste der Stadt Bad Berleburg.

Die Eintragung erfolgte auch auf Betreiben einiger Einwohner Stünzels, die den Wert des Hauses früh erkannt hatten und den drohenden Verlust historischer baukultureller Werte im beschaulichen Stünzeltal fürchteten. Sie gründeten den „Förderverein Altes Gasthaus“, stellten Nutzungskonzepte auf, legten bei Entrümpelungsaktionen selbst Hand an und machten sich auf die Suche nach möglichen Kaufinteressenten. Ein niederländisches Ehepaar, das sich im Rahmen verschiedener Besichtigungstermine einen Eindruck von Baudenkmal und Umgebung machte, erhielt schließlich den Zuschlag und kaufte das Haus im Juni 2012 sehr zur Freude ihrer neuen Nachbarn.
Seither sind die Aufräumaktionen weiter vorangeschritten und erste Baumaßnahmen in Abstimmung mit den Denkmalbehörden erfolgt. Die wichtige Instandsetzung des in Teilbereichen schadhaften Daches des jüngeren Gebäudeteils erfolgte unter Verwendung der originalen Betondachsteine. Weitere Maßnahmen auch im Inneren werden 2013 erfolgen. Bei allen Arbeiten legen die neuen Eigentümer großen Wert auf den Erhalt der historischen Bausubstanz und die Abstimmung mit den Denkmalbehörden. Ihre neuen Nachbarn stehen ihnen dabei mit Rat und Tat zur Seite und fungieren als Bauherrenvertreter vor Ort.

Die Nominierung des Anwesens zum Denkmal des Monats erfolgte aufgrund der sehr guten Überlieferung des in weiten Teilen unveränderten Zustands, seiner Bedeutung für Stünzel sowie der behutsam durchgeführten und geplanten Sanierungsmaßnamen. Beispielhaft ist das große Engagement der Einwohner für „ihr“ Denkmal im Stünzeltal, das neben der Anbindung an Umbrien und Skandinavien (durch den Europäischen Fernwanderweg E1) nun auch - ganz im Sinne des Europäischen Gedankens - mit den Niederlanden verbunden ist.

Dipl.-Ing. Christian Steinmeier