Das Kaufhaus Hauptstraße 57 nach Abschluss der Arbeiten. Foto: LWL/Danae Votteler, Februar 2013.

Das erste Kaufhaus in Menden

Steinputzfassade darf alt und trotzdem schön aussehen

Der Putz eines Gebäudes als äußere Haut einer Fassade , unterliegt großen Beanspruchungen durch Bewitterung.. Neben Niederschlägen setzen ihr auch Temperaturunterschiede und Sonneneinstrahlung  zu. Deshalb zählt der Verputz zu den Verschleißschichten und wird durchaus häufig erneuert und oft auch gestrichen. Ein neuer Anstrich überdeckt dann die Zeit- und Gebrauchsspuren. Ende des 19. Jahrhunderts ist ein besonderer Putz entwickelt worden, der nicht, wie es bei traditionell hergestellten Kalkputzen üblich ist, für Anstriche entwickelt wurde: der Stein- oder Zementputz, mittels dessen sich durch steinmetzmäßige Bearbeitung vortrefflich Naturstein imitieren ließ.. In der Zeit ab 1910 bis in die 1930er Jahre war diese Technik sehr verbreitet. Heute treffen wir Steinputzfassaden häufig mit Anstrichen an, die dem ursprünglichen Putz seine optische Tiefe und Materialität und den Gebäuden ihr „steinernes“ Erscheinungsbild nehmen.

Die Fassade des Kaufhauses in der Hauptstraße 57 in Menden,  wurde mit solch einem aufwändigen Steinputz versehen. Das Gebäude wurde 1914 als erstes Textilkaufhaus in Menden für den Textilhändler Reifenberg gebaut, der den renommierten Kölner Architekten Carl Moritz für diese Bauaufgabe gewann. Moritz, ein bedeutender Architekt städtischer Groß- und Sakralbauten, errichtete 1912 das Mendener Rathaus und schuf weitere Repräsentationsbauten in der sauerländischen Kleinstadt. Besondere Modernität erhielt der Kaufhausbau durch die nahezu geschosshohe Verglasung der Schaufenster, die nur durch die tragenden Mauerpfeiler unterbrochen werden, um eine größtmögliche Präsentation der Waren zu ermöglichen. Das Kaufhaus ist ein Eckgebäude in der eng bebauten Innenstadt. Carl Moritz gelang es, die beiden Fassaden an der Haupt- und Turmstraße durch eine abgerundete Ecke zusammenzuführen und die Fassade an der Hauptstraße stärker mit einem leicht vorspringenden Risalit zu betonen, den ein flacher Dreiecksgiebel krönt. Hier befindet sich im Erdgeschoss der Haupteingang. Es sind klassische Gestaltungsmittel, mit denen Moritz die Fassade durcharbeitete: Lisenen mit Kanneluren, die an antike Säulen erinnern, geometrische Ornamente mit floralen Formen und das ausladende Gesims unterhalb des Attikageschosses. Ihre besondere Qualität erhalten die Fassaden durch die starke Plastizität der vor- und zurückspringenden Flächen, Rahmungen von Öffnungen und Profilen. Diese Wirkung wird erhöht durch  Scharrierungen, mit denen Profilkanten versehen sind , wodurch die Schattenwirkung verstärkt wird. Die glatteren Putzflächen sind zusätzlich mit feinen Nuten versehen und täuschen Fugen einer Fassade aus Werksteinblöcken vor. So entsteht eine sehr qualitätvoll gestaltete und fast monumental wirkende Fassade.

 

2012 fanden  notwendige Reparaturen an den Fassaden, Dächern und Traufen statt, denn die größtenteils noch bauzeitlichen Abdeckbleche auf vorspringenden Gesimsen waren an manchen Stellen so stark beschädigt, dass Regenwasser in die Gebäudesubstanz eindrang  und den Putz an vielen Stellen gefährdete. Glücklicherweise wurden während der fast 100jährigen Geschichte des Kaufhausgebäudes mit all seinen Veränderungen und Modernisierungen die Fassaden nicht überstrichen, so dass der Steinputz mit seiner besonderen Oberflächenwirkung erhalten geblieben ist. Die Schaufensterzone war durch breit vorkragende Dächer zwar schon verändert, aber von den originalen Sprossenfenstern waren immerhin noch diejenigen des zweiten Obergeschosses erhalten. Natürlich sind Zeitspuren an den Fassaden nicht ausgeblieben. Dazu gehören kleinere Beschädigungen, feine Risse, eine Vielzahl von nicht mehr in Gebrauch befindlichen Befestigungselementen und unterschiedlich gefärbte Bereiche, die durch die Bewitterung entstanden. Insgesamt aber war der Steinputz in einem hervorragenden Zustand, der keiner konservierenden oder gar festigenden Behandlung bedurfte.

Fassadendetail während der Arbeiten. Foto: LWL/Danae Votteler, Oktober 2012.

Das Kaufhausgebäude kam im August 2012 in den Fokus der Denkmalbehörden, als die Untere Denkmalbehörde der Stadt Menden von den beabsichtigten Arbeiten an den Fassaden erfuhr, denn  es war trotz seiner deutlichen Qualitäten nicht in der Denkmalliste der Stadt Menden verzeichnet. Die Unterschutzstellung mit dem Eintrag in die Denkmallist erfolgte noch im Oktober 2012. Neben dem erwähnten Reparaturbedarf und dem Wunsch nach einer Renovierung der Fassaden war auch die Erneuerung der Fenster beabsichtigt. Die Eigentümer zeigten sich  der  fachlichen Beratung durch die Inventarisation und der Praktische Denkmalpflege der LWL-Denkmalpflege  und der beteiligten Architekten aufgeschlossen. Darauf folgte die denkmalgerechte Fassadenrenovierung, bei der auf einen Anstrich verzichtet wurde. Diese Einsparung machte dann bei einer gründlichen Reinigung die Ausbesserung der Fehlstellen und Ausbrüche an den Gesimsen mit farblich angeglichenem Mörtel und die Reparatur der bauzeitlichen Fenster möglich. Auch hier war die Holzsubstanz in einem sehr guten Zustand, so dass nur wenig ausgebessert werden musste und der Anstrich mit Leinölfarben erfolgte. Die Vertreterin der Unteren Denkmalbehörde, Frau Lischka, war mit vielen Baustellenbesuchen vor Ort, um die Maßnahmen zu begleiten und den immer wieder aufkeimenden Wunsch nach einem Anstrich, der aus „Alt Neu macht“ abzuwenden. Es ist gelungen, den Steinputz ohne Behandlungen und damit nicht reversibler Eingriffe zu erhalten und so auch die hervorragende handwerkliche Qualität der Erbauer zu würdigen. Letztlich erfolgte die geplante „Enthüllung“ mit dem Abbau der Gerüste trotz zeitintensiverer Sorgfalt wie geplant zur Adventszeit und dem Weihnachtsgeschäft 2012.

Dipl. Ing. Danae Votteler